Die Rache des Abendlandes

Das Raumschiff näherte sich dem Sternensystem Dragonis Delta IV, als sie eine verdächtige Sendung empfingen. Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs und Dragonis Delta IV war nur ein weiteres unbewohntes Mehrfachsternensystem, das in ihrem Weg lag. Die fremden Schiffe, denen sie folgten, hatten diese Route genommen, also mussten sie auch hier entlang.

Und jetzt das. Irgendjemand war hier und sendete Nachrichten in diesem System. Dabei war hier nicht mal ein bewohnbarer Planet bekannt. Und doch war etwas hier. Vielleicht ein altes Raumschiff, das vom Kurs abgekommen war? War das möglich? Doch wo war es?

Noch war die Porpyrin zu weit entfernt und das Signal zu schwach, um es zu lokalisieren. Der Kommunikationsoffizier gab sich jedoch größte Mühe, um die Quelle des Signals zu finden.

"Ich glaube, es kommt aus dem Gammabereich des System" erklärte er nach einiger Zeit. Sofort gab Captain Snuzzelkord das Kommando, den neuen Kurs einzuschlagen. Als das Raumschiff wendete, fluchte der Kommunikationsoffizier plötzlich lautstark.

"Was ist passiert?" fragt der Kapitän besorgt.

"Ich habe das Funkgerät fallen lassen. Und es ist natürlich voll in die Mayonnaise meines Mittagessens von gestern gefallen. Ih, wie das klebt."

Kapitän Snuzzelkord seufzte. Warum konnte er nicht mit einer etwas weniger tollpatschigen Crew den Weltuntergang überstehen? Und warum mussten die bösartigen Fremden nur so weit weg fliegen? Wo wollten sie bloß hin?

"Dann machen sie es sauber", schimpfte der Kapitän. "Am besten sofort. Sie wissen ja, wo die Werkstatt ist. Und schicken sie eine Ablösung her, wenn sie runtergehen."

Der Kommunikationsoffizier verließ die Brücke und Kapitän Snuzzelkord war mit dem Piloten alleine. Er seufzte erneut schwer. Wenn sie doch endlich die Feinde einholen würden. Immerhin hatten seine Wissenschaftler eine Idee, wie sie die Fremden bekämpfen könnten...

Ein klingeln riß Kapitän Snuzzelkord aus seinen Überlegungen und der dritte Kommunikationsoffizier kam auf die Brücke. Seit einigen Wochen litt die gute Frau an Raumkoller, aber sie konnten es sich nicht leisten, auf auch nur einen Planetonauten zu verzichten, und so mussten auch die durchgeknalltesten Leute noch arbeiten.

"Das Weltraum, das Weltraum, es ist wie ein Traum" rezitierte sie, als sie die Brücke betrat. "Und urplötzlich fallen, ganz von alleine, alle Blätter vom Kastanienbaum!"

Kapitän Snuzzelkord verdrehte die Augen. Es wurde Zeit, dass sie irgendwo ankamen.

"Doktor Bronn!" befahl er mit strenger Stimme. "Reißen Sie sich zusammen und versuchen sie das fremde Signal zu orten!"

Doktor Bronn setzte sich, noch immer sinnlose Gedichte rezitierend an ihren Platz und begann mit der Arbeit. Der Kapitän drehte gedanklich die Lautstärke des Navigators runter. Er hatte schon früher festgestellt, dass jeder Versuch, ihren Gedichten zu folgen, über kurz oder lang in den Wahnsinn führen musste.

Einige Zeit später wies Doktor Bronn auf den taktischen Bildschirm, der die Planeten des Sonnensystems zeigte. "Dort kommt es her!" Und dann rezitierte sie weiter sinnloses Zeug. Kapitän Snuzzelkord schaute den Planeten an. Er umkreiste einen roten Zwergstern, und zwar sehr nah an der Sonne. Wie dort jemand leben konnte, war ihm ein Rätsel, aber die Fremden konnten offensichtlich höhere Temperaturen ab als die Abendländerer.

"Nehmen Sie Kurs auf den bezeichneten Planeten. Mal sehen, ob wir die Fremden hier endlich zum Gefecht stellen können."

Das Raumschiff drehte plötzlich, als der Pilot den neuen Kurs auf eine sehr umständliche Art eingab und damit kurz den Zentralcomputer verwirrte. Kapitän Snuzzelkord wurde über die Brücke geschleudert und verfing sich im Kronleuchter, dessen Kerzen seinen Bademantel entzündeten. Als er sich endlich befreit hatte und wieder zu Boden fiel, stand der Bademantel schon lichterloh in Flammen.

Kapitän Snuzzelkord griff zum Interkom und bestellte die Löscheinheit auf die Brücke, die das Problem mit dem brennenden Bademantel innerhalb weniger Minuten gelöst hatte. Derweil ging der Kapitän in einen der Nebenräume, um sich einen neuen Kapitänsbademantel zu holen, denn in Unterwäsche auf der Brücke stehen fand er nicht so passend.

Als er wieder auf die Brücke kam, war der erste Pilot wieder da und hatte den Doktor Bronn auf den Copilotensitz geschoben, wo sie weiter ihre Gedichte vortrug, glücklicherweise jedoch nur noch leise murmelnd.

"Wir haben Glück", erklärte der erste Pilot. "Der Planet ist gerade ganz in unser Nähe. In fünfzehn Stunden können wir ihn erreichen."

"Sehr gut", erklärte der Kapitän. "Versuchen sie möglichst viel herauszufinden. Ich werde derweil in meine Kabine gehen und mich ausschlafen. Und damit ich besser schlafen kann, werde ich mir vorher in der Bar noch ein Glas Wein genehmigen."

Als er in seiner Kabine war, goss er sich ein Glas Wein ein, dass er aus der Bar mitgenommen hatte, trank es mit einem Schluck leer und ging dann zu Bett.


Als Kapitän Snuzzelkord wieder auf die Brücke kam, war die Porphyrin schon im Anflug auf den Planeten. Die Brücke war mit sechs Leuten voll besetzt und der Kapitän ließ sich vom ersten Offizier über die neuesten Erkenntnisse des Planeten informieren.

"Das Raumschiff ist im Orbit um einen warmen Gesteinsplaneten. Der Planet dreht sich genauso schnell um sich selber wie um die Sonne, nämlich einmal alle sieben unserer Tage. Er scheint jedoch bewohnt zu sein, denn das Raumschiff hat ein kleines Shuttle zur Oberfläche gesandt und zwei andere Shuttels sind vom Planeten aufgestiegen und zum Raumschiff geflogen."

"Rufen Sie unseren Wissenschaftler zur Brücke, ich muss mit ihr reden."

Währenddessen erklärte der erste Offizier weiter: "Der Planet zeigt der Sonne immer die gleiche Seite, hat jedoch eine dichte Atmosphäre mit vielen Wolken. Es scheint viel Sturm zu geben, der die Wärme der Sonne effektiv rund um den Planeten transportiert, so dass die Temperaturunterschiede zwischen Sonnen- und Nachtseite nicht zu groß sind. Die Atmosphäre besteht aus Stickstoff, Kohlendioxid und Sauerstoff zu gleichen Teilen, die auf der Schattenseite gefrieren und als Flüssigkeit wieder auf die Tagseite fließen und dort verdampfen."

Kurz darauf kam die Wissenschaftlerin auf die Brücke. Bevor Kapitän Snuzzelkord sie befragen konnte, wurde Doktor Bronn wieder lauter und rief:

"Snuzzelkord warf den Brautstrauß nach hinten,

Über die Schulter, damit wir ihn finden!"

Kapitän Snuzzelkord verdrehte die Augen. Wenigstens lachte niemand darüber, dachte er sich. Am Rande fragte er sich, ob Doktor Bronn noch immer auf der Brücke war oder ob sie in der Zwischenzeit auch geschlafen hatte. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von der Wissenschaftlerin in Anspruch genommen, die ihm einen Vortrag über die Wirkungsweise ihrer Erfindung hielt.

Als sie damit fertig war, fragte er nur: "Und? Wird es funktionieren?"

"Der Planet ist perfekt, es wird funktionieren."

Kapitän Snuzzelkord atmete tief durch. Dann gab er ihr den Befehl, die Aktion durchzuführen.

Die nächsten zwei Stunden herrschte auf der Porphyrin geschäftiges Treiben, als die Abendländerer ihre Rache für die Zerstörung ihres Planeten durch die Groß-Dänen vorbereiteten. Alle Planetonauten waren auf den Beinen und bereiteten alles mögliche vor, während die Wissenschaftlerin Kommandos gab und Kapitän Snuzzelkord, da ihm langweilig wurde, ein Bad unter der Ultraschalldusche nahm und ein wenig mit seinen Hula-Hoop-Reifen spielte.

Dann war alles vorbereitet.

"Kapitän, halten sie eine Rede."

"Ich?" fragte Kapitän Snuzzelkord irritiert. "Aber ich halte doch nie Reden."

"Aber Sie ziehen ja sonst auch nie in den Krieg."

"Sag ich doch."

"Aber jetzt. Und deswegen brauchen wir eine Rede."

Kapitän Snuzzelkord seufzte. "Nun gut, wenn es dazugehört, dann halte ich eben eine Rede. Aber nur eine Kurze.

Liebe Planetonauten von Abendland!

Der Zeitpunkt der Rache ist gekommen, die Porphyrin wird diesen von der hinterhältigen Großdänen bewohnten Planeten in eine freundliche Welt für uns verwandelt. Doch mehr dazu wird uns Karla Njutonheimer, unsere Chefwissenschaftlerin sagen."

Karla räusperte sich. "Liebe Planetonauten! Ich nenne unsere Geheimwaffe Karlas One-Night-Stand, denn sie führt für den Planeten zu einer endlosen Nacht, damit der Planet für Abendländerer bewohnbar wird. Möge die Nacht beginnen!"

Und damit drückte sie auf einen Knopf und die von der Porphyrin ausgesetzten Drohnen entfalteten ihre Wirkung und sorgten so dafür, dass die Sonne für den Planeten abgedunkelt wird.


Ein paar Stunden später, als der Planet bereits am Abkühlen war, starteten die fremden Raumschiffe vom Planeten und verließen den Orbit. Währenddessen sank eine Fähre der Porphyrin auf der Nachtseite auf den Planeten hernieder, um einige Abendländerer dort abzusetzen, um den Planeten zu kolonisieren, während Kapitän Snuzzelkord zusammen mit einer noch kleineren Besatzung das fremde Raumschiff weiter verfolgte.

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Genres:
* Prosa * Science Fiction *


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