Todefalle U-Bahn

Mirena flucht. "Schon wieder das blöde Antihistaminikum verloren! Und schon in neun Monaten ist Heiligabend! Wie konnte das nur so schnell passieren?"

Ulrich schaut Mirena ungläubig an. "Du hast Sorgen, Mirena... Es ist doch noch nicht mal Ostern."

"Na und? Auch wenn Winter ist, brauch ich mein Antihistaminikum. Der nächste Pollenalarm kommt bestimmt, das weißt du doch, Ulrich."

"Aber doch nicht bei minus zehn Grad! Das kannst du deiner Oma erzählen."

"Kann ich gar nicht", keift Mirena zurück. "Die ist nämlich schon längst ganz mausetot, die blöde Schnepfe."

"Dann halt der anderen. Die haben wir doch vor drei Wochen erst besuchen müssen."

"Du bist voll uneinfühlsam, du... du... du... Kackaffe du!"

"Das meinst du jetzt nicht ernst, oder?"

"Und ob!"

"Ey Leute" mischt sich nun ein anderer Fahrgast der U8 ein. "Könnt ihrer eure Krise nicht zu Hause ausdiskutieren? Das interessiert hier doch nun wirklich keinen."

"Jawoll", wirft ein anderer Fahrgast ein. "Recht hat er."

"Aber das mit meinen Antihistaminikum ist nun mal schlimm. Und ein Kackaffe ist er auch!"

"Bin ich gar nicht!"

"Bist du doch!"

"Ich glaub, ich steig aus" wirft nun der Fahrgast ein, der dem ersten zugestimmt hat.

"Ich auch", ergänzt der zweite. Weitere Leute in dem Wagen stimmten ihnen zu und als der Zug im U-Bahnhof Boddinstraße hielt, verließen sie alle den Wagen und ließen die sich noch immer anbrüllenden Ulrich und Miren alleine.

"Was für egoistische Leute", meint eine Ältere Frau in die Runde.

"Gut das wir ausgestiegen sind", entgegnet ein junger Mann. "Ich bin übrigens Yussuf."

"Und ich die Annerose."

"Ich wüsste ja zu gerne", wirft nun ein zweiter junger Mann – Typ Hipster – ein, "wie lange die beiden sich noch weiter anschreien."

"Oh, das kann ich euch sagen", erklärte ein Mann in BVG-Uniform. "Höchstens bis Herrmannstraße, denn der Zug fährt dort aufs Abstellgleis, und dann müssen ja alle aussteigen."

"Der arme Lokführer, der die beiden aus dem Zug werfen muss", wirft eine junge Frau mit ostasiatischem Aussehen nun ein. "Dem wird es wohl nur schwer gelingen, sich Gehör zu verschaffen."

"Denen kann nur professionelle Hilfe helfen." Die anderen schauen die Studentin an. "Professionelle Hilfe?"

"Ja, ein Psychologe zum Beispiel."

"Ein Psychologe" fragt nun ein Geschäftsmann ungläubig nach.

"Ja, jemand der das Professionell macht."

"Wohl eher ein Psychiater, der die beiden ruhigstellt!"

"Man kann aber doch nicht alle Probleme mit Medikamenten lösen."

"Aber solche schon", erklärt die Asiatin.

"Also", wirft nun Annerose wieder ein, "ich fand die beiden extrem unhöflich. Zu meiner Zeit..."

"Das sagt meine Oma auch immer" erklärt nun die Asiatin.

"Aber Psychiater..."

Die Gruppe teilt sich in mehrere kleine Gesprächsrunden auf, die über unterschiedliche Themen diskutieren und auf die nächste U-Bahn warten.

Nach fünf Minuten sollte die nächste U-Bahn kommen, doch es passiert nichts. Nach zwei Minuten springt die Anzeige dann schließlich auf "Zugverspätung" um.

"Wo bleibt denn unser Zug", fragt Yussuf laut in die Runde.

"Ich frag mal nach", erklärt der BVG-Mitarbeiter und geht zu der Infosäule am Bahnsteigende.

"Das ist ja hier wie bei der S-Bahn" stellt der Geschäftsmann, der Verwaltungsleiter in einem Berliner Klinikum ist, fest.

Die Psychologie-Studentin schaut in die Richtung, aus der die Bahn kommen sollte. "Keine Bahn sichtbar."

"Ich hab Kohletabletten dabei" erklärt Annerose. "Ich hab nämlich früher immer Durchfall von U-Bahn-Fahren bekommen, wisst ihr?"

"Durchfall? Von U-Bahn-Fahren?"

"Tja, so ist das. Als ich jung war..."

Kurz darauf kommt der BVG-Mitarbeiter zurück. "In der Zentrale sagen sie, dass es noch eine Weile dauern kann, weil es eine Schlägerei in der Bahn gibt und sie auf die Polizei warten müssen."

"Unsere beiden Herzchen. Jetzt prügeln sie sich also."

"War ja klar."

"Mein Cousin", erklärt die Asiatin, "hat hier in der Nähe ein Café, wollen wir nicht was trinken gehen? Hier dauert es ja offensichtlich noch eine Weile, bis es weitergeht."

"Eigentlich müsste ich ja..."

"Hmm, ich weiß nicht..."

"Aber wenn die U-Bahn dann wieder fährt..."

"Aber, warum eigentlich nicht?"

"Genau, wann war ich das letzte Mal eigentlich mit völlig Fremden einen Kaffee trinken?"

"Also lasst uns gehen."

Und so sitzen die zwölf Leute ein paar Minuten später in einem kleinen Neuköllner Hinterhofcafé mit Blick auf die Hofeinfahrt, trinken Kaffee und unterhalten sich über dies und das. Als die Schatten länger werden und sie vermuten, dass die U-Bahn nun wieder fährt, beschließen sie, sich nun jede Woche zum Kaffee-trinken zu treffen, denn sie haben sich alle schon lange nicht mehr so gut unterhalten.

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* Prosa * Alltagsgeschichten *


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