Auf dem Weg

Ich weiß nicht mehr, von wie vielen Orten dieser Welt aus ich bereits in die Ferne gestarrt habe. Du kannst die Namen der Städte, Plätze und Straßen austauschen, du kannst Ethnizität, Baustil und Sprachmelodie austauschen, du kannst Gesellschaftsordnung, Industrie und Klima austauschen, wahllos, belanglos, hunderte, tausende, egal – es ist immer dasselbe Gefühl.

Gehen müssen.

Suchen müssen.

Fernweh.

Die Ahnung, dass dort hinter dem Horizont dein Herz ist.

Und du läufst und läufst und läufst weiter.

Folgst den Wolken ins Blau und in die Nacht und in ganz andere Tage, überwindest ihn wieder und wieder, doch kein einziges Mal kommst du an. Denn während du dich hinter der einen Linie auf deine Knie stützt und Atem fasst, schaust du dich um, siehst viel, siehst weit – und glaubst dein Ich schon hinter der nächsten.

Du wirst umgetrieben von einer grundlegenden Sehnsucht.
Rastlos.
Deine Heimat ist die Reise.
Du weißt das, aber du verstehst das nicht.
Das ist dein Wesen.

Obwohl ich diese Gedanken schon unzählige Male gedacht habe, bis sie meine Freunde und Wegbegleiter geworden sind, die mich mit einer Spur von Vertrautheit wärmen, wenn ich einmal mehr auf einer dieser Brücken stehe und Flüssen, Straßen und Schienen in die Weite hinterher sehe, und obwohl ich sie mit den Jahren immer tiefer begreife, habe ich diese Dinge nicht immer so klar beim Namen nennen können.

...Es ist lange her.

So lange, dass es fast nicht mehr wahr ist, und ich mein eigenes Wesen von deinem, an das ich mich erinnere, nicht mehr klar trennen kann. Aber da warst doch vor so unendlich langer Zeit du, die mir Worte dafür gab, oder auch dem Himmel dieser Sommernacht, ich weiß nicht mehr. Ich weiß überhaupt nicht mehr, wann du je wirklich zu mir gesprochen hast und nicht bloß zu deinem eigenen Fernweh. Ich weiß nur noch, dass ich nicht im Geringsten ahnte, wie schwer diese Stunde wog, als sie da war. Dass es eine der letzten Gelegenheiten wäre, zu denen ich dein Gesicht sehen würde. Und bereits die letzte, zu der noch diese seltsame Freude darin war, die die Stadt dir gab, solang sie dir noch fremd war, zu der noch nicht der Vorbote deines Aufbruchs, die Seelenlosigkeit, sie ersetzt hatte.

Und so durchstreife ich heute eine weitere Metropole auf der Suche. Nach dir, nach mir – wer weiß das schon so genau. Nach zweierlei, das doch eins ist. Nach derjenigen, die so viel in mir verschuldet hat. Nach einer, deren Beispiel der letzte Anstoß war, den ich brauchte, einen Fuß vor die Tür zu setzen, weil ich endlich erkannt hatte, dass ich niemals bleiben könnte, ohne nicht zu leben.
Nach einer, die mich zurückließ.
Und vielleicht bin ich auch nur auf dem Weg.





Wie oft kann man die Welt umrunden und wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren? Ich war ein paar Mal wieder in Kopenhagen, auch wenn mir die alte Heimat nichts mehr sagt. Bekannte und ehemalige Kollegen sind mir fremd geworden und nicht einmal zwischen meiner Mutter und mir herrscht noch ein herzliches Verhältnis. Sie hat mir nie ganz verziehen, dass ich ohne ein Wort verschwunden bin – wie das Leben eben so spielt in seinen unvorhersehbaren, irrwitzigen Prozessen. Selbst die Bindungen, die man für die fundamentalsten hält, können sich ganz unspektakulär auflösen, bis man eines Tages aufwacht und sich wundert, warum es nicht wehtut.

Ich war sechsundzwanzig, als ich ging. Ein Jahr lang hatte ich mehr oder weniger so weitergemacht wie bisher, nur dass ich dabei jede Øre gespart und den Fluchtplan stets in der Tasche hatte – das machte einen bemerkenswerten, gefühlten Unterschied. Du erledigst deinen Job, dann noch den zweiten daneben, und bei der geringsten Frustration singt dein Geist dieses Mantra: bald bin ich weg, bald bin ich weg. Die grundlegende Kraft deines Seins. Der Tag, an dem ich nicht mehr im Büro erschien, sondern um 6 in diesem Flieger saß, der kalten Sonne beim Aufgehen zusehend, mit nichts an Gepäck als einem Koffer Kleider und meinen Papieren – die gedruckte Manifestation deiner Identität in Zeugnissen und Ausweisen, die dir bescheinigt, was du bisher mit deinem Leben gemacht hast – war ein tiefer, befreiender Atemzug, ein einziges 'endlich'.

Zehn Jahre ist es her.

Zuerst landete ich in Amsterdam, frag mich nicht, warum. Du hast nie davon gesprochen. Vielleicht deswegen. Deutschland kam nicht in Frage, zunächst nicht, zu viele Erinnerungen. Die Ersparnisse reichten noch bis Madrid und Rom, dann musste ich mich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, so habe ich es seitdem immer gemacht. Ich verließ den Kontinent, verlor mich in New York, Chicago und Toronto und stellte fest, das mir das Leben in Asien außerhalb der touristischen Ballungsräume am schwersten fiel.

Gott, ich weiß wirklich nicht mehr, wo ich gewesen bin.

Ich könnte es in meinem Reisepass nachlesen. Visum um Visum... aber was bedeutet es schon. Manchmal ist mir, als befände ich mich in einem Fernrausch, aus dem ich nur hin und wieder aufdämmere, der aber ein tiefes Glück, eine Beruhigung birgt, die Betäubung dieses im Stillstand quälenden Dranges, auf dem Weg sein zu müssen. An anderen Tagen ist es das größte mir bekannte Elend. Und an wieder anderen, da ist mir, als hätte ich mich verloren, und alles verläuft sich in Gleichmut.

Heute bin ich also tatsächlich hier. Dies ist deine Heimat. Zwar sehe ich sie nicht zum ersten Mal in meinem Leben, das war damals, damals haben wir sie gemeinsam besucht, aber das erste Mal, seitdem ich allein aufgebrochen bin, und ich frage mich, wie oft du bereits hierher zurückgefunden hast.

Berlin.

Es muss dich, wenn überhaupt, geekelt haben, furchtbar geekelt, du hast einmal gesagt, von dem bedrückenden Gefühl, das Orten anhaftet, die einen zu lange festgehalten haben, die man zu oft gesehen hat, die einem zu vertraut und zu gewöhnlich geworden sind, würde dir schlecht. Das sei wie die Ausweglosigkeit am Boden einer Depression. Und ich stelle mir dich vor, wie du inmitten all desselben Verkehrs, den ich nun durchwandere, die Schultern einziehst und still über die altbekannte Geometrie der Fassaden schimpfst.

Ob ich dich wohl noch erkennen würde, wenn du die Frau wärst, die dort rauchend am Cafétisch sitzt?

Du musst jetzt fünfundvierzig sein, zwischen uns waren neun Jahre.

Ich wünschte, ich könnte sehen, welche Linien die Reise in dein Gesicht gezeichnet hat.

Wie ich so durch die Eingeweide dieses, deines Geburtsorts streife, fühle ich noch nichts von diesem Ekel, da ist noch genug anheimelnde Rastlosigkeit und Fremde, die durch ihre Häuserschluchten zieht. Ich schmecke den Staub der Baustellen, ich empfinde roten Backstein und grauen Asphalt, ich sehe so viele Gesichter. Manche sind voll und sind abgeschlossen in ihrer Völle, andere schöpfen aus ihr dynamische Energie, man liest es in ihren Schritten, die ihren Weg im Gegensatz zu unseresgleichen so zielstrebig zu kennen scheinen. Sie können nicht schnell genug von einem klar umrissenen A zu einem klar umrissenen B kommen und finden Erfüllung dabei. Das zu sehen ist gut, denn der Anblick versichert, dass die Welt sich im Großen und Ganzen in geordneten Bahnen bewegt – und obgleich ich Ordnung in meinem kleinen, privaten Stück Leben nicht ertragen könnte, die Ordnung des Großen und Ganzen erscheint mir notwendig.

Wenige, ganz wenige Andere, sehen die leere Weite. Sie machen mich nervös. Ich lasse mich im steten Halbdunkel zwischen den rechts und links aufschießenden Blocks vom Verkehrslärm einnehmen. Ich schaue tief in die Streifen aus Himmel hinein, die ich über den Dachgiebeln erkennen kann, oder konzentriere mich auf das Pflaster unter meinen Füßen, spüre der Vibration der Ubahn nach. Kurzum, ich vermeide es, diesen Menschen in die Augen zu sehen, denn ich fürchte sie und ich fürchte auch, dass sie mich als die erkennen, die ich bin. Wir lassen einander passieren. Ich kann mich nicht noch einmal von einer deines Schlags berühren lassen, ich fürchte, das wäre zu viel Sehnsucht für eine Seele. Es reicht mir, dich zu vermissen, und ansonsten mich zu haben – meistens.

Manchmal will ich dich sogar nicht wiederfinden, sehe ein, dass dir zu folgen, ohne zu wissen, wohin überhaupt, nur ein Vorwand ist, zu laufen und zu laufen. So, wie es meiner Natur entspricht. Und wieder manchmal... sehe ich dich einfach und denke dabei nichts. Sehe dich in den Zügen und Straßenbahnen. Sehe dich im Lichtspiel verglaster Fassaden. In den Gerippen von Brücken, gerade darin. In Schienen.

Ich starre dann dröge zurück.

Weiche der Erinnerung aus an deine nie nachlassende Nervosität, als wir hierher zurückkehrten, an deine angesichts der Heimat heimatlosen Augen, den flüchtigen Blick, daran, wie ich ihn einzufangen, zu beruhigen suchte, vergeblich. Doch da sind trotzdem der Schatten deines Haars und deines Lächelns und die ausgewaschenen Farben deiner Kleider, in denen der Staub der Straßen und der Duft der weiten Welt hing.

Deine Wohnung, ein Erbstück, ist und war damals schon eine Bruchbude irgendwo im heruntergekommensten Viertel der Stadt. Ich war gestern dort. Wie zu erwarten kam ich nicht weiter als durch den Haupteingang und das Treppenhaus, denn niemand war zu Hause. Im Hausflur trat ich gegen Wände. Ich sank wohl eine Weile vor einem der Fenster auf den Absätzen nieder und fühlte mich unaussprechlich. Vielleicht verbrachte ich auch Zeit damit, den Wurmbefall deiner Wohnungstür zu begutachten. Viel weiß ich davon nicht mehr.

Es ist ein schmaler, zwischen seine Nachbarn gedrängter Altbau, hölzerne Treppen und Licht wie Brackwasser. Kühle. Weiter, leerer Raum, hohe Decken. Rost und blätternde Farben und Tapeten. Aber du, du bist dort einst lebendig gewesen, auf diese Art, die mir am Anfang befremdlich vorgekommen war. Als wir uns das erste Mal begegneten, in Kopenhagen, fragte ich dich schließlich nicht nach deinem Namen oder deiner Person, sondern ich fragte:

"Was machst du da?"

Wie gestern sehe ich dich vor mir, wie du am Hafen standest, dich über die schmale Spalte Wasser beugtest und die Hände an diesen salzverätzten Schiffsbug legtest.

"Korrosion fühlt sich gut an", hast du geantwortet, ohne dich ablenken zu lassen. Dein Dänisch klang falsch und der Lack splitterte unter deinen Fingerkuppen. Ein Stück davon hast du in deine Taschen gesteckt. "Findest du nicht? Ist wie ein Buch lesen." Ich glaubte, du seist ein bisschen verrückt.

Du sagtest, du bautest Brücken. Leider seien selbst die ältesten deiner eigenen noch so glatt und neu, dass man darin nichts lesen könne. Aber du würdest dich auf die Geschichten freuen, die man deinen Bauwerken eines Tages entnehmen könnte, wenn sie nur gut genug verwittert waren. Du bautest, um dem Verfall anheim zu geben, denn nur er gäbe den Dingen Seele.

So kam ich, die kleine, dänische Buchhalterin, mit der deutschen Ingenieurin ins Gespräch, die angestellt war, Materialfehler der Øresund-Brücke auszubessern. Ich habe dir irgendwo zwischen Irritation und Bewunderung prompt an den Kopf geworfen, dass ich deinen Beruf sehr ausgefallen fand für eine Frau, und du hast schulterzuckend gemeint, meiner wäre ja sehr typisch, und auch meine Aussage wäre das, das würden Leute wie ich Leuten wie dir stets als erstes sagen. Dann waren wir zwei, die lachten, ohne jeden Argwohn. Ich glaube, von dem Moment an wussten wir, dass wir und ähnlich waren. Dass wir so ehrlich zueinander sein konnten, wie es für zwei Menschen vonnöten ist, um sich gegenseitig viel von ihrem Wesen anzuvertrauen – sodass diese Freundschaft entstehen konnte, intensiver, tiefer, absoluter als jede davor oder danach. Zumindest für mich.

Und nun, diese Stadt, ich... Erinnerungen kommen und gehen. Es ist mir nicht möglich, sie in zeitliche Abfolge zu bringen. Ich sehe Orte. Ich sehe dich. Schritt um Schritt geh ich aus dem Wirren ins Unbestimmte. Ich lande auf der Terrasse einer Bar, irgendwo zwischen den Schienen der Tram und denen der S-Bahn, sie ist an diesem späten Abend gut besucht, und die Kellnerin spricht mich an, auf deiner Muttersprache. Lange nicht gehört. Sie weiß nicht, warum ich sie anlächle. Dann höre ich wieder dir zu.

"Lass uns nach Schweden gehen." Eine dieser zeitlosen Sommernächte, in denen Kopenhagen unser war. Jeder Winkel, jede Straße, jeder Müllcontainer. Wir hatten Schönheit gefunden in all den nichtigen Dingen, an denen man so oft einfach vorbeiläuft, bodenlose, unverstandene, missverstandene Schönheit, bis wir nur noch stumm auf dem Dach dieser Fabrikhalle saßen. Lauschend. Der Ferne. Ich erinnere mich an die Wärme von Metall, die meine Beine hochkroch, und an den Geruch deiner Schulter, als ich mich daran lehnte. Es hat dir nie etwas ausgemacht, wenn ich dich umarmte. Aber ich weiß nicht, ob wir je Geliebte waren. Ich habe zumindest nie etwas wie Ablehnung in deinen Augen gesehen – vielleicht auch, weil sie so selten mich und so oft den Horizont anblickten. Da war lediglich der Schemen deiner Wangen in der Dunkelheit und alles, was ich wünschte und nie wagte.

Wie groß war die Distanz zwischen uns?

Je mehr geographische und zeitliche sich dazu gesellt, desto weniger vermag ich es zu beurteilen.

Wie groß ist sie jetzt?

Kann ich denn irgendwohin gehen, ohne dich mitzunehmen?

Nach Schweden gehen. Du hattest diesen Vorschlag äußerst wörtlich gemeint und nicht etwa ein Flugzeug oder eine Fähre nehmen wollen. Deine Idee war in der Tat, mitten in der Nacht über den Øresund zu spazieren, die nicht unbedeutende Strecke Wasser zwischen Dänemark und der skandinavischen Halbinsel, und ich habe lediglich so lange gelacht, bis mir das aufging, um dich dann irritiert anzustarren.
"Das meinst du doch nicht ernst..."
Mich wunderte jedoch längst nichts mehr. Und du sahst mich an und wusstest das.

Immer, wenn dein seltener Blick mich traf, war mir, als erkanntest du mich. Vollkommen. Und auch, als lachte etwas in dir dabei; ob aus Liebe oder Spott oder einer Freude, die gar nichts mit mir zu tun hatte, wusste ich nie. Ich wollte, dass es an mir lag. Du berührtest mich stets, passgenau. Und ich glaubte damals, dass du das konntest, bedeutete, wir seien eins, verwandt, füreinander gemacht. Ich glaubte, dass wir dasselbe dachten und fühlten.
Vielleicht war das gar nicht immer falsch.
Vielleicht war nur mein zwingender Schluss daraus falsch: dass dies für dich genauso außergewöhnlich, genauso erfüllend sein musste, wie für mich. Dass es dir genauso viel bedeutete, weil es das war, was auch du vielleicht gesucht hattest. Dass ich so einzigartig für dich sein musste, wie du für mich. So einzigartig, dass du auch mich nicht mehr missen wolltest.

Doch was auch immer ich in deinem Gesicht je an Liebe sah, oder als solche missinterpretierte, als persönlich gemeint missinterptretierte: ich ahne – doch ich weiß nicht – dass sie nicht mir galt. Nicht in gleichem Maße wie meine deiner Person umgekehrt. Höchstens dem Unbekannten in mir. Dem Leben. Dem Weg, dem Aufbruch, dem Atmen, der Möglichkeit, etwas zu lesen, dich für einen Augenblick vielleicht im Spiegel und durch meine Augen zu sehen. Und ich zeigte und gab und legte dir mein Herz hin. Darum warst du eines Tages einfach fort, ist es nicht so? Weil es irgendwann alles gewesen war.

Oder nicht?

Nein – nein.

So persönlich hast du es nie gemeint, wie sehr ich mir sogar das inzwischen wünschen würde.

Nein.

Du bist einfach gegangen.
Selbst das hatte nichts mit mir zu tun.

"Natürlich. Wozu repariere ich dieses Ding, wenn nicht, damit man es benutzt? Lass uns los."

"Und das sind – wie viele Kilometer? Ist doch für Fußgänger gar nicht zugelassen."

"Sechzehn. Und?"
Du bist aufgestanden. "Ich arbeite daran. Soll mich einer abhalten, wenn mich eine nächtliche Inspiration heimsucht und ich mir das Werk ansehen will. Ich kann mich ausweisen."

"Aber der Tunnel – das ist doch viel zu gefährlich."

Die Øresund-Verbindung besteht nur zum kleineren Teil aus einer Brücke.Von Kopenhagen bis zur dänischen Insel Peberholm verläuft die Strecke als Drogdentunnel unter dem Wasser, erst danach als Brücke bis nach Schweden. Sie ist Straße und Schienen. Ein Standstreifen, natürlich, und Notausgänge, Versorgungsschächte, Rettungswege... ich zerwühlte mir das Haar und seufzte nur: "Ist es denn schön in Malmö?"

"Relativ. Wenn man schwedische Städte mag. Aber es ist schön auf dem Wasser."





Es ist Nacht in Berlin. Das Pflaster glimmt, strahlt Tageshitze ab und dieses diffuse Licht, das den Städten im Sommer eigen ist. Mein Blick lässt sich vom Flirren ablenken und wundert sich über Trugbilder über der S-Bahn.

Da ist ein Mann am Nachbartisch, der schon eine Weile nicht mehr in seinem Buch liest und zu mir herüber sieht. Er wartet darauf, dass ich den Blick erwidere. Als ich ihn endlich, mehr durch Zufall ansehe, erkenne ich, wie jung er ist. Helle Augen. Er lächelt. Ich habe diese Dinge verlernt. Nie mehr Platz dafür gehabt, nicht neben dir. Ich will alles abtun - doch da bemerke ich es. Das, was ich immer fürchte. Den Moment, in dem zwei Ziellose sich erkennen.
Ich möchte zahlen und gehen.
Doch während ich erfahre, dass er Student ist, und nicht zu fragen brauche, warum er eine Frau anspricht, die mindestens zehn Jahre älter ist, weil auch in meinen Kleidern etwas von diesem Duft hängt, nimmst du mich wieder an der Hand und unsere Füße baumeln zwischen Stahlseilen hinab in ein Nichts über dem Meer.

"Da hinten", sagst du nur, "da hinten will ich hin."

Aus der Richtung, in die wir gelaufen waren, reimte ich mir zusammen, dass dies der nördliche Horizont sein musste und dahinter irgendwo Norwegen, Island oder Spitzbergen, gefolgt von der Arktis lagen, aber ich bezweifelte, dass du das so konkret meintest.
Wir saßen hinter den Absperrungen für die Bauarbeiten, die eine der Spuren unbefahrbar machten, so konnte uns wenigstens niemand sehen und für ein Paar von Selbstmördern halten, denn der Verkehr zog selbst um diese Zeit unaufhörlich an unseren Rücken vorbei. Es blies ein scharfer Wind, trug das dopplerverzerrte Rauschen der Autos fort, die in eine unbekannte Ferne schossen.

"Und dann?", rief ich.
Ich schlug mir das flatternde Haar aus dem Gesicht.

"Dahinter." Dich hingegen störte es nicht.

Etwas in mir veränderte sich. Ich begann, mir über eine Sache Gedanken zu machen, die sich schließlich nur sehr langsam in Worte fassen ließ: "Wenn du hier fertig bist, wirst du gleich fliegen?"

"Spätestens nach drei Tagen."

"Wohin als Erstes?"

"Ich hab einen Job in New York. Da gibt’s immer viel zu tun, viel Eisen, viel Salzfraß. War schon zwei mal dort – eine der wenigen Städte, die nicht gleich langweilig werden." Du legtest den Arm nachdenklich um die mächtige Stahlkonstruktion und deine Augen verengten sich. "Und sie planen, die Ostsee zwischen Fehmarn und Lolland zu überbrücken. Je nachdem, was daraus wird, muss ich mal sehen, ob das mein Interesse weckt – danach. Aber das liegt in den Sternen."

Ich wurde hellhörig.
"Lolland – so nah. Das heißt ja, ich hätte dich irgendwann wieder."

"Hm?", du schrecktest hoch wie aus Gedanken. Keine Antwort. Ich wusste nicht, ob du meine Frage wirklich nicht verstanden hattest, oder nicht hattest beantworten wollen. Womöglich letzteres – denn in deinem Gesicht blitzte sehr kurz etwas auf, das ich nicht kannte, und das erste Mal fürchtete ich, etwas wie Reserviertheit zu erkennen. Das versetzte mir einen Strich, weil ich Angst hatte, etwas falsches gesagt zu haben. Ich schüttelte den Kopf, als sei es nicht wichtig gewesen. Du drehtest dich wieder in Richtung des Meeres.

"New York", sagte ich irgendwann.

Die Kälte des Windes war mir inzwischen in die Knochen gefahren. Meine Lippen so rau und salzig geworden, dass sie nicht mehr zu mir zu gehören schienen; ich hörte meine Stimme, spürte aber nicht, ob da wirklich ich sprach. "Da muss man sich ja drin verlieren können."

"Ja, so ist es. Das ist das Schöne daran."

Ich konnte dem Impuls, dich zu berühren, nicht widerstehen. Doch statt die Arme um dich zu schlingen und dich festzuhalten, legte ich in dieser unverfänglichen Geste, die gerade so vertraut war, mich zu wärmen, und nicht zu vertraut, zu viel aufs Spiel zu setzen, meinen Kopf an deine Schulter. Als ich die Berührung deiner Haut an meiner Stirn spürte, war mir schon gar nicht mehr danach, diese Frage auszusprechen, denn eigentlich wusste ich, was du sagen würdest, und sie war nicht mehr als ein überflüssiges Noch-einmal-hören-Wollen.

"Was ist denn so furchtbar daran, sich zu finden, wenn doch alles andere... das alles nur eine Suche ist, die weh tut."

Es dauerte lange. Wieder war mir nicht klar, ob du mich verstanden hattest oder ob der tosende Lärm von Luft und Verkehr alles verschluckt hatte. Dass ich darin dann doch eine Antwort hören konnte, so klar, als hielte alles um uns an, hatte ich nicht für möglich gehalten.

"Dass man dann stillsteht. Dass es dann Grenzen gibt. Dass man damit zufrieden ist. Das ist so furchtbar daran."

Tausend 'Aber' wollten mir den Hals hochkommen. Obwohl ich im Grunde verstand, wollte ich widersprechen. Dir recht geben, dass Bewegungslosigkeit der innere Tod war, aber dass man die Flucht nicht so vollkommen ausleben musste, um dem zu entgehen. Nicht so vollkommen, dass sie gleich sämtliche, wirklich alle Bindungen miteinbezog, die ein Mensch eingehen konnte. Wie die zwischen uns. Vielleicht war ich noch nicht ganz dort angekommen, wo du warst, hatte den Punkt noch nicht vollends überschritten, zu erkennen, dass Zufriedenheit nicht immer etwas mit diesem bestimmten, allgemeinen Bild von Glück zu tun haben musste, mit Sicherheit, mit all diesen Konzepten, die ich mir zeitlebens vor Augen gehalten hatte, nur um mich zu fragen, warum mir trotzdem so schlecht wurde, so unglaublich übel, manchmal, ab und an, an diesen Tagen, die einfach so still waren, dass man sich Fragen stellte. Vielleicht war es aber auch nur selbstsüchtiger Protest, der sich Ausdruck verleihen wollte, und den ich mit Mühe unterdrückte. Und während ich das tat, ging mein Atem plötzlich flach, und ich bin mir sicher, wenn ich nicht hastig weitergesprochen hätte, dann hätte mich Panik fortgespült.
"Erzähl mir von New York. Ich war da noch nie. Wie ist es da?"
Es war ein Ankerwerfen.

Du klangst ruhig wie die Geduld der Nacht.
"Straßen. Schluchten. Gleichgültig wie alle großen Metropolen."
Du pausiertest eine Weile. Als wärst du an einem anderen Ort.
"Und wie alle in ihrer Gleichgültigkeit eine grenzenlose Möglichkeit."
Du blicktest ins Weite, die Worte zurechtlegend.
"Eine Gnade. Die einzige, wahre Gnade, die auf dieser Welt zu finden ist, liegt im Herzen eines Molochs."

Ich schloss die Augen und wartete.

"Es ist eine einzigartige Sache... dieses Gefühl, wenn du an einem der leeren Kais stehst, in dieser fremden Nacht, und auf Manhattan blickst. In die Lichter. In diese... Komplexe, die die Wolken aufreißen, so gewaltig. In das unglaubliche Getriebe und das namenlose Geschäft, das dich nichts angeht und auch sonst niemanden. In das Leben, das sich da abspielt und einerseits unglaublich fern, andererseits allmächtig und allanwesend ist. Oder wenn du mittendrin stehst und rechts und links diese Stahlglaswände aufragen. Den Himmel und die Straße abriegeln. Dir nur einen engen Raum lassen, am Grund zu kriechen, um mit den Autos und den Gesichtslosen eins zu werden. Wer Angst davor hat, nennt es Verlorenheit. Aber das ist es nicht. Es ist eine Mischung aus tiefliegender Einsamkeit, absoluter Selbstständigkeit und gleichzeitigem Aufgehen in etwas Größerem. Ein anonymes Aufgenommen werden, ohne Fragen, ohne Verpflichtungen. Freiheit. Ich kann dir das nicht erklären. Das musst du selbst fühlen."

Es war dein Abschiedsgeschenk.





Ich lasse zu, dass der Student mich auf meinem nächtlichen Streifzug begleitet. Er ist wirklich sehr jung. Dieses Buch, das er liest, hat er noch immer in der Hand, während er lachend neben mir hergeht, ab und an in den ausgestorbenen Straßen Berlin-Mittes die Arme ausbreitet, als wolle er die Stadt umarmen, und mir von seinen Träumen vom Dasein als Weltenbummler erzählt, die er ausgepackt hat, nachdem er von meinen Reisen erfahren hat. Er sieht glücklich aus. Findet seine Begegnung furchtbar aufregend. Mir kommt es so vor, als hoffe er, dass ich ihm sage, dass alles möglich ist, weil ich seiner Ansicht nach die Kompetenz dazu erworben hätte. Weil ich die Welt gesehen habe, in die er so gerne gehen möchte. Weil er in mir seinesgleichen sieht. Eine, die ihn aus seinen Zweifeln rettet und ihm Mut zuspricht in einer Sache, in der ihn sonst niemand versteht. Und ich überlege, ihm den Gefallen zu tun, wie ich so in all seine Erwartungen blicke, und weiß doch nicht, ob es das Richtige ist. Einen Moment frage ich mich, ob ich ihn nicht wieder auf den Boden der Tatsachen holen sollte, den er im Begriff ist, zu verlassen. Ihm zu einem Leben voller Konstanz und Ordnung, dem Leben der Anderen raten sollte. Ob ich ihm nicht Schmerz ersparen würde. Für eine andere Art von Schmerz. Oder ob ich ihn damit von dem abhalten würde, was er tun muss, um überhaupt jemals Erfüllung zu finden.

Ich denke an mich, als ich in seinem Alter war. Mich, die ich auf beide Arten einmal gelebt habe. Ich denke an dich. Und ich weiß es einfach nicht. Nicht für ihn. Nur für mich.

Irgendwann bin ich furchtbar müde. Seiner vielleicht überdrüssig, aber nicht nur seiner. Ich habe sehr viel an Wissen verloren und dann, als wir auf dieser verwaisten Brücke stehen, die über die streng kanalisierte Spree führt, von der aus man den neuen Hauptbahnhof fern und in voller Größe leuchten sehen kann, mit dem Rücken zum Regierungsviertel, da drehe ich mich zu ihm um und schicke ihn fort.

Er stutzt, ist offensichtlich überrascht. Ich sehe seine Hand in seinem Haar, mitsamt Buch, fast lässt er es fallen, und die blauen Augen noch immer so hell. Er entschuldigt sich höflich, er habe sich aufgedrängt, doch ich sehe maßlose Enttäuschung, den brennenden Wunsch, sich noch weiter zu unterhalten, mir sein Leben zusammenzufassen, es absegnen zu lassen und sich eine Perspektive für eine Zukunft zu holen.
Ich sage ihm, dass es nichts zu entschuldigen gibt.
Er steht eine Weile unschlüssig da. Zögert, ob noch etwas kommt.
Dann nickt er matt und wendet sich ab.

"Wenn du gehst, wirst du nicht glücklich. Wenn du bleibst, noch weniger."

Er hält an, schaut noch einmal zurück und blickt so unglaublich fragend.

Ich hebe die Schultern und höre mich sagen: "Ich kann dir nicht helfen. Ich kann dir das nicht erklären. Das musst du selbst fühlen."

Dann lasse ich ihn stehen, laufe die Brücke entlang bis zu der Treppe, die hinab ans Wasser führt, und spüre, wie er mir nachschaut, bis er mir nicht mehr nachschauen kann.





New York.
Tokio.
Seoul.
Ein Moloch aus Stahllichtern und Hafenwasserstraßen reißt den Schlund auf und gähnt mir die Fremde entgegen. Kaminrauchend. Dunstend. Ich falle ihm in den Rachen und er pflanzt seine Taxischienen in mein Herz und seine Vielfaltsgesichtslosigkeit in meinen Rücken, woraufhin mir Wolkenkratzer aus dem Kreuz brechen, bis ich mich krümme und zu Boden gehe. Durch einsame Schachbrettmuster pfeifen die Winde der Ubahntunnel. Da stehst du und willst mich nicht. Da steh ich und schenk dir mein Herz. Da bin ich, wie ich dir hinterherlaufe. Da bin ich, wie ich niemals ich bin. Da bin ich, wie ich an Sehnsucht sterbe. Der Geruch von Geld mannigfaltiger Währungen haftet an meinen Fingern, als ich mich in Queens schlafen lege, um in Oslo Polka zu tanzen mit einem charmanten Herrn Ikke Noen, auf der Flucht vor dem Stillstand. Dann sehe ich die Heimat und erbreche ganz Skandinavien. Dann sehe ich das Grab meiner Mutter, meine Haut wird kohlrabenschwarz und ich erwache mit dem Schrecken der größten Angst, den ich schon wieder vergessen habe, als ich bemerke, dass ich auf hartem Grund liege und Berlin über mir dämmert.

Ein atemrasendes Zittern.

Verwirrung.

Es ist kalt.

Mein Rücken schmerzt.

Meine rechte Hand liegt im Wasser. Frische, dunkle Spritzer auf der Kanalmauer, auf der ich mich wiederfinde, bedeuten mir, dass sie gerade erst hineingefallen sein muss. Die morgendliche Temperatur der Spree, die noch nicht genug Sommertage gesehen hat, um schon um diese Zeit angenehm zu sein, hat mich geweckt und davor bewahrt, mich herumzudrehen und ganz hineinzufallen.
Ich bewege mich nicht. Starre geradeaus.
Bemerke, dass ich mich gleich unter die Brücke gelegt haben muss, auf der ich den Studenten zurückgelassen habe. Ihr Gerippe lächelt mich an, sobald ich geradeaus schaue. Ich atme ihm zu.

"Hey, ist alles in Ordnung mit Ihnen?"

Eine Stimme zerbricht die Einsamkeit. Jemand beugt sich über mich, ich habe niemanden kommen hören. Ich brauche eine Weile, um mich zu sammeln, bis ich das erfasst habe und reagieren kann. Ein Gesicht, dunkles Haar fällt hinein, erscheint in meinem Blickfeld. Mein Deutsch beschränkt sich auf ein paar lückenhafte Phrasen, und für gewöhnlich antworte ich auf Englisch, wenn man mich auf einer Fremdsprache anspricht, doch ich bin noch zu wenig im Tag angekommen.
"Det går godt, tak..."
Ich spüre ein paar Knie, die wider meinen Arm stoßen, und eine Hand, die sich vorsichtig an meine Schulter legt. Da erwidert man mir in schlechtem Dänisch:
"Sikker?"

Ich schaue endlich richtig hin.
Und dann sage ich nichts mehr.

Du erkennst mich nicht.

"Kann ich Ihnen nicht doch irgendwie helfen?"

"Ich", das ist alles.

Ich raffe mich auf.

Du.

"Ich rufe wohl besser einen Krankenwagen", du steckst die Finger in die Taschen deiner Jeans und ich vergesse, mir jede deiner Linien, jeden Winkel an dir einzuprägen, ich sehe dich nicht einmal als Ganzes.

Alles, wovon ich glaubte, dass ich es in diesem Moment tun würde, tu ich nicht.

Ich lege die Hand auf deinen Arm, bevor du das Telefon benutzen kannst, und schüttle den Kopf. Du siehst mich verwirrt an.

Zehn Jahre.
Und dann eine weitere Stadt, die leer ist, und dann –
Ich will deinen Namen sagen, aber ich kann nicht, stattdessen starre ich. Wir stehen dort am Fluss und sehen uns an, und ich glaube, ja, ich glaube es kriecht etwas in deinen Blick, ich sehe es an der Form deiner Brauen, sie heben sich, deine Augen werden runder, der Mund wird es, und es klingt als holtest du ein einziges Mal auf eine ganz andere Art und Weise Luft. Erkenntnis?

Schritte, schnell, kurz.
Jemand nähert sich von hinten, springt die Stufen hinunter, die ich gestern ging, bevor ich hier lange saß und die Architektur betrachtete, um schließlich vor Erschöpfung einzuschlafen.

"Mama!"
Das Getrappel wird lauter, ein Kind wirft sich in deine Beine, du wankst, legst sanft Hände um einen blonden Schopf.
"Hallo", lacht mir das Mädchen zu. Du regst dich nicht.

Stille weht über das Wasser, den Kanal entlang.

"Wer bist du denn?", fragt das Kind ins Nichts hinein.

"Wo bleibt denn der Papa? Magst du mal nachschauen?", sagst du, wieder im Deutschen, aber deutlich tonlos. Das Kind nickt eifrig und will sich lösen, da biegt eine weitere Person um die Ecke.

"Hey ihr zwei, wollten wir nicht in die andere Richtung?"
Ein Mann, der dich zu kennen scheint, denn er lacht euch zu, bemerkt mich und nickt mir kurz darauf leicht entgegen, nicht ohne diese prophylaktische Höflichkeit, aber mit einem offenen Ausdruck, der noch nicht weiß, welcher Art diese Bekanntschaft seiner Frau ist, der man sie in jedem Fall entgegen bringen sollte. Was hingegen das ist, was deinen Ausdruck beherrscht, kann ich nicht bestimmen. Schweigen, hauptsächlich.

Ich verstehe, was ich sehe. Und ich verstehe nichts mehr.

Er ist noch weit weg, da überlege ich, ob ich dir die Hand reiche oder ohne jede Begrüßung, ja ohne jedes Wort, gehe, denn ich kann nicht, ich kann nicht. Oder ob ich ausspreche, was mir nun in den Sinn kommt, etwas von all dem Chaos, das mich überwältigt, brüllend, ohne das ich schon verstehe warum, bis mir die Worte 'Stillstand', 'Grenzen', 'Zufriedenheit' und die Last des zu Bekannten, die man nicht ertragen kann, einfallen. Ich überlege, ob es Wut ist, und wenn ja, woher sie kommt, die mich, ohne zu begreifen, laut 'Was ist damit, was ist damit?' schreien lassen will, 'was ist mit all dem, was du mir erzählt hast, was ist geschehen' ... ob ich von der Suche sprechen soll und davon, dass ich dich nun treffe und doch nie wieder gefunden habe.
Nie wieder.
Nie.

Ich weiß nichts mehr. Nicht einmal, ob das Bedauern ist, weswegen du plötzlich zurückweichst, oder ob ich mich darin geirrt habe, dass du mich erkennst, und dir die Situation lediglich zu grotesk wird.

"Farvel", kommt über meine Lippen. Wenn ich eines muss, dann fort.

Wer zuerst gegangen ist, ist mir fünf Minuten später schon nicht mehr klar.

Nur das irgendwann eine Zeit anbricht, in der ich lange damit kämpfe, nicht zu fallen, weil mir plötzlich der Boden unter den Füßen fehlt. Eine Zeit, in der ich mich dagegen wehre, mich dem Nichts gegenüber zu sehen.





Ich laufe ziellos durch Berlin. Es sind Mittag und Nacht über mich hereingebrochen und ich sehe längst die Namen der Straßen nicht mehr, ihre Lichter umkreisen mich, während ich um Gleichgewicht ringe. Meine Stirn stößt wider Glas, als ich meinen Kopf an das Fenster der S-Bahn fallen lasse und Bahnhof nach Bahnhof an meinen starren Augen vorüberzieht. Ich stolpere im Dunkeln über Pflaster, gehe unter in der kollektiven Strömung über einer der Vergnügungsmeilen, während Musik, Kneipendunst, fremdes Gelächter und fremde Wärme mich zwischen sich hin und her stoßen. Und ich schaue durch die Großstadt hindurch.

Ich versuche, die Bilder, die ich von dir habe, in Kongruenz zu bringen.
Ich versuche, das Bild, das ich von mir selbst habe, am Zerfallen zu hindern, während mir der erste Versuch misslingt.

Bilder. Bilder in meinen zittrigen Händen.

Da ist dieses erste von dir, von damals, welches ich nie vollständig erfassen konnte. Jenes zweite, welches ich mir in all den Jahren von dir gemacht habe, vor lauter Sehnsucht, als das erste verblasste, und die Sehnsucht verschob die Konturen und füllte die Lücken. Und schließlich ist da das dritte und jüngste Bild von dir, und noch mehr von den Bindungen, die du so offensichtlich eingegangen bist, von dieser unglaublichen, nie erwarteten Festlegung deines Seins, die du hast geschehen lassen, und die davon zeugt, dass dieses Bild nicht mit den anderen beiden übereinstimmt.
Ich erkenne, dass es das ist, was mich erschüttert. Und diesem Moment der Erschütterung folgt eine weitere, tiefe Schwärze, in der ich mich fast auflöse. Ich wanke zwischen der Erkenntnis, mich geirrt zu haben, und dem absoluten Zweifel an mir selbst.

Ich habe dich niemals wieder gesehen.

Und dann bleibe ich stehen und denke nicht mehr. Ein mächtiger Instinkt erwacht.

Wie spät mag es sein – ich schaue dumpf auf meine Armbanduhr, als ich wieder halbwegs zu mir komme, es ist gegen halb eins. Aus irgendeinem Grund möchte ich wissen, ob der Student wohl noch immer auf dieser Brücke steht oder ob er gegangen ist, ob meine Worte seinen Entschluss gefestigt, seine Zweifel vergrößert oder ihn oder den Zauber zerstört haben, den er empfunden hatte. Ich erinnere mich an diese Frage in seinem Blick. Diese verzweifelte Frage. Und vielleicht stand in den letzten Stunden dieselbe auch wieder in meinem Gesicht. Doch habe ich nicht eine Antwort?

Mechanisch kontrolliere die Handtasche, auf der ich in der Nacht gelegen habe, auf vollständigen Inhalt. Finde das Geld und die Papiere. Den Reisepass. Meinen vertrautesten Besitz. Etwas wird gut, als ich ihn berühre. Ich atme tief ein.

Ich laufe. Ich laufe einfach, der Bahnhof ist nicht weit, und ich weiß, wo ich hin muss.

Dann sitze ich in diesem Zug. Die Augen offen. Nichts sehend.
Wo war ich gerade? Ist es wichtig? Diese Stadt ist mir zu klein. Ich flüchte. An den einzigen Ort, den ich als Heimat bezeichnen kann.

Ich bin auf dem Weg zum Flughafen.
Welchen Flieger ich nehme, weiß ich nicht.

hoch

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* Prosa * Liebe *


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