Der Mafioso und der Bibliothekar


"Merda di Berlusconi", zischte Alfonso zwischen den goldverblendeten Zähnen hervor, als er durch das gottverdammte Scheißunwetter über irgendeinem dieser ranzigen Berliner Ghettos lief. Was tat er hier eigentlich; sollte er nicht in Sizilien an seinem Privatstrand liegen und sich die Sonne auf den wachsenthaarten Arsch scheinen lassen, statt mit einem Loch im Bauch durch ausländische Straßen zu taumeln? Er hatte keinen blassen Schimmer, wie er von Mamas grandioser Pasta al Forno vor den Lauf dieses Wahnsinnigen geraten war und statt endloser Käsestraßen Blei gefressen hatte. Auch wusste er weder, was an diesem antiquierten Datenträger, den der durchgeknallte Krautfresser-Nazi von ihm zu sehen verlangt hatte, so wertvoll war, noch, wie zur Hölle die Diskette in die Taschen seines maßgeschneiderten Designeranzugs gelangt war. Es könnte etwas damit zu tun haben, dass er das Produkt der kranken Fantasie einer sadistisch veranlagten Studentin war... Was er jedoch wusste, war, dass er diesem Kerl, nachdem er teuren Zwirn und den Liebling aller sizilianischen Heiratsfähigen zum Sieb degradiert hatte, ganz bestimmt nicht das geben würde, was er wollte. Das Einzige, was der von ihm bekommen würde, wäre das Privileg, den Schustern seines Vertrauens vorgestellt und mit einem schönen, wie angegossen sitzenden Paar neuer Betonschuhe ausgestattet zu werden. Sofern ihn nicht vorher die arterielle Blutung dahinraffte, Signore Krautfresser ihn einholte, er im Siff einer Berliner Ghettopfütze ertrank oder anderweitig umkam.

"Anhalten!", brüllte er durch die Nacht – scusi, wann hatte er eigentlich deutsch gelernt? Na ja, war auch nicht wichtig, der motorisierte Schrotthaufen, dem er vor die Scheinwerfer gelaufen war, kam aufjaulend zum Stehen. Automatisiert griff Alfonsos Hand nach der Waffe unter seinem Jackett – aber richtig, er hatte gar keine, ein bedauernswerter Begleitumstand, der ihm zuvor schon leichte Bauchschmerzen bereitet hatte. Alfonso wäre jedoch nicht Alfonso gewesen, wenn ihm nicht augenblicklich ein Alternativplan eingefallen wäre. "Fahr los, oder ich bring dich um!", geiferte er, nachdem er die Tür des vollkommen verstörten Pullunderträgers aufgerissen und sich auf dessen Beifahrersitz geworfen hatte. Der Fahrer zuckte zusammen und stieg im Affekt aufs Gas, sodass sein Audi mit Automatikgetriebe grimmig wiehernd aufsprang und losgaloppierte.

"B-Bitte-wo-wo-h-h-h-hin-soll-i-ich-fa-fa-fa-"

"Schnauze und fahr einfach, ich versuche gerade, nachzudenken!", bellte Alfonso und hob die blutgetränkte Hand, woraufhin ihm selbst schwindlig und der Halbglatze am Steuer bang wurde.

Sie rauschten durch die Straßen Neuköllns, vorbei an Mehmets Dönerparadies, Susis Friseursalon und der Musenstube, ohne ein Wort, während die einst so sonnenverwöhnte Nasenspitze Alfonsos immer mehr an Farbe verlor.

"Merda grande di Berlusconi!", würgte er hervor.

"Ähm – Entschuldigung! Sie... Sie sind offensichtlich ein in kriminelle Machenschaften verwickelter Italiener mittleren Alters – sind sie ein Mafioso?" Die Stimme des Fahrers war dünn wie ein Spinnenbein, genau so, wie Alfonso sie auszureißen liebte, wenn er in seiner staubansetzenden Villa saß und gerade die Kleinunternehmer zum Zerquetschen aus waren. Langsam drehte er den Blick wieder in seine Richtung.

"Du bist wohl ein ganz schlauer Nazi-Krautfresser", zischte er.

"Klar. Mein Name ist Hans-Hermann und ich hüte Wissen geradezu."

"Wenn du nicht zufällig weißt, wie ich mich vor Wahnsinnigen mit Knarren und schreibenden Studenten hüte, dann hältst du jetzt das Maul und fährst zum Krankenhaus", schnappte Alfonso, und, nachdem die Hand ein weiteres Mal hilflos unter seinem Jackett getastet hatte, setzte noch nach: "ODER ICH BRING DICH UM!"

Hans-Hermann nahm Kurs auf die nächste Filiale des Universitätsklinikums, dem der Berliner vertraut. Kleinlaut antwortete er: "Nun ja, wenn irgendetwas irgendwo gut aufgehoben ist, dann Wissen in Büchern und Bücher in Bibliotheken und Bibliotheken unter den wachsamen Augen eines gewissenhaften Bibliothekars. So wie ich einer bin, Herr Mafioso."

Alfonso schlug sich die blutige Faust vor die Stirn.

"Ich nehme keine Initiativbewerb – Augenblick", der Körper des Italieners gewann wieder an Spannung, "Kann ich da – ich meine: vergiss das Krankenhaus! Fahr mich zur Bibliothek!"

"Aber die arterielle Blutung", gab Hans-Hermann zu bedenken.

"Ist nur ein Ast der Arteria mesenterica superior, da wird gleich verletzungsbedingte Vasokonstriktion eintreten, was für die Blutversorgung meines Darms aber nicht weiter tragisch ist, da es genug Anastomosen gibt." Das ist medizinisch gesehen absoluter Schwachsinn, aber es klingt gut und passte mir in den Kram.

Für hundert Meter trat Stille ein.

"Ist ein Medizinstudent, der Ihre Geschichte schreibt, hm?", fragte Hans-Hermann.

"Ich glaub auch", raunte Alfonso verdattert.

"Egal! Du versteckst das hier im zugangsbeschränktesten aller Magazine. In irgendwas, das kein Schwein jemals ausleiht. 'Quantenfeldtheorie für Anfänger' oder 'Die Kritik der zynischen Vernunft'. Such's dir aus." Damit warf er ihm die Diskette auf den Bauch. Hans-Hermann reagierte mit den Reflexen eines Kolibriflügels und fing den vermaledeiten Datenträger zielsicher zwischen Zeigefinger und Daumen. Zeitgleich und mit nicht zu leugnender Eleganz wich er einer Verkehrsinsel, einem Motorradfahrer und einem von einer Brücke stürzenden Gullydeckel aus – und fuhr trotzdem gegen eine Wand. Warum? Weil alle anderen schon mit Schreiben fertig waren und ich nicht.


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