Licht


Es war zwei Uhr nachts. Die Sonne flammte einen Finger breit über dem Horizont, kalt und still. Flammte über meinem schlaflosen Geist. Ich beobachtete sie, sie hing zwischen den Planen meines Zeltes und ich dachte, dass sie die Synthetikfaser, deren Saum sie berührte, doch versengen müsste, wie sie auch die Nacht versengt und aus ihrer Asche einen einzigen, über Monate andauernden Tag hatte aufsteigen lassen.


Fünfzehn Grad Minus. Ein warmer Morgen.

Ich hörte, wie Lars um das Zelt strich und Schnee schöpfte - zum Waschen, zum Kochen, für Kaffee. Konnte seinen hohen Schemen über die Kunststoffleinwand wandern sehen. Unser Rythmus war irgendwo hinter dem 66. Grad nördlicher Breite aus dem Ruder gelaufen; hier, wo Licht und Finsternis ihn nicht mehr bestimmten, hatte er ein Eigenleben entwickelt, eine Übereinkunft zwischen der inneren Uhr eines Franzosen und der eines Norwegers, eine Zone intereuropäischer Zeitlosigkeit unter der Mitternachtssonne.


Schlafen. Wachen. Arbeiten. Atmen. Versengt werden. Schlafen. Den Verstand entgleiten und aufdämmern spüren.

Oh, und immerzu frieren.


Ich schob den Kopf aus dem Eingang, bevor alle Wärme entwichen war. Mein Haar war ein haselnussbrauner Flecken Farbe im ewigen Weiß.

"Morgen", sagte ich.

Lars mit dem Aluminiumtopf in der Hand, der sich nun umdrehte, wirkte hingegen, als gehöre er hierher. Das Platinblond auf seinem Kopf löste sich im Himmel auf, die Augen im Eis, im Blau ferner Gletschergrate.

"Morgen Louis."

"Sobald du flüssiges Wasser hast, ruf mich."


Der Kerl konnte kein Lächeln erwidern.

Jeden Tag - Tag, Tag! - jede unserer Wachzeiteinheiten versuchte ich es, doch nie zeigte er mehr an Reaktion als jetzt, nie mehr als einen Blick, der erst eindrang, dann abschweifte, ein Nicken, vielleicht ein Brummen.

Lars konnte lachen. Aber er tat es nie, wenn man ihn dazu herausforderte. Nein, er lachte nur ganz und gar nach Belieben, ab und an derart zusammenhangslos und aus dem Nichts heraus, dass ich kaum nachvollziehen konnte, warum.

Manchmal, wenn er in die Flamme unseres Gasbrenners starrte.

Manchmal, wenn er ohne einen Blick auf Navigationsgerät oder Kartenmaterial den perfekten Ort für die nächste Bohrung erspähte.

Manchmal, wenn er auf den Hubschrauber lauschte und ihn am Himmel ausmachte, Minuten, bevor ich ihn überhaupt sehen konnte.

Manchmal, wenn er schlief. Und noch öfter, wenn er nicht schlafen konnte und mir dabei zusah, wie ich es versuchte.

Sein Lachen war nicht vernehmlich. Seine Lippen schmiegten sich hinein wie die Sonne in unsere nachtentwöhnten Schädel, lautlos, aber stet.


Seitdem wir eines unserer Zelte beim Versuch, eine Konserve zu erhitzen, verloren hatten, benutzten wir den Brenner ausschließlich im Freien. Das war auch der Zeitpunkt, an dem wir dazu übergegangen waren, uns das verbleibende Zelt zu teilen, seitdem ich mich also mit Lars' nicht nachvollziehbarem Lautloslachen hatte arrangieren müssen. Seine Präsenz war unabdingbar wie die der Sonne; und obwohl er mir keinen bestimmten Anlass gegeben hatte, ihn nicht zu mögen, war sie auch unabdingbar zermürbend.


Ich hörte seinen Pfiff und hob den Blick. Kurz darauf ein fliegender Wechsel: er trat ein, ich kroch heraus. Katzenwäsche, das einzige was schnell ging bei diesen Temperaturen, ansonsten zog sich auf Grönland alles dahin, als sei die Zeit selbst schockgefrostet.


Während des schweigsamen Frühstücks dachte ich über das Gewicht des Kernbohrers nach, den wir heute noch bewegen mussten. Man hatte lediglich zwei Männer dazu delegiert, dieses zweihundert Kilo-Gerät auf einem Schlitten von A nach B zu verfrachten, um danach tagelang daneben zu stehen und zu wachen, während es hundert Meter lange Kerne aushob. Zwei Männer, ein Bohrer und die Wissenschaft im Eis, in dem die Netzabdeckung bescheiden war und je nach Wetterlage nicht vorhanden; im Eis, in das der Hubschrauber nur einmal die Woche kam; im Eis, über dem dieses Himmelsfeuer alles mögliche auskochen konnte; im Eis, das viel zu unwirtlich war, zumindest für den längeren Aufenthalt eines Biologen, sollte auch sein Kompagnon aus der Geologie darüber leidenschaftsloser denken, er schien ja beizeiten nicht viel anspruchsvoller als das urzeitliche, anorganische Material, dass er untersuchte, wenn er nicht gerade – lachte.


"Was ist so komisch", fragte ich ihn.

Sein Blick reizte mich, sein Schlürfen klang unter diesem Grinsen im Kaffee widerlich.

"Nichts weiter."

"Warum lachst du dann, wenn nichts komisch ist?" Ich gab mir Mühe, den bissigen Ton zu vermeiden, nach dem mir der Sinn stand, seit vier Wochen schon. Es gelang mir nicht.


Er schloss die Augen und kippte den letzten Rest aus seinem Becher in den Rachen.

"Bist du fertig? Können wir gehen?"


Lars, der meine Frage ignorierte, aufstand und mit seinen langen Beinen an mir vorbei strich, unser Zelt und das orange Glühen, das sich darin verfangen hatte, das kleine, mobile Labor im Hintergrund - alles flackerte in meinen übernächtigten Augen wie das Bild eines schlecht eingestellten Computermonitors. Meine Nervenbahnen waren spröde geworden, waren Saiten einer überspannten Gitarre, die haarfein zersprangen, das Klirren kratzte unter meinen Schläfen.

Was hatte ich gerade von ihm wissen wollen?

War es wichtig gewesen?

War denn irgendetwas wichtig?


Wir rauschten durch die Weite, durch den Schnee. Durch Anästhesie, aus der der Boden gemacht war, aus der Horizont, Luft und Himmel gemacht waren, ein ganzes All aus Taubheit, das wir in uns aufsogen mit jedem zurückfallenden Meter und jedem Atemzug und jedem Blick, bis der Verstand darin ersoff, ein gnadenreiches Gefühl, ein Nichts.


Lars lag mit dem Bohrer hinter mir. Er rief mir etwas zu. Der Lärm hart arbeitender Motoren vereitelte jedes Verständnis. Ich warf einen Blick zurück, seine Geste wollte mir bedeuten, dass ich anhalten sollte, dass das die falsche Richtung sei; es dauerte Minuten, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte und ich meine Aufmerksamkeit auf das Navi wandte. Ausnahmsweise bestand sogar eine Sattelitenverbindung. Das Display zeigte eine Karte, die die indifferente Wüste vor mir auf eine Art beschrieb, die für mich an Willkür grenzte - Linien, Muster, gezogen anhand welcher Anhaltspunkte, welcher Landmarken? Von irgendwo aus dem Medium Earth Orbit musste sich besser sehen lassen als von hier unten.


"Eis!"


Ein langgezogener Diphthong schlitterte über den Grund. Ich konnte ihn akustisch verstehen, doch das sagte mir nichts.


Eis, natürlich, Eis überall, doch was tat das zur Sache?


"...Zu dünn!"


"Hier gibt es kein dünnes Eis", schrie ich zurück, hier gibt es nur einen kilometerdicken, einen unergründlichen Schild, meilenweit, hier gibt's kein dünnes Eis! Hier trägt alles zweihundert Kilo, zwei motorisierte Schlitten und uns.

Die Karte sprach eindeutige Worte. Sprach von solidem, grönländischem Eisschild, Panzer für Jahrtausende, wenn das Klima mitspielte. Sah Dinge, die Lars nicht sah.

Wusste der Teufel, was er hatte.


Lars stoppte in einer Wolke aus Sprühschnee.

Der Bohrer bewegte sich nicht mehr, klaffte mit absurd roten Markierungen wie eine Herausforderung in den Himmel, der ihn nicht auffressen konnte. Musste ihn zornig Stimmen, musste diesen ganzen hellen Sarg zornig stimmen, und mit gewaltigem Gebrüll entlud er seinen Zorn und fraß stattdessen mich.


Aus endlosem Weiß wurde Schwarz, als der Boden unter mir nachgab.


Nacht war gekommen.

Endlich.

Tiefe, schwerelose, schwarze Nacht ohne Richtung, ohne Atem.

Tiefer, immer tiefer, wo war die Oberfläche?

Es rauschte und gurgelte und warf mich herum in den Armen der Garonne. Irgendwo über mir musste ein sonniger Tag sein, Catherines Kleid troff vom Rotwein, ein Fetzen in meiner Hand. Die Bücher vollgesogen an einem Riemen um meine Schulter. Schwere, ich sank wie Blei. Bodenlosigkeit. Druck. Ertrinken. Erblinden. Nacht.

"Louis."

Catherine?

"Louis!"

Mein Name, ein Sog, doch ich schlief in den Tiefen der Garonne, ohne Luft und ohne Sinn, es erfror mir Mark und Bein, ich wurde dumpf und taub und dann schoss es grell durch all das hindurch, war heiß, war Schmerz - "Louis."

Ein Stöhnen, meins, ich stöhnte.

Lass mich schlafen, die Nacht ist da.

"Louis, du musst mitmachen."

Leck mich.

Schmerz.


Ich schrie wohl, als Lars, der plötzlich in meiner Nacht erschienen war, mich ruckartig anhob, um mich fortzuschleifen. Um meine Brust eine harte Enge, ein Scheuern, das irgendwann ins Nirgendwo ging, stattdessen regnete mir Platin ins Gesicht.


"Catherine", sie stand dort am Ufer.

"Bedaure. Bewegen, Louis."

Bewegen? Ich habe keine Richtungen mehr.


"-alles weh-"


"Das denke ich mir, aber auf den Schlitten musst du trotzdem."


Licht brach durch meine Lider und versengte meine Netzhäute, sie flüchteten sich in wispernde Schatten, ich stöhnte noch einmal, der Laut schmeckte metallisch, warf eine Blase, die sich über meinen Mund legte, mir wurde schlecht. Er drehte mich um, damit ich nicht erstickte, als mir das Frühstück widerstandslos durch den Rachen nach oben rann. Nadelblitze zuckten, er hievte mich auf das Gerät.


Motorenlärm und Fahrtwind. Wir bewegten uns.

Das Wetter musste sich verschlechtert haben, denn es klatschte uns nun eisiger Niederschlag entgegen. Wenn ich wach war, krallte sich mein Blick mühsam an Lars' Zügen fest und ich las darin Konzentration oder auch gar nichts, vielleicht stand da auch etwas in meinem Blut geschrieben, das an seinem Kinn klebte.


" -tschuld - ung"


Er erwiderte nichts. Hatte er mich überhaupt gehört? Hatte ich überhaupt etwas gesagt? Er starrte in Fahrtrichtung und war ein Teil des Schneesturms, des Lärms und meiner Schmerzen. War so wenig warm wie das, wonach wir bohrten. Vielleicht fantasierte ich, vielleicht war ich auch verrückt geworden; ich sah ihn über seinem Mikroskop, über seinen Petrischalen, den Geologen, den Eisberg, mit einer verfrosteten Probe hantierend, gleichmütig und starr und in aller Zeit der Welt, in zehntausend Jahren, in vier Komma fünf Milliarden, ein Kerl wie ein Mineral, das als zermahlener Staub zwischen Eisschichten gepresst war, unter Lasten aus abertausend Mitternachtssonnen und Polarnächten, und aus seinen Augen blickten Nordpol, Auora und Frost.


"Du - lebst nicht", kotzte ich in den Maschinenlärm, "du lebst - doch gar nicht-"

Mein Universum verdrillte sich, Weiß stob hinein und hinaus und daran vorbei, legte sich auf uns und in uns und wir erstickten - ich erstickte, er war ja schon tot, er hatte nichts Lebendiges, nicht mal dieses Lachen, dessen Ton jemand erschlagen hatte, das nicht mehr klingen, nur noch strahlen konnte, wie die Corona der niemals untergehenden Sonne, die mein Zelt, meinen Geist nicht verbrannte, sondern in bloßer Allgegenwart vor sich hin schwelte.


Einen Tag später - oder auch zehn, oder auch hundert - hatte ich Fieber.

Ich lag schlotternd in Isolierdecken, rechts und links türmten sich verschwitzte Polyestergebirge auf. Ich lauschte auf den Schneesturm, der an den Wänden riss. Boshaft heulte er, schrie mich an, ich solle verschwinden oder ich stürbe. Hier war kein Platz für die Lebenden. Hier war nur Platz für Lars und das Eis. Die Erkenntnis versank in einem milchigen, Schlieren werfenden Schleier.


Lars hockte zuweilen neben mir, manchmal sah ich ihn, manchmal bemerkte ich ihn bloß, manchmal keins von beidem, manchmal glaubte ich, dass er das Zelt verließ und mein erschüttertes Zeitgefühl wusste nicht, ob er Minuten oder Monate weg war. Es konnte nicht sein, wohin in diesem Sturm?

"Den Bohrer enteisen."

Das glaube ich dir nicht. Du lachst. Du lachst immerzu.

Du lässt mich doch nicht allein? Lass mich nicht - doch irgendwann war er wieder da, ich bemerkte es daran, dass die Temperatur abfiel.

"-Hub-schrauber-"

"Ich habe versucht, sie zu erreichen. Kein Netz."

Und selbst wenn du das wirklich getan hättest, bei diesem Wetter würden sie auch nicht kommen.

Ich brachte ein Wort hervor, meine Hand glitt ins Licht.

"Mein – Bein -"

"Gebrochen, hat sich entzündet. Auch ein paar Rippen sind durch, aber dein Rücken ist in Ordnung. Ansonsten Prellungen, soweit ich das beurteilen kann."

Er klang sehr sachlich, sehr fern.

Dann war ich in Bordeaux.


Die Enden der Welt – was willst du da?

Licht strich über den Staub auf den Buchrücken, als Picard mir in aller Herrgottsfrühe gratulierte. Jemand war gestorben. Woran, hatte ich Picard gefragt. Erfroren, in einem Schneesturm, tragisch, aber nicht tragisch genug, jahrelange Vorbereitungen und Zehntausende von Euro mit ihm verenden zu lassen.

Catherine, es tut mir leid.

Ersatz musste her, einer aus den Reihen der nicht berücksichtigten Bewerber. Lacroix war auf Spitzbergen, Durand in der Antarktis, ich saß in der Bibliothek und studierte fossile Mikroben. Zwei Wochen später flog ich über den Nordatlantik.

Das tief stehende Licht verhöhnte meine Müdigkeit. Ich hätte nicht so viel trinken sollen. Warum hatte sie mir eine Szene machen müssen? Mein Schädel brummte, geohrfeigt, fast ertrunken, verkatert und es war so hell. So verdammt lang hell, wann immer ich die Augen schloss und mich an das Bullauge lehnte, dieser rote Schimmer blieb so penetrant wie der Druck in meinen Ohren, der sich ab einer bestimmten Reisehöhe eingestellt hatte und sämtliche Geräusche auffraß.

Land. Weißes Land.

"Bergkvist, das ist Louis Beauchamp."

Ich habe seitdem nicht mehr aufgehört zu frieren.


Dröhnender Lärm, der Sturm wollte das Zelt zerschlagen.

"Du gehörst hier nicht her."

Ein Fetzen des Daches rauschte auf mich zu, verhedderte sich im Strahl einer Taschenlampe und bauschte sich ruckartig wieder auf. Meine Hände verkrampften sich zu Fäusten, als Adrenalin meinen Herzschlag aufpeitschte.

Ich drehte den Kopf, sah Lars auf der Seite liegen, mir abgewandt.

"Hey-"

Er atmete ruhig, als ob er schlief, aber ich hatte doch eben seine Stimme gehört?

"Lars!"

Minuten vergingen.


"Beauchamp, das ist Lars Bergkvist."

Gebrochenes Französisch, das mich Willkommen hieß und mir dankte, dass ich mich dazu bereit erklärt hatte, nach dem tragischen Vorfall für den Kollegen einzuspringen. Bemerkungen über Schicksal und Gelegenheiten. Rotorblätter sogen mich in den Himmel.


Das Fieber musste gestiegen sein, meine Gedanken troffen dahin wie zähes Harz. Jemand zog mir die Decke bis zum Hals.

"Ich will doch gar nicht hier sein", ich krächzte dürftig, wusste nicht, ob tatsächlich etwas über meine Lippen kam, "du etwa?"

Lars antwortete mit seinem immer gleichen Lachen und ohne jedes Wort.


"Soso, Eisbären." Ich beäugte das Gewehr in unserem Gepäck. "Kommt das denn öfter vor?" Lars zuckte mit den Schultern und verneinte, es komme nicht vor, er habe in den Monaten, in denen er am Camp stationiert war, kein einziges Tier gesehen, nicht einmal ein harmloses, aber die Vorsichtsmaßnahme sei Vorschrift. "Und die hier auch", er warf mir ein Messer zu, geeignet zum Bärentöten, als ob ich damit eine Chance hätte, wenn das mit dem Gewehr daneben ging.


Jemand flüsterte mir ins Ohr. Ich verstand nicht alles.

"...scheint ein halbes Jahr und versinkt dann ein weiteres im Nichts."


Was?


Unter Krämpfen war mein Körper bemüht, sich selbst zu kochen. Fieber. Fieber. Fieber. Meine bebende Stirn stieß gegen Lars' Kinn, als ich versuchte, ihm zuzuhören.


"... sechs Monate Wachen, Schwelen, Versengen, sechs Monate stiller Rückzug. Sie ist zu stark, kein ebenbürtiger Gegner zu sein, zugleich zu schwach für den Sieg, es resultiert ein Kompromiss. Immerzu. Viel länger schon, als hier irgendjemand bohrt oder atmet oder auch nur einen Gedanken hegt."


Seine Hand an meinem Gesicht zog mich in Umnachtung, in seine Halsbeuge, ins vertrauliche Gespräch, in den Schwindel. Ich witterte, erwartete Wärme, doch seine Haut musste von Frost überzogen sein oder meine eigene zu sehr strahlen, als dass ich die andere hätte wahrnehmen können.


"Sechsunddreißig Grad", wisperte er.


Ich vollführte einen Drahtseilakt auf dem Delirium, rechts zog es mich in die Ohnmacht, links rief mir jemand zu, dass ich nun um jeden Preis wach werden musste.


"Was ist das im Vergleich zu den Millionen, die dieser Stern abstrahlt und doch nur einen kalten Kompromiss erringt? Trotzdem seid ihr hier und möchtet euch beklagen, eure Wärme in den Schnee bluten, der sie schlucken und vergessen wird, als hätte es sie nie gegeben.

Ihr gehört nicht hierher."


Eine Böe schlug wider die Wand und blähte sie weit ins Zeltinnere, es knarrte bedrohlich, es würde gleich alles weggerissen, unter der Schneelast zusammenbrechen, ich würde begraben, ich würde sterben.


Sich aufrichten zu wollen, war keine gute Idee. Rasende Qualen explodierten in meinem Bein, Flecken tobten in meinem Blickfeld. Wut, mein eigenes Aufschluchzen. Dieser Verrückte hielt mich, bis ich kalt wäre wie er selbst, ich lag kraftlos in seinem Arm und durfte mir seinen Wahnsinn anhören, in der Ferne krachten Eisschollen. Seine Stimme schmiegte sich an mein Ohr, Worte fielen in das Loch hinter meiner Stirn, vor dem ich floh.

Ich bekam eine Antwort auf meine Frage.


"Ich lache, weil du so lächerlich bist."

Und ich spürte, dass er es auch jetzt tat.

"Du und all die anderen. Ich kann euer Gewinsel nicht ertragen. Warum seid ihr nicht einfach still wie das Eis und die Sonne und verschwindet."


Meine Finger unter der Decke gehorchten nur widerwillig. Waren zu sehr Teil der Welt, die um mich herum zusammenbrechen wollte, doch ein Funke aus Trotz, aus Wut, aus Überlebenswillen, ein Stück Irrsinn gab ihnen Kraft. Ich trug noch meinen Schneeanzug. Irgendwo dort, in Richtung meiner Beine, war eine Tasche.


"Vielleicht sollte ich dich jetzt verschwinden lassen. Dann ist es wieder gut", hauchte er. "Dann sind deine lächerlichen vierzig Grad Eis."

Ich fror so erbärmlich, ich fror so!

"Vielleicht solltest du auch gehen und es ihnen sagen, damit auch sie verschwinden. Ich muss entscheiden."


Stahl blitzte auf im sterbenden Strahl der Taschenlampe.


Im Moment, als die Klinge in seinen Rücken stach, wurden die Zeltplanen gesprengt und es klaffte der Himmel aus ihrem aufgerissenen Maul, der bitterweiße, tosende Himmel, mit Schneeschlag und Eisbrand und unersättlichem Ärger.


Ein Körper, der in die senkrechte schoss und sich von mir losriss, zerrte meine Hand vom Messerknauf, sie fiel, nach irgendetwas zu greifen, das mich vor dem von draußen hereinhagelnden Kältetod schützen könnte. Ich vergrub mich unter den silbernen Matten. Verfolgte das Brüllen, das halb menschlich klang, halb wie der Sturm, mein Atem raste, ein Arm ergriff mich, eine Faust schlug ins Leere neben meinem Schädel. Ihr Besitzer verlor das Gleichgewicht und stürzte auf mein verletztes Bein. Sterne, weiße Sterne, glühend heiß, zischten durch mein Bewusstsein und wollten es auslöschen.


Ich klatschte verzweifelt auf seinem Rücken, rutschte ab in kaltem Blut, bekam das Messer wieder zu fassen, drehte es, zog, bis es endlich wieder frei in meiner Hand lag, rammte es in eine beliebige Richtung. Voraus, nur voraus, es schnitt in einen weichen Widerstand.


Ein grausiges Gurgeln und Jaulen sowie der nächste Schlag trafen mich am Kiefer, weniger hart als der erste hätte schmecken können, doch hart genug, um mich endlich in den Abgrund zu stoßen, vor dem ich die ganze Zeit weggelaufen war.


Warum ich in dieser Nacht – wenn es denn eine war, in dieser Zeit, in der der Sturm tobte – nicht erfroren bin, weiß ich nicht.


Ich verbrachte sie eingegraben in all dem Kunststoff und unter einer Leiche, deren Blut Liter um Liter den Schnee tränkte und erkaltete, denn ich hatte ihren Hals aufgeschlitzt.


Das schlechte Wetter und die fehlende Verbindung hatte die Station besorgt gestimmt, und es war wohl mein Glück, dass man außerplanmäßig beschloss, nach uns zu sehen, sobald es wieder aufgeklart hatte, sodass ich zwar heute um einige Gliedmaßen ärmer, aber noch am Leben bin.


Man erzählte mir seither einiges, das ich nicht glauben kann, bis heute nicht. Wie viele Medikamente sie auch in meine Venen spritzen, bis sie mich vollkommen erweicht haben – unzählige allein, um mir endlich die Nacht zurück zu geben; ich leide seit damals unter einer verzehrenden Schlaflosigkeit. Denn immer sehe ich diese Sonne. Auch wenn ich mich längst wieder diesseits des 66. Grades nördlicher Breite befinde. Die Sonne und die stets offenen Augen, die in dieser schrecklichen Nacht über mir leuchteten wie zwei Polarsterne, über Lippen, die selbst im Tode noch – lachten.


Das verrückteste davon, was sie mir damals sagten, war wohl, dass niemand den Toten, den man bei mir gefunden hatte, jemals gesehen haben wollte und man ihn auch nicht identifizieren konnte. Und dass Lars Bergkvist schon eine Woche zuvor gestorben sei, während der ich dort allein stationiert war und auf einen Ersatzmann wartete. Man hätte das von vorneherein nicht gutgeheißen, aber ich sei so hartnäckig gewesen – sagte, etwas hielte mich dort.


Aber was hätte mich dort halten sollen, was? Ich sage es ihnen immer wieder – wir gehören dort nicht hin, wir sollten fernbleiben! Es ist furchtbar dort. Es ist kein Platz für die Lebenden. Aber sie glauben mir so wenig wie ich ihnen.


Manchmal meine ich, ihn zu hören.

Den angeblich Namenlosen, den ich getötet habe.


"Ich habe mich entschieden, Louis."


hoch

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* Prosa * Abenteuer * Melancholisches *


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