Ein Krokodilleben


In einem Park am See in der Stadt lebte einstmals ein kleines Krokodil. Es war sehr klein, denn es war noch sehr jung. Aber es hatte, wie das bei Krokodilen so üblich ist, immer Hunger, denn Krokodile sind nun mal immer hungrig, damit sie groß und stark werden.

Unser kleines Krokodil lebte also in seinem Park an einem See unter dichten Bäumen. Im Sommer, als die Stadt leer war, weil alle in Urlaub gefahren waren, lag es oft auf dem Parkplatz, denn der dunkle Teer wurde in der Sonne so schön warm. Und unser kleines Krokodil mochte es, wenn sein Bauch warm war.

Wie es da so auf dem Parkplatz vor sich hin döste, hörte es plötzlich ein Schnaufen und dann ein Bellen. Ein großer, zotteliger Hund kam über den Parkplatz gerannt. Und er kam vom See her und schnitt unserem kleinen Krokodil den Fluchtweg ab.

Was sollte unser Krokodil nun machen? Sollte es den Hund angreifen? Aber der war ja viel größer. Sollte es vielleicht versuchen, wegzulaufen? Aber auch das versprach nur wenig Aussicht auf Erfolg, denn der Hund war sicherlich an Land viel schneller. Das Krokodil fürchtete um sein Leben, wie der Hund so bedrohlich auf es zukam.

Dann hatte es die Idee, sich einfach tot zu stellen. Es steckte alle Beine von sich und wartete. Der Hund kam auf es zu und beschnupperte unser Krokodil von allen Seiten. Erst von rechts, dann von vorne, dann von links, dann wieder von vorne, immer um das Krokodil herum. Unserem kleinen Krokodil kam es wie eine Ewigkeit vor, die der Hund um es herum lief. Immer wieder stupste er es an, doch es reagierte nicht. Dann hatte er wohl irgendwann genug, vielleicht hatte er grade keinen Hunger oder wusste nicht, ob es überhaupt essbar war.

Die nächsten Tag mied es den Parkplatz lieber, wer wusste schon, was noch so alles in der Stadt lebte.

Ein paar Tage später fand es morgens am Ufer neben einer Bank eine seltsame Frucht, die es noch nie zuvor gesehen hatte. Eine Pampelmuse. Unser kleines Krokodil probierte die Frucht, sie schmeckte sehr gut. Doch nach einer Weile wurde dem Krokodil ganz komisch zu Mute und es konnte nicht mehr richtig laufen und sah plötzlich alles doppelt. Die Pampelmuse war nämlich eine überreife Frucht und hatte schon Alkohol angesetzt. Und für so ein kleines Krokodil ist Alkohol natürlich nicht gut. Mühsam schleppte es sich zurück ans Ufer und verkroch sich im dichtesten Dickicht. Ganze drei Tage lang ging es ihm schlecht. Und seit dem mag es keine unbekannte Früchte mehr.

Und mit diesen Regeln – Vorsicht auf dem Parkplatz und keine unbekannten Früchte essen – ging es unserem Krokodil sehr gut im Park am See in der Stadt und es wurde immer größer. Und wenn es nicht gestorben ist, dann wächst es dort noch heute.


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Genres:
* Prosa *


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