Das Geheimnis der verschwundenen Medizinstudenten

"Außerdem wäre es merkwürdig, wenn es im Gebiete..."

Kommissar Kalissa schreckt hoch. Da waren ihm doch glatt die Augen zugefallen. Aber diese Berichte waren auch sowas von langweilig. Aber leider stand die Revision bevor, und da wurden ihm nun mal Fragen zu den Berichten gestellt. Also musste er diese blöden Berichte auch wirklich lesen.

"Außerdem wäre es merkwürdig, wenn es im Gebiete von Ozeanien kein..." Wieder waren ihm die Augen zugefallen. Warum musste ihr blöder Gerichtsmediziner auch immer über jedes Husten eines Tatverdächtigen eine ganze Abhandlung schreiben, und dazu noch in diesem Medizinerdeutsch, das kaum jemand verstehen konnte? Hoffentlich kam nicht noch etwas dazwischen, bis er mit diesem blöden Bericht fertig war.

Erneut setzte er zu lesen an; "Außerdem wäre es..."

Der Kommissar riss die Augen auf. Diesen Satz würde er nie schaffen, wenn es so weiter ging. Und dabei war er noch immer auf der ersten von fünf Seiten.

Vielleicht sollte er sich den Satz von Stephi, seiner neuen Azubine im Büro, vorlesen lassen?

Der Kommissar lauschte, ob er sie hören konnte. Er glaubte, ihre Stimme zu vernehmen, war sich jedoch nicht ganz sicher, weil der Regen so laut auf das Dach des Kommissariats prasselte. Egal, er würde sie einfach rufen, und wenn sie beschäftigt war, würde sie das eben unterbrechen müssen: "Stephi! Steeeeephiiiih! Kommen Sie mal schnell!"

Die Tür zu seinem Büro wurde geöffnet und quietschte dabei wie eine verlorene Seele, was den Kommissar daran erinnerte, dass er sich vorgenommen hatte, seine Sekretärin nicht mehr zu rufen, sondern das Telefon zu benutzen. Zu spät. "Stephi, können Sie mir mal", begann er, brach dann jedoch ab, als er bemerkte, dass sie nicht alleine war.

"Gut dass Sie mich rufen", erklärte seine Azubine daraufhin. "Dieser junge Mann wollte sowieso gerade mit ihnen sprechen."

"Scheiße!", fluchte der Kommissar leise. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Leute, die einen sprechen wollten – das bedeutete nie etwas gutes.

"Herr Kommissar, sowas sagt man doch nicht", tadelte ihn daraufhin auch noch seine Sekretärin. Die Mitarbeiter von heute hatten einfach keinen Respekt mehr vor ihm. Was waren das noch für Zeiten gewesen, als seine hübsche Ivenda noch für ihn gearbeitet hatte?

"Jetzt lesen Sie mit erstmal diesen Satz hier vor. Und wenn wir das geschafft haben, dann kann ich mich um Ihren Besucher kümmern."

"Ich soll..." Stephi war offensichtlich verwirrt.

"Genau, mir diesen Satz hier vorlesen."

"Nun gut." Stephi nahm den Bericht. "Außerdem wäre es merkwürdig, wenn es im Gebiete von Ozeanien kein Verbindungsglied gäbe. Und was ist jetzt so besonderes an diesem Satz?"

"Woher soll ich das wissen? Und jetzt sagen Sie mir endlich, was es mit unserem Besucher auf sich hat."

"Er ist Medizinstudent hier an der Uniklinik. Und er hat einen schrecklichen Verdacht."

"Einen schrecklichen Verdacht?", fragte der Kommissar nach. "Es sind Mediziner, ich glaube, schreckliches ist bei denen normal, schließlich schneiden sie die ganze Zeit irgendwelche Menschen auf."

"Aber..." wollte Stephi widersprechen, doch der Kommissar fiel ihr ins Wort. "Kein Aber, Sie wissen doch, dass ich Recht habe." Und dann wandte er sich an den verwirrt zwischen ihm und Stephi hin und her schauenden Studenten: "Und jetzt sagen Sie mir endlich, warum Sie mich bei meiner wichtigen Arbeit stören."

Der Student warf einen Blick zur Sekretärin, die kaum merklich nickte, und dann erklärte er, dass jede Woche Dienstags drei oder vier Studenten verschwinden würden und nie wieder gesehen würden.

"Ausgerechnet Dienstags..." murmelte der Kommissar und sah sich vor seinem inneren Auge schon Überstunden machen und seine Frau alleine zu Hause rumsitzen.

Der Student nickte. "Dienstags, während oder nach dem Präpkurs."

"Der Präpkurs?", fragte der Kommissar nach.

"Das ist der Kurs", erklärte der Student, "wo die Studenten an Leichen herumschnippeln, um alles mal gesehen zu haben."

Der Kommissar nickte. Damit war der Fall ja eigentlich klar: "Und die Leichen, die Sie da zerschnippeln, das sind ihre fehlenden Kommilitonen, ja? Ist ja eigentlich offensichtlich."

Der Student schaute den Kommissar entsetzt an. "Natürlich nicht! Das sind alles alte Leute, die ihre Leichen der Uni vermacht haben. Aber trotzdem verschwinden die anderen Studenten."

Der Kommissar seufzte. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn der Fall sich so einfach geklärt hätte.

"Also muss ich mir das wohl mal vor Ort ansehen. Heute ist Montag, also ist morgen Dienstag." Er schaute den Studenten fragend an. Der nickte. "Morgen ist Dienstag."

Kommissar Kalissa seufzte. "Dann werde ich mir morgen wohl mal Ihren Präpkurs ansehen. Wann ist der?"

"Um acht in Raum K315."

"Um acht? So früh fangen Sie an? Das ist ja noch vor dem Frühstückskaffee."

Der Student nickt wieder: "Der Prof ist der Meinung, dass wir als Ärzte auch Frühschichten machen müssen und uns schon mal dran gewöhnen sollen."

Der Kommissar schüttelt den Kopf. "Das ist doch was anderes. Egal, wir sehen uns morgen in Raum K315."

Und als der Student nicht sofort geht, fügt er noch hinzu: "Und da ich morgen Überstunden machen muss, gehe ich jetzt nach Hause, damit ich heute wenigstens etwas weniger arbeite."


Am nächsten Morgen klingelte der Wecker des Kommissars viel zu früh für seinen Geschmack. Mit Schwung drehte er sich um und ließ die Hand auf den Wecker krachen, um ihn auszuschalten. Doch sein Schlag ging daneben und er traf etwas struppiges, das daraufhin umkippte. Als er erneut nach dem Wecker schlug, fiel seine Hand in etwas nasses. Wasser spritzte ihm ins Gesicht.

"Uargh", knurrte er und quälte sich mühsam aus dem Bett. Wenn ein Tag schon mit aufstehen anfing, dann konnte es ja nichts gutes werden, vor allem, wenn es draußen noch dunkel war.

Er überlegte, warum er überhaupt so früh aufstehen wollte. Der Fall fiel ihm wieder ein, die präparierten Mediziner.

Mühsam setzte er sich auf und tastete mit den Füßen nach den Pantoffeln. Als er die Füße reinsteckte und auf stand, fluchte er leise. Der eine Pantoffel war ebenfalls nass geworden und dann hatte er auch noch rechts und links vertauscht. Irgendwer vertauschte des Nachts immer heimlich seine Pantoffeln.

"War ja klar", murmelte er zu sich selber. "Man sollte eben nicht um diese Zeit aufstehen."


Eine halbe Stunde später stand Kommissar Kalissa vor Raum K315. Ein paar Studenten waren schon da und auch der Professor.

"Kann ich Ihnen helfen", fragte eine zierliche, junge Frau im Ärztekittel.

"Ich würde mir gerne mal ansehen, wie so ein Medizinkurs abläuft. Ich soll nämlich das Geheimnis der verschwundenen Studenten erklären."

Die Augen der Frau weiteten sich kurz vor Schreck, als hätte sie eine Leiche gesehen. Dann wurden sie wieder normal.

"Ich bin Frau Schürpse, die studentische Aushilfe von Professor Doblerug. Fühlen Sie sich wie zu Hause. Ich muss jetzt los, die Leichen holen."

Der Kommissar musste würgen. Zwischen Leichen soll er sich wie zu Hause fühlen, was für eine makabre Vorstellung. Als er den Präpsaal betritt, denkt es sich, dass es wohl besser ist, dass es zu früh zum Frühstücken war, denn sonst wäre jetzt alles wieder rausgekommen.

Frau Schürpse rollt mehrere Liegen in den Raum, jede mit einer Leiche drauf. Er sucht sich einen Platz am Rand und beobachtet die Studenten, die langsam in den Raum strömen.

Der Kommissar beschließt, dass er in diesem Fall lieber nicht auf die Leichen achten sollte, es sind einfach zu viele. Und wenn er wieder für jede Leiche, die er sieht, drei schlaflose Nächte hat, würde er den ganzen nächsten Monat mit wach-sein verbringen.

Die Mediziner scharren sich um die Leichen, immer drei oder vier Studenten um eine. Der Kommissar versucht verzweifelt, nicht genau darauf zu achten, was die Studenten so machen sondern lieber den ganzen Raum im Blick zu behalten. Es kann jedoch nicht vermeiden, gleegentlich ein Ductus Choledochos oder ein Arteria Renalis zu hören. Hoffentlich hält ihn niemand für einen Studenten und stellt ihm nachher Fragen dazu.

Und dann das Lachen. Er kommt sich vor wie bei einer Versammlung der Berufsgenossenschaft der Psychopathen. Warum kichern und lachen die nur bei Zerschnippeln von Leichen? Doch das schlimmste ist der Geruch. Das Zeug, in dem die Leichen eingelegt sind, stinkt einfach widerlich.


Neunzig qualvolle Minuten später sagt der Professor endlich, dass sie gleich fertig wären.

Sofort beginnen die Studenten hektisch, alle Teile wieder in die Leichen zu stopfen.

"Hey!" ruft einer der Studenten direkt neben dem Kommissar. Er versucht wegzuhören, doch das "Wo ist der verdammte zweite Nippel" dringt trotzdem zu ihm durch.

Eine Gruppe nach der anderen verlässt den Präparationssaal. Zum Schluss ist nur noch eine Studentengruppe übrig, die wohl Frau Schürpse beim Aufräumen hilft. Eine Leiche nach der anderen wird in einen Nebenraum geschoben, der nach einer Mischung aus Tresor und Kühlraum aussieht.

Als die Leichen alle verstaut sind und Frau Schürpse den Raum verlassen will, hält der Kommissar sie auf.

"Warten Sie!"

Frau Schürpse zuckt zusammen und fragt scharf: "Was!"

"Ich bin auf der Suche nach den verschwundenen Medizinstudenten."

"Ich hab nix damit zu tun", erwidert sie schnell. "Ich bin nur eine Studentin, ich kann gar nichts damit zu tun haben."

Der Kommissar ist verwirrt. Er wollte eigentlich nur wissen, ob wieder Studenten verschwunden sind.

Sie lacht, dann sagt sie: "Ich habe nicht mal einen Doktortitel. Und Leute ohne nimmt hier niemand wahr. Sie können also gar nichts gesehen haben!"

Der Kommissar wird immer verwirrter. "Und was kann ich nicht gesehen haben?"

"Nun, mich und die Studenten natürlich. Ich muss schließlich meine Prüfung bestehen."

"Ihre Prüfung..." Der Kommissar versteht immer weniger, je länger er mit dieser Frau redet. "Haben Sie etwa die Studenten entführt, damit sie Ihnen in der Prüfung vorsagen können?"

Sie schüttelt den Kopf. "Das wäre doch sinnlos, ich dürfte sie zu der Prüfung ja nicht mitnehmen. Ich habe eine viel bessere Möglichkeit gefunden. Wofür habe ich schließlich gelernt, welcher Teil des Gehirns für das Lernen zuständig ist?"

Sie lacht wieder hässlich. Den Kommissar beschleicht so langsam das Gefühl, dass bei Frau Schürpse etwas nicht stimmt. "Die Gehirne..." beginnt er, doch sie unterbricht ihn.

"Glauben Sie ja nicht, dass die gut schmecken. Ich mache das nur, um eines Tages eine gute Ärztin zu werden..." Sie lacht erneut. Dann sagt sie: "Sie wissen bestimmt auch sehr viel über Medizin..."

Erst jetzt fällt ihm das Skalpell auf, dass sie in ihrer erhobenen Hand hält. Sie kommt auf ihn zu.

"Ich weiß gar nichts", entgegnet der Kommissar und geht dabei langsam rückwärts. "Ich bin kein Mediziner, ich bin Kommissar."

Die Studentin lacht nur wieder. Als der Kommissar die offene Tür erreicht hat, dreht er sich um und rennt los.

"Polizei! Polizei! Hilfe!" ruft er, als er von Frau Schürpse gejagt den Gang entlang stürmt. Dann fällt ihm ein, dass er ja in einer Klinik und nicht im Kommissariat ist und deswegen hier keine Polizei sein wird. Also ruft er: "Notarzt! Sanitäter! Hilfe!"

Doch auch das klingt bescheuert. Und wenn man verfolgt wird, muss man nun mal die Polizei rufen und nicht den Notarzt. Der kommt erst später. Dann fällt ihm ein, dass er ja selber die Polizei ist.

Er bleibt abrupt stehen und wirbelt zu Frau Schürpse herum. Die kann nicht rechtzeitig bremsen und prallt voll gegen den Kommissar, der daraufhin zu Boden geht und auf seinem Hintern landet. Das er jedoch schwerer als die zierliche Studentin ist, prallt sie von ihm ab und fliegt in die Glastür, die über ihr zusammen bricht. Einige der Scherben treffen auch den Kommissar.

Der Lärm hat natürlich die Leute in den anderen Zimmern aufgeschreckt. Der Kommissar erklärt ihnen, was passiert ist und dass Frau Schürpse festgenommen ist, sobald die Ärzte ihre Verletzungen behandelt haben.

Die Ärzte wollen ihn eigentlich auch da behalten wegen seine Schnittwunden von den Scherben, aber der Kommissar weigert sich. Er lässt sich aber auf den Kompromiss ein, dass sie ihn für eine halbe Woche krank schreiben, denn so verpasst er den Termin mit der Revision und muss die ganzen blöden Berichte nicht lesen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen geht er schließlich, noch vor seiner üblichen Feierabendzeit, nach Hause.

hoch

------------------------------------------------------

Weitere zu dieser Geschichte dazugehörende Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Krimi *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: