Das erste Hochwasser

Björn rannte durch den Wald. Als er an die Weggabelung kam, stoppte er. Der Mond verfärbte sich rot. Keuchend schaute er die beiden Wege an. Welchen sollte er nehmen? Würde ihn einer der Wege in Sicherheit bringen?

Der rechte Weg war schmaler als der Linke, weniger gut ausgetreten, verlief nicht grade. Die Äste der Bäume hingen tief und ließen den Weg daher tunnelartig erscheinen. Der linke Weg war wohl früher mal eine Straße gewesen, gut ausgebaut mit sorgsam zurück geschnittenem Buschwerk an den Seiten. Doch in dieser Zeit war es nicht verwunderlich, dass die Natur sich den Weg zurück eroberte.

Björn blickte zum Mond auf. Diese rote Farbe! Was die wohl zu bedeuten hatte? War es normal, das Monde sich verfärbten? Und dieses düstere Licht, das über allem lag. Wohin war das verlässliche Licht entwischen, das sonst diese Welt beleuchtete?

Eine heftige Erschütterung machte Björn klar, dass er nicht mehr lange Zeit haben würde, zu überlegen. Er musste weiter. Fliehen vor den Wachleuten des Konzerns. Fliehen vor den Menschen, vor der Zivilisation. Gab es irgendwo noch Sicherheit in dieser Welt, in der selbst die physikalischen Gesetze nicht mehr konstant waren?

Björn entschied sich spontan dafür, keinem der Wege zu folgen, denn dort wäre er zu leicht zu finden. Er stürmte nach rechts in den Wald, durch dichtes Unterholz, das nach kurzer Zeit bereits lichter wurde. Im Laufschritt ging es einen Hang hinab, immer im Zickzack den Bäumen ausweichen und dabei versuchen, möglichst leise zu sein.

Als er am unteren Ende des Hangs ankam – in einem Tal, in dem leise murmelnd ein kleiner Bach floss – hielt er wieder Inne. In welche Richtung weiter? Immerhin, dies war nicht der erste Bach, den er jemals sah.


Es war vor drei Monaten gewesen, noch bevor der Konzern ihm auf die Schliche gekommen war. Er war in seinem Heimatort. Seine Eltern waren ganz begeistert, dass sie vor einigen Tagen entdeckt hatten, dass sich hinter dem Ort Wasser gesammelt hatte. Und das sammelte sich da nicht nur einfach, so was war ja normal. Nein, es bewegte sich auch, ganz von alleine. Es lief in einer Bodensenke entlang in Richtung Røsterby. Manchmal fiel ein Blatt von einem Baum herab und trieb dann auf dem Wasser. Offensichtlich suchte sich das Wasser eine Weg dahin, wo es tiefer war, immer nach unten.

Eine ganze Menge Leute standen um das Wasser herum und schauen es gespannt an. Das die Welt sich ändert, wissen sie schon länger, doch dass sich so viel Wasser sammelt und sich fortbewegt, davon haben sie noch nie gehört. Ein paar Wochen später haben seine Eltern dann erfahren, dass dieses Phänomen "Bach" genannt wird.


Und nun steht er an diesem Bach im Wald und muss sich entscheiden. Soweit er sich erinnert, fließen Bäche immer dahin, wo es tiefer ist. Doch wo ist es tiefer? In den Schwarzen Bergen oder in der Ebene? Die Ebene ist flach, sehr flach. Das Gebirge ist zerklüftet, wahrscheinlich sind dort tiefere Stellen als in der Ebene. Doch höhere Stellen sind dort auch? Was also tun?

Björn hört Stimmen und das Brummen einer Maschine oben den Hang hinauf. Schnell versteckt er sich in einer Mulde im Boden, direkt am Rand des Bachs. Die Geräusche kommen näher, scheinen den Hang hinab zu kommen. Er duckt sich tiefer.

"Da unten ist er," ruft eine der Stimmen. Ein tiefes Grummeln und Grollen ist zu hören, Björn bekommt Angst. Was mag das für eine Maschine sein, die so ein durchdringendes, tiefes Wummern in den Bässen hervorbringt? Welche Teufelei hat sich der Konzern ausgedacht, um unliebsame Mitarbeiter zu finden? Auf jedem Fall kann er hier nicht bleiben.

Er springt auf und über den Bach, ein Zischen ist zu hören, als seine Verfolger auf ihn schießen. Ein paar Meter vor ihm splittert Holz, scheint förmlich zu explodieren, dann beginnt der Baum langsam zu kippen. ScBjörnll rennt er an dem Baum, der in Richtung seiner Verfolger kippt, vorbei. Die schießen noch zweimal, doch er schlägt Haken, um iBjörnn auszuweichen. Dann kracht der Baum mit einem lauten Getöse zwischen ihm und seinen Verfolgern auf den Boden. OBjörn sich umzusehen, rennt er weiter, den Bach entlang, in die Richtung, in die auch das Wasser fließt.

Erneut ist dieses laute Grummeln zu hören, noch lauter, heftiger. Wind kommt auf und weht durch den Wald. Björn läuft und läuft und versucht, möglichst viel Abstand zwischen sich und die Verfolger zu bringen. Immer Haken schlagend, falls sie wieder auf ihn schießen. Undeutlich hört er ihre Rufe, es scheint, als würden sie Probleme haben, an dem umgestürzten Baum vorbei zu kommen und mit ihrer Maschine den Bach zu überqueren.

Der Wind wird heftiger, erneut ist dieses Grummeln zu hören. Der Himmel hat sich verdunkelt. Der Mond, vorhin noch rot geworden, ist nun gar nicht mehr zu sehen. Dunkler Rauch oder etwas ähnlich verdeckt den ganzen Himmel. Björn wirft nur einen kurzen Blick durch das Blätterdach der Bäume und entscheidet dann, dass die Verdunkelung des Himmels ihm eher nützen als schaden wird, denn vielleicht irritiert sie seine Verfolger. Vielleicht macht der Bach das auch, das weiß er nicht. Er zumindest hatte Glück, das er früher schon mal einen gesehen hatte.

Kurze Zeit später, das Tal, in dem der Bach verläuft, mach hier eine langgezogene Kurve, sind seine Verfolger wieder hinter ihm und schießen erneut, diesmal nicht ganz so schlecht gezielt, der Energiestrahl trifft nur knapp vor ihm auf den Bach und bringt das Wasser sofort zum Kochen. Eine dichte Dampfwolke schützt ihn nun kurz vor den Blicken seiner Verfolger.

Doch die lassen ihm keine Verschnaufpause, jagen ihn weiter von der anderen Seite des Bachs aus. Plötzlich ändern sich die Rufe, seine Verfolger scheinen erschreckt zu sein, fast panisch. Etwas trifft Björn, vielleicht ein Stück von einem Baum, ein kleiner Ast oder sowas. Egal, er muss weiter, solange etwas seine Verfolger aufhält. Dann taucht plötzlich am Himmel ein helles Leuchten auf, eine verzweigte Linie aus purem Licht, die jedoch nicht grade ist sondern Ecken und Winkel hat und vom Himmel zu Erde zeigt. Nur einen Wimpernschlag lang ist dieses Licht zu sehen, dann ist es wieder dunkel. Ein paar Sekunden später jedoch ist wieder dieses Grollen zu hören, das seine gesamten Eingeweide zu erfüllen scheint.

Ob das eine bisher unbekannte Waffe ist? Björn glaubt es nicht. Wenn es eine wäre, dürfte sie seine Verfolger nicht so irritieren, dass sie ihn nicht mehr verfolgen.

Erneut fällt ein Zweig oder eine Frucht der Bäume oder irgendwas anderes unbekanntes auf ihn. Dann noch eines und noch eines. Überrascht wird Björn klar, dass es sich dabei um Wasser handelt. Jemand spritzt Wasser auf ihn, wahrscheinlich, um ihn zu irritieren. Doch warum bleiben dann seine Verfolger zurück?

Immer mehr Wasser fällt auf ihn, während er versucht, es zu ignorieren. Dann erneut ein Licht am Himmel und dieses Donnern, fast gleichzeitig. Ob es zwischen den beiden einen Zusammenhang gibt?

Egal, er muss weiter, muss seine Verfolger loswerden. Das vom Himmel fallende Wasser nimmt ihm ein wenig die Sicht, aber seinen Verfolgern auch, also ist das für ihn wohl eher ein Vorteil. Wie eine graue Wand umgibt es ihn und durchnässt ihn. Innerhalb von einer Minute ist er komplett nass geworden.

Immer wieder erhellen diese kurz aufblitzenden Lichter die Welt, wie sie im Zickzack rasend scBjörnll über den Himmel fliegen. Plötzlich trifft eines dieser Lichter einen der Bäume, der daraufhin in Flammen aufgeht beziehungsweise explodiert. Rindenstückchen, kleine Äste, Blätter, alles auf einmal. Glücklicherweise ist er grade an dem Baum vorbei. Ein heftiger, heißer Wind kommt von hinten und schiebt ihn. Seine Ohren tun ihm weh, das Donnern war diesmal so laut, das seine Ohren wie betäubt sind und er nur noch ein lautes Klingeln hört.

Björn läuft weiter, auch wenn er nichts mehr hören kann. Immer weiter, an dem Bach entlang, dessen Wasser Strudel und Wirbel bildet, wie in einer schlecht gepflegten Kanalisation. Unaufhörlich prasselt das Wasser auf ihn nieder und macht nicht nur ihn nass, sondern auch den Boden rutschig. Mehrmals fällt er fast hin, als Blätter unter ihm wegrutschen. Sowas hat er noch nie erlebt, dass er auf einem Boden läuft, der rutschig und glatt ist, Björn dies zu wollen. Und dann bildet das Wasser viele ganz kleine Bäche, die in den großen Bach fließen, den Hang hinab, bis sie auf ihn treffen, und dabei, je weiter sie nach unten kommen, desto größer werden. Und auch der eigentliche Bach scheint größer geworden zu sein. Kann es sein, das Wasser, das in einen Bach fließt, diesen größer macht? Ein Lichtblitz, den er nicht sehen konnte, wahrscheinlich hinter ihm, erhellt den Wald. Dann gibt es einen lauten Knall, so laut, dass er ihn sogar mit seinen halb tauben Ohren hören kann, und dann ist der Wald vor ihm in oranges Licht getaucht. Björn schaut sich kurz um. Wo vor ein paar Schritten noch die Maschine seiner Verfolger stand, ist nun ein Krater, in dem ein helles Feuer lodert. Und der Krater ist riesig, bestimmt 30 Meter im Durchmesser. Von seinen Verfolgern ist nichts zu sehen, als er anhält, um das Loch genauer zu betrachten, wird nicht auf ihn geschossen, lediglich das Wasser fällt weiter. Ob das Wasser die Explosion ausgelöst hat oder das Licht oder das Grollen, oder ob seine Gegner einfach unvorsichtig waren, kann Björn nicht erkennen. Zu sehen ist nur, dass seine Gegner tot sind.

Björn schnauft laut. Seine Kleidung ist mittlerweile voller Wasser und hängt schwer wie Blei an ihm. Und der heftige Wind lässt ihn frieren. Und dann sind auch auch immer wieder diese Lichter. Während Björn versucht, wieder zu Atem zu kommen, steigt das Wasser in den Bach weiter an, umfließt schon seine Knöchel. Es ist seltsam, wundert sich Björn, denn das Wasser aus dem Bach macht ihn nicht nasser, als das vom Himmel fallende Wasser ihn schon gemacht hat.

Björn trabt weiter an dem Bach entlang, achtet darauf, immer genügend Abstand zu haben, dass er nicht durch das Wasser muss, denn das kostet zu viel Kraft und macht ihn nur langsam. Die Lichter werden seltener, und das Grollen auch, dafür erholen sich Björns Ohren so langsam, denn er kann das Grollen wieder hören, und nach ein paar Minuten auch ganz leise das prasseln des Wasser. Vor ihm leuchtet der Wald ein wenig, in einem seltsamen rosa Farbton.

Als er näher kommt, bemerkt Björn, dass es nicht der Wald ist, sondern irgendwelche rosa Stückchen, die langsam vom Himmel regnen. Sie haben die Farbe, die der Himmel früher mal hatte, bevor die Welt begann, sich aufzulösen, und die man an manchen Tagen noch sehen kann. Sei funkeln und glitzern, wie sie so herabschweben und sich auf den Bäumen und allem anderen niederlassen. So langsam, wie sie sind, können sie nicht schlimmer als Wasser sein, das von großer Höher herab fällt.

Als er jedoch den Bereich der Sternchen erreicht, muss Björn feststellen, dass sie ein kribbelndes Gefühl auf seiner Haut hinterlassen und sich in seinen Haaren und auf seiner Kleidung festsetzen. Innerhalb kürzester Zeit ist seine nasse Kleidung über und über mit diesen schwach leuchtenden Himmelsstückchen bedeckt. Und auch die Bäume sind davon bedeckt und der Waldboden und sogar der Bach. Und ähnlich dem Wasser, aber irgendwie doch anders, bewegen sich auch die Glitzersternchen den Hang hinab auf den Bach zu. Sie sind einfach überall, und wenn sich mehrere berühren, werden sie zu einer zähen Masse, die einen zwar nicht trägt, aber die dennoch beim Laufen sehr hinderlich ist. Und das schlimmste an dem Zeug ist, dass es auf der Haut so kribbelt.

Immer zäher wird die Masse, Björn schafft es kaum noch, sich durch die Himmelsstückchen fortzubewegen. Und an den Füßen merkt er, dass das Wasser des Bachs weiter ansteigt. Die Glitzermasse und das Wasser schieben sich unaufhaltsam weiter und ziehen Björn mit sich, der mittlerweile bis zur Hüfte in der zähen, kribbelnden Masse steckt.

Mühsam versucht er, sich dem Hang anzunähern, doch die Masse lässt ihn nicht los, nur mit Mühe findet Björn noch Boden unter den Füßen und kann sich so über Wasser und über der Oberfläche der Glitzermasse halten, die weiterhin auf die Welt hinab regnet.

Eine Weile später, der Bach hat ihn weiter getrieben und der Himmelsregen mittlerweile aufgehört, erreicht Björn, der mittlerweile bis zum Oberkörper in der zähen Masse und dem Wasser steckt, den Waldrand und schaut in die Große Ebene. In der Ferne kann er die Häuser der Stadt sehen, doch bis dahin scheint alles nur eine Fläche aus rosa Glitzermasse und Wasser zu sein. Von einem Ort, der nur ein kurzes Stück vom Waldrand entfernt lag, schauen nur noch ein paar Häuserdächer aus der Masse, die scheinbar die ganze Welt ertränken will.

Björn wird klar, dass das hier das ist, was die Wissenschaftler meinten, als sie sagten, die Benutzung der Unendlichen Energie könnte die Gesetze der Physik ändern und die ganze Welt zerreißen. Und nicht nur das Land wird davon betroffen, sondern auch der Himmel, dessen ehemals regelmäßige rote Linien nun an vielen Stellen verzerrt sind, an manchen sogar ganz zerrissen. Und die Farbe, die eigentlich ja das Rose der klebrigen Masse sein sollte, sieht an unterschiedlichen Stellen verschieden aus. Blau und Grün und Gelb und Rot und Braun und Weiß und Schwarz und alle Abstufungen und Kombinationen aus diese Farben. Noch nie hat Björn so etwas gesehen. So zerbricht also die Welt. Es beginnt mit dem Himmel, der in Form von Wasser und Himmelsstückchen auf die Erde nieder rieselt und darin wird die ganze Welt ertrinken.

Erschöpft lässt sich Björn von der Flüssigkeit auf die Eben hinaustragen und ergibt sich seinem Schicksal. Wenigstens bleibt so das Geheimnis, dass der Konzern ihm abpressen wollte, gewahrt.

hoch

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Genres:
* Prosa * Fantasy * Science Fiction *


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