Jenseits des Grünkohls

Früher mal, da gab es ein Land, das hieß England. Doch das war vor dem Grünkohl.

Und jetzt waren wir unterwegs, um es zu überfliegen und einen Stützpunkt für eine mögliche Luftschiffbasis zu finden. Unser Luftschiff hatte vier Personen Besatzung. Da wäre zuerst Kapitän Stirling, der einem schottischen Adelsgeschlecht entstammt und unsere Expedition leitet. Dann ist da Pit, unser Navigationsoffizier und erster Offizier. Der dritte ist Leif, unser Elgensgutt aus Skandinavien, also sowas wie ein Cowboy für Elche. Zusammen mit mir sind wir die Mannschaft, Maschinist, Heizer und Smutje in einem.

Unser Luftshciff hätte eigentlich Platz für eine größere Mannschaft, aber für die Reise in den verlassenen Süden der Insel wollten wir möglichst viele Kohlevorräte mitnehmen, da wir nicht wussten, ob wir sie dort auffüllen könnten.

Schon als wir in den Süden Schottland kamen und uns der Grenze zu den Grünkohllanden näherten, konnten wir es riechen, Kohlgeruch, schwer und anstrengend. Wir stiegen etwas höher in eine Luftschicht mit Nordwestwind. Das beschleunigte einerseits unsere Reise und schütze uns andererseits vor den Kohlgerüchen.

Doch ob wir wollten oder nicht, wir würden uns an den Geruch von Grünkohl gewöhnen müssen, wenn wir in England irgendwo landen wollten. Je weiter wir kamen, desto dichter wurde der Grünkohlgeruch.

"Na wenigstens riecht man unsere stinkenden Socken jetzt nicht mehr", scherzte Leif, als wir mal wieder durch eine Wolke besonders dichten Grünkohlgeruch flogen. Wir mussten davon beide so lachen, dass wir mit Kohleschüppen aufhören mussten, bis wir uns beruhigt hatten.

Die meiste Zeit hatten wir jedoch Gegenwind, so dass wir nur langsam voran kamen. Unter uns breitete sich tagelang das ewig gleiche, wellige, von Grünkohl überwucherte Land aus. Manchmal überflogen wir halb verfallene Orte, deren Straßen und Dächer über und über mit Kohlpflanzen bedeckt waren.

Nachdem wir einige Tage lang über endlose Grünkohlfelder geflogen waren, bekam ich so meine Zweifel, ob wir irgendwo eine Stelle zum Landen finden könnten, die für eine Luftschiffbasis geeignet ist. Der verdammte Kohl verpestete überall die Luft.

Dann, nach fünf Tagen Flug, sahen wir die erste Explosion. Ich hätte nie gedacht, dass der Geruch von Grünkohl so schlimm sein kann, dass er explodiert, aber offensichtlich ging es.

Glücklicherweise war die Explosion weit genug weg, dass sie uns nicht erfasste. Doch ein paar Stunden später ereignete sich eine weitere schräg unter uns. Und diesmal gerieten wir in die Auswirkungen rein. Unser Luftschiff wurde heftig durchgeschüttelt. Ich schaffte es grade noch, das Ventil zu öffnen, das den Dampf in den Ballon ließ, damit wir steigen konnten. Dann erwischte und sie Grünkohlwolke und wir wurden ohnmächtig.


Als ich wieder zu mir kam, sanken wir bereits langsam wieder, waren aber immer noch sehr hoch, mindestens siebentausend Fuß. Mühsma rappelte ich mich wieder auf. Das Feuer war niedergebrannt, also warf ich erst Holz und dann Kohlen unter den Kessel, damit wir nicht irgendwann am Boden zerschellen würden. Während ich so arbeitete, kamen auch die anderen wieder zu sich.

"Was ist passiert?" wollte Kapitän Stirling wissen.

"Es gab eine Grünkohlexplosion", erklärte ich. "Als sie uns erfasste, habe ich das Ventil geöffnet, bevor ich ohnmächtig wurde. Und als ich wieder zu mir kam, waren wir schon am sinken."

"Sie haben das Ventil ohne meinen Befehl geöffnet?" fuhr der Kapitän mich an. "Was haben Sie sich dabei gedacht?"

"Kapitän", mischte sich nun Pitt ein. "Er hat uns damit wahrscheinlich das Leben gerettet."

"Aber das Ventil öffnen ohne meinen Befehlt? Sowas geht einfach nicht!"

Der Kapitän schimpfte weiter, während ich Kohlen schaufelte.

"Wo sind wir hier eigentlich" wollte Leif schließlich wissen. "Es gibt hier Stellen, wo ich Gras sehen kann anstatt Kohl."

Da stürmten wir alle zur Reling und schauten hinab. Und tatsächlich, es gab vereinzelt Stellen ohne Kohl, und in Fahrtrichtung schienen es mehr und größere zu werden. Wir waren noch zu hoch um Details zu erkennen, aber die unterschiedliche Färbung war deutlich.

"Und dort ist eine Tierherde", rief Pitt und zeigte auf eine Gruppe brauner Flecken.

Als die Grünkohlflecken immer seltener wurden, beschlossen wir zu landen. Wir setzten in einem grasbewachsenen Tal auf, und tatsächlich gab es hier keinen Grünkohl. Wir beschlossen, über Nacht hier zu bleiben, damit wir die Sterne peilen und unsere Position bestimmen konnten.

Gegen Abend, als es dämmerte, kam die Herde der Tiere in das Tal. Sie waren gemächlich unterwegs und weideten Gras und kleine Büsche.

"Elche!" rief Leif begeistert. "Das sind ja Elche!"

Und nun zeigte sich, wie gut Leif als Elgensgutt war, denn völlig problemlos dirigierte er die Tiere um unseren Landeplatz herum. Doch als er wieder zu uns kam, hielt er sich die Nase zu.

"Die Viehcher fressen massenhaft Grünkohl und riechen auch so, Wahrscheinlich ist das eine Delikatesse für die."

"Das heißt", folgerte Kapitän Stirling, "dass wir hier den Stützpunkt errichten können, wenn die Elche auch hier bleiben?"

"Ich denke schon", antwortete Leif. "Aber sie sollten hinter dem nächsten Hügel in Windrichtung gehalten werden."

Und so entdeckten wir mitten im Grünkohlland eine Elchherde und damit die Stelle für unsere Luftschiffbasis.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Prosa * Science Fiction *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: