Die Insel der Kartoffeln

Seit Monaten sitzen wir – das sind Lisa, Melinda und ich – auf diesem Eiland fest und warten und warten. Unser kleines Segelschiff war im Sturm auf ein Riff aufgelaufen, doch wir hatten uns an Land retten können.

Es war mitten in der Nacht gewesen und als sich der Sturm am nächsten Morgen gelegt hatte, konnten wir auf das festsitzende Schiff, um einen großen Teil unserer Ausrüstung zu bergen. Proviant, Kleidung, Werkzeug, das Funkgerät und sogar der Generator. Doch da das meiste Öl bei der Havarie ausgelaufen war, nützte uns der Generator nicht sehr viel. Immerhin konnten wir so noch einen Notruf absetzen und unsere Position durchgeben, auch wenn wir keine Antwort empfangen konnten.

Wir schlugen unsere Zelte hinter den Dünen am Rand des Dschungels auf. Auf einer der Dünen entfachten wir ein Lagerfeuer, dass wir Tag und Nacht brennen ließen, damit vorbeifahrende Schiffe auf uns aufmerksam würden. In den ersten paar Tagen hatten wir noch die Hoffnung, dass wir demnächst gerettet werden würden. Doch immer wieder, wenn wieder Stürme über unsere Insel hinweg zogen, verkrochen wir uns in unserem Schlafzelt und gingen nur hinaus, um das Feuer wieder anzufachen, wenn es zu klein wurde. Bei mehreren Gelegenheiten ging es uns aus und wir mussten bis nach dem Sturm warten, um es wieder anzünden zu können.

Nach drei oder vier Tagen entdeckten wir morgens hinter unserem Zelt eine aufgerissene Packung Kekse. Irgendein Tier hatte sie wohl gefunden und sich sehr darüber gefreut. Wir beschlossen, unsere Vorräte von nun an besser zu verstecken. Dazu holten wir von dem Schiffswrack allerlei Behältnisse, füllten unsere Lebensmittel da rein und hingen sie in die Bäume.

Bei der Gelegenheit lernten wir, woran man morsche Äste erkennt, denn Lisa hing eine Vase mit Dosenchampignon darin an einen Ast, der wohl zu alt war. Zehn Minuten, nachdem sie die Vase aufgehangen hatte, kam ein Windstoß und warf sie mit samt dem Ast zu Boden. Dort zerschellte die Vase in tausend Teile.

Je länger unser Aufenthalt auf dieser Insel dauerte, desto klarer wurde uns, dass wir möglicherweise noch eine ganze Weile hier festsitzen würden. Immer besser richteten wir uns ein und erkundeten die Umgebung der Insel. Einer blieb immer bei unserem Lager, während die anderen, mit der Pistole und zwei langen Messer bewaffnet und mit Rucksäcken ausgerüstet durch den Dschungel wanderten.

Der Strand war nur ein kurzes Stück begehbar, nach Norden vielleicht einen Kilometer, nach Süden weniger, bis der dichte Wald wieder bis ans Wasser reichte. An einer Stelle versank ich bis zur Brust im weichen Sand und Lisa musste Melinda zur Hilfe hohlen, um mich wieder rauszuziehen.

Auch der Dschungel war sehr unwegsam, und wir waren froh, dass wir wenigstens eine Machete dabei hatten. In den ersten Tagen kamen wir jedoch nicht weit, da uns bereits nach wenigen Metern die Arme weh taten. Wir waren zwar alle drei recht kräftig und gut trainiert – wenn man um die Welt segeln will, muss man das ja auch sein – aber diese ungewohnte Bewegung mit der Machete... Wenn wir fünfhundert Meter am Tag schafften, waren wir gut.

Am dritten Tag fanden wir dann die Schweine. Sie standen am Ufer eines Bachs und wühlten im Schlamm, als wir über sie stolperten. Es war ein ganzes Rudel und Lisa und ich hatten ein wenig Angst. Dann kam ich auf die Idee, sie mit ein paar Keksen zu füttern, die ich noch im Rucksack hatte. Nur eines der Schweine hat sich getraut, die Kekse zu essen, aber das war davon so begeistert, dass es uns zurück ins Lager gefolgt ist.

Wir drei hatten dann eine längere Diskussion, ob wir uns ein Schwein halten wollen oder nicht, entschieden uns dann aber dafür, denn es einfach wieder wegschicken wollten wir ja auch nicht. Und unsere Lebensmittel in den Bäumen waren ja hoch genug aufgehangen.

Am nächsten Tag, als wir neues Holz für das Feuer suchten, half uns das Schwein, das Holz zum Lager zu bringen. Es nahm immer einen trockenen Stock, den es aus dem Unterholz gezerrte hatte, ins Maul und brachte es uns. Da es das Holz wie ein Hund apportierte, beschlossen wir, es einfach "Hund" zu taufen.

Zwei Wochen später wollten wir dann unser Segelschiff ans Ufer ziehen. Ich schwamm raus zum Schiff. Seit dem letzten Sturm war das nicht ganz ungefährlich, denn es lag nun sehr wackelig auf den Klippen und mehrfach fiel ich dabei ins Wasser. Aber da wir Angst hatten, dass der nächste Sturm es fortreißen könnte, wollten wir es unbedingt bergen und ich nahm das naß werden in Kauf.

Wir waren sehr froh, dass wir so viele Seile an Bord hatten, denn bis zum Strand waren es bestimmt hundert Meter. Mit mehreren Seilen befestigten wir das Boot an vier Bäumen und dann begannen wir vorsichtig, die Seile zu verkürzen. Einer von uns schwamm im Wasser zwischen Strand und Boot und beaufsichtigte das Boot und gab Kommandos, während die anderen mit Hilfe eines weiteren Seiles das Boot Richtung Ufer zu zogen.

Wir hatten echt Glück, dass das Wetter die nächsten Tag gut blieb, denn wir brauchten selbst mit der tatkräftigen Unterstützung von Hund mehr als eine Woche, das Schiff auf den Strand zu bugsieren. Beim nächsten Sturm, soviel war klar, würden wir weiter machen müssen, denn es lag einfach noch viel zu tief am Ufer.

Wie probierten allerlei technische Tricks aus, zum Beispiel Baumstämme unter zulegen, um es rollen zu können, doch im weichen Sand half nichts. Solange das Boot nicht schwamm, konnten wir drei es einfach nicht bewegen. Wir versuchten auch ein Gerüst zu bauen, doch das brach einfach zusammen und wir lagen alle drei im Wasser.

Das Schiff konnten wir nicht reparieren, der Riss war einfach zu lang und der Masten war abgebrochen. Ein Wunder, dass das Schiff überhaupt noch an einem Stück war und bei den Stürmen nicht durchgebrochen war.

Irgendwann waren wir mal wieder mit Hund im Dschungel unterwegs. Unser Schwein lief vor und fing an einer Stelle plötzlich an, im Boden zu graben. Wir staunten nicht schlecht, was Hund fand, denn es waren Kartoffeln. Melinda jubelte. "Kartoffeln! Endlich keine Nudeln mehr! Hund, ich liebe dich!"

Und auch ich war froh, denn bisher hatten wir nur Früchte hier gefunden. Und da wir nicht wussten, welche Blätter man essen kann, war unser Speiseplan doch recht einseitig geworden. Doch Kartoffeln! Das war eine willkommene Abwechslung.

Wir fingen nun auch an zu graben und schnell hatten wir einen ganzen Rucksack voller Kartoffeln zusammen. Lisa staunte nicht schlecht, als wir zum Strand zurück kamen. Wir beschlossen, einen Teil der Kartoffeln anzupflanzen, damit wir auch in Zukunft welche haben. Die anderen kochten wir und aßen Pellkartoffeln mit unserem letzten Speck.

Nachdem wir in den nächsten Tagen hinter unserem Zelt die kleineren Bäume entfernt und den Boden umgegraben hatten, pflanzten wir die Kartoffeln. Wir mussten es jedoch mehrmals machen, denn am Anfang grub Hund immer unsere Kartoffeln wieder aus. Doch irgendwann hatte er gecheckt, was wir vorhatten. Von da an vertrieb er alle anderen Tiere, hauptsächlich Vögel, aber auch kleinere Nagetiere, die sich unserem sorgsam angelegten Kartoffelacker näherten.

Nachdem wir nun wussten, wo wilde Kartoffeln wuchsen, gingen wir einmal die Woche hin und ernteten welche, so dass nun die Sonntage wieder etwas besonderes waren.

An einem solchen Kartoffeltag stellte ich mal wieder meine Tolpatschigkeit unter Beweis. Wir hatten es uns irgendwann angewöhnt, dass Sonntag immer einer kocht und die anderen beiden mit dem Essen überrascht. Wir hatten einen Tisch gebaut und daneben zwei Baumstämme als Bänke liegen.

Da wir mittlerweile auch ein paar gut schmeckende Kräuter entdeckt hatten, hatte ich den Tag eine Kartoffel-Kräuter-Suppe in Kokosnuss gekocht. Doch als ich die zweite Kokosnuss mit der heißen, dampfenden Suppe zum Tisch trug, stolperte ich über meinen am Boden liegenden Rucksack und die Suppe ergoss sich gleichermaßen über den Tisch, Melinda und Hund.

Mir tat es schrecklich leid um die gute Suppe. Hund war im ersten Moment schockiert und rannte weg, doch dann bemerkte er, dass die Flüssigkeit nicht nur essbar war, sondern auch sehr lecker und versuchte seine Seite abzulecken. Es sah sehr lustig aus, wie er sich im Kreis drehte und versuchte, sich selber abzulecken. Melinda war mittlerweile ins Meer gelaufen, um sich die heiße Suppe abzuwaschen.

Es war jedoch ein recht windiger Tag und so umspülte das Wasser nicht nur ihre Beine, wie es sonst immer war, sondern die Kraft der Wellen riss sie förmlich zu Boden. Bis sie wieder aus dem Meer raus war und ihre nassen Klamotten zum Trocknen aufgehängt hatte, hatte ich die restliche Suppe neu aufgeteilt. Hund bekam eine etwas kleinere Portion, da er ja schon sich und den Tisch abgeschleckt hatte. Aber wir wurden auch so satt.

Vor zwei Wochen ist unser Schiff dann zerbrochen. Irgendwann Abends gab es einen lauten Knall und ein oranger Feuerball stieg über dem Schiff auf. Als wir zum Strand kamen, sahen wir, dass das Schiff im hinteren Bereich zerbrochen war. Glücklicherweise brannte es nicht sondern rauchte nur ein wenig. Als wir es genauer untersuchten, fanden wir heraus, dass das Klavier völlig zerstört und mit Möwendreck und Federn übersät war. Und es roch erbärmlich.

Wir haben uns dann zusammengereimt, dass wohl eine Möwe in dem Klavier genistet hat, und dort irgendwann gestorben ist. Vielleicht waren es auch mehrere, wir wissen es nicht. Auf jedem Fall sind bei der Verwesung in dem Klavier wohl Gase entstanden, die sich dann irgendwann selber entzündet haben.

Die Einzelteile des Schiffs konnten wir danach jedoch Stück für Stück an Land befördern und uns daraus kleine Häuser bauen. Immer im Wechsel halten wir das Feuer am Laufen und haben uns hier mittlerweile ganz gut eingerichtet. Mal sehen, ob wir irgendwann gerettet werden. Da werden wir wohl abwarten müssen.

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