Durch die Blume gesprochen


Andreas stand noch immer in der Tür.

Sie musste nicht hinsehen, um ihn wahrzunehmen.

"Wie geht's dir?", fragte er.

Sie starrte auf die roten Blumen, die er ihr beigebracht hatte, zu matt, um zu antworten.

"Ich weiß, ich weiß", hallte es aus dem Hintergrund, "eine Floskel, nicht wahr? Antworten auf so etwas sind wohl verschwendeter Atem." Sie hörte, wie er an seiner Zigarette zog und den Rauch bedächtig wieder ausstieß. "Meistens wollen die Leute eh nur, dass man sie zurückfragt, wie es ihnen geht." Bald sah sie sie auch, die graue Wolke, die dem Stuck der Zimmerdecke entgegenstrebte und sich dabei immer weiter auflöste. Fühlte schier den reinweißen Anstrich vergilben. "Aber weißt du, ich mein's ernst. Ich weiß, du hast Probleme."

Der Boden war inzwischen voller Blütenblätter. Zum Sterben schön, unter der gelben Decke. Sie fuhr mit den Fingerspitzen hindurch. Die Farbe verlief.

"Wie... kommst du darauf...?" Ihre Stimme klang dünn, obwohl sie verärgert war. Darüber, dass er diesen Gestank in ihre Wohnung brachte, obwohl sie ihm unzählige Male eingebläut hatte, dass er draußen rauchen musste. Ihr wurde übel davon. Gerade jetzt. Grässlich übel.

"Na ja, du steckst offensichtlich in finanziellen Schwierigkeiten", antwortete er.

Ihr Magen rebellierte, in ihrem Mund machte sich ein säuerlich-metallischer Geschmack breit. Schnell legte sie die Hand über die Lippen, um das Schlimmste zu verhindern. "Finanzielle... Schwierigkeiten...?", würgte sie erstickt. Er sollte endlich gehen. Weitere Blüten brachen hervor, rannen zwischen ihren Fingern hindurch und fielen zu den anderen, auf ihrer Haut, auf ihrem Nachthemd, den Hausschuhen, dem Teppich. Ein Meer aus Blumen.

"Du hast die Stromrechnung nicht bezahlen können", erklärte er.

"Was... was für 'nen Scheiß redest du da eigentlich, du kranker Arsch..."

"Das Licht geht doch aus, oder etwa nicht? Sie stellen dir den Strom ab. Hast nicht bezahlt." Er lächelte.

Es war alles gesagt. Er warf ihr noch einen letzten Blick zu. Sie biss sich auf die Lippen. Dann wurde alles dunkel.


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