Schmetterling

Schweiß lief seine glattrasierte Schläfe hinab und beleidigte den Kragen seines Hemdes, um den ihm nie etwas anderes kam als eine echte Seidenkrawatte von Bugatti in Anthrazit. Die Telefone klingelten. Fräulein Müller lief vor der offenstehenden Bürotür entlang. Es waren vierzig Grad im Schatten. "Fräulein Müller, keine Anrufe mehr", rief er mit Nachdruck. Kompromissloser, professioneller Nachdruck war die Freude, die Wut und die Verzweiflung des Geschäftsmannes. Fräulein Müller erschrak sich. Ihre Nylonunterschenkel huschten teppichgedämpft zum Apparat, sie drückte Knöpfe, schob mit einem diskreten Blick die Tür zu. Vor seinen Augen verschwamm ihr Ausschnitt. "Natürlich, Herr von Guttenberg. Möchten Sie den Lunch mit Cotte-Schlohmann absagen?", fragte sie noch. "Machen Sie einen neuen Termin aus." Sie nickte untertänig.

Schweres, seriöses Halbdunkel tropfte von der Decke, floss die Teakholzregale mit all den Journals und Bibeln der Betriebswirtschaft herunter. Maximilian von Guttenberg faltete die Hände auf seiner Schreibunterlage, darin ein goldenes Schreibutensil von Schmitt und Schwertfeger. Er sog die Stille ein wie ein Samurai vor dem Seppuku. Er stand auf. Statt sich den Stift in den Bauch zu rammen ging er mit dynamisch wippenden Schritten zur Wand mit dem Scotch. Er überlegte, während er die Kugelschreibermine raus und wieder reinklickte, ein Glas zu nehmen. Aber die Gläser brachten ihn alle so sehr zum Lachen, dass er Angst hatte, sie anzufassen. Genauso wie die Bücher. Die Journals und Fräulein Müllers haselnussbraune Haare über ihren riesigen Brüsten. Er hatte sie nur wegen dieser Brüste eingestellt, die waren toll. Aber er hatte ebenfalls Angst vor ihrer bezahnten.... sie wissen schon.

Sein bester Freund, der Hutständer, sprach ihn an. "He Maximilian, ist es wieder so weit?", und Maximilian nickte. Irgendwie war ihm schwindelig. Er klappte in sich zusammen und schlug mit der Stirn gegen die Lamperie. Es war wirklich verdammt heiß. Lamperie. Das war eine halbhohe Holzvertäfelung. Er hatte mal einen Schreiner aus Hessen gekannt, der hatte ihm gesagt, wie das Ding hieß und die Qualität des Holzes bewundert, bevor Maximilian ihm gesagt hatte, dass er den Teufel tun und ihm einen Kredit geben würde, er solle sich mit seinen Wanderstiefeln hier raus scheren. Der Zimmermann hatte ihn nur fest angesehen. Später hatte Frau Meyer, die abergläubische Gans, die Frau Müllers Vorgängerin gewesen war, etwas darüber geschnattert, dass man die Stiefel eines ehemaligen Wandergesellen, der einem das Holz bewundert hatte, nicht beleidigen sollte, weil sonst Unsägliches geschehen würde. Darum hatte er sie auch gefeuert. Der Handwerker hatte später ein florierendes Unternehmen eröffnet.

"Hallo meine Freunde", sagte Maximilian. "Hallo Maximilian!" antworteten die Holzwürmer. Es waren die Holzwürmer, die ihm klarmachten, dass er verrückt war. In seiner Lamperie gab es nämlich keine Holzwürmer. Die, die da mit ihm sprachen, konnten also nicht echt sein. Ein Schmetterling schälte sich aus dem Holz. "Hallo, Maximilian!", sagte auch er. Seine großen pinken Flügel schlugen in schnellem Takt und bestäubten das Edelholzdunkel mit Feenglanz. Der Schmetterling lächelte. Maximilian hob zwei Finger an die Stirn und erwiderte den Gruß. "Ich war einmal ein Holzwurm! Ich komme von der Nation der Holzwürmer, um dir zu sagen, dass ich Hunger habe und dir deinen grausamen Tod zu verkünden!" Maximilian nickte. "Aber erst gehen wir Tee trinken! Komm!" Der Schmetterling flatterte empor zur Tür und ohne weiteres durch sie hindurch. Nichts, außer einem schönen Zwanzig-Watt-Zuckerwatteleuchtschweif blieb übrig.

Maximilian folgte ihm. Er musste allerdings die Tür öffnen. Fräulein Müller erschrak zum zweiten Mal. "Herr von Guttenberg", sagte sie, "geht es Ihnen nicht gut?" Er sah sie an, seine Augen leuchteten sanft. "Sie haben wunderschöne Brüste, Fräulein Müller", lächelte er. Sie echauffierte sich zart. "Also... Herr von Guttenberg!" "Nichts zu danken, wegen ihrer Brüste haben sie den Job." Sie fiepste etwas, das schnell seiner Vergesslichkeit anheimfiel. Dann schwirrte der Schmetterling aus ihrem Dekolleté. "Komm mit mir in das Land der Regenbogenlollis!", säuselte er. "Jaaaaaa", seufzte Maximilian. Der Schmetterling flog in eine Steckdose. Maximilian nahm den Stift von Schmitt und Schwertfeger und schob ihn hinterher. Fräulein Müller schrie spitz, denn ihr war klar, dass sie sich nun um einen neuen Job bewerben musste. Aber ansonsten waren alle glücklicher als vorher.

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* Prosa * Fantasy *


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