God bless America!

Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten weithin als "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Sind jene glorreiche, großherzige Nation aus gemachten Männern, die alle als Tellerwäscher angefangen haben und nur durch ihrer Hände Arbeit, durch ihren klugen Verstand (wahlweise auch durch kriminelles Genie) oder dadurch, dass sie das ihnen eingegebene Wort Gottes inbrünstig genug verkündeten – vielleicht auch mit allem gleichzeitig – zu Geld und Status gelangt sind. Der Grundgedanke, auf den wir stolz sind, lautet: Amerika gibt jedem seiner Bürger, aus welcher Schicht er auch stammen mag, die gleiche Chance, etwas aus sich zu machen – wenn der nur weiß, wie er das anstellen will. Man braucht bloß eine zündende Idee. Das hat mir mein Vater immer eingebläut. "Sonny", hat er gesagt, "Sonny, dein Vater ist ein Säufer, ein Spieler, ein Sünder und ein Hurenbock. Aber du, du kannst es zu etwas bringen, davon bin ich fest überzeugt! – Also scher dich raus und stell deine Beine nicht mehr unter meinen Tisch, du wirst mir zu teuer. Und komm bloß niemals zurück."

So stand ich also eines lauen Abends im Spätsommer an der Bushaltestelle von Asshole, Texas, alle meine Habseligkeiten in einem kleinen Koffer, und wusste nicht recht, wohin. Das war allerdings nicht weiter schlimm, denn es gab ja nur einen Bus und der fuhr nur in eine Richtung. Während ich also wartete und mich von der Nachbarsfrau beschimpfen ließ, die glaubte, ich sei entweder ein Hühnerdieb oder ein Versicherungsvertreter, (was mich zugegebenerweise ein wenig kränkte), zog ein wandernder Bus(c)h an mir vorüber. Er rollte so durch den Wüstensand, schließlich waren wir hier in Texas, und da kam das häufiger vor, denn da gab es ein Nest. Auch er bekräftigte das, was ich jüngst vernommen hatte: "Fürchte dich nicht, mein Junge, selbst wenn du der größte Volltrottel bist, auch du kannst Präsident werden, wie ich und mein Vater vor mir!" Und ich ward sorglos und frohgemut und behielt die Weisheiten, die man mir anvertraut hatte, bis zum heutigen Tage im Herzen.

Ich fing damit an, ganz klassisch Teller zu waschen, das erschien mir aufgrund all der Geschichten, die ich gehört hatte, als geeignetster Karriereeinstieg in das self-made-Unternehmertum. Ich wusch Teller und wusch Teller und wusch Teller und ab und zu auch mal Geld für die Mafia, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls wurde ich des Tellerwaschens niemals müde, nur ab und an unkonzentriert, da ich dabei ja auch so viel nachzudenken hatte, über die Sache mit der zündenden Idee, die mich zum Millionär machen würde – und eines Tages, als mich Giovanni, der Küchenjunge mit dem Pass aus Dänemark, auf den auch seine Greencard ausgestellt war, zu einem kleinen Fünf-Minuten-vor-Feierabend-Chianti überredet hatte, geschah es, dass ich leicht alkoholisiert meinen ersten Teller zerbrach.

"Oh wehe oh wehe, che Merda", rief Giovanni, "na wenigstense warene esse nischte die Scheine füre Papa!"

Doch als er sah, dass mich die Sache ziemlich übel mitnahm – Tellerwaschen war schließlich eine zwingend benötigte Grundkompetenz zur Erfüllung des amerikanischen Traums – da klopfte er mir auf die Schulter und sagte: "E, compagno, iste nichte so schlimme. Gucke male, haste du sogar kreative kaputte gemachte!" Und mit diesen Worten griff er ins Spülwasser und zog den äußeren Rand des Tellers hervor – das Mittelstück war kreisrund rausgebrochen und hatte nur einen Porzellanring hinterlassen. "Iste doche Kunste, e! Biste du Naturtalente! Haste du erfundene Klobrille füre Zwerge, e!"

Er meinte es gut, das sah ich ihm an, doch ich kam nur mühsam gegen meine Untröstlichkeit an. Bis es wie ein Blitz in mich fuhr und ich ihn plötzlich vor mir sah, meinen amerikanischen Traum.

"Giovanni!", rief ich erleuchtet, "du hast recht! Diese Form... das... das ist es!"

"E, nichte wahre?", sagte Giovanni begeistert und hob das Ding an wie einer dieser Verkäufer auf den Shoppingsendern, die dir extra scharfe Messer oder eine Perücke in Dinkelfeldblond andrehen wollen, "iste runde, hatte Loche, iste aerodynamische!"

"Giovanni, bei all deinen dänischen Vorfahren-"

"-E! E! Langsame! Macheste du gaaaanze langsame, mio amico, wasse solle diese Untertone, e? Willste du meine Herkunfte anzweifeln, e, wie diese Idiota vonne die Ausseländermeldeamte oder wasse? Ische fühle mich zutiefste gekränkte in meine dänische Stolza di nationale, ische-"

"Nein nein, Giovanni, du bist so dänisch wie der König von Dänemark höchstpersönlich, und wärst du kein Däne, sondern, sagen wir, ein illegaler Italiener, dann wärst du trotzdem ein Däne und bloß Opfer böser Verleumdung! Aber ich habe gerade die Geschäftsidee meines Lebens und verdanke sie nur dir und deinem Chianti."

"Oh? Äh. Na danne iste gute. Äh. Also –äh – wasse iste deine Idee? Sagste du mire!"

"Porzellan-Hula-Hoop-Reifen!", deklamierte ich.

...

Giovannis fragender Gesichtsausdruck blieb mir noch lange, lange in Erinnerung.

Nun war das wirklich nicht die dümmste Idee, waren auch die Umstände ihrer Geburtsstunde nicht unbedingt ihrer Größe angemessen. Doch fingen diese Erfolgsstories nicht immer so an? Meine tat es jedenfalls. Ich dachte mir, dass ein wahrer Meister des Hula Hoop sie bestimmt zu schätzen wissen würde, denn mit meinem Instrument konnte er seine hohe Kunst bist aufs Äußerste perfektionieren – den Unwürdigen würde dieser Reifen nur ein einziges Mal von den Hüften rutschen, dann wäre ihre Karriere schon beendet. So käme es zu einer natürlichen Auslese aller Stümper. Außerdem plante ich, eine Variante zu produzieren, mit der man schwimmen konnte, um das traditionelle Hula Hoop durch die Perspektive einer Unterwasser-Hula-Hoop-Kunst zu bereichern und somit der Vater einer ganz neuen Generation junger Sportler zu werden. Damit, so war ich sicher, würde ich in die Geschichte eingehen.

Mit einigen Prototypen bestückt machte ich mich auf den Weg zur nächstbesten Bank, um einen Kredit für die Produktion aufzunehmen – ich hatte es zuerst über Giovanni bei der Mafia versucht, aber aus irgendwelchen Gründen scheinen Dänen sich nicht sonderlich für Hula Hoop begeistern zu können, sie hatten mich nicht sponsern wollen. Auch der Mensch bei der Bank sah mich komisch an, und ich zog unverrichteter Dinge wieder ab.

Da dies hier aber eine Erfolgsgeschichte ist und ein Happy End braucht, in dem ich als glücklicher Millionär dastehe, meinen Vater von seinem Alkoholismus heile, meine Mutter sich von ihrem Dauergeliebten trennt, die Scheidung von meinem Vater zurückzieht und sich wieder mit ihm versöhnt, in dem ich Giovanni zu einem echten Dänen umoperieren und in Dänemark einbürgern lasse, sowie noch die Worte "klingendes Telefon" benutze – also, da dies hier eine Erfolgsgeschichte ist, muss ich noch anmerken, dass ich danach die Idee mit den Hula Hoop Reifen aus Porzellan verworfen habe. Stattdessen studierte ich Informatik, gründete eine Firma namens Microsoft und programmierte ein Betriebssystem namens Windows sowie viele weitere Programme, die heute bescheidenen, weltweiten Erfolg verbuchen können. God bless America!

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: