Henry und der grüne Brotaufstrich

"Das soll alles sein," schimpfte Henry, als er die Kiste öffnete.

Er war seit Tagen unterwegs durch die Berge, anfangs mit zwei Freunden, später alleine. Mühsam war ihr Weg gewesen, voller Gefahren, immer wieder sind sie auf Hindernisse gestoßen. Dabei fing alles recht harmlos an, als er und Ben und Jack in London einen Typen überfielen, der, in teurem Anzug und mit einem mit Handschellen an ihm festgekettetem Aktenkoffer, spät Abends noch im Park unterwegs war.

Nachdem der Tag für sie mal wieder völlig unzufriedenstellend verlaufen war, beschlossen sie, diesen offensichtlich für reiche Leute arbeitenden Fremden zu überfallen. Der Überfall selber war überraschend einfach und zehn Minuten später waren sie mit dem geklauten Koffer und 500 Pfund aus der Geldbörse des Mannes untergetaucht. Die ganze Nacht saßen sie in ihrem Versteck in einem Keller in der Innenstadt.

Als die Sonne schon aufgegangen war, hatten sie es endlich geschafft, das Schloss zu knacken und den Koffer zu öffnen. Leider war nicht das erhoffte Geld darin, sondern nur zwei Bücher und ein altes Pergament, in einer ihnen unbekannten Schrift geschrieben und mit einigen Skizzen, vielleicht Teilen aus einer Landkarte, verziert.

Nachdem sie das Pergament ausgiebig studiert hatten, widmeten sie sich den Büchern zu. Das eine war ein Buch über die Runen der späten Wikinger, das zweite eine Einführung die Sprache Alt-Gotländisch.

Als sie ausgeschlafen hatten, gaben sie das gestohlene Geld für Essen und Alkohol für die nächsten Tage aus. Als sie dann Abends wieder in ihrem Versteck saßen, überkam Ben die Neugier, was es mit dem Pergament wohl auf sich habe und ob es wohl möglich sei, es mit Hilfe der Bücher zu entziffern. Die nächsten Wochen lasen sie abends, wenn sie nichts zu tun hatten, immer in den Büchern.

Nach etwas mehr als einem Monat gelang es Ben schließlich, ein paar Worte zu entziffern. Und je mehr er entziffern konnte, desto aufgeregter wurden sie, denn es ging wohl um etwas wertvolles, das angeblich irgendwo in Sicherheit gebracht werden sollte. Wahrscheinlich ein Schatz, den irgendwer vergraben hatte.

Drei Monate später haben sie dann alle drei auf einem norwegischen Schiff angeheuert und waren auf dem Weg nach Tromsø, um von dort aus ihre Suche zu starten. In Tromsø angekommen, besorgten sie sich verschiedene Ausrüstungsgegenstände wie Zelte und Schlafsäcke, einen Klappspaten, einen Campingkocher und noch einiges anderes. Dann machten sie sich auf den Weg ins Landesinnere, denn der Karte nach musste der Schatz irgendwo östlich des Tromsø-Fjords in den Bergen vergraben sein.

Glücklicherweise war grade Sommer, so dass es dank Mitternachtssonne den ganzen Tag hell war. In der Polarnacht wäre es sicherlich viel schwieriger gewesen, hier auf Schatzsuche zu gehen. Doch Ende Mai war der ideale Zeitpunkt.

In einer Herberge unterwegs trafen sie dann eine weitere Gruppe Wanderer, und als sie sich mit ihnen unterhielten, erfuhren sie, dass es sich um eine Gruppe Wissenschaftler aus Stanford handelte, die auf der Suche nach irgendwelchen Hinterlassenschaften der Wikinger waren. Im Laufe des Gespräche fanden sie dann raus, dass diese Leute auch auf der Suche nach dem Schatz waren, den auch sie suchten. Und im Gegensatz zu ihnen war es diesen Leuten gelungen, die ganze Karte zu entziffern und die Suchregion auf die Region um Lindehus einzuschränken. Doch mehr war nicht aus den Wissenschaftlern herauszukriegen.

Zwei Tage später wurden sie dann früh morgens von einer Rentierwanderung überrascht. Hunderte, vielleicht sogar über tausend dieser Tiere, zogen gemächlich an ihnen vorbei. Das Problem war nur, dass diese Viehcher nun den Weg blockierten, den sie eigentlich nehmen wollten, um den Wissenschaftlern aus dem Weg zu gehen. Und dann kamen die blöden Tiere auch noch auf die Idee, wieder zurück zu laufen, diesmal schneller. Und als eines der Tiere Jack umrannte und er in einen kleinen Bach fiel, war das zuviel für ihn.

"Ich hab die Schnauze voll, die anderen sind doch sowieso schneller. Sucht euren blöden Schatz doch alleine. Ich geh zurück nach Tromsø," erklärte er, als die ganze Herde an ihnen vorbei war. Sie versuchten noch, ihn zum weitermachen zu überreden, doch es half nichts. Und so waren sie dann nur noch zu zweit.

Zwei Tage später dann, als sie eine Hügelkuppe überquerten, sahen sie die Wissenschaftler wieder. Sie kampierten in einem Tal an einem Fluss. Da hatten sie den Plan gefasst, den Leuten ihre Unterlagen zu klauen.

Eigentlich hätten sie ja in der Dunkelheit ins Lager schleichen wollen, aber da ja Polartag war, konnten sie auf diesen Vorteil nicht hoffen. Und auch Deckung gab es kaum. Doch als sich irgendwann alle schlafen gelegt hatten, beschlossen sie, den Angriff zu wagen. Es gab zwei Zelte, in den die Leute verschiedenes Material verstaut hatten, er nahm das eine und Ben das andere. Leider stellte sich Ben zu ungeschickt an und warf einen Stapel Töpfe um, so dass alle wach wurden. Ben rannte los den Hang hinauf, während Henry sich hinter eines der Zelte kauerte. Als wenige Sekunden später die Wissenschaftler aus ihren Zelten gekrochen kamen, sahen sie Ben flüchten und rannten ihm sofort hinterher den Hügel hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab. Als alle hinter der Kuppe verschwunden waren, nahm Henry die Aktentasche, der er aus dem Zelt entwendet hatten, unter den Arm, und lief den Hang an der gegenüberliegenden Seite hinauf. Als er die Kuppe überquert hatte, versteckte er sich im hohen Gras und beobachtete die Rückkehr der Leute.

Sie hatten Ben gefangen und brachten ihn in ihr Lager zurück. Zwei Stunden später kamen dann ein Geländewagen über die Hügel gefahren. Es war die Polizei, die Ben mitnahm und auch einiges von dem Gepäck der Wissenschaftler.

Als die Polizei weg war, packten die Wissenschaftler ihre Sachen und machten sich auf den Weg zurück, den sie gekommen waren. Henrys Vermutung war, dass es ihnen entweder zu gefährlich geworden ist oder das er so wichtige Unterlagen geklaut hat, dass sie keine Hoffnung mehr hatten, den Schatz zu finden.

Als er ein paar Stunden später und nach einem großen Umweg zu ihrem Lager zurück kam, msuste er feststellen, dass sie Leute oder die Polizei es mitgenommen hatten. So war er nun ohne Zelt und Schlafsack, dafür aber mit wichtigen Unterlagen. Als er die durchsuchte, stellte er fest, dass es sich um eine ganze Menge Satellitenbilder handelte, die in unterschiedlicher Genauigkeit die Gegend zeigten. Wenigstens hatte er seinen Rucksack noch dabei, so dass er ein wenig Kleidung, Essen und Trinken für zwei Tage und die beiden Bücher sowie das Pergament mit ihrer Übersetzung davon hatte.

Es dauerte eine Weile, bis es ihm gelang, sich auf den Satellitenbildern zu orientieren und zu finden. Doch als er das geschafft hatte, machte er sich wieder auf den Weg.

Und nun stand er hier vor diesem Loch, in dem er eine uralte Holzkiste gefunden hatte und sie enthielt nur eine schleimige Masse, wahrscheinlich war das früher einmal Papier gewesen, doch als Wasser im Laufe der Jahrhunderte in die Kiste eindrang. Ein paar Fetzen Papier schwammen in der Brühe. Einen davon zog Henry raus. Es war mit den gleichen Schriftzeichen bedeckt wie das Pergament.

Henry kramte das Übersetzungsbuch raus und versuchte mühsam, die Worte zu entziffern, doch das einzige, was er herausfand, war, dass es auf dem Papierfetzen um einen Wikingerischen grünen Brotaufstrich unbekannte Herstellungsart ging. Wahrscheinlich die Masse in der Kiste. Und wegen so einem Scheiß waren bis in die hinterste Provinz Norwegens gereist.

"Scheiß Brotaufstrich," fluchte Henry und machte sich auf den Rückweg.

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* Prosa * Abenteuer *


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