Elgtesten 32: Sursteik II/Sauerbraten II

Bei uns in der WG lebt ein Elch. Das wäre ja grundsätzlich kein Problem, doch der Elch ist genauso verrückt wie wir. Vielleicht ist das der Grund, warum er sich häuslich bei uns niedergelassen hat.

Einmal im Jahr machen wir bei uns in der WG ja einen Sauerbraten für uns und unsere Freunde. Das ist dann immer das kulinarische Jahreshighlight.

Da wir dann aber immer eine ganze Menge Leute sind – meistens so fünfzehn bis zwanzig – ist das natürlich immer ganz viel Arbeit und auch sehr chaotisch. Als größtes Problem hat sich jedoch erwiesen, dass wir es jedes Jahr aufs Neue nicht schaffen, das Rezept endlich mal zu notieren. Also sitzen wir zwei Wochen vor dem zweiten Advent, an dem es das Essen bei uns gibt, da und rätseln, wie genau das Rezept nun war.

Naja, auf jedem Fall haben meine Mitbewohner mich diesmal überredet, das Rezept aufzuschreiben. Also saß ich mit ihnen in der Küche und wir haben die Rezepte durchgesprochen, denn für die Vegetarier machen wir ja auch vegetarischen Sauerbraten.

"Der Braten muss richtig zart sein!"

"Die Knödel, die sich wichtig. Drei für jeden!"

"Og rådkålen..."

"...den Braten rechtzeitig einlegen..."

"...du må ha eplermos inn i den."

"Der vegetarische Braten ist immer total lecker!"

Nun ja, so haben wir bestimmt zwei Stunden lang alle durcheinander geredet und dabei zwei Flaschen Wein getrunken. Aber zumindest hatten wir am Ende des Abends eine Liste mit Zutaten, die wir insgesamt brauchten, unter anderem 60 Klöße aus dem Kochbeutel, 2 Kilo Rotkraut und ein Glas selbstgemachtes Apfelmus, mindestens ein halbes Kilo altes Brot, zweieinhalb Kilo Braten und noch vieles mehr.

Aber vielleicht sollte ich das ganze etwas systematischer erklären. Man fängt drei oder vier Tage vorher an, denn so ein Sauerbraten, zwei bis drei Kilo Rinderbraten für 12-15 Fleischesser, muss ja eingelegt werden. Dafür lässt man den Elch zwei Stück Petersilienwurzel, zwei Stück Sellerie, zwei Lauche, vier Zwiebeln sowie zehn Möhren schneiden. Für das Einlegen werden zwar nur vier Möhren gebraucht, aber da der Elch gerne nascht, geben wir ihm einfach mehr zu schneiden, damit es nachher hinkommt.

Der Braten kommt dann in einen ganz großen Topf zusammen mit dem Gemüse sowie 20 Lorbeerblättern, 10 Nelken und je vierzig Wacholderbeeren und schwarzen Pfefferkörnern – Achtung! Nicht verzählen!. Dazu kommt dann ungefähr ein Liter Haushaltsessig oder auch etwas mehr sowie etwas Wasser, so dass der Braten dann ganz bedeckt ist.

Nachdem wir das dann drei Tage lang auf dem Balkon versteckt haben, damit es erstens kühl steht und zweitens der Elch nicht alle zehn Minuten den Deckel anhebt und reinschaut, ob schon was passiert ist. Naja, ich gebe zu, gelegentlich mache ich das auch, aber so ist das eben.

Am Bratentag holen wir den dann wieder rein und dann geht der Stress auch schon so richtig los, denn nun müssen beide Braten fast parallel gemacht werden. Aber damit es nicht zu zuviel Verwirrung führt, erklär ich erstmal den unvegetarischen weiter und dann den normalen vegetarischen Braten.

Der Fleischbraten muss dann aus dem Topf genommen und abgetupft werden, was natürlich unsere Medizinstudentin übernehmen muss, denn mit Tupfern kennt sie sich ja von Berufs wegen aus. Währenddessen schneidet der Elch wieder Gemüse, und zwar vier Möhren, zwei Lauchs, zwei Petersilienwurzeln, zwei Selleriestücke sowie vier Zwiebeln. Und dazu natürlich von den meisten Sachen noch etwas mehr, weil der Elch ja der Elch ist, ihr kennt das ja.

Währenddessen zählt jemand die Gewürze ab: zwei Teelöffel Thymian, 8 Nelken, zwei Teelöffel Korianderkörner, 40 Wacholderbeeren, 8 Lorbeerblätter, zwei Esslöffel Pfefferkörner sowie die Schale einer halben Bio-Zitrone. Das ganze Zeug wird dann von unserer Medizinerin in einen Stoffbeutel eingenäht, damit die Körner nicht überall herumschwirren.

Währenddessen wird Öl in dem großen Bratentopf warm gemacht und Speck darin angebraten. Die Jahre, wo Moslems zu Essen kommen, werden stattdessen Zwiebeln genommen. Das Fleisch wurde dann bereits gründlich mit Salz eingerieben und wird dann mit großer Hitze von allen Seiten angebraten. Das ist dann immer sehr abenteuerlich, den Braten zu wenden, weil der natürlich groß und schwer und heiß ist. Das Gemüse, dass der Elch geschnitten hat, kommt dann auch da ran und wird mit angebraten. Das ganze wird dann mit Rotwein und Marinade gelöscht. Dann kommt der Gewürzbeutel rein und kalte Butterstückchen auf den Braten und das Ganze bei 225 Grad für zwei Stunden in den Ofen.

Am Tag davor haben wir dann immer schon altes, trockenes Brot eingeweicht, und zwar mit den gleichen Zutaten wie die Marinade des Sauerbratens. Das wird dann der vegetarische Braten. Der wird dann jetzt ausgedrückt. Zwei fein gehackte Zwiebeln, frische Kräuter, Kapern, Gewürzgurken, Tomaten, Pilze und zwei Läuche hackt der Elch und verrührt sie. Und da er keine rohen Kapern mag, nascht er hier auch nicht viel.

Das wird dann in flüssiger Butter angebraten. Dazu kommen drei verschlagene Eier sowie Salz und Pfeffer. Wenn wir dann das alles mit dem alten Brot verrührt haben, kommt es in eine eckige Kuchenform, um daraus einen Braten zu machen, es soll schließlich echt aussehen. Dafür muss es natürlich fest genug sein, was wir mit mehr oder weniger viel Paniermehl erreichen.

Nachdem wir den Braten wieder aus der Kuchenform geholt haben, kommt noch Mehl drumherum und dann wird der genauso angebraten wie der unvegetarische Braten. Der ganze Rest der Prozedur ist genauso wie bei dem anderen.

Wenn die Braten also so zwei Stunden im Ofen waren, kommen zwei Becher Sahne für den unvegetarischen und einer für den vegetarischen hinzu und dann geht’s wieder eine halbe Stunde in den Ofen. Und spätestens an diesem Punkt bricht dann regelmäßig die Panik aus, da das Wasser für die fünfzig bis sechzig Klöße partout nicht kochen will, obwohl wir es schon vor einer halben Stunde auf den Herd gestellt haben. Und auch das Rotkraut muss nun aus den Gläsern und gerührt und mit Apfelmus und Nelken gewürzt werden und überhaupt ist ab diesem Punkt alles nur noch hektisch. Zumal der Elch schon wieder halb besoffen ist, weil er heimlich den restlichen Wein getrunken hat und die ersten Gäste schon da sind und andere grade anrufen, dass sie eine halbe Stunde später kommen.

Wenn die Braten fertig sind, nehmen wie sie aus dem Topf und stellen sie im Ofen warm. Die Gewürzbeutel und den Speck nehmen wir auch raus und dann pürieren wir das ganze und lassen es kochen, bis es fest genug für Soße ist. Wenn die Stückchen zu groß sind, hilft ein Sieb weiter. Und wenn es zu wenig Soße ist, hilft Wasser mit Gemüsebrühepulver sowie Soßenbinder. Oder etwas Wein, wofür wir dann natürlich noch eine zweite Flasche aufmachen müssen. Und dann gibt es überraschenderweise nur eine halbe Stunde später als geplant Essen und alle sind froh. Naja, außer uns, denn wir müssen den ganzen Kram am nächsten Tag spülen, den wir benutzt haben.

hoch

------------------------------------------------------

Weitere zu dieser Geschichte dazugehörende Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Kulinarisches * Alltagsgeschichten * Humor *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: