Vornehm geht die Welt zugrunde

"Ey, Barney!" Was war er, ein gottverdammter Laufbursche? Das Gewicht am anderen Ende der Leine gab ruckelnd nach, als er Sneiders Beagle über den Bordstein und von dem halb aufgefressenen Hotdog weg zerrte. Das Getrappel von vier fleischigen Beinen dackelte wieder neben ihm her. Er fing sich vor Safeway's den versnobten Blick einer alten Lady ein, die gottseidank das Maul hielt, denn sie hätte andernfalls was erleben können bei seiner Dreckslaune, allein ihr wackelnder Kopf - ein Schütteln oder Parkinson, wer wusste das und wen scherte es - ließ seine Fingerspitzen bedrohlich zucken.

"Willst du ne Ansichtskarte von mir?", blaffte er und riss mit dickem Hals den Köter weiter.

Diese Bullenhitze war nur erträglich, wenn man im Keller saß und, mit dem Glas Vodka in der einen, mit der anderen Hand Karten spielte. Gevanni, Toni und er. Stattdessen aber führte er für den Boss die Töle aus, während der den Tag auf einer Yacht im Atlantik verbrachte und sich von Marianna mit Sonnencreme einschmieren ließ. Übergewichtiges Biest. Der geifernde Beagle, nicht Marianna.

Die Sonnenbrille schwamm im Schweißfilm auf seinem Nasenrücken und verrutschte, als sie ihm entgegenkam. Sie trug ein weißes Kostüm, es reichte nicht über ihre Knie, und sie war wasserstoffblond. Was für ein großes Mädchen, dachte er, irgendwie zu schick für diese Gegend. Und der pedikürte Pudel - ob der und Frauchen sich das wohl im selben Laden machen ließen? - an der Strassleine hieß garantiert Fiffy.

"Cocaine", lutschte sie und schob den Lolli von der einen in die andere Backentasche, "und deiner?"

"Cocaine?", das Viech konnte vielleicht kläffen. "Weiß wie Schnee oder was?", grinste er und nickte in Richtung Onkel Tom's, einmal quer über die Straße. Whiskey-Bar, eigentlich konnte man das Zeug nicht saufen und viel zu teuer war es auch, aber in netter Gesellschaft war einiges erträglich - und er trank prinzipiell auf Rechnung seiner Beretta, wenn man Wucher mit ihm trieb. "Barney", antwortete er schließlich, "der Hund, meine ich. Ich bin Pawel. Lust, was zu trinken?"

"Klar. Wenn du bezahlst, Barney."

Die Braut schlug die Beine übereinander, als wäre das hier der Upper Manhattan Jockey Club. Sie schwitzte auch wie ein Pferd, aber im Gegensatz zu ihm roch sie dabei so gut, dass er ihr freiwillig den Schweiß abgeleckt hätte. Ihr Blick war kühl. Sex on the rocks, wenn du verstehst.

"Und was macht ihr so, du und Cocaine?" Konnten sie den Teil nicht einfach überspringen?

"Oh, wir spielen, stimmt's mein Kleiner?" Sie hielt dem Pudel eine Salzstange hin. Barney verschluckte sich panisch an seinem Sabber. Pawel konnte die Zähne des Inhabers, der gerade Gläser abwischte, knirschen hören, er hätte ihnen wohl gerne erzählt, dass Hunde nicht erwünscht waren, aber er schien zu wissen, dass das Sneiders Beagle war.

"Spielen? was denn?"

"Violoncello."

Vio-was?

Pawel musste so aussehen wie sein Gedanke, denn sie seufzte und legte den schlanken Arm auf den Tresen. Elfenbein und Mahagoni. Pawel kannte das aus Sneiders Hütte. Dann kippte sie ihren Drink auf Ex und signalisierte dem Barmann, dass sie noch so einen wollte.

"Das ist ein Musikinstrument", gurrte sie, ihre Stimme Klang rauchig, weggeätzt.

"Aha." Nie davon gehört.

"Du verstehst nichts von klassischer Musik? Schade."

Er fragte sich, ob das sein musste, um sie flachzulegen. Klassische Musik, wusste der Geier was - vielleicht hätte Gevanni hier punkten können, der hatte, glaubte er, Ahnung von Musik. Bei dem musste ständig Sinatra laufen und er meinte, das wäre der einzige von all denen, der je Klasse gehabt hätte - Klasse, klassisch, scheiß drauf - während Pawel das Gedudel nervtötend fand. Das einzige, was Pawel je von Sinatra gehabt hatte, war eine Kugel im Oberschenkel, aber allein der Gedanke an diese Geschichte brachte ihn auf 180, sodass nicht schlecht war, dass die Tussi sich weiter unterhalten wollte.

"Maggini", sagte sie und nippte am zweiten Whiskey, wobei ihre hellen Augen im schummrigen Moder der Bar funkelten, "war ein Geigenbauer aus dem 16. Jahrhundert. Giovanni Paolo. Wir mögen seine Violoncellos, die kosten eine Menge. Sie haben eins in der Carnegie Hall, Leihgabe an Hito Yagami. Das ist ein Violoncellist."

"Und ne Schwuchtel", brummte Pawel und zog eine gelangweilte Fresse. Nicht, dass er je von dem gehört hätte, aber wer sowas machte, in der Carnegie Hall auf Vio-wasauchimmers spielen, der war nie im Leben straight. Seine Laune ging gerade den Bach runter. Immer wollten die Weiber was Teures.

Sie legte den Kopf in den Nacken und kaute auf ihren Lippen.

"Ich glaub schon. Er vögelt ein Fagott, meine ich - zumindest irgendeinen Holzbläser. Jedenfalls - spielt er eine Maggini." Sie grinste.

War ja klar, dachte Pawel, war ja klar.

Er hatte nicht fragen brauchen, wie viel sie kostete. Sie gehörte zu den Dingen auf der Welt, die man nicht bezahlen konnte, und ihr Name war "Asteria di Firenze". Man würde sie heute aus dem Keller schaffen, damit Hito darauf klimpern konnte. Den Takt zu ihrem letzten Konzert schlugen die Scheibenwischer an Pawels altem Ford, den er an einer Ampel in der Seventh Avenue ausrollen ließ. Wasser rechts, Wasser links, der Herr im Himmel machte den Abwasch, nachdem er die Stadt in den letzten Tagen gebraten hatte.

Den Anzug hatte er von Sneider. War ebenfalls schon ein älteres Exemplar, mehrere hundert Dollar teurer Zwirn, den der Boss vor Jahren hatte springen lassen, damit er darin statt Barneys Marianna Gassi führte. Nicht, dass Pawel Ahnung vom fein Ausgehen gehabt hätte, sein einziger Vorteil war sein Gesicht gewesen, mit dem er in dem Ding jedes Mal aussah wie ein milliardenschwerer russischer Pelzbaron. Das hatte Sneiders Tussi besser gefallen als Tonis italienische Ölgötzenfresse. Und Claire mochte es auch, hatte sie gesagt.

Sie hatte ihm ein Bild von dem Vio - von Asto - von - von dem Instrument (!) gezeigt und ihm eingeschärft, dass es sich von den billigeren dadurch unterschied, dass Hito persönlich hinging, um es abzuholen, und seine Unterschrift auf so einen Wisch setzen musste. Auch wie die schlitzäugige Schwuchtel aussah, wusste er inzwischen. Er selbst war nicht mehr Pawel Rachmaninoff, sondern Michail Solowjow und er investierte in Öl, falls ihn jemand fragte. Ihn würde niemand fragen, sie fragten nie, Pawel wusste das, er konnte so gucken, dass keiner mehr irgendwelche Fragen stellte.

Drinnen herrschte Rauchverbot und so verbrachte Pawel die letzten Minuten vor dem Job qualmend unter einem schwarzen Schirm, vor einem der Hintereingänge der Konzerthalle. Da musste ein Küchenfenster sein, das Pausenhäppchen - irgendwas Fischiges - dünstete aus und in seine Nase. Bei denen würde er auch noch reinschauen, Arbeit machte hungrig, und das war unter Garantie ein feines Fressi. Mit genug Dreistigkeit kam ein Mann in teurem Anzug überall rein.

Warum er das durchzog? Weil er Sneider satt hatte. Sneider und seinen vollgestopften Beagle. Kriegte immer mehr vom Braten ab als seine Leute, die Töle. Und wenn sie dieses Teil versetzt hatten, Claire und er, dann würden sie ein feines Leben führen, er wäre dann der mit der Yacht, Cocaine bekäme einen Schuss von seinem Namensvetter und würde glücklich einschlafen, während Pawel und Frauchen es sich bequem machten. Auf einem Bärenfell.

"Yagami-san?"

Das hieß übersetzt 'Mr Yagami'. Schön Speichellecken, hatte sie gesagt, Japaner stehen auf Japanisch.

Der Junge mit dem Koffer - er kleiner, der Koffer größer, als es auf dem Bild gewirkt hatte - drehte sich um.

Der Flur war leer bis auf sie beide, denn der Kerl lag nicht gut in seinem Zeitplan. Während der letzten Viertelstunde, in der Pawel dort dekorativ herumgestanden und nobel gelangweilt gewirkt hatte, war hier noch alles in heller Aufregung herumgeflattert: Musiker, Freunde und Verwandte von Musikern, Küsschen links, Küsschen rechts, viel Glück, mein Stolz, mein Maestro, mein Virtu- Virtuo - zur Hölle, irgendsoein Wort; ein reicher Schnösel, der ihn zu kennen glaubte und umringt von einem Haufen Frauen in Abendgarderobe auf ihn einredete, wie ihm das denn letzten Sommer in Monte Carlo gefallen hätte, und natürlich die Weiber, die ganz begeistert von seinem kühlen Blick waren, der so gar keine Zeit hatte und hach - diese russischen Milliardäre waren ja sowas von echte Männer.

"Ja Bitte?"

War ein schmaler Bursche, die Japse. Zweifellos ebenfalls teuer, was er da anhatte, und verdammt gut geschnitten.

"Ist doch viel zu schwer für dich, Kleiner. Gib mir das, ich trag's für dich", Pawel, circa drei Köpfe größer, legte die Hand auf den Griff. Hito blinzelte und lachte dann komisch, irgendwie zwischen höflich und angepisst.

"Danke, das geht schon - Entschuldigung, aber wer sind Sie?", was war denn das für ein Gelispel, da sprach ja selbst Toni akzentfreier - und bei jedem Wort von Toni musste Pawel an Pizzabestellungen denken.

"Das Fagott schickt mich, ich soll dir sagen, er bläst jetzt nur noch Holz."

Hitos Mund schnappte auf und Pawel bewertete seinen Witz als gelungen, wenn er auch keinen Schimmer hatte, was das Wort Holzbläser, das ihm von Claire noch in Erinnerung geblieben war, bedeutete. Es erschien ihm passend, das Gefasel sollte ja auch bloß die Zeit überbrücken, die er benötigte, um unter sein Jackett zu greifen.

"Und jetzt rein da mit dir", knurrte er über den Lauf seiner Waffe und meinte den Abstellraum vor der Treppe, die in den Keller führte.

Hitolein war schnell verschnürt. Pawel steckte ihm zum krönenden Abschluss einen gammeligen, alten Putzlappen ins Maul. Er tätschelte seine Wange, während der ihn nur aus großen, schwarzen Augen angaffte und so heftig schnaufend die Nüstern blähte, dass Pawel fast schon Sorge hatte, dass er nicht genug Luft bekäme. Fast. "Irgendwann finden sie dich schon, keine Sorge. Probier' danach doch mal das Fischbrötchen, das schmeckt heute sehr gut." Eigentlich sah der ja nicht so aus, als würde er viel essen.

"Mmmpffffhh Mpppffhhh!", war die Antwort, und ein ziemlich wütend zuckender Körper zwischen Eimern und prallen Mülltüten. Der Wischmop fiel ihm auf den Schädel, und bevor er noch anfing zu heulen, machte sich Pawel vom Acker.

Das war ja einfach gewesen, total einfach! Oder lag es daran, dass Pawel zu professionell war für diese Welt? Es musste der Anzug sein, garantiert, und seine 1,90m. Und sein russisches Milliardärsgesicht. Vornehm ging die Welt zugrunde, dachte er grinsend. Was für ein herrliches Gefühl.

Pawel überblickte müßig das Foyer der Carnegie Hall und lehnte sich an eine Säule, die Zeit nahm er sich. Die zuletzt eintreffenden Besucher flanierten über den königlich roten Teppich, Ladies and Gentleman. Zum Personaleingang ging es nach links, hinein in weniger weite Flure, dort wollte er eigentlich hin, während sich rechts dieser Zirkus auftat, mit kriecherisch lächelnden Empfangsdamen und dem Typen an der Garderobe, der eine mit Klunkern behängte, fette Dame anflirtete. Geld und schicke Klamotten regierten die Welt, nicht wahr? Bald würde auch er mitregieren, bald, eigentlich tat er es jetzt schon, in seinem italienischen Maßanzug und mit diesem Schätzchen in der Hand.

Ein wenig Anspannung wehte aus den Räumen heran, zu denen man die breite Treppe über ihm hätte nehmen müssen, Getuschel, ein seltsames Gemisch aus Klängen, die Pawel noch nie in seinem Leben gehört hatte. Ja, ja. Er sollte gehen, bevor man bemerkte, dass der, der auf der Maggini den Ton angeben sollte, fehlte. Pawel seufzte, es klang beschwingt. Dann lief er los - nach rechts, schon mal für später üben.

Guten Abend, guten Abend.

Sein Lächeln strahlte und jeder liebte den freundlichen, russischen Neureichen mit dem Instrumentenkoffer. Auf so einem Teppich lief sich ja verdammt gut. Hätte er nicht gedacht, könnte er sich dran gewöhnen. Was solche Kleinigkeiten des Luxuslebens doch ausmachten!

Guten Abend! Wie geht es Ihnen?

Schicker Anzug, der Herr, Sie haben Geschmack.

Oh, was für ein toller Hut, meine Dame!

Was? Ja, ich bin Musiker. Viol-o- ah, genau, das erkennen Sie am Koffer? Ich sehe, sie kennen sich gut aus. Oh, heute spiele ich nicht, schöne Frau. Aber nächsten Donnerstag? Wie ist Ihr Name? Josephine, gut, Josephine, ich werde da drüben bei Franco Bescheid sagen, dass Josephine Bellevue auf persönliche Einladung da ist, gehen Sie dann einfach durch. Ach was, für so eine reizende Lady - aha, Frauen jeder Klasse standen drauf, wenn man sie als Lady bezeichnete - tu ich das doch gern. Sie haben ja ein wunderbares Lachen! Genießen Sie die Sho- uhm, das Konzert. Bis nächsten Donnerstag!

Pawel war ein Kaiser. Zumindest kam er sich so vor. Ja, daran könnte er sich definitiv gewöhnen. Dahinschreitend griff er in seine Tasche. Kaiser durften auch rauchen, wo Rauchverbot herrschte. Gerade hatte er den Glimmstängel im Mundwinkel stecken und wollte ihn anzünden, da wurde einer der Angestellten, die für den Einlass zuständig waren, auf ihn aufmerksam. Und schau an! Kaiser bekamen sogar Anschisse, die wie Komplimente klangen!

Äußerst vornehm legte Pawel dem jungen Mann die Hand auf die Schulter und erwiderte sein Lächeln. Ich verstehe dich schon, Kleiner, bis gestern gehörte ich auch noch zur Arbeiterklasse.

"Mach Platz, ich investiere in Öl", raunte er.

Dem Kerl fiel die Kinnlade runter, als Pawel einfach weiterschlenderte.

Kurz darauf waren da noch mehr von seiner Sorte. 'Sir' nannten sie ihn, und sie entschuldigten sich bei ihm, aber das ginge nicht, und ob er zum Haus gehörte, und wie sein Name war. Eine ganze Traube haftete an ihm, er zog sie durch die halbe Halle bis zu einem Schrank - einem in seiner Größe, der die Arme verschränkte und ihm grimmig den Weg versperrte. Pawel hob eine Augenbraue.

"Ja, bitte?"

"Haltet das Schwein!" Japanischer Akzent schallmeite durch das Foyer, als Hito Yagami sich die Seele aus dem Leib brüllte. Pawel fuhr herum. Er sah den Asiaten - den schmalen Hals aufgebläht, Anzug und Haar zerwühlt - am Ende einer Schneise aus Gästen stehen, die kaum wussten, ob sie ihn oder den charmanten Russen entsetzt anstarren sollten. Der Kleine wies mit einer Geste auf ihn und schrie.

"Er ist ein Dieb! Er hat meine Maggini!"

"Tja, schön dumm von dir, den Haupteingang zu nehmen, wieso bist du nicht hinten raus?", höhnte der Polizist, der Pawel später die Handschellen anlegte, während der sich verzweifelt fragte, was zur Hölle da in ihn gefahren war. Am liebsten hätte er alles zusammengeschrieen. Verdammte Tussi! Verdammtes Vio-Vio-SCHEISSE!

Der Beamte schüttelte verständnislos den Kopf und wischte ihm einen Fussel vom Jackett, das er sich von seinem Gehalt nie hätte leisten können. Er säuselte: "Vornehm geht die Welt zugrunde, hm?"


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