Der einzige Zeuge

– Eine Geschichte zum Stichwort "Meerschweinchen" –


Lorenzo Formagginis letzte Bekanntschaft war eine Pfütze in der Bronx. Er verschwendete keine Zeit an höfliche Zurückhaltung oder Etikette und küsste sie nur wenige Sekunden, nachdem ihm seine vorletzte Bekanntschaft, ein 9 mm-Projektil, ein Loch in sein einsames Herz gerissen hatte. Und wie es typisch ist für Liebesgeschichten solch tragischer Natur, war daran ein anderer Mann nicht unbeteiligt: Enzo Bertollis Beretta rauchte noch, als Lorenzo ein letztes Mal den Blick hob, um sich über den Bordstein zu wundern. Der schien sich aufzulösen: Im Wasser, im Grau, im – Meerschweinchen?


Ein rasselnder Atemzug blähte Lorenzos Brustkorb. Neben einem Schwall heißen Blutes würgte er einen Namen auf die Straße: "Giacomo! Mio porcellino d’India!"

Seine Fingerspitzen zitterten in der Absicht einer Berührung, doch zu spät – Giacomo wurde von Schwärze verschluckt. Genauso wie Enzo Bertolli.

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Große, runde Knopfaugen starrten auf einen toten Mann, den sie als den identifizierten, der ihnen morgens um halb 11 stets die Nager-Trockenmischung in den Käfig streute. Ein hastiges Näschen prüfte, ob nicht noch der Duft der heiß begehrten Krümel an dessen Fingerkuppen haftete, doch da war nichts – mit Ausnahme eines Aromas, das Giacomo an die Metallstäbe seiner Behausung erinnerte. Wäre Giacomo zu höheren kognitiven Leistungen fähig gewesen, so hätte ihm sein Verstand erklärt, dass dieser Blutgeruch für die Panik verantwortlich war, die ihm nun instinktiv durch die Knochen fuhr – und zur sportlichen Höchstleistung seines Lebens animierte.


Ein Fellball schoss durch ein Gullygitter und das Abwassersystem New York Citys lernte Giacomo, das schnellste Meerschweinchen der Mafia kennen. Wie ein Blitz raste er vorbei an dubiosen Kanalratten, die ihm Blicke zuwarfen, nahm mal diese, mal jene Abzweigung, scheuklappenblind, wie er war, und zog eine Spur von Herrchens DNA durch den Untergrund. Eben jene Spur, die einen Tag später die Hundestaffel der NYPD verfolgte und die – da Lorenzo Formaggini ein gläubiger Katholik gewesen und der Weg Giacomos, seines mutigen porcellino d’India, durch göttliche Intervention gelenkt worden war – direkt zu Enzo Bertollis Obdach führte.


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Genres:
* Prosa * Krimi *


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