Das dunkle Geheimnis amerikanischer Laternen

Laternen. Es war die Schuld der Laternen, dass es keinen guten Wein zu kaufen gab. Eigentlich sollte ich die Geschichte, warum es in Amerika keinen österreichischen Wein zu kaufen gibt, nicht erzählen, ich musste schließlich unterschreiben, dass ich es niemandem verrate. Aber ich hatte mich ja vorher schon gefragt, warum es keinen Wein von daheim in den Staaten zu kaufen gibt. Meine Eltern exportierten schließlich jedes Jahr große Mengen.

Um die Geschichte zu erzählen, muss ich wohl etwas weiter ausholen. Ich bin auf dem Weingut meiner Eltern in der Steiermark aufgewachsen und als junger Mann in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Als Vertreter für High-Tech-Laser kam ich dort sehr viel rum. Und letztes Jahr habe ich in einem Ort in Missouri dann herausgefunden, was mit dem ganzen Wein passiert, den wir in die Staaten verkaufen.

Ich war gerade in besagtem Ort, um einer dortigen Laserfirma unsere Produkte anzubieten, als ein heftiger Sturm über das Land zog, mit Tornados und viel, viel Regen. Alle Straßen in der Gegend wurden unterspült und viele Brücken von den Wassermassen zerstört. Kurz gesagt, wir waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Die ersten zwei Tage war es noch OK. Ich half den Einwohnern beim Beseitigen der Schäden, und alle hofften, dass die Straßen bald wieder befahrbar sein würden. Doch am dritten Tag fiel mir auf, dass in der Nacht einige der, wie in den USA üblich, oberirdisch verlaufenden Stromleitungen, die vorher noch in Ordnung waren, abgerissen waren. Und in der Nacht hatte es nicht mal einen Sturm gegeben.

Am nächsten Tag fehlten noch mehr Leitungen, und niemand wollte mir sagen warum. Dafür lief abends eine Bürgerwehr durch die Stadt und schickte uns alle nach Hause. Um den abreißenden Stromleitungen auf den Grund zu gehen, legte ich mich abends auf dem Balkon an meinem Zimmer im 1. Stock des örtlichen Hotels auf die Lauer und beobachtete die Straße.

Irgendwann nach Mitternacht begann es auf der Straße zu knirschen und zu krachen. Es waren die Straßenlaternen. Sie leuchteten hell, obwohl wir seit Tagen im ganzen Ort keinen Strom hatten. Sie leuchteten jedoch nicht nur, sondern sie rissen sich auch von den Stromleitungen los und bewegten sich durch die Stadt. Wie konnte das sein?

Eine der Laternen entdeckte mich auf meinem Balkon und kam auf mich zu. Panisch sah ich mich um, ob ich irgendetwas finden konnte, das als Waffe gegen eine Laterne taugte. Doch das einzige war eine Flasche guten Weines vom Weingut meiner Eltern, die sie mir letztens zum Geburtstag geschickt hatten.

Doch die konnte ich doch nicht benutzen, um mich gegen Laternen zu verteidigen. Den guten Wein an eine Laterne verschwenden? Und das, wo es hier doch nirgendwo welchen zu kaufen gab?

Die Laterne starrte mich böse an. Ich starrte zurück. So ging das eine Weile. Dann kamen zwei weitere Laternen und gesellten sich zu der ersten hinzu. Und dann noch weitere. Ich kam mir wie in einem Albtraum vor. Dann überlegte ich mir: Wenn das ein Albtraum war, dann konnte ich die Weinflasche auch gegen die Laternen verwenden, denn dann würde ich ja irgendwann aufwachen und hätte den Wein trotzdem noch. Ich holte also aus und schlug mit aller Kraft auf den Schirm einer besonders vorwitzigen Laterne, die sich über mein Balkongeländer beugte.

Es krachte laut, als sowohl der Schirm der Laterne als auch meine Weinflasche zerbrachen und der gute Wein nur so in alle Richtungen spritzte. Die Lampe geriet ins Schwanken und stürzte um und blieb dann wie tot liegen. Hatte ich eine Straßenlaterne umgebracht? Sofort umringten die anderen Lampen die umgefallene und gaben ein elektrisches Summen von sich. Und nach ein paar Sekunden wurden sie still und dunkel.

Weitere Laternen kamen angehüpft und summten ebenfalls, als sie die um meinen Balkon herumstehenden Lampen erreichten, und wurden dann still. Immer mehr wurden es, bis wohl jede einzelne Laterne der ganzen Stadt dunkel um meinen Balkon herum stand, wie ein richtiger Laternenwald.

Ich hatte die Laternen ein paar Minuten misstrauisch beobachtet, als die Bürgerwehr ankam und mich und die Laternen umringte.

"Österreichischer Wein", rief jemand, "er hat österreichischen Wein." Wohl ein Weinkenner, dachte ich mir. Die Leute jubelten, und dann begannen sie, die Laternen auf einen Pick-up zu verladen und wieder an ihre angestammten Plätze zu bringen und mit den Stromleitungen festzubinden. Derweil stand ich kopfschüttelnd auf dem Balkon und beobachtete das ganze Treiben.

In den frühen Morgenstunden kamen dann zwei Leute der Bürgerwehr zu mir. Einer von ihnen wies sich als Geheimdienstmitarbeiter aus, und sie erklärten mir, dass in den Vereinigten Staaten intelligente Straßenlampen eingesetzt würden, um Kosten zu sparen. Aber leider müsse man ihnen regelmäßig ein paar Tropfen österreichischen Wein geben, damit sie nicht zu wild würden und ihre Fesseln zerrissen. Der wirke wohl berauschend auf die Elektronik der Laternen oder so ähnlich.

Und es müsse österreichischer Wien sein, ungarischer, italienischer oder kalifornischer würde genauso wenig wirken wie Wein aus anderen Weltgegenden. Und dann musste ich noch einen Wisch unterschreiben, dass ich niemals jemandem etwas von dieser Geschichte verraten würde.

Mittlerweile bin ich wieder in Europa, und da ich sicherlich nicht der einzige bin, der sich fragt, warum es in den Staaten so wenig österreichischen Wein zu kaufen gibt, schreibe ich diese Geschichte nun doch entgegen des Verbots auf.

Tja, und so habe ich nicht nur erfahren, warum es dort keinen guten Wein zu kaufen gibt, sondern auch, warum in den USA die Stromleitungen alle oberirdisch verlaufen.

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