Die fehlende Riesenzucchini

Der Weidenkorb war nicht mit Gemüse gefüllt, das war das Problem. Inspektor Choucroute stand am Ufer und betrachtete das an Geländer angeschlossene Fahrrad, auf dessen Gepäckträger der Weidenkorb geschnallt war.

Doch den Zeugenaussagen nach war es eindeutig dieses Fahrrad, das er suchte. Roter Rahmen, Sportlenker, fehlendes Rücklicht, und dazu auf dem Gepäckträger ein Weidenkorb. Doch das, was den Zeugen am meisten aufgefallen war, war die Riesen-Zucchini, die in dem Korb lag, war nirgends zu sehen. Und sie hatten auch schon alle Passanten am Ufer befragt, niemand hatte eine Riesenzucchini dabei.

Wo war er also hin, der rüpelhafte Radfahrer, der in der Fußgängerzone erst den Cellisten gerammt und dann den Kontrabassspieler mit samt seinem Kontrabass angefahren hatte. Der Schaden an den wertvollen Instrumenten ging in die zehntausende, und viele Zeugen hatten den Unfall beobachtet, also musste er ihn auch aufklären.

Der Inspektor seufzte. Normalerweise waren rücksichtslose Radfahrer keine Aufgabe für die Polizei, doch da es sich um das Polnische Jugendsinfonieorchester handelte, wurden alle verfügbaren Beamten auf diesen Fall angesetzt. Es galt schließlich einen diplomatischen Zwischenfall zu vermeiden, da auch der Sohn des polnischen Präsidenten in dem Orchester spielte.

In den letzten Jahren hatte er ja schon mehrere Fälle, die Grenzüberschreitend waren, aber in einer Stadt wie Basel, deren Vororte in drei verschiedenen Ländern lagen, blieb sowas nicht immer aus.

Und nun stand er hier am Rheinufer und suchte nach einer Riesenzucchini inklusive ihres Besitzers. Denn der wäre ja dann auch Besitzer des Fahrrads und damit der Schuldige.

Inspektor Choucroutes Handy klingelte.

"Inspektor, haben Sie den Schuldigen schon?"

"Wir haben möglicherweise das Fluchtfahrzeug sichergestellt."

"Das Fluchtfahrzeug! Der Botschafter macht Druck, dass wir diese Fall schnellstens klären sollen. Es geht um das polnische Jugendsinfonieorchester."

"Ja, Herr Minister. Wir arbeiten, so schnell wir können."

"Geht es nicht schneller?"

"Wir überprüfen momentan alle Anwesenden. Der Täter hatte Gemüse bei sich, das verschwunden zu sein scheint."

"Verschonen sie mich mit den Einzelheiten und präsentieren sie einen Verdächtigen. Der Rest ist doch egal."

"Einen Verdächtigen? Wo soll ich den denn herzaubern?"

"Egal, wo sie den herkriegen, Hauptsache sie haben bald einen."

"Jawohl, Herr Minister!"

"Gut, dann machen sie zu. Auf Wiedersehen."

Kaum hat Inspektor Choucroute aufgelegt, da kommt einer der Beamten auf ihn zugerannt.

"Inspektor, Inspektor, wir haben etwas gefunden!"

"Einen Schuldigen?"

Der hoffnungsvolle Klang in der Stimme des Inspektors bremst den Enthusiasmus des Beamten ein wenig.

"Nun ja, also ein Verdächtiger ist es nicht. Aber vielleicht ein Hinweis!"

"Kein Verdächtiger?"

"Nein. Aber eine Gartenschaufel. Vielleicht hat der Verbrecher die Riesenzucchini vergraben, denn direkt neben der Gartenschaufel war frisch aufgewühlte Erde."

"Nun gut, zeigen sie mir das."

Die beiden laufen am Ufer entlang. An einer Stelle steht ein Gruppe Beamter um einen am Boden knienden Beamten herum.

"Ich hab was gefunden!"

Als der Inspektor zu der Gruppe kommt, zieht der Beamte gerade eine leere Weinflasche aus der Erde. "Das ist ein Zettel drin!"

Mit einer Pinzette versuchen sie die nächsten Minuten, den Zettel aus der Flasche zu bekommen. Doch als sie ihn endlich in der Hand halten, ist der Inspektor ein wenig enttäuscht, denn auf dem Zettel steht nur ein Gedicht, und dazu noch eines von jemandem, der von Lyrik keine Ahnung hat.

"Der Fluss ist nass und kalt,

ich fühl mich schrecklich alt.

Der Peter der ist doof

Und macht mir trotzdem den Hof."

"Was soll das denn für ein Hinweis sein? Und wo ist die Riesenzucchini?"

"Hier auf jedem Fall nicht."

"Wir brauchen aber möglichst schnell einen Verdächtigen. Sorgen Sie dafür, dass wir einen bekommen, der Minister sitzt mir schon im Nacken, denn der polnische Botschafter macht Druck auf ihn.

Als der Inspektor das Ufer entlang schaut, denkt er zum ersten Mal seit Jahren wieder sehnsüchtig an seine Heimatstadt Dresden und fragt sich, wie er hier in der Schweiz gelandet ist und sich mit polnischen Jugendlichen und wilden Fahrradfahrern rumärgern muss.

Während er so nachdenkt, klingelt plötzlich wieder sein Handy.

"Ja?"

"Hier Sülzmann, Inspektor. Jemand schließt gerade das verdächtige Fahrrad los."

"Halten Sie ihn fest, ich bin sofort bei ihnen."

Und so rennt der Inspektor wieder am Ufer entlang und den steilen Weg hinauf zu dem abgeschlossenen Fahrrad.

"Ist er das?" fragt der Inspektor die Beamten, die einen sportlichen, jungen Mann festhalten.

"Das ist er. Und er gibt auch zu, dass es sich um sein Fahrrad handelt."

"Und wo ist die Riesenzucchini, die sie vorhin dabei hatten?"

"Woher wissen Sie davon", fragt er zurück.

"Das ist doch jetzt egal. Wo ist sie?"

"Ich habe nichts illegales damit gemacht. Sowas ist nicht verboten!"

"Was ist nicht verboten? Wo ist sie hin?"

"Ich muss ihnen gar nichts sagen. Dies ist schließlich ein freies Land!"

"Sie müssen hier nichts sagen, richtig, aber wir können sie mitnehmen, wenn sie hier nicht mit uns reden wollen. Wo ist also die Zucchini?"

"Nun ja", gibt der Man schließlich nach. "Ich habe sie durchgeschnitten und ausgehöhlt, aus eine Schaschlikspieß und einem Stück Zeitung ein Segel gebaut und sie schwimmen lassen. Doch dann ist das Seil gerissen und sie ist mir abgetrieben. So, jetzt wissen sie es."

Der Inspektor überlegt. Was er mit der Zucchini gemacht hat, ist wirklich nicht strafbar. Doch dann fällt ihm ein, dass sie ihn ja wegen Fahrerflucht suchen.

"Nehmt seine Personalien auf. Und wenn er in Basel wohnt, lasst ihn laufen, wenn nicht, dann nehmen wir ihn erstmal mit aufs Revier. Und ruf einer von euch den Minister an, dass der Fall gelöst ist."

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