Ein Fall für Argentinien


Aufgeregte Stimmen sind aus dem Vorzimmer zu hören, dann fliegt die Tür von Kommissar Kalissas Zimmer mit einem lauten Knall auf.

"Herr Kommissar! Es ist etwas Schreckliches passiert!"

"Nicht schon wieder", stöhnt der Kommissar leise. Dann wendet er sich an den Polizisten, der sein Büro betreten hat. "Ja?"

"Es hat einen Überfall gegeben. Mit Geiselnahme." Der Polizist ist sehr aufgeregt.

"Einen Überfall?"

"Richtig, einen Überfall!" Man merkt deutlich, dass dieses Verbrechen den jungen Beamten sehr mitnimmt.

"Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Das wäre ja schon das dritte Verbrechen in nur fünf Jahren! Und das hier in Sel’Oh’Burg! Na wenigstens ist es diesmal nicht kurz vor Feierabend passiert."

"Aber passiert ist es trotzdem. Wie schrecklich! Und sie haben..." Der Polizist bricht in Tränen aus. Der Kommissar schaut sich verzweifelt um. Wie tröstet man einen Polizisten, der wie ein Schlosshund heult? Und dann ist seine Sekretärin auch noch gerade in der Frühstückspause. Wer kann ihm denn jetzt helfen?

Der Kommissar kommt zu dem Schluss, dass er sich wohl nur selber helfen kann in dieser vertrackten Situation. Irgendwie muss er den Polizisten dazu bringen, ihm endlich zu sagen, was passiert ist.

"Was ist denn überhaupt passiert!", brüllt der Kommissar den jungen Mann an.

"Der Ober – schluchz – der Ober... – der Oberwachtmeister Abbe wurde entführt!"

Sofort hellt sich die Laune des Kommissars auf. Oberwachtmeister Abbe entführt? Der Oberwachtmeister, mit dem er sich vor einigen Jahren geprügelt hat? Der Oberwachtmeister, der immer überreagiert?

Das Grinsen im Gesicht des Kommissars wird noch breiter, als er an den Ärger denkt, den er im Laufe der Zeit so mit dem Oberwachtmeister hatte.

"Kommen Sie mit zum Rathaus, dem gehen wir auf den Grund", fordert der Kommissar den Polizisten auf. Der Polizist schaut den Kommissar daraufhin verwirrt an.

"Woher wissen Sie das mit dem Rathaus?"

"Ich... ähm..." Jetzt nur nichts falsches sagen, denkt sich der Kommissar, sonst ist dieser Fall viel zu schnell gelöst. Und das wäre ja ziemlich schade. "Nun, ähm, ich dachte, der Oberwaldmeister wollte heute bestimmt ins Rathaus."

"Ja, genau, richtig." Der Polizist strahlt. "Wenn Sie so weitermachen, werden Sie den Fall bestimmt schnell gelöst haben."

"Das wäre ja eine große..." Im letzten Moment beißt sich der Kommissar auf die Zunge, um nicht Katastrophe zu sagen. Dieser Fall wird doch verzwickter, als er dachte.

"Sind Sie eigentlich mit Ihrem Dienstwagen hier?", fragt er schnell den Polizisten, bevor dieser seinen angefangenen Satz in Gedanken vervollständigen kann.

"Nein, nein, ich hatte Dienst in der Zentrale und hab über Funk Bescheid bekommen."

Der Kommissar freut sich noch mehr, versucht aber enttäsucht zu klingen, als er weiterredet. "Also sind Sie ohne Dienstwagen hier, ja?"

"Ja, alle Dienstwagen sind im Einsatz. Sie wissen ja, der Besuch des Staatspräsidenten im Rathaus."

"Oh ja, richtig." Der Kommissar erinnert sich dunkel, dass da heute irgendeine Veranstaltung stattfinden sollte im Rathaus. "Ist ihm was passiert?"

"Nein, nein, dem Präsidenten ist nichts passiert, der war schon wieder auf dem Weg zu seiner Limousine, als es passiert ist."

Der Kommissar seufzt erleichtert. Dieser Präsident ist kein so übler Bursche, wenigstens nicht so ein Dampfplauderer wie der letzte. Es wäre schade, wenn er auch entführt worden wäre, denn dann...

"Gut, dann kommen Sie mal mit. Sie können mir bei der Aufklärung helfen. Meine Sekretärin ist ja leider grad los, sich einen Kaffee und ein belegtes Brötchen holen, also müssen Sie mir helfen."

Der Polizist wird plötzlich ganz aufgeregt. "Ich? Auf einem Außeneinsatz? Wie aufregend!"

"Gut, dass Sie sich darauf freuen. Nehmen Sie sich einen Ein-Verbrechen-Wir-Brauchen-Ein-Protokoll-Zettel und einen Kugelschreiber vom Schreibtisch. Und dann kommen Sie endlich mit!"

Der Kommissar überlegt, ob er es mit seinem Dienstwagen, einem ehemals fast nagelneuen Takuro Spirit, versuchen soll. Bei den letzten Einsätzen hat er nie funktioniert, aber vielleicht kann er den jungen Mann damit ein wenig beschäftigen, so dass er nicht ganz so schnell in die Verlegenheit gerät, diesen Fall zu lösen.

Im Vorbeigehen kritzelt er seiner Sekretärin noch eine Nachricht auf ihr neues Dienst-Flip-Chart, dass sie in einer Stunde nachkommen soll. Dann nimmt er den Schlüssel seines Dienstwagens vom Schlüsselbrett und macht sich auf den Weg zur Garage.

Der prasselnde Regen kann die gute Laune des Kommissars nicht beeinträchtigen, denn heute scheint sein Glückstag zu sein. Der Oberwaldmeister wurde entführt, bestimmt zusammen mit dem Bürgermeister, der auch so ein blöder Dampfplauderer wie der ehemalige Präsident ist.


Kurz darauf sitzt er auf dem Beifahrersitz des Takuro Spirit, und der Polizist versucht, den Wagen zu starten. Es passiert jedoch erstmal nichts. Er versucht es erneut – das Ergebnis ist das gleiche.

Als der Polizist vorschlägt, den Wagen anzuschieben und den Hang hinab rollen zu lassen, winkt der Kommissar ab. "Dann müssten wir den Wagen bloß wieder den Berg hinauf schieben. Haben Sie da wirklich Lust drauf?" Dann fällt ihm ein weiteres Argument ein, wie er den Eifer des jungen Mannes bremsen kann: "Und das dauert und dann könnten wir den Fall ja nicht lösen."

Der Kommissar überlegt kurz, das Fahrrad zu nehmen, aber bei dem Wetter... Und wer sollte ihm dann den Regenschirm halten?

"Wir gehen zu Fuß! Im Flur stehen noch Die-Polizei-Dein-Freund-Und-Helfer-Regenschirme, holen Sie einen davon und dann können wir los."


Zwanzig Minuten später sind die beiden zusammen kurz vor dem Rathaus. "Was wissen Sie noch über die Fahrstuhlentführung?"

"Fahrstuhlentführung?"

"Wurde Oberwaldmeister Abbe nicht im Fahrstuhl entführt?"

"Ich bin mir nicht sicher, über Funk war das nicht so ganz klar."

"Aber wie könnte man denn sonst jemanden im Rathaus entführen? Das Einzige, was da geeignet ist, wäre doch der Fahrstuhl, oder nicht? Alles andere wäre doch nur eine Geiselnahme, aber keine Entführung."

Aus dem Augenwinkel sieht der Kommissar den bewundernden Blick des Polizisten. Irgendwie freut es ihn ja schon, wenn die Leute denken, dass er gut ist. Andererseits, je mehr sie das denken, desto öfter wird er irgendwelche Fälle für andere Leute lösen müssen. Und das heißt ja fast immer Überstunden.

Die Polizisten haben die Straße gesperrt und das Rathaus umstellt. Ein Haufen Leute steht auf der Straße und schaut zum Rathaus hin, die meisten nicht in dem Wetter angemessener Kleidung. Wahrscheinlich die Mitarbeiter des Rathauses. Der Kommissar und der Polizist drängen sich durch die Reihen der Wartenden und Schaulustigen.

Der Regen hat mittlerweile sowohl die Socken als auch die Hosenbeine des Kommissars durchnässt. Normalerweise wäre das ein Problem, aber da sein Intimfeind, der Oberwaldmeister, entführt wurde...

"Bringt mich zum Bürgermeister", fordert er einen der Polizisten an der Absperrung auf. Der schaut den Kommissar entsetzt an.

"Aber der Bürgermeister wurde entführt!"

Der Kommissar nickt. "Genau deswegen will ich zu ihm. Denn wo der ist, da sind auch die Entführer."

Der Polizist schaut den Kommissar irritiert an, muss dann aber einsehen, dass die Forderung des Kommissars eine gewisse Logik hat.

"Sie stecken im Fahrstuhl fest. Die Entführer fordern Lösegeld."

Der Kommissar nickt erneut. Wenigstens etwas, sonst wäre das ganze hier ja viel zu schnell beendet. "Bringt mich irgendwo hin, wo ich mit den Entführern verhandeln kann."

Der Polizist nimmt den Kommissar und den ihn begleitenden Polizisten und bringt sie zu einem Grüppchen weiterer Polizisten. Der Vertreter des Oberwachtmeisters steht dort und diskutiert.

"Herr Kommissar! Gut, dass Sie so schnell hergekommen sind!" Der Kommissar nickt. Dabei schwappt ein wenig Regenwasser von seinem Hut und den anderen Polizisten vor die Füße.

"Der Rathausfahrstuhl wurde entführt. Der Oberwachtmeister, der Bürgermeister, sein Sekretär sowie der Fahrstuhlführer sind drin. Und mehrere Entführer. Ob noch weitere Personen dort sind, wissen wir nicht."

Der Kommissar schaut in Richtung Rathaus. "Können wir irgendwo hingehen, wo wir Kontakt mit den Entführern haben? Hier ist es viel zu nass."

Dann wendet er sich an den Polizisten, der ihn begleitet. "Schreiben Sie schön alles fürs Protokoll mit. Wenn da wieder was fehlt, bedeutet das nur wieder Überstunden für uns."

Sofort macht sich der junge Mann daran, alles zu nortieren.

"Gut", überlegt der stellvertretende Oberwachtmeister. "Gehen wir ins Rathaus, irgendwann müssen wir ja."

"Und wenn meine Sekretärin hier ankommt, so bringen Sie sie bitte sofort zu mir!"

Damit dreht Kalissa sich um und geht auf das Rathaus zu. Die Polizisten folgen ihm so schnell sie können.


"Endlich im Trockenen", seufzt der Kommissar, als die schwere Tür hinter ihm zufällt. Dann wendet er sich an die ihn begleitenden Polizisten. "Haben wir nun Kontakt zu den Entführern?"

Die Polizisten schauen sich an. Dann tritt einer vor und erklärt: "In der Notfallzentrale gibt es eine Sprechverbindung in den Fahrstuhl. Allerdings nur, wenn sie im Fahrstuhl den Notfallknopf drücken."

Der Kommissar schickt einen Polizisten in jedes Stockwerk mit dem Auftrag, dem entführten Fahrstuhl zuzurufen, dass er, Kommissar Kalissa, mit den Entführern sprechen wolle und sie doch bitte den Notfallknopf drücken sollen.

Zehn Minuten später meldet sich eine Stimme über die Sprechverbindung.

"Herr Kommissar?"

"Ja, Herr Entführer?"

"Wir haben den Fahrstuhl entführt."

"Und Sie wollen sicherlich Lösegeld."

Der Kommissar stellt das Mikrophon ab. "Verteilen Sie sich auf alle Etagen, die Entführer sind gefährlich. Bewachen Sie alle Fahrstuhltüren. Hier brauche ich keine Hilfe." Als alle Polizisten bis auf seinen Protokollanten den Raum verlassen haben, fährt der Kommissar fort: "Und Sie können auch den anderen helfen. Ich arbeite am besten, wenn ich alleine bin."

Dann wendet er sich wieder an die Entführer.

"Haben Sie ein Mobiltelefon? Dann können wir mehr in Ruhe reden."

Der Kommissar hört, wie die Entführer miteinander und mit den anderen reden. Dann melden sie sich wieder. "Ja, wir haben das Handy des Bürgermeisters und das des Oberwachtmeisters."

"Gut", erklärt der Kommissar. Irgendwo hat er noch eine Visitenkarte des Oberwaldmeisters, da müsste auch seine Handynummer drauf stehen.

"Ich rufe Sie gleich zurück."

Während er die Karte sucht, vergehen ein paar Minuten. Endlich findet er sie und ruft an.

"Hallo! Sind Sie der Entführer?"

"Ja, ich bin dran."

"Gut", erklärt der Kommissar leise, so dass nur der Entführer ihn hören kann, nicht aber die Leute, die um ihn herum stehen. "Sie wollen Lösegeld, ja?"

"Genau! Und wir sind mit Messern bewaffnet."

Der Kommissar muss lächeln. "Sehr gut. Sehen Sie, diesmal klappt alles viel besser als letztes Mal." Der Kommissar muss daran denken, wie er vor ein paar Monaten hier im Rathaus entführt wurde. Damals konnte er die Entführer zum Aufgeben überreden und die ganze Sache unter den Teppich kehren. So musste er wenigstens keine Berichte schreiben. Und jetzt sind die Entführer wieder da, nur adäquater bewaffnet. Und sie haben die beiden ihm am meisten verhassten Personen entführt. Der Kommissar fühlt sich fast wie im Paradies. Wenn er es jetzt noch schafft, pünktlich Feierabend zu machen, dann ist alles perfekt.

"Wollen Sie dann auch einen Helikopter, der Sie irgendwo hin bringt, zum Beispiel nach Südamerika? Wie wäre es mit Argentinen? Argentinien soll ein tolles Land sein, so mit Meer und Bergen und Pampa und so? Wie wäre es?"

"Argentinien?"

"Aber Sie sollten darauf achten, dass Sie zwei Geiseln mitnehmen und erst dort am Flughafen freilassen. Es lässt sich sicherlich ein Privatflugzeug finden, das Sie hinbringt. Und welche Geiseln Sie mitnehmen wollen, steht ja außer Frage, oder?"

"Nun, wenn Sie es so sagen..."

"Ich bin mir sicher, dass die Stadtkasse es hergibt, den Flug zu bezahlen. Ich kenne da – über meine Tochter – einen Piloten, wenn Sie verprechen, ihm nix zu tun, wird der Sie sicherlich zuverlässig hinbringen. Er ist seit ein paar Wochen arbeitslos, insofern hat er bestimmt Zeit dafür. Und wenn er es gut macht, wird da vielleicht was Längerfristiges daraus. Und es wäre doch so schön, wenn Sie gleichzeitig noch dem Freund meiner Tochter helfen könnten..."

"Aber das Lösegeld?"

"Ich werde schon irgendwo einen Koffer mit Pesos und Dollar und Euro und all so nem Zeug auftreiben, versprochen. Wie wäre es mit umgerechnet fünfzigtausend Euro für Sie zwei? Davon lässt sich in Argentinien bestimmt eine Weile gut leben."

Es klopft an der Tür. "Überlegen Sie es sich und melden sich dann wieder. Ich muss auflegen, es klopft bei mir an der Tür."

Damit legt er auf und ruft: "Herein!"

Seine Sekretärin kommt rein. "Herr Kommissar! Ich bin so schnell ich konnte hierher geeilt."

Der Kommissar schaut sie an und lächelt. "Vielen Dank! Ich brauche vielleicht gleich mal Ihr Organisationstalent."

Das Handy des Kommissars klingelt.

"Wir sind’s, die Entführer!"

"Und? Haben Sie sich entschieden?"

"Wir nehmen Ihren Vorschlag an. Wie lange wird es dauern?"

"Wir werden uns beeilen. Ich denke aber, eine halbe Stunde werden Sie noch warten müssen. Ich rufe Sie dann wieder an, wenn ich genaueres weiß."

Damit legt er wieder auf. Dann wendet er sich an seine Sekretärin.

"Ich brauch hier so schnell wie möglich einen Hubschrauber und einen Koffer mit Geld. Es sollten Argentinische Pesos drin sein und Dollar und Euro. Mit welchem anderem Geld Sie den füllen, ist mir egal, nehmen Sie, was die Bank grade vorrätig hat. Es muss schnell gehen. Und wir brauchen einen Hubschrauber, der vier Personen zum Flughafen bringt. Und dort eine Privatmaschine, die den Atlantik überqueren kann. Und das ganze möglichst in einer halben Stunde, es geht um Leben und Tod!"

Die Sekretärin schaut den Kommissar entsetzt an, dann kramt sie ihr Adressbuch raus und beginnt zu telefonieren. Währenddessen geht der Kommissar auf den Gang, ruft seine Tochter an und lässt sich die Nummer von ihrem Freund geben, den er zu überreden versucht, den Auftrag anzunehmen.

"Es sind auch ganz liebe Entführer, vor denen musst du dich nicht fürchten. Und das ist die große Chance für dich. Vielleicht darfst du dann irgendwann die Präsidentenmaschine fliegen, wenn du es gut machst. Oder zumindest die vom Bürgermeister."

Fünf Minuten später bekommt er von der Sekretärin das OK, dass ein Helikopter unterwegs ist. Aber das mit dem Geldkoffer werde schwierig.

"Kümmern Sie sich um den Flieger, ich gehe zur Bank und spreche mit denen."

Im Rausgehen instruiert er erst die Polizisten, dass sie das oberste Stockwerk und das Dachgeschoss mit dem Hubschrauberlandeplatz räumen sollen und aufpassen sollen, dass es von niemandem betreten wird. Die Entführer sind schließlich gefährlich. Dann rennt er aus dem Rathaus, während er den Entführern Bescheid gibt, dass sie sich auf dem Dach bereit halten sollen. Als er sich der Absprerrung nähert und mit wehendem Mantel weiterläuft, verfolgt ihn eine Gruppe Journalisten mit Mikrophonen und Kameras.

"Keine Zeit!", kommentiert der Kommissar im Laufen. "Ich muss mich um die Entführung kümmern, es geht um Leben und Tod!"

Dann erreicht er die Bank, die gegenüber des Rathauses ist. Wie gut, dass die Straße gesperrt ist, denkt er noch, sonst wären bestimmt welche von diesen Journalisten überfahren worden.

"Ich brauche einen Koffer mit Geld. Argentinische Pesos, Dollar, Euro, was auch immer Sie sonst noch haben. Ungefähr fünfzigtausend Euro insgesamt, kann auch etwas mehr oder weniger sein. Machen Sie schnell, es geht um das Leben des Bürgermeisters!"

Insgeheim freut sich der Kommissar, dass so viele Journalisten hinter ihm her sind, denn die Öffentlichkeit macht es für die Bank natürlich schwieriger, ihm das Lösegeld zu verweigern. Der Bankangestellte am Schalter ruft nach seinem Chef, dem der Kommissar die Bitte erneut vorträgt.

Während die Bankleute das Geld zusammensuchen, verschnauft der Kommissar. Dieser Sprint vom Rathaus hierher war einfach zu anstrengend für ihn. Immerhin muss er so nicht die Fragen der Journalisten beantworten, also schnauft er noch etwas länger als nötig.

Fünf Minuten später liegen ein paar Stapel Banknoten verschiedener Währungen vor ihm auf dem Tresen.

"Mehr Pesos haben wir einfach nicht. Das sind jetzt etwa zweitausend Euro in Pesos. Und wir haben keinen Koffer gefunden."

"Keinen Koffer?", fragt der Kommissar entgeistert.

"In dieser ganzen Bank gibt es keinen."

Der Kommissar schaut sich entsetzt um. Sollte diese Entführung daran scheitern, dass es keine Koffer gibt? Dann fällt sein Blick auf einen Assistenten von einem der Kameraleute, der einen silbern glänzenden Koffer mit dem Logo der Fernsehgesellschaft trägt.

"Entschuldigen Sie, wir brauchen den Koffer", erklärt Kommissar Kalissa dem sichtlich verdutzten Assistenten. Alle Kameras sind nun auf ihn gerichtet, und er schaut hilfesuchend zu seinem Kameramann, der ihm zunickt. Der Kommissar nimmt den Koffer, räumt den Schaumstoff und den Kleinkram raus und packt das Geld rein. Dann klappt er ihn zu und rennt wieder zum Rathaus.

In der Eingangshalle trifft er seine Sekretärin wieder. "Der Flieger ist startklar, aber wer soll ihn fliegen?"

"Der Freund meiner Tochter, er ist schon auf dem Weg zum Flughafen. Ich habe das Geld. Warten Sie hier, es könnte gefährlich werden."

Damit rennt er weiter die Treppen hoch, Richtung zehnter Stock. Im fünften Stock kann er nicht mehr und muss Pause machen. Die Gelegenheit nutzt er, um die Entführer auf den neuesten Stand zu bringen, die mittlerweile am Ausgang zum Hubschrauberlandeplatz stehen.

Zwei weitere Stockwerke höher macht er erneut Pause. Er nimmt tausend Euro aus dem Koffer und legt dafür einen Zettel rein, dass er das Geld braucht, um den Sekretär zu bestechen, dass der die Klappe hält.

Als der Kommissar bei den Polizisten in zweitobersten Stock ankommt, muss er wieder Pause machen. Er kann den Hubschrauber schon in der Ferne hören. Er instruiert die Polizisten, die Geldübergabe auf keinem Fall zu stören, da es ja um das Leben des Bürgermeisters und der anderen Geiseln geht.

Als er die letzten beiden Treppen hochsteigt, überlegt der Kommissar, wie lange die Geiseln wohl brauchen werden, um aus Südamerika zurück zu kommen. Bestimmt eineinhalb Tage bis sie dort sind, dann nochmal Diskussionen mit der Botschaft. Wenn er Glück hat, sind sie eine ganze Woche weg. Wie wunderbar.

Kurz darauf erreicht er die Entführer und die Geiseln. Die Entführer kennt er ja schon, von als sie ihn entführen wollten. Hinzu kommen der Bürgermeister und sein Sekretär, der letztes Mal auch schon dabei war, Oberwaldmeister Abbe sowie der Fahrstuhlführer, der ja ebenfalls letztes Mal schon dabei war. Wenigstens mit dem wird es keine Probleme geben.

Kommissar Kalissa übergibt den Geldkoffer und nimmt dafür den sichtlich nervösen Sekretär sowie den Fahrstuhlführer in Empfang. Die beiden Entführer treiben ihre verbliebenen Geiseln zum Hubschrauber, der kurz darauf abhebt.

Als sie wieder im Haus sind, hält der Kommissar die beiden ehemaligen Geiseln an. Er wendet sich eindringlich an den Sekretär. "Sie erinnern sich sicherlich noch an letztes Mal. Kein Wort darüber, auch jetzt nicht. Niemand darf es erfahren. Sie wissen ja, wie das mit Ihnen und meiner Sekretärin war." Dabei zwinkert er dem Sekretär zu. "Und Sie wissen ja auch, dass die beiden etwas miteinander hatten", ergänzt er mit Blick auf den Fahrstuhlführer.

Als der Kommissar ihm ein Bündel Geldscheine, fünfhundert Euro, in die Hand drückt, nickt er freudig. "Na klar. Ich hab die beiden schließlich oft genug gemeinsam transportiert."

Dann drückt Kalissa das restliche Geld dem Sekretär in die Hand. "Hier, für den Stress, den Sie hatten. Kaufen Sie sich was Schönes davon, oder machen Sie ein paar Tage irgendwo mit Ihrer Frau Urlaub."

Der Sekretär schaut ihn ungläubig an.

"Ich hab’s den Entführern geklaut", erklärt der Kommissar mit einem Achselzucken und freut sich auf ein paar paradiesische Tage, in denen er dem Oberwachtmeister nicht begegnen wird. Und er hat sogar noch zwei Stunden Zeit, Berichte zu schreiben, bis er Feierabend hat.


hoch

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