Tom und das Sehen


Tom saß auf dem Dach und starrte in die Stadt. Er drehte das Messer in der Hand.

Ihr Gesicht ging ihm durch den Kopf. Der Moment, als der Alltag zerbrochen war. Der Augenblick, als ihm gewesen war wie Aufwachen. Seitdem wie Wachsein. Und er fragte sich, warum. Er wunderte sich und es grauste ihn, er atmete hastig und wollte nicht mehr.

Sie hatte ihm gegenüber gesessen und sich schläfrig an der Stange festgehalten, die neben ihr aus dem Boden gewachsen war und ihn mit dem Dach verbunden hatte. Wenn die Ubahn über Weichen und in langgezogene Kurven gestolpert war, hatte sie sich geregt und war erst ein Stück nach vorn, dann eins nach hinten gerutscht. Neben ihr hatte ein Alter im Alkoholdelir gesessen, daneben ein Junge Rockmusik gehört, daneben wieder hatte eine Reihe von Gestalten existiert, die er in diesem einen Moment alle gesehen hatte. Es war ganz plötzlich gekommen.

Menschen in Städten sieht man nie. Wo so viele davon sind, da sind nur viele, aber kein Einzelner. Und Tom hatte in diesem Moment viele Einzelne gesehen und sich gefühlt, als wäre etwas, das sonst da war, plötzlich fort. Ihm war augenblicklich klar gewesen, dass er dieses Gefühl nicht mochte. Aber da ihm nicht klar geworden war, wo es hergekommen war, so wenig, wie ihm klar geworden war, wo all diese Einzelnen hergekommen waren und ihn, trotzdem es ihm nicht klar war, mit ihrer Anwesenheit tangierten – da ihm das alles nicht klar und unergründlich gewesen war, hatte er auch nicht dagegen angehen können.

Stattdessen hatte er sich zurücklehnen müssen, das Fenster war hart gewesen, und er hatte sie anstarren und in sich aufsaugen müssen, und nun kamen sie wieder aus ihm raus. Alle. Das Mädchen hatte ihn besonders gestört, sie war so blond gewesen, aber selbst der Alte hatte unerklärlichen Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte ihn gerochen, er hatte gestunken. Seine Hände hatten sich unablässig bewegt, sich umeinander gedreht, dreckig durch das verlebte Gesicht gewischt, aus dem rot unterlaufene Augen fahrig gegafft hatten. Ob er sie auch gesehen hatte? Mit diesen ekelhaften Augen? Sie alle? Sie alle einzeln? Ob er Tom gesehen hatte? Und Tom hatte gewusst, wenn auch nicht warum, dass das unerträglich gewesen wäre.

Der Punk hatte sicherlich niemanden gesehen, denn seine Augen waren verschlossen gewesen, aber vielleicht hatte er gefühlt. Und das Mädchen hatte bestimmt eine andere Welt gesehen, sie war sowieso zu dürr gewesen für einen vollwertigen Teil dieser Realität.

Gleisdreieck, kaltes Quietschen, das Heulen der Türen. Nächster Halt: Sie werden sehen.

Tom hatte irgendwann auf den Boden gestarrt, da diese Einzelnen ihn mit ihrem bloßen Anblick bedrängt hatten und er hatte ausweichen müssen. Er war nervös geworden, vielleicht hatte er Angst um sich selbst bekommen, Angst, sich unter den Einzelnen zu verlieren, Angst, seinen Verstand zu verlieren im Überfluss ihrer Eindrücke. Er hatte sich danach gesehnt, sie wieder auszublenden, sie wieder nicht zu sehen, danach, dass die Einzelnen wieder viele würden. Doch ihre Schuhe waren über den Gang gewandert, jedes Paar einzeln, jedes Paar eine Geschichte, ein Takt, ein Stil, ein Gedanke, ein Gefühl, das Leder da war teuer und war sehr sauber gewesen, ein Businessmensch, Turnschuhe, rosa, eine Schülerin, Highheels bei diesem Glatteis, eine Modebewusste mit schlanken Waden, offene Schnürsenkel waren in Baggypants versunken, Musik. Ein Schlendern, einer mit Gitarre. Tom hatte für ihn den Kopf gehoben und auch ihn gesehen, ihn angesehen und der hatte ihn nicht gesehen, auch wenn er ihm einen Becher untergehalten und um Geld gebeten hatte, doch er war zu schnell beim nächsten gewesen, um Tom gesehen zu haben.

Tom war schlecht geworden. Schwindlig. Heiß und kalt. Er hatte dort raus gewollt, der Alte hatte das sicher auch, aber ob er das gewusst hatte, war eine gute Frage, was hatte der wohl überhaupt gewusst, was hatte das Mädchen gewusst, was der Punk, was der Musikant, was all diese unzähligen Einzelnen, denn dass sie etwas wussten, das hatte Tom nun sehen können; wer waren die gewesen, warum hatte Tom die gesehen, warum war da nicht bloß der Alltag gewesen, was war kaputt gegangen, warum hatte er seine Gedanken verschwenden und ausbluten müssen für sie alle?

Schlafen, Tom hatte schlafen wollen, Schlafwandeln, wie immer. Doch er war schwitzend sitzen geblieben, hatte sich dazu gezwungen, zu bleiben, bis seine Station gekommen wäre. Und er war gezwungen gewesen, weiter zu sehen.

Und als er sie so hatte anschauen müssen, die alle, da hatte er an jedem etwas gefunden, das ihm ureigen war. Furchtbar eigen. Aufdringlich eigen. Etwas in ihren Gesichtern. Etwas in dem, was aus diesen Gesichtern kam. Etwas, das diesen Leuten mehr gab als nur eine Gestalt. Es war das, was ihn dieser eine, fatale Moment hatte sehen machen, das, was die Wand normalerweise filterte – ja, die Wand, die Wand, die zerbrochen war, wie er nun instinktiv erkannt hatte, und die er dann genauso instinktiv gesucht hatte, da ihm das alles nicht gefiel.

Der Alte hatte ein Leid gehabt, das Mädchen eine Umarmung, der Punk einen Gedanken, der Musiker einen Plan. Sie alle eine Persönlichkeit.

Und Tom? Tom hatte Augen im Kopf.

Nun saß Tom auf dem Dach und starrte in die Stadt, voll von erstickend einzigartigen Einzelnen, und er drehte das Messer und stach sie sich aus.

hoch

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Genres:
* Prosa *


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