Norwegisch mit dem Elch

Norwegisch mit dem Elch ist das Motto einer Sammlung von Geschichten über den Elch in unser WG und die Abenteuer, die wir mit ihm erlebt haben. Aktuell gibt es ca. 100 Anekdoten, die auf unseren regelmäßigen Lesungen präsentiert werden.

Für die Sammlung suche ich momentan nach einem Verlag. Sobald ich einen gefunden habe, erfahrt ihr hier neues. Zum reinlesen habe ich mal ein paar Episoden auf quertext-berlin hochgeladen. Viel Spaß beim Lesen.

Elgen/Der Elch

Bei uns in der WG lebt ein Elch. Das wäre ja grundsätzlich kein Problem, doch der Elch ist genauso verrückt wie wir. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich häuslich bei uns niedergelassen hat.

Doch seht selber, wie es dazu kam:

Es fing damit an, dass wir eines Abends mal wieder in der WG-Küche versumpft sind. Es gab Nudeln in Gorgonzolasoße und dazu Wein. Und als wir so dasaßen und uns über nichts unterhielten, hörten wir es plötzlich aus dem hinteren Teil der WG poltern und krachen. Und kurz darauf waren schwere Schritte im Flur zu vernehmen. Dann wurde es im Flur dunkel und ein großer, pelziger Kopf erschien in der Tür. An dem Kopf hing ein braun-grauer Hals, der oben über die Tür führte. Dann sagte der Kopf mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme: "Snakker du nooorsk?"

Wir hatten Glück, denn eine meiner Mitbewohnerinnen lernt gerade Norwegisch und konnte dem Tier zumindest in gebrochenem Norwegisch antworten. In der nächsten halben Stunde erfuhren wir so, dass der Kopf zu einem Elch gehört, dem es in Norwegen zu kalt war und der keine Lust hatte, auf die Klimaerwärmung zu warten. Also hat er sich einfach selber auf den Weg in den Süden gemacht.

Als er Deutschland erreicht hatte, musste er jedoch feststellen, dass ihn hier niemand versteht und er die Leute auch nicht. Auf der Suche nach einem Norweger ist er so schließlich in Neukölln gelandet.

Doch nun wollten wir es genauer wissen, wie er in unsere Wohnung im 4. Stock gelangt ist. Da zeigte sich mal wieder, welche Vorteile der Berliner Baustil hat, bei dem alle Häuser gleich hoch sind. Der Elch hatte nämlich bei einem Haus an der nächsten Ecke einen Fahrstuhl gefunden, der bis aufs Dach führte. Da ist er dann raufgefahren und über eine Dachschräge auf unsere Terrasse geraten und dann durch die offene Balkontür in den Flur.

Der Elch hat noch mehr Glück gehabt, denn zu dem Zeitpunkt hatten wir gerade zwei Kaninchen in Pflege, sodass wir frisches Heu da hatten, mit dem wir ihn füttern konnten.

Tja, und seitdem wohnt bei uns in der WG ein Elch.

En Tannlege for Elger/Ein Zahnarzt für Elche

Bei uns in der WG lebt ein Elch. Das wäre ja grundsätzlich kein Problem, doch der Elch ist genauso verrückt wie wir. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich häuslich bei uns niedergelassen hat.

Letztens saßen wir bei uns in der WG-Küche und aßen Tiefkühlpizza. Wir unterhielten uns dabei über dies und das und der Elch hörte uns dabei zu. Mitreden konnte er nicht, denn er kann ja nur norwegisch, und das kann nur eine von uns.

Als wir so dasaßen und mal wieder unsere Pläne für eine Cocktailbar am Strand von Sri Lanka besprachen, brüllte der Elch plötzlich laut auf. Ich bin mir sicher, dass das Küchenfenster zersprungen wäre, wenn es nicht offen gewesen wäre, so laut war es.

Meine Mitbewohnerin fragte ihn natürlich sofort, was denn los sei. Darauf hin redete er auf norwegisch und wir verstanden nicht viel. Nur der oft vorkommende Satz "Legg meg inn på klinikken" sowie sein erbärmliches, aber sehr lautes Stöhnen sind mir im Gedächtnis geblieben. Meine Mitbewohnerin erklärte uns schließlich, dass er sich einen Zahn abgebrochen habe an der Tiefkühlpizza. Und da er nix übers deutsche Gesundheitssystem weiß, will er in eine Klinik eingewiesen werden.

Zwischen mir und meinen Mitbewohnern entbrannte sofort eine heftige Diskussion, wo in Berlin ein Zahnarzt zu finden sei, der einen Elch behandeln würde. Auf unsere Frage nach seiner Krankenversicherung reagierte der Elch mit Unverständnis. Ob er einfach keine hat oder ob Elche in Norwegen automatisch krankenversichert sind, konnten wir nicht rausfinden.

Somit suchten wir nicht nur einen Zahnarzt, der einen Elch behandelt, sondern obendrein einen, der dies auch noch ohne Krankenversicherung tat.

Es war schnell klar, das wir vor morgen früh nichts würden unternehmen können, und so gaben wir dem Elch den einen oder anderen Whiskey zur Beruhigung und Desinfektion. Das Ergebnis davon war ein angetrunkener Elch, der uns die halbe Nacht mit seinem lauten Stöhnen und "Legg meg inn på klinikken"-Rufen wach hielt und sicherlich auch vielen unserer Nachbarn den Schlaf kostete, denn sein Zimmer liegt zum Hof hin.


Am nächsten Morgen riefen wir auf Drängen des Elches hin einige Berliner Zahnärzte an, doch die wollten für eine Behandlung des Elches über 1000 Euro haben, ohne auch nur zu wissen, was gemacht werden muss. Schließlich gab uns jedoch einer den Tipp, dass Zahnärzte in Polen erheblich billiger sind als in Berlin und es kurz hinter der Grenze einige gibt, die auf Deutsche spezialisiert sind.

Da eine meiner Mitbewohnerinnen schon lange mal wieder nach Polen wollte, um Zigaretten zu kaufen, liehen wir uns von einem Freund einen Kombi aus und machten uns auf den Weg.

Wir hatten Glück, dass man mittlerweile auf dem Weg nach Polen seinen Ausweis nicht mehr vorzeigen muss, denn bei unserem letzten Polenausflug durften wir mit dem Elch nicht einreisen, da er keine Papiere hat.

Der Zahnarzt, zu dem wir kurz hinter der Grenze kamen, war der seltsamste, den ich je gesehen habe. Er hatte keine richtige Praxis, sondern arbeitete in einem Verschlag aus Wellblech. Er hat sich unseren Elch angeschaut und meinte, dass die Behandlung 200 Euro kosten würde, doch wir konnten ihn auf 50 runterhandeln.

Er hat die Zähne des Elches angeschaut und dann ein längeres Telefonat auf polnisch geführt. Dann hat er dem Elch Augen und Ohren zugebunden als Narkose und uns dann erklärt, dass Elche Mahlzähne haben, die von alleine nachwachsen, und dass auch nur eine kleine Stelle ab sein, die wohl in zwei Wochen nachgewachsen wäre.

Dann nahm er dem Elch die Binden wieder ab, und auf dem Heimweg erklärten wir dem Elch, dass der Arzt gesagt habe, dass er den Zahn schonen und die nächsten zwei Wochen nur leise reden solle. Und so war er beruhigt und wir hatten zwei ruhige Wochen.

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