Radleif der Albatross

Sanft und wellig breiteten sich die Hügel unter den Schwingen von Radleif, dem größten der großen Albatrosse, aus. Eigentlich wollte er ja ganz wo anders hin, aber irgendwie hatte er sich wohl mal wieder verflogen.

Es war aber auch immer wieder kompliziert. Erst muss man landen, was schon kompliziert genug für sich alleine ist. Und wenn man sich dann umgeschaut hat, muss man plötzlich sofort wieder starten, weil irgend so ein blödes Vieh einen angreift. Und dann startet man wieder, was schon anstrengend genug ist, und dann ganz schwuppdiwupp hat man plötzlich die Richtung verloren und weiß überhaupt nicht mehr, wo vorne und hinten, geschweige denn oben und unten ist. Und so ist er hier gelandet und weiß nicht einmal, wo genau hier eigentlich ist.

Richtige Berge gibt es hier nicht, nur runde Hügel, die mit Wald oder Weiden bedeckt sind. Dazwischen ringeln sich kleine Flüsse und an einigen Stellen gibt es Siedlungen von Menschen, aus denen dünne Rauchfahnen aufsteigen. An einer Stelle überflog er eine größere Siedlung mit eine Mauer außenrum. Radleif hat kurz überlegt, ob er versuchen soll, auf der Mauer zu landen, Felsen hat er schließlich schon seit Stunden keine gesehen und auf Wiesen konnte man ja so schlecht landen.

Doch dann zischte und rauchte es plötzlich unter ihm und ein Drache oder sowas sauste an ihm vorbei. Es sah eigentlich nicht wie ein Drache aus, aber es zog einen feurigen Schweif hinter sich her und was sollte es sonst sein?

Es flog einen großen Bogen und sauste dann wieder in die Stadt hinab und verschwand dann durch eines der Dächer. Es tat einen lauten Platsch und das Dings flog in einen Kessel, der in einem Kamin über dem Feuer stand. Und kurz darauf kletterte ein Mensch aus dem Kamin und rieb sich den Kopf.

Dann zog er etwas aus dem Kessel, schnallte es sich wieder auf den Rücken und flog kurz darauf wieder in den Himmel. Ein Drachenmensch oder Menschendrache oder sowas. Radleif beeilte sich, aus der gekrümmten Flugbahn des Menschen zu verschwinden und flog Richtung Sonne. Nach diesem Schreck bekam er Hunger, doch es war nirgendwo das Meer zu sehen. Und auch kein größerer See oder Fluss, alles nur kleine Bäche. Und da konnte man ja nun wirklich nicht drin Fischen. Also musste er wohl wo anders etwas zu essen finden.

Er entfernte sich weiter von der Stadt, doch es gab nur diese langweiligen Hügel und dahinter noch mehr Hügel und dahinter wieder Hügel. Und nirgendwo Felsen. Dann sah er den See. Ruhig lag er in einem Tal zwischen bewaldeten Hügeln, ein Weg führte an ihm entlang und an einer Stelle gab es einen Ort am Ufer mit einer Mauer zum Wasser hin. Die wäre bestimmt gut geeignet zum landen, also segelte Radleif in langen Schleifen hinab. Dann kam der komplizierteste Teil, die Landung. Er bremste ab, aber nicht zu viel, denn dann würde er ja ins Wasser plumpsen, streckte seine Füße aus und versuchte mit ihnen den Boden zu berühren. Natürlich stolperte er und fiel dann hin. Und natürlich hatte er die Länge der Mauer falsch eingeschätzt und rutschte am Ende von ihr hinab. Wenigstens fiel er weich. Radleif versuchte sich zu orientieren, als sich plötzlich etwas schweres auf ihn herniedersenkte. Sofort schüttelt er sich und ein Kind sprang auf, dass sich auf ihn gesetzt hatte.

"Iuaaarh! Dieses neue Sofapolter bewegt sich! Hiiiiiilfe!" Und dann rannte es davon. Radleif rappelte sich auf. Er hatte Hunger und wollte endlich was essen. Dann lief er zum See und begann zu fischen. Er fing jedoch keine Fische sondern nur erst eine Platiktüte, dann einen alten Schuh und dann schließlich einen violetten Hut.

"Ey!" rief der Hut. "Was soll das?" Radleif ließ ihn aufs Gras fallen, doch der Hut keifte weiter: "Ich bin doch kein Fisch! Ich will zurück, hier ist es langweilig!"

Radleif schaute den Hut verwirrt an. "Langweilig?" fragte er zurück.

"Ja, natürlich langweilig. Hier gibt es überhaupt keine Wellen und nichts."

"Wellen? Aber im See doch auch nicht. Das Gekräusel hier sind doch keine Wellen."

"Natürlich sind es Wellen", entgegnete der Hut. "Große starke Wellen. Und wenn es windig ist, sind sie manchmal höher als meine Krempe!"

"Und das nennst du Wellen? Sowas mickriges? Du solltest mal ans Meer reisen, da sind richtige Wellen!"

"Ans Meer?" Der Hut war nachdenklich geworden. "Und da sind die Wellen größer?"

"Viiiiiiiiiiiiiiel größer", versprach Radleif. "Sehr viel größer."

"Wirklich?" Der Hut klang nun sehr neugierig. "Kannst du mich da hinbringen?"

"Ähm", überlegte Radleif. "Nun ja, eigentlich will ich da schon hin. Aber ich weiß grad nicht, in welche Richtung ich fliegen muss, weißt du. Und außerdem hab ich Hunger. Deswegen wollte ich ja grade einen Fisch fangen."

"Oh, einen Fisch wolltest du fangen? Wenn du versprichst, mich zum Meer mitzunehmen, helfe ich dir mit den Fischen, einverstanden?"

Radleif nickte. Transporthilfe gegen Verpflegung, das war ein Win-Win-Situation wie er sie liebt.

"Du nimmst mich in den Schnabel und ziehst mich durchs Wasser. Die Fische bleiben dann in mir hängen und wenn du mich rausziehst, hast du Fische gefangen und kannst sie essen."

Gesagt, getan und wenige Minuten später lagen mehrere zappelnde Fisch auf der Rasenfläche. Radleif machte sich sofort über sie her, doch bevor er mehr als drei Fische gegessen hatte, hörte er aus Richtung des Hauses wieder Stimmen:

"Heh, das Vieh vom Sofa ist wieder da! Schaut, da am Wasser."

Dann kamen zwei Kinder auf Radleif zu gerannt. Radleif überlegte kurz, ob er seine Fische verteidigen soll, schnappte dann aber lieber den Hut und wich zurück.

"Heh, ihr Blagen!" hörte er eine Stimme aus dem Haus. "Wer passt denn jetzt auf den Gasherd auf? Die Kürbiskarottensuppe kocht doch über, wenn keiner aufpasst!"

Die Kinder hielten an und waren unschlüssig. Sollten sie Radleif weiter verfolgen oder zurückrennen? Radleif beschloss, sie nun seinerseits anzugreifen und spreizte seine Flügel zu ihrer ganzen Spannweite von mehr als fünf Metern. Dann watschelte er auf die Kinder zu und machte dabei Gesten wie jemand, der sich durchs Haar fährt und dabei das Meer teilt. Die beiden Kinder bekamen Angst und rannten ins Haus zurück.

Radleif ass schnell noch einen Fisch, doch als die Kinder zusammen mit ihren Eltern zurück kamen, wurde es ihm zu viel. Er schnappte sich den Hut und schwang sich elegant in die Luft. Irgendwie ging das starten immer so viel besser als das landen, schon seltsam.

Kaum waren sie ein Stück aufgestiegen, als es in der Mitte des kleinen Ortes einen lauten Knall gab, dann stieg eine Feuersäule auf.

"Was ist das?" wollte der Hut wissen, der von der Druckwelle und der warmen Luft getroffen wurde.

"Hmmemem eono wodoron"

"Wie bitte?" Fragte der Hut nach, doch da Radleif den Hut mit dem Schnabel trug, war seine zweite Antwort nicht deutlicher. Da auch seine Flugeigenschaften mit dem violetten Hut im Schnabel sehr schlecht waren, ließ er den Hut los und fing ihn kurz darauf mit den Krallen wieder auf. Mit den Füßen ließ sich der Hut besser tragen und nun konnte er auch dem Hut antworten.

"Da unten ist ein Auto explodiert", erklärte Radleif dem Hut. "Wie nutzen jetzt die aufsteigende warme Luft, damit wir schneller in die Höhe kommen. Und wenn wir dann oben sind, können wir schauen, ob wir das Meer irgendwo sehen. Die Aussicht von ganz oben ist wirklich phänomenal."

"Schade, dass ich keine Augen habe" meinte der Hut traurig. "Ich kann leider nur schmecken und hören und fühlen. Aber das dafür um so besser!"

"Du hast noch nie die Berge gesehen? Und die Felsen, die wundervollen Felsen?" Dann fiel dem Albatros etwas ein. "Oh, aber hier gibt es ja weit und breit keine Felsen. Also würdest du wohl auch keine kennen, wenn du sehen könntest, habe ich recht?"

"Jaja", bestätigte der Hut. "So haben wir alle unsere Stärken und Schwächen. In meiner Jugend bin ich übrigens weit herumgekommen, ich war sogar mal im Sudan. Da war es ganz schön heiß, kann ich dir sagen."

"Oh, dann ist das wie da, wo ich groß geworden bin. Viel Sonne und heißes Wetter und viel Meer. Gut, Meer gab da, wo du warst, wohl nicht, du hast ja noch nie welches gesehen oder gehört oder so."

Dann war plötzlich ein lautes Quietschen zu hören.

"Das Geräusch kenne ich" rief der Hut begeistert. "Das war ein Auto, das eine Vollbremsung hingelegt hat. Das hab ich schon öfter erlebt."

"Ein Auto mit Vollbremsung, du hast wirklich schon viel erlebt", antwortete Radleif und flog noch ein Stück höher.

Während sie immer höher stiegen, wurde die Unterhaltung immer mehr zu einem Monolog des Hutes, der unter dem Albatros hing.

Mehr als zwei Tage später schließlich sah der Albatros endlich das Meer.

"Da hinten ist es!" rief er ganz aufgeregt und unterbrach so den immer noch redenden Hut.

"Da hinten ist was?"

"Das Meer, das Ziel deiner Träume! Da wollen wir hin!"

Und so machte sich Radleif langsam an den Abstieg, ein Segelflug, wie er im Bilderbuch steht. Felsen gab es hier leider auch nicht, aber zumindest eine große Strandpromenade, die um diese Zeit am früher Morgen komplett ausgestorben war.

"Ich muss dich zur Landung wieder in den Mund nehmen", erklärte Radleif, als sie in hundert Meter Höhe über der Promenade kreisten.

"Oh, wie aufregend" erklärte der Hut. "Ich kann das Meer hören. Das ist ja alles ganz schön aufregend. Das Meer klingt ja fast wie ein – huch!" Und an dieser Stelle ließ Radleif den Hut los und machte einen kurzen Sturzflug, um ihn mit dem Schnabel wieder aufzufangen.

"Das war ja aufregend" plapperte der Hut weiter, als Radleif ihn wieder im Schnabel hatte.

Während der Hut weiter redete, versuchte Radleif sich ganz auf die Landung zu konzentrieren. In der richtigen Geschwindigkeit anfliegen, dann ganz langsam abbremsen, mit den Füßen nach dem Boden tasten und laufenlaufenlaufen und dabei langsamer werden. Und als er fast schon angehalten hatte, machte es platsch, als er in etwas weiches trat und er rutschte doch wieder aus. Dabei war die Landung so gut gelungen. Und dann dieser blöde Hundehaufen an der falschen Stelle.

Radleif rappelte sich wieder auf. Der Hut war schon ganz aufgeregt. Das Meer! Er würde gleich im Meer schwimmen!

Radleif nahm ihn und watschelte den Steg entlang. Am Ende des Stegs kletterte er vorsichtig eine Treppe hinab und sprang dann ins Wasser. Dort ließ er den Hut los, der vor Freude juchzte und auf den Wellen tanzte. Und auch Radleif freute sich, endlich wieder am Meer zu sein.

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* Prosa * Humor *


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