Die Entführung

"Dieser beschissene Termin beim Bürgermeister!" Schon seit zwei Stunden flucht der Kommissar ausgiebig über das Stadtoberhaupt und den Preis, den er von ihm bekommen soll. "Und dann auch noch 17 Uhr, wo ich eigentlich schon Feierabend hätte." Aber es hilft alles nichts, der Polizeipräsident persönlich hat ihm befohlen zur Preisverleihung zu gehen. "Verdienter Mitarbeiter! Was soll ich mit einer Medaille als verdienter Mitarbeiter? So ein Scheiß staubt ja doch nur zu."

"Ich mach dann Feierabend" ruft ihm seine Sekretärin aus dem vorderen Büro zu.

"Sie haben es gut und können nach Hause, aber ich, ich muss zu dieser blöden Preisverleihung..." Als die vordere Bürotür krachend ins Schloss fällt, unterbricht er seine Schimpftirade. Sie hatte wohl genug von seinen Beschwerden, denkt er sich.

Dann beschließt er, dass er sich zu Fuß auf den Weg zum Rathaus macht, denn ob ihr Dienstwagen, der ehemals fast nagelneue Takuro Spirit, noch funktioniert, will er lieber nicht ausprobieren. Er nimmt seine Regenjacke und den Schirm, schließt das Büro hinter sich ab und geht los.

Konsequenter Weise scheint jetzt die Sonne. Eigentlich ist es ihm sogar ein wenig zu warm in der Jacke, aber sobald er sie auszieht, da ist es sich sicher, wird es sofort anfangen zu regnen. Und da seine Frau darauf bestanden hat, dass er sein bestes Hemd anzieht wegen der blöden Preisverleihung, wäre das eine riesige Katastrophe.

überraschender Weise erreicht er kurz darauf ohne Katastrophen und nur ein wenig verschwitzt das Rathaus.

Als er in der Vorhalle steht, muss er sich entscheiden. Er hat noch zehn Minuten, nimmt er den Fahrstuhl oder die Treppe?

Da die Fahrstuhltür gerade aufgeht, entscheidet er sich für den Fahrstuhl. Es ist ein recht geräumiger Fahrstuhl, mit Holz vertäfelt, der noch von einem echten Fahrstuhlführer bedient wird.

Der Kommissar schmunzelt kurz. Auch wenn die Stadt noch so pleite ist, im Rathaus mangelt es nicht an Luxus.

Ein paar Leute sind schon im Fahrstuhl, als der Kommissar sich rein drängelt, zwei weitere junge Männer folgen. Nachdem sie alle ihr Ziel angegeben haben, setzt sich der Fahrstuhl nach oben in Bewegung.

Zwischen der Vierten und der Fünften Etage ruckelt der Fahrstuhl plötzlich und hält dann ganz an.

"Was soll das?" flucht der Kommissar sofort. "Ich habe einen Termin beim Bürgermeister!" Einer der zwei zuletzt eingestiegenen Männer versucht etwas zu sagen, doch der Kommissar lässt ihn nicht zu Wort kommen. "Das können die nicht machen! Ich muss doch diese blöde Medaille abholen!"

Als der Kommissar kurz inne hält, um Luft zu holen, unterbricht ihn der junge Mann, der zuletzt eingestiegen ist, ein blonder Milchbubi.

"Schnauze!" fährt er den Kommissar an. Der ist so verdutzt, dass er vergisst, weiter zu schimpfen.

"Das hier ist eine Entführung!" ergänzt der zweite junge Mann und fuchtelt mit einer Pistole um sich. "Und wenn sie’n VIP sind, dann ist das um so besser. Das gibt dann gleich viel mehr Lösegeld."

"äh, ich glaub ich hör wohl nicht recht" widerspricht der Kommissar. "Sie können doch nicht den Fahrstuhl entführen, wenn ich eigentlich sowieso schon Feierabend hätte." Um seine Forderung zu unterstützen, stampft der Kommissar kräftig mit dem Fuß auf, so dass der ganze Fahrstuhl gefährlich wackelt. Eine ältere Frau kreischt entsetzt auf.

Nun ist es an den beiden jungen Männern, ihrerseits den Kommissar verblüfft anzuschauen. "Warum nicht?"

"Das ist doch Sonnenklar", erklärt der Kommissar, "denn diese Entführung bedeutet Überstunden für die Polizei, und ich mache doch sowieso grad Überstunden wegen dieser blöder, sinnlosen, albernen Preisverleihung, wegen der ich zum Bürgermeister muss. Und wie soll ich gleichzeitig ihre blöde Entführung aufklären und bei dieser verkackten Preisverleihung sein, möchte ich mal wissen."

Beide Entführer wedeln nun mit ihren Pistolen vor seiner Nase herum. "Und überhaupt", erklärt der Kommissar weiter, "sind Pistolen für Fahrstuhlentführungen ja mal völlig ungeeignet. Haben sie noch nie davon gehört, das Messer auf kurze Entfernung viel effektiver und schneller sind? Wenn auch nur einer von uns ein Taschenmesser dabei hätte-"

Jemand, der hinter dem Kommissar steht, ruft "Ich! Ich!" dazwischen und schlägt sich dann entsetzt eine Hand vor den Mund. Der Kommissar fährt ungerührt mit seiner Belehrung fort: "dann hätten Sie keine Chance mit ihren Pistolen."

Die beiden jungen Männer starren den Kommissar entsetzt an. "Und jetzt", fährt der Kommissar ruhiger fort, "sagen Sie mir erst mal ihre Namen, damit wir uns hier vernünftig unterhalten können. Ich meine, wenn wir schon zusammen in dieser Klemme stecken..."

"Aber wir sind doch Entführer... Wir können doch nicht..." widerspricht ihm der blonde Entführer.

"Genau, das ist gegen die Regeln von Entführungen", stimmt der andere zu.

"Regeln, Regeln, Regeln. Von euch jungen Leuten hört man aber auch nichts anderes mehr, immer nur Regeln." Dann hat der Kommissar eine Idee. "Wisst ihr was? Wir machen das so, das wir uns erst vorstellen, dann müsst ihr nicht die sein, die anfangen, das ist ja immer schwer. Ich bin also Herr Kalissa und leite das Kommissariat von Sel’Oh’Burg und bin heute hier, weil – da will ich jetzt gar nicht drüber sprechen, warum ich hier bin, sonst rege ich mich nur wieder auf."

"Die Medaille" wirft einer von hinten ein.

Glücklicherweise hat der Kommissar keine Zeit sich aufzuregen, denn nun stellt sich die Frau vor, die so gekreischt hat, eine Sachbearbeiterin. Dann der Mann mit dem Messer, er ist Hausmeister. Der unselige Typ, der die Medaille erwähnt hat, ist persönlicher Sekretär des Bürgermeisters und der Fahrstuhlführer ist der Fahrstuhlführer. Die beiden Entführer stellen sich als Lolek Hinz und Bolek Kunz, von Beruf Entführer, vor.

"Wie schön, Lolek und Bolek!" wirft der Sekretär ein.

"Nein", widerspricht die Sachbearbeiterin. "Hinz und Kunz."

"So", erklärt der Kommissar. "Können wir diese blöde Entführung denn nicht so langsam beenden? Wie gesagt, eigentlich kann sich die Polizei keine Überstunden leisten, dann wird bloß wieder das Weihnachtsgeld gekürzt. Und wer soll dann bitteschön die Arbeit machen, wenn ich hier bin?"

"Die Anderen", überlegt Lolek unsicher.

"Die Anderen? Oberwachtmeister Abbe? Wie sollte der? Der würde bloß das ganze Rathaus sprengen lassen, wenn ihn keine hindert. Und das würde dann uns allen weh tun, und das kann ja nicht Sinn und Zweck der Entführung sein, oder?"

"Aber..."

"Glauben Sie mir, es ist besser, wenn sie Oberwaldmeister Abbe nicht den Einsatz leiten lassen. So was von inkompetent habe ich noch nicht erlebt. Immer reagiert er über."

"Jetzt lassen sie uns doch endlich unsere Arbeit machen", fordert Bolek.

"Um diese Zeit?" Der Kommissar ist entsetzt. "Es ist schon nach um fünf. Um diese Zeit sollten sie nicht mehr arbeiten müssen. Da machen sie doch Überstunden. Und das bestimmt auch noch unbezahlt! Sie sollten sich mal an ihre Gewerkschaft wenden, das ist ja mal richtig Kacke so."

Lolek ist deutlich nachdenklicher geworden, doch Bolek fuchtelt wieder mit der Pistole. "Und dann ihre Waffen. Darüber sollten Sie sich auch beschweren, das geht ja mal gar nicht. Das Pistolen generell ungeeignet sich hatten wir ja schon, aber die, die sie da in der Hand haben, die sind ja noch viel schlimmer."

Bolek betrachtet seine Pistole. "Was soll mit meiner Pistole sein? Für mich sieht sie gut aus, kalt und tödlich."

Der Kommissar muss lächeln. "Kalt und tödlich... Das hätten Sie gerne. Haben Sie mal damit geschossen?"

"Na klar", erwidert Bolek nicht ganz überzeugend. "Schon oft."

"Dann wissen sie ja", erklärt der Kommissar, "dass man die vor jedem Schuss neu entsichern muss und das das jedes Mal eine halbe Minute dauert. Ich an ihrer Stelle hätte mir lieber ein Messer mitgenommen."

"Aber meine Pistole", wirft Bolek ein.

"Vergessen Sie die Pistole, aber vielleicht leiht ihnen der Hausmeister ja sein Taschenmesser, damit sie wenigstens ein wenig bedrohlich aussehen."

"Aber..."

"Los, fragen sie ihn, vielleicht ist er ja so nett. Und nachher wenden sie sich an ihre Gewerkschaft, versprochen?"

Bolek schaut sich hilfesuchend um, doch alle weichen seinem Blick aus, sogar Lolek. Dann wendet er sich an den Hausmeister: "Wie sieht's aus mit dem Messer? Würden sie..." Und dazu zielt er mit der Pistole auf ihn.

"Hmm, nee, also, wenn ich ehrlich bin, lieber nicht..."

Nun interveniert der Kommissar. "Warum nicht? Sie sehen doch, wie viel es ihm bedeuten würde."

Der Hausmeister denkt kurz nach, während Bolek glücklich lächelt, erfreut über die unerwartete Hilfe.

"Hmm, naja", wendet der Hausmeister ein. "Die letzten zwei Messer, die ich verliehen habe – wissen sie - die habe ich nie wiederbekommen. Und dieses hier", er holt es aus der Tasche, klappt es auf und hält es hoch, "Das hier, das habe ich von meinem Onkel mütterlicherseits geerbt, wissen sie, und deswegen wäre ich sehr traurig, wenn ich es verlieren würde." Der Kommissar ist genauso wie Lolek und Bolek von dieser Geschichte gerührt.

"Wenn das natürlich so ist..."

"Aber das hier ist doch eine Entführung..."

"Hören Sie, Hinz und Kunz", beginnt der Kommissar. "Ich mache ihnen einen Vorschlag. Sie beenden diese Entführung jetzt und kommen irgendwann später mit vernünftigen Waffen wieder. Und ich nehme ab sofort einfach immer die Treppe, dass sie mich nicht mehr erwischen, dann muss ich auch nicht doppelte Überstunden machen. OK?"

Hinz und Kunz schauen sich an, dann willigen sie ein.

"Wenn Sie meinen..."

"Ich finde das einen guten Plan. Und wenn sie es perfekt machen, dann kurz nach der Frühstückspause, dass ich keine Überstunden machen muss, aber schon ausreichend wach bin. Und wenn sie dann noch den Oberwaldmeister und den Bürgermeister erwischen, dann wäre ich ihnen sehr dankbar."

"Was meinst du Lolek?"

"Ja, ich denke, das können wir machen."

Als die beiden ihre Pistolen wieder wegpacken, applaudieren die anderen spontan.

"Und jetzt nehmen sie die beiden fest", fordert der Sekretär.

"Sie festnehmen? Was das wieder an Bürokratie bedeuten würde... Das wären ja dann noch mehr Überstunden..."

"Aber es sind Entführer!"

Lolek und Bolek schauen sich unsicher an.

"Das ist doch egal", erklärt der Kommissar.

"Aber wenn sie die beiden jetzt laufen lassen, müssen sie sie heute Abend suchen. Wenn die öffentlichkeit diese Geschichte erfährt..."

"Sie werden sich hüten, die Geschichte der öffentlichkeit zu erzählen!"

Der Sekretär setzt zu einem erneuten Einwand an.

"Geben sie mir mal ihre Pistole", wendet der Kommissar sich an Lolek und hält sie kurz darauf in der Hand.

"Ich habe gehört, dass diese Pistole zu langsam ist."

"Ich will ja auch nicht damit schießen sondern sie schlagen. Dafür ist sie schnell genug."

Der Kommissar und der Sekretär schauen sich wütend an.

"Wollen wir nicht mal weiterfahren", wirft sie Sachbearbeiterin ein. "Ich muss so langsam mal aufs Klo."

"Was ist jetzt", fragt der Kommissar. "War es ein technischer Defekt oder eine Entführung?"

"Aber..."

"Oder muss ich ihrer Frau erzählen, was sie mit meiner Sekretärin auf der Toilette gemacht haben?"

"Ich war nie mit ihrer Sekretärin..."

"Aber das weiß ihre Frau nicht. Was ist nun?"

"Wenn das so ist..."

"Gut, dann können wir ja weiterfahren."

Die nächste halbe Stunde lässt der Kommissar die Preisverleihung mit einem zufriedenen Grinsen über sich ergehen.

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