Von Froschschenkeln und Schwertern

Gerome saß auf der Aloe, während Anastasius Baldrina mit seinem Schwert unter der Pflanze patroullierte.

Eigentlich war das ein sehr ungünstiger Platz, um sich vor jemandem mit einem Schwert zu verstecken, aber Gerome hatte keine andere Wahl, als sich auf diese Aloe zu flüchten. Diese Aloe war besonders groß und damit auch dafür geeingnet, auf sie zu fliehen. Und Anastasius' Schwert war aus Blei und konnte der Pflanze somit nichts anhaben. Aber das ist ja eingentlich schon das Ende der Geschichte, und ich sollte wohl lieber vorne anfangen zu erzählen.


Die Geschichte fing ganz harmlos an, nämlich damit, dass Gerome eines Abends am Ufer des Bodensees eine Panne hatte. Er war unterwegs nach Györ in Ungarn, um dort eine Ladung Froschschenkel aus der Bretagne abzuliefern, er war nämlich Fernfahrer. Aber da sein Chef Geld sparen wollte, hatte er den Firmensitz, sehr zum Leidwesen seiner Mitarbeiter, von Paris nach Smrcek in Tschechien verlegt. Bis heute hatte Gerome noch nicht herausgefunden, wir man den Ortsnamen nun aussprach. Nun ja, solange er sich auf dem Weg dorthin nicht verfuhr, war ja auch alles in Ordnung.

Das Ergebnis von dem neuen Firmensitz war jedoch, dass sie nun mit uralten, gebrauchten LKWs unterwegs waren, die in Frankreich keine Zulassung mehr bekommen hätten und die ständig Pannen hatten. Und jetzt schon wieder, und das auch noch mitten auf einer Landstraßen am Bodensee in einer Gegend, wo er nicht mal Handyempfang hatte.

Also stand Gerome neben seinem LKW und betrachtet den im Mondlicht schimmernden See. Dann machte etwas plötzlich Platsch und die kreisrunde Reflektion des Vollmondes verschwamm in den Wellen. Es gab dann noch ein raschelndes Geräusch und ein pink-senfgelb gestreiftes Etwas fiel auf den See.

Irgendetwas war in dem Ding, denn es bewegte sich und unter ihm platschte es. Es war nicht weit vom Ufer weg auf dem See gelandet und als es näher kam, bekam Gerome ein wenig Angst. Was konnte das sein, dass mitten in der Nacht in den Bodensee fiel?

Gerome kletterte in das Führerhaus seines LKWs und verriegelte die Tür. Leider konnte er nicht flüchten, da sein LKW ja eine Panne hatte. Was also sollte er tun. Während er fieberhaft überlegte, ob er irgendeine Waffe hätte, die er benutzen könnte, kam das Wesen immer näher. Und noch näher und noch näher und erreichte schließlich das Ufer. Dort machte es jedoch nicht halt sondern kletterte an Land und auf die Straße.

Da fiel Gerome ein, dass er ja noch das Standlicht hatte und dass viele Tiere Angst vor Licht hatten. Und vielleicht half es ja auch gegen dieses Wesen.

Im Licht der Scheinwerfer konnte er dann erkennen, dass das Objekt aus Stoff war und an Seilen befestigt war. Also ein Fallschirm. Ein Mensch und kein Monster. Gerome atmete erleichtert auf.

Dann stieg es aus und rief den Fremden unter seinem Fallschirm an: "Hallo! Kann ich Ihnen helfen!"

Ein unverständliches Gemurmel war die Antwort. Dann hörte er ein Ratschen und Reißen und dann kam etwas spitzes, glänzendes unter dem Stoff hervor. Ein Messer oder eher ein Schwert. Nun bekam Gerome es wieder mit der Angst. Fallschirmspringer sollten keine Schwerter dabei haben, da war er sich ziemlich sicher. Oder war das in Deutschland etwa anders? In Frankreich war sowas sicherlich verboten. Gerome zog sich vorsichtig zu seinen Wagen zurück.

"Ich bin Catain Kirk!" rief der Typ mit dem Schwert, als er sich aus dem Fallschirm befreit hatte.

Gerome schaute ihn verwirrt an und antwortete "Captain Kirk?"

"Ja, der bin ich! Wahrhaft und Leibhaftig."

Damit komm ich klar, dachte sich Gerome und rief: "Captain Kirk, hier spricht das Sternenflottenkommando. Erstatten Sie Bericht!"

"Ich war auf der Enterprise und musste außen was reparieren, man kann sich ja heutzutage auf niemanden mehr verlassen. Aber dann bin ich ausgerutscht und runtergefallen, weil mein Ersatzschwert explodiert ist. Und dann bin ich hier gelandet. Sagen Sie, können sie mich zur nächsten Transporterplattform mitnehmen?"

Gerome überlegt kurz. "Das würde ich gerne machen, aber mein Wagen ist defekt und ich kann im Moment nirgendwo hin."

"Oh, da kann ich Ihnen sicherlich helfen, denn ich war ja auf der Sternenflottenakademie und habe dort sogar das Kobayashi Maru bestanden. Zumindest beim dritten Versuch, aber immerhin. Und wenn mich das nicht in die Lage versetzt, ihrem Wagen zu reparieren, weiß ich es auch nicht."

Während der Mann seinen Fallschirm zusammenfaltet, räumt Gerome den Beifahrersitz frei. Wie selbstverständlich steigt der selbsternannte Captain Kirk zu, den nassen und zusammengafalteten Fallschirm auf dem Schoss.

"So, ich bin fertig, wir können los", erklärt er.

"Aber der Motor meines Wagens ist kaputt."

"Oh, das haben wir gleich."

Der seltsame Mann nimmt sich zwei Schnüre seines Fallschirm und befestigt eine am Fenster auf der Beifahrerseite und beugt sich dann über Gerome, um den anderen am Fenster auf der Fahrerseite zu befestigen. Dann steckt er sie sich die Enden über kreuz, den von der Beifahrerseite links und den anderen rechts, in die Ohren.

"So, versuchen Sie es nochmal, jetzt müsste es gehen."

Gerome schaut den Mann, dessen Kleidung noch immer vom Bodenseewasser tropft, skeptisch an. Doch dann fragt er sich, was er zu verlieren hat und startet den Motor. Und tatsächlich, der Wagen springt an und so kann er ohne Probleme weiterfahren. Nur die Schnur des Fallschirms, die quer über ihn verläuft, ist ein wenig störend, aber wenn sie so endlich weiterkommen, kann er damit leben.

"Wo fahren wir eigentlich hin", fragt der Mann schließlich.

"Na, zur nächsten Transporterplattform."

"Ach, erzählen Sie keinen Quatsch, das mit Captain Kirk war doch nur ein Scherz. Also, wo geht es in Wirklichkeit hin."

"Györ."

"Ist Ihnen schlecht?"

"Nein, warum?"

"Nun, sie klangen so, als müssten Sie gleich kotzen."

"Nein, das ist der Name von dem Ort, wo ich hin muss. Ich muss nämlich eine Ladung feinster bretonischer Froschschenkel dort abliefen."

"Froschschenkel?"

"Genau, ein ganze Container voll."

"Boah, das müssen ja dann ganz schön viele Frösche gewesen sein."

"Keine Ahnung, ich transportiere die nur."

"Oh."

Danach schwiegen sie eine Weile, bis ihnen plötzlich kurz vor Kempten ein Elefant vor den Wagen lief.

"Ein Elefant nördlich der Alpen", rief der vermeintliche Captain Kirk begeistert. "Das ist ja wie bei Hannibal."

Gerome musste scharf bremsen, um nicht mit dem Tier zu kollidieren. Und dann standen sie da und mussten warten, bis es sich endlich bewegte und die Straße verließ. Kurz darauf kam dann die Polizei und hielt sie an.

"Ist Ihnen der Elefant entlaufen", fragten die Beamten, doch Gerome verneinte. Wo sie nun schon einmal angehalten waren überprüften, die Beamten auch ihre Ladung und die Papiere. So erfuhr Gerome, dass sein Captain Kirk in Wirklichkeit Anastasius Baldrina hieß. Aber mit dem Namen konnte Gerome verstehen, dass er sich Captain Kirk nannte, damit konnte wenigstens jeder etwas anfangen.

Die Polizisten waren etwas irritiert von den Fallschirmschnüren, doch sie konnten kein Gesetz finden, gegen dass so etwas verstößt, so sehr sie sich auch bemühten.

Durch ihr ganzes Grübeln übersahen sie glücklicherweise komplett das Schwert, das Anastasius auf dem Schoß und dem Fallschirm liegen hatte. Er lächelte die Beamten nur freundlich an und auf die Frage, warum die Schnüre in seine Ohren führen würden, erklärte er nur: "Es funktioniert. Reicht Ihnen das nicht?"

Nachdem sie nichts fanden, um die beiden noch weiter aufzuhalten, ließen Sie sie weiterfahren. Kurz vor Salzburg dann wurde Gerome müde, doch Anastasius bot ihm an, dass er ja auch den Wagen lenken könne. Nachdem Gerome den LKW-Führerschein seines Begleiters überprüft hatte ließ er ihn – erstmal zur Probe – ein Stück fahren. Als das alles problemlos lief, legte sich Gerome in sein Bett. Vielleicht konnten sie so die Zeit, die er durch die Panne verloren hatte, doch noch aufholen.


Als Gerome wieder aufwachte, war ihm warm. Er streckte sich. Anastasius war noch am Fahren, also konnten sie noch nicht da sein. Vorsichtig kletterte er nach vorne. Draußen war es dunkel und sie waren auf einer Autobahn unterwegs, soweit, so gut.

"Wo sind wir", fragte er.

"Hmm, ja, irgendwo auf dem Weg nach Schör oder wie das Kaff heißt. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo genau."

"Also bald da?"

"Ich hoffe es."

Die Gegend sah irgendwie nicht ganz so aus, wie er Ungarn in Erinnerung hatte. Gerome war sich nicht ganz sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, seinen Begleiter fahren zu lassen. Er hoffte nur, dass bald ein Schild kommen würde, damit er sehen konnte, wo sie gelandet waren.

Doch als er endlich ein Schild kam, war Gerome ziemlich schockiert. 'Toledo 12 km' stand auf dem Schild.

"Toledo! Du hast uns nach Spanien kutschiert?"

"Toledo? Ich dachte, das wäre Richtung Dschör oder wie das Kaff heißt, wo wir hin wollen."

"Aber Ungarn ist in die ganz andere Richtung! Wir waren schon fast da. Wie lang hab ich geschlafen?"

"Ich schätze, zwei bis drei Stunden, mehr sicherlich nicht."

Gerome schaute auf seine Uhr. 23:41 und das Datum stimmte auch.

"Du bist in zweieinhalb Stunden von Salzburg nach Spanien gefahren? Das sind doch mindestens zweitausend Kilometer!"

"Nun ja, ich dachte, wir wollen schnell ankommen, also habe ich ein paar Abkürzungen genommen und mich ein wenig beeilt und bin dabei wohl irgendwo ein wenig falsch abgebogen."

"Ein wenig?"

"Naja, vielleicht war ich manchmal auch ein bisschen schneller als ich sollte. Aber dafür sind wir bestimmt bald da..."

Gerome ließ sich in seinen Sitz sinken. "Ich brauch erstmal einen Kaffee!"

Am nächsten Rasthof hielt Anastasius dann an. Sie tranken beide einen Kaffee und Anastasius hatte wenigstens den Anstand, Gerome als Entschuldigung für sein Verfahren einzuladen. Doch dann entdeckte er die Ecke, in der Toledoschwerter verkauft wurden und verbrachte die nächsten zwanzig Minuten damit, die Schwerter zu begutachten.

"Nicht ein brauchbares Schwert. Und das will eine Stadt von Waffenschmieden sein? Das kann ja wohl nicht sein!"

Gerome schüttelte nur den Kopf. Anastasius regte sich noch eine Weile auf, dann machten sie sich auf den Rückweg zum LKW.

"Können wir jetzt zurückfahren?"

"Ich brauche erst noch ein vernünftiges Schwert."

"Aber du hast doch schon eines."

"Ja, schon, aber das ist schon so abgenutzt und außerdem aus Blei."

"Aber ich muss die Froschschenkel ausliefern."

"Aber mein Schwert", jammerte Anastasius nun.

"Dein blödes Schwert kann mir gestohlen bleiben", schimpfte Gerome und nahm das Schwert und warf es raus. Während Anastasius sein Schwert aufhob, stieg Gerome ein und wollte losfahren. Doch leider hatte er völlig vergessen, dass sein LKW ja kaputt war und nur mit Anastasius' Ohrenschmalz oder was auch immer fuhr.

Der hatte inzwischen sein Schwert aufgehoben. "Sieh was du angerichtet hast. Ein weitere Scharte! Ich werds dir zeigen, einfach so mein Schwert rauszuwerfen. Na warte!"

Und damit schwang Anastasius sein Schwert und ging auf Geromes LKW los. Das Schwert schnitt das stabile Metall wie Butter.

Ratsch – ein Loch in der Tür.

Ratsch – ein Loch in der Motorhaube.

Ratsch – ein Loch in der anderen Tür.

Dann riss er ein Loch in den Anhänger und ein Haufen gefrorener Froschschenkel fiel auf ihn. Nun reichte es Gerome, er stieg aus und ging mit bloßen Fäusten auf Anastasius los.

"Erst meinen LKW sonst wohin fahren und dann auch noch meine Ladung zerstören. Du Bandit! Die Klingone! Orioner! Borg! Was weiß ich!"

Und bei jeder Beleidigung verpasste er seinem Gegner einen Schlag, während der sich noch von den Froschschenkel zu befreien versuchte.

Je mehr Gerome zuschlug, desto mehr geriet Anastasius in Rage und als er sich schließlich aus dem Essenshaufen befreit hatte, ging er mit erhobenem Schwert auf Gerome los, der nun lieber die Flucht ergriff.

Und so kam es, dass Gerome auf eine riesigen Aloe in Toledo saß, während Anastasius wütend um die Pflanze herumlief. Anastasius versuchte ein paar Mal, die Pflanze anzugreifen, doch sein Schwert, dass aus Blei und nicht aus Eisen bestand, prallte einfach von ihr ab. Gerome beobachtete das fasziniert. Nachdem das Schwert seinen LKW so mühelos durchschnitten hatte, scheiterte es an dieser Pflanze, wer hätte das gedacht. Und während die Beiden sich so belauerten, tauten die Froschschenkel auf dem Parkplatz des Rasthofes langsam auf.

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Genres:
* Prosa * Fantasy * Science Fiction * Humor *


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