Ein Job wie jeder andere


Kapitel 1: Aufwachen


Er wachte auf, weil ihm kalt war.

Erst kehrten seine blutleeren Arme, dann das Flattern des feuchten Vorhangs zurück zu ihm.

Da war ein zersplitterter Holzrahmen, der keine Glasscheibe mehr umfasste.

Schatten, die im Takt des Windes aufkamen und fortzogen und über Scherben wehten.

Ab und an ein Stück Hafen.

Regen.

Der Grundton der Stadt.

Sie war noch.

Er war noch.

Er roch sie.

Als er wieder weit genug darin angekommen war, zog er sämtliche Glieder unter den nackten Oberkörper, während er die Stirn tief in die verrottende Matratze grub – stumm frierend. Die Nacht suchend, vielleicht. Für die Dauer einiger schwacher Atemzüge, die nach ausgekühltem Talg, Asche und alter Pisse schmeckten.

Etwas, das ein Traum gewesen sein musste, verschwand so schnell, dass er es nicht mehr greifen konnte. Was blieb, war sein zugedrückter Hals. Ein dumpfes Halberinnern.

Ein gleichgültiger Morgen. Einer von denen, an denen du dich damit abfinden musst, dass es keine Wärme gibt.

Giacomo raffte sich auf, bis er halb auf seinem Schlafplatz saß, halb mit einen Fuß schon aufgestanden war. Eine Whiskeyflasche rollte lautstark über den Beton, er musste dagegen gestoßen sein, aber seine Zehen waren zu taub, als dass er es hätte sicher sagen können. Er suchte nach seinem Hemd. Wo –

Da lag es. Im selben Moment erinnerte er sich, warum er es ausgezogen hatte.

Ernüchtert schwang er den zweiten Fuß über den Rand und beugte sich über seine Knie, schlug die Hände ins Gesicht und rieb sich wach. Die Konturen seiner Wangen fühlten sich härter an in dieser klammen Kälte, knochiger. Die Augenhöhlen, in die sich seine Fingerkuppen gruben, tiefer.
Papierhaut.
Glatt durch einen längst darauf erstarrten Schweißfilm.
Als er endlich die Arme fallen ließ und vor sich hin starrte, bemerkte er dunkelrote Krusten unter seinen Fingernägeln.







Verdammte Scheiße.







Minutenlang sah er dem frei hängenden, löchrigen Lumpen zu, der sich immer wieder um das leere Fensterkreuz wickelte und dann ins Nichts schlug.







Es nieselte auf seine Unterarme.







Dann vibrierte das Telefon.







Giacomo bemerkte den eingehenden Anruf erst, als das Handy von der Matratzenkante rutschte, einige Inches von der Stelle entfernt, an der zuvor sein Kopf gelegen hatte. Sie hatten nebeneinander geschlafen.

Es klatschte auf den Boden, Dreck knusperte unter der brummenden Plastikschale.

Es dauerte trotzdem noch, bis er tatsächlich hinsah, um für einen Augenblick so zu verweilen und dann dem Telefon einen Tritt zu verpassen, der es quer durch den Raum schlittern ließ.

Noch länger dauerte es, bis der Anrufer aufgab und es wieder still wurde.

Man würde ihn wieder anrufen. Wenn es sein musste, hundert Mal.







Giacomo stand auf.







Er näherte sich dem Fenster. Nicht zu weit. Warf einen prüfenden Blick hinaus. Nichts als Ölpfützen und rostige Poller einer vergessenen Kaimauer, keine Menschenseele, kein einziger Arbeiter. Die Anlegestelle lag einsam da, im Salzfraß des Atlantik.

Wie erwartet.

Man hatte diesen Ort gut für ihn ausgewählt. So, wie auch den von gestern Nacht. Man hatte es ihm überhaupt sehr leicht gemacht, damit beim ersten Mal alles glatt lief.

Giacomo hatte inzwischen nach dem Hemd gegriffen, ohne wirklich hinzusehen.

Leider war nicht alles glatt gelaufen.

Er fühlte, dass der Stoff an einigen stellen etwas härter, rauer war als an anderen. Das waren dieselben Krusten wie die unter seinen Nägeln. Geronnenes Blut. Gedankenverloren zwirbelte er die Baumwolle, doch nichts bröckelte ab.

Es war nicht so... präzise geworden.

Giacomo starrte durch das Hemd hindurch.







In der Ruine eines Badezimmers quietschte der Wasserhahn elendig, als er ihn aufdrehte. Rotbraune Brühe vermischte sich mit Unrat, der den Abfluss darunter schon seit Jahrzehnten zu verstopfen schien. Giacomo wartete, bis das, was da hervorsprudelte, klarer wurde, dann nahm er beide Hände voll, wusch sich erst das Gesicht und trank dann. Zunächst zögerlich. Dann in immer größeren Zügen, die den Durst nicht zu löschen, sondern noch zu verschlimmern schienen.
Mehr und mehr.
Brennend.
Giacomo schnaufte. Fummelte am Ventil, drehte es bis zum Anschlag auf, schöpfte weiter. Längst reichten seine Hände nicht mehr, er neigte sich noch tiefer, hing schließlich am Hahn. Das Wasser schoss eiskalt aus der Leitung, zwischen seine Lippen und daran vorbei, er konnte das korrodierte Metall, das darin gelöst war, förmlich auf seinen Zähnen kratzen spüren. Das Becken unter ihm lief voll und lief über, irgendetwas von Substanz wurde über den Rand geschwemmt und klatschte auf seinen nackten Fuß. Ein Schwall Wasser wurde platschend auf den Fliesen verteilt, als er sich noch näher an die Rohre bewegte und ausrutschte.

Durst, schrecklicher Durst.

Das Rauschen war nun über seinen Ohren.

Allmächtig in seinem Schädel.

Da war nasses Haar.

Gurgeln –

Er drückte den Kopf mit einem atemlosen Ruck unter die Oberfläche.







Schimmel auf seiner Zunge.







Schwebstoffe, die seine Wange strichen.







Schwarzgetrübte Sicht.







Fingernägel kratzten unruhig auf zerschlisserer Keramik. Spitze Ellenbogen ragten hoch über eingedrehte Schultern, die sein Gesicht in das Becken pressten.







Luft.







Atmen.







Luft!







Atmen!







Giacomo riss keuchend den Kopf wieder in die Höhe und Luft in seine Lungen.
Er taumelte tropfnass zurück.
Sein Herz hämmerte ihn gegen die Wand.

Erstarrt sah er sein sechzehnjähriges, dürres Ebenbild in den Überresten eines schief hängenden Spiegelschrankes lauern und zittern. Augen schwarz wie Mördergruben.

Er sah es, wie es sich die Hände wusch.

Lange.

Sehr lange.

Gründlich.







Später nahm er das verdammte, blutverschmierte Hemd und stopfte es ins Klo. Er brauchte ein neues. Der Abfluss funktionierte auch hier nicht und es quoll übelriechendes Brackwasser über die Brille. Wütend knurrend drückte Giacomo nochmal ab und nochmal, erst als das Bad knöcheltief überflutet war, zog er sich staksend zurück und versackte wieder auf der Matratze.

Er strich sich durch das nasse Haar und steckte den Kopf zwischen die Arme, um sich zu ordnen.

An Schlaf war nicht zu denken. Er sollte ohnehin langsam verschwinden.

Sein Fuß angelte wie von selbst nach der Whiskeyflasche und schaffte es, sie zu sich heranzurollen. Es war ziemlich billiger Fusel und ranziger noch dazu, doch danach hatte er gestern abend nicht gefragt, als er durch den Schrott vor dem Eingang gestolpert war und das, was er für den Rest einer Küche gehalten hatte, nach irgendetwas Ess- oder Trinkbarem durchwühlt hatte. Manchmal gab es an solchen Orten noch Konserven. Oder auch etwas Frischeres. Je nachdem, wer zuvor noch hier gehaust hatte, ohne amtlich gemeldet zu sein. Man konnte nicht immer wählerisch sein, und Giacomo hatte in seinem Leben schon so einiges gegessen. Gut, dass er die Flasche gestern nicht gleich leer gemacht hatte. Er schraubte sie auf.

Die Kälte musste ihm tief in die Knochen gezogen sein, denn der Whiskey half nichts.

Wieder brummte das Handy.

Giacomo starrte es an.







"Das Zittern musst du dir abgewöhnen."







Die Lichtlinien, die durch den Fetzen vor dem Loch in der Wand fielen, tanzten über die Hand, die das Telefon an Giacomos Ohr presste. Manchmal streiften sie auch seinen Blick. Die Bucht tauchte auf und verschwand wieder. Existierte und existierte nicht. Ein Frachtschiff gab Signal. Giacomo fühlte ferne, wirre Wut. Auf wen, wusste er nicht. Er sprach nicht.







"Gewöhn es dir ab."







Es war kalt.
Ein gleichgültiger Morgen.
Der am anderen Ende der Leitung pausierte.
Geduldig?
Giacomos Atem beschleunigte sich.
Sein zielloser Zorn brannte Löcher ins Nichts.







"Es ist einfacher, gleich zu treffen, als unter Gegenwehr einen Schädel einzuschlagen, weißt du. Macht weniger Dreck. Weniger Spuren."







Seine Fingerspitzen zuckten.
Er kratzte unter seinen Nägeln, obwohl sich jedes einzelne Atom Dreck darunter längst im Wasser gelöst haben musste, das den Badezimmerboden bedeckte.
Er presste die Lippen aufeinander. Stierte glasig. Sie waren nicht nur vor Kälte blau.







"Hast du das verstanden?"







Der Himmel war grauweiß.







"Giacomo?"







Direkt angesprochen werden.
Giacomo blinzelte und regte kurz den Kopf.

Es knisterte in der Leitung.

Sie blieb stumm.

Der andere wartete, bevor er weitersprach. Oder zögerte.







"Das...", suchte der Andere nach Worten?, "wird mit der Zeit besser."







Was?
Was würde besser?

Giacomo konnte die Lippen voneinander lösen. Holte Luft, um etwas zu sagen, aber sie waren so schwerfällig, dass das äußerst anstrengend war. Vielleicht vor Wut. Aber sobald er den Mund geöffnet hatte, geschah etwas Seltsames mit seinem Zorn. Er wurde brüchig. So brüchig.
Alles in Giacomo wurde furchtbar brüchig.
Und er hätte vielleicht nicht reden sollen.
"Ich weiß nichts mehr", krächzte er.
Warum er ausgerechnet das sagte, war ihm nicht klar. Es ging so schnell.
"Ich – Ich weiß nichts m-", er hörte auf und starrte wieder nach draußen, als seine Stimme ihm entglitt.

Da hinten über dem Wasser kam wieder ein Schauer runter.







"Hör mir gut zu, Junge."







Giacomo schluckte hart. Der Andere klang eindrücklich.







"Verlier nicht die Nerven. Es ist in Ordnung."







Eine Augenbraue zuckte, Giacomos Blick verlor sich. Lange geschah nichts.







"Giacomo?"







Atem, mehr nicht.







"Es ist in Ordnung. Ich sage es. Hörst du? Es ist in Ordnung. Es ist ein Job. Du wirst damit zurechtkommen."







"Was redest du für nen Scheiß", schrie Giacomo plötzlich, "zurechtkommen? Alter, ich komme zurecht, was soll der Mist?"





Ein Fluchen am anderen Ende der Leitung.





Giacomo quetschte das Handy so fest zwischen seine Finger, dass es darin knarzte.





"Du rufst mich in drei Stunden noch mal an", raunte der Andere, "dann hast du dir was anderes angezogen und ich sage dir, wo wir uns treffen. Hast eine verdammte Sauerei verans-"

Giacomo legte auf.



Kapitel 2: Der Grund



"Wie viel ist es?"

Der junge Italiener warf dem älteren einen unbescheidenen Blick zu und legte den Arm über den Lederbezug, während letzterer die Zigarettenschachtel wieder an sich nahm, aus der sich der Andere vor wenigen Sekunden ohne zu fragen bedient hatte. Dann faltete er die Hände über dem Tisch und schien über den Jungen nachzudenken. Was ihm dabei durch den Kopf ging, vermochte er gut zu verbergen. Der Kleine rauchte wartend vor sich hin und starrte ihn dabei direkt an.

"Genug", sprach der Ältere in aller Seelenruhe.

Giacomo schlug flüchtig den Blick in Richtung des kleinen, schwarzen Koffers nieder, der zwischen ihnen auf der Bank lag und der Gegenstand ihrer Unterhaltung war.

"Genug? Ich will viel Geld. Sehr viel."

"Vorsicht mit deiner großen Klappe, Idiota. Du bekommst mehr als du verdienst", antwortete sein Gegenüber in noch immer sehr gelassenem Ton, "noch einmal so ein Theater wie gestern, und die Bezahlung besteht aus Blei."

Der Junge aschte ab und schwieg, bis die Kellnerin, die plötzlich aus dem Stimmengewirr hinter ihnen aufgetaucht war, die Pasta serviert, trotz missbilligenden Blicks gen Zigarette einen guten Appetit gewünscht hatte und wieder verschwunden war.

"War mein erster Arbeitstag", antwortete Giacomo unbeeindruckt und blies eine lange Rauchfahne durch die Nüstern, "da kann schon mal sowas passieren. Ich lerne noch. Und ich hab ihn schließlich erledigt", die Miene des anderen zuckte einen Augenblick, leicht aus dem Konzept gebracht – solche Dinge sprach man nicht so direkt an – doch als er das Blitzen in den Augen des Jüngeren sah, der sich aus dieser Reaktion einen Spaß zu machen schien, wurde sie bedrohlich und Giacomo nahm sich zurück, "den Job, meine ich."

Der Ältere schlug in demonstrativer Beiläufigkeit seine Serviette auf. "Vorsicht, Junge. Vorsicht." Er begann, zu essen. "Das lief mehr schlecht als recht, du hast kein Improvisationstalent."

Giacomo drückte die Zigarette aus und seufzte. Er überlegte. Dann zuckte er mit den Schultern, klatschte lautstark in die Hände, rieb sie heftig und griff ohne Weiteres ebenfalls nach Löffel und Gabel.

"Du hast mir das doch beigebracht. Vielleicht nicht gut genug."

Der andere hob eine Braue, doch anstelle von Giacomos Gesicht sah er nur noch einen schwarzen Haarschopf, der sich über einen Haufen Penne gebeugt hatte, die der Junge sich mit nahezu ausgehungerter Hast in den Mund schaufelte.

"Pass auf, was du sagst, ich warne dich."

"Ja ja, ich weiß, zum dritten Mal schon", Giacomo hatte sich verschluckt und klatschte hustend nach dem Weinglas.

"Zum letzten Mal", zischte der andere.

Giacomo fiel erschöpft zurück an die Lehne und kam wieder zu Atem. "Dann hau mir doch endlich wieder eine rein. Oder erschieß mich gleich. Wäre vielleicht nicht schlecht." Er leerte das zuvor volle Glas mit dem nächsten Zug komplett und der andere seufzte nur wie ein Mann von viel zu großer, viel zu unverdienter Geduld.

"So? Du Ratte hängst mehr an deinem Leben als du meinst, glaub mir. Du würdest heulen wie ein Mädchen. Das kann ich nicht mitansehen." Da schwang etwas mit in seiner Stimme, das Giacomo genauso unverdient entgegengebracht wurde, und das der schon längst bei dem Alten zu bemerken und zu benutzen begonnen hatte.

"Ich hab dich auch lieb, Bruno."

"Che Merda, du bist ein verdammter Bastard. Ich sollte dich wirklich erschießen."

"Heh, dann mache ich wenigstens nichts mehr falsch", Giacomo stellte das Glas wieder hin und grinste. Bruno schüttelte den Kopf und kam nicht umhin, mit dem Mundwinkel zu zucken.

Der Ältere sah ihm beim Weiteressen zu. "Hast zugenommen seitdem du nicht mehr an der Nadel hängst", bemerkte er irgendwann. Ein nebensächliches Aufschauen über den Tellerrand, keine Antwort. "Bist aber immer noch dürr."

Giacomo rülpste und rieb sich den Bauch. Er sah den anderen ohne jede sichtbare Reaktion auf seine Worte an.

"Genug, ja?", Giacomo klopfte auf den Kofferdeckel und meinte den Inhalt. "Schön. Ich brauche nämlich ein neues Hemd. Dafür sollte es schon reichen. Und wenn ich schon mal dabei bin, auch gleich einen Anzug. Ich hab noch nie einen gehabt. So einen wie deinen. Wobei – nein, einen, der nicht so altbacken aussieht. Hmmm, Arbeit muss sich schließlich lohnen", für einen Moment wurde er still und etwas huschte durch seinen Ausdruck, eine ganz winzige Regung, ein kaum merkliches Langsamerwerden, ein kaum merkliches Erblassen, eine Gedankenverlorenheit. Dann platzte er aus diesem Nichts hervor: "Oh, und Schuhe, natürlich."

"Irgendwas ist wirklich nicht in Ordnung mit dir. Und das wird noch mal dein Tod sein."

"Si, si, certo. Aber von dir kommt er nicht. Du magst mich."



Kapitel 3: Ein Job


Zehn Jahre später.


"Sehe ich aus wie eine Signorina?"

Der Mann in dem teuren Anzug, dessen Kragen und Krawatte ein wenig aus der Form geraten waren, hatte sich keuchend über den am Boden kriechenden Körper gebeugt. Er legte den Kopf schief.

"Hum? Glaubst du mieser Bastard, ich bin deine kleine Hure, der du das blaue vom Himmel lügen kannst? Glaubst du, Roberto ist eine Signorina? Roberto! Er meint, du bist ein Mädchen."

Roberto, größer und wesentlich breiter als der, der gesprochen hatte, trat gelassen aus dem Hintergrund hervor und versetzte der gekrümmten Fleischmasse vor seinen Füßen einen weiteren Tritt, der dumpf hallte und sie Blut spucken ließ.

"I-ich weiß nicht...", keuchte es dürftig durch die staubige Halbfinsternis der Lagerhalle.

"Was hast du gesagt? Ich kann dich nicht hören. Spuck mal aus."

Der Schmalere der Stehenden kickte den Liegenden kraftvoll in die Seite und rieb sich dann mit dem Rücken der rechten Hand, in dem er eine Waffe hielt, die verschwitzte Stirn.

"Also?"

"I-ich... sage ich... i-ch w-weiß-nicht... bin mir nicht sich-er... wer von euch... die Hosen anhat - weißt du.... a-ber die meiste Zeit glaube ich-"

Ein weiteres Geräusch, wie wenn jemand gegen einen nassen Sandsack tritt.

Würgen.

"Die – die mei-ste Zeit a-ber glaube i-ich... du b-bist.... es ni- nich-t."

Giacomo gab Roberto ein weiteres, leicht entnervtes Zeichen.

Eine ganze Salve von Tritten folgte.

"Ich glaube", setzte Giacomo an und hob die Hände, "du hältst meinen Onkel für eine Nutte. Eine die du ficken kannst ohne dafür zu bezahlen. Wo ist das Geld hin?"

Der misshandelte Körper hatte unter der Führung des Schlägers inzwischen ein gutes Stück blutverschmierten Betonboden hinter sich gebracht. Rollend. Taumelnd. Aufbäumend und zusammenbrechend. Giacomo wartete. Dann räusperte er sich mondän.

"Lass ihm noch mal kurz Zeit zum Nachdenken. Noch ein letztes Mal. Vielleicht ist er ja einfach langsam."

Der Schrank ließ von seinem Opfer ab und umrundete es wie ein streifender Wolf.

Fast hätte man meinen können, jeder der Männer sei dermaßen aufgeheizt, dass von ihren Schultern Dunst in die dürftigen Lichtspalten aufstieg, die von hoch oben durch verschmierte, kleine Fenster fielen.

Es dauerte lange, bis der am Boden sich wieder soweit erholt hatte, dass er sprechen konnte.

"Ich-weiß-nichts-von-deinem-scheiß-Geld", hustete er, "oder... von-dem von deinem... verdammten... On-kel..."

"Rob-"

"-Hey- ... hey-h... h-hör doch-zu Mann... der b-Boss hat mir-nicht... ver-traut... ich weiß-gar-nichts... gar-nichts... übers Geschäft-ich..."

"Merda. Du weißt also nichts. Sag das doch gleich."

"H-hab...ich d-doch du Hurens-ARGH!"

Giacomo hatte die Waffe in Sekundenschnelle entsichert. Ein Schuss fiel. Etwas spritzte mit einem unschönen Geräusch und einem typischen Verteilungsmuster großflächig über den Untergrund. Mit einer fachgerechten Bewegung aus dem Handgelenk war die Beretta wieder gesichert. Giacomo seufzte nur, steckte sie weg und richtete sich die Krawatte.

"War eine verdammte Zeitverschwendung", murrte er zu Roberto. Der nickte.

"Was nun? Zu Dannie?", fragte der Schrank.

Plötzlich fluchte Giacomo lautstark, der andere blickte fragend, doch als er sah, dass der Schütze sich lediglich über einen Spritzer am Hemdsärmel ärgerte, löste sich die Spannung seiner Schultern wieder.

"Jup, zu Dannie", knurrte Giacomo und ging voraus, "gleich der nächste", rief er schon von fern und ein helles, weißes Rechteck erschien am schwarzen Horizont, begleitet von einem metallischen Quietschen, "wir wollen heute noch fertig werden. Umberto hat das Warten satt. Und ich hab keinen Bock mehr."

"Heh. Und ich erst", brummte Roberto und stapfte hinterher.

"Lass uns den Scheiß doch nachher bei Luigi runterspülen. Ein schöner Whiskey, was hältst du davon?"

"Deinen Whiskey kannst du selber saufen, compagno. Ich bleibe beim Bier. Aber prinzipiell nicht schlecht."


Die Tür fiel ins Schloss und die raumlose Schwärze, die alles Geschehene verschluckte, war wieder perfekt.



hoch

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Genres:
* Prosa * Krimi *


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