Quod erat demonstrandum

Atemzüge bevor das Telefon ihn geweckt hatte, hatte er den harten Herzschlag der Welt gespürt.

Regenstraßen. Nachtverkehr. Zischend grelles Licht, zischend grelle Klänge pulsierten in morbidem Rhythmus durch die dunstverschmierten Fenster einer Erdgeschosswohnung in Downtown Brooklyn. Da war dieser Moder, den die Luftfeuchtigkeit bis zum Erstickungstod verdickte. Da war das Graurauschen von Schlafmangel, das seinen Kopf mit Watte füllte. All das erschuf eine dumpfe Irrealität, die seine Gedanken lahmlegte, einlullte, wie kaltes Neonlicht die Nacht in Hinterhöfen.

Es war 3 Uhr morgens. Jake Harper schlief nicht mehr, sondern begann seine Arbeit.

Die Empfindung 'bitter' schälte sich aus seiner wächsernen Wahrnehmung, es dauerte einige Sekunden, bis er sie mit dem Kaffee in seiner Hand verknüpft hatte. Mit zu stark gerösteten Bohnen oder den Sedimenten aus den Windungen der Gussautomatik, die die Brühe auf dem Weg in den Pappbecher, an dessen Rand er nun mechanisch nippte, mitgerissen haben musste. Gelöster, braunschwarzer Satz aus Jahrzehnten 'Jerry's Snack Station', drüben, in den Tunneln unter der Hoyt Street, wo er aus der U-Bahn in das Pisswetter gekrochen war. Wenn das Zeug so wach machte, wie man es vom Geschmack her erwarten würde, wäre zumindest der Dollar kein rausgeschmissenes Geld gewesen.

Jakes Oberlippe schnalzte vernehmlich, als er mit einem Mal aufhörte, daran zu saugen, während er ein Paar nackter, blauer Füße begutachtete.

Dafür also hatte man ihn aus dem Bett geholt. Schon zum fünften Mal in dieser Woche. Wer auch immer dort draußen durch New York streunte und tote, junge Männer wie eine kalte Handschrift hinterließ er hatte offensichtlich ein Hobby entdeckt, das ihn auch auf lange Sicht nicht langweilte, und mit ihm weder das NYPD noch dessen Rechtsmediziner.

Wie magst du dich jetzt wohl fühlen, dachte Jake flüchtig.

Vor seinem geistigen Auge strich ein Paar grauer Schultern durch den Regen. Eines unter Tausenden. Unauffällig. Das leise Kräuseln einer Welle am tiefen Grund der Großstadt. Einen anonymen Schritt vor den anderen setzend, ins Endlose, vielleicht ins Ziellose fortlaufend. Und durch seine Adern wehten flüchtige Duftnoten oder gewaltige Schauer verstohlener Furcht oder heißer Euphorie vielleicht auch nichts dergleichen.

Bist du aufgewühlt? Oder ganz kalt?

Rekapitulierst du? Oder vergisst du?

Was fühlst du?

Wohin gehst du?

Das Bild flimmerte.

"Der Tote hieß Blake Warren, funfundzwanzig, hat Teller abgewaschen in einem Laden um die Ecke, glaubt zumindest seine Nachbarin." Das war Hendrikson. Jake signalisierte mit einem knappen "Okay", dass er zuhörte.

Blake Warren.

Blake Warrens Anblick wollte ihm etwas sagen, wie schon der der anderen vier vor ihm. Mit jedem Körper, den sie in exakt diesem Zustand vorfanden, nahm der Eindruck zu, wurde dringender, befehlender. Es fühlte sich an wie die Zwischenwelt vor dem Aufwachen, die nicht ganz vergrabene Erinnerung, nicht ganz das Jetzt war, doch er konnte seine Ahnung nicht näher bestimmen. Da war nur ein drängendes Gefühl von Dj-vu und sein Verlangen, Schlüsse daraus zu ziehen.

"Die Nachbarin war es übrigens auch, die angerufen hat, nachdem sie was Ungewöhnliches gehört hatte. Kurz darauf will sie gesehen haben, wie jemanden die Wohnung verließ, und fand die Tür offen. Einen guten Morgen wünsche ich dir."

"Danke, dir auch. Habt ihr-"

"-Ja. Die Ratte liegt da drüben."

Er hätte gar nicht fragen brauchen.

"Also schon wieder."

Jake unterbrach die Inspektion der freischwebenden Extremitäten, um angesichts des stehenden Schwanzes die Stirn zu runzeln. Er dachte die Worte 'erhängt' und 'Erektion' nebeneinander her, bis sich die Begriffe 'postmortal', 'Blutstau' und 'Schwellkörper' hinzugesellten. Das war selten, kam aber vor. War wohl dem brutalen Sarkasmus des Lebens zuzuschreiben, der den Tod zu einer grundsätzlich würdelosen Angelegenheit machte. Leichen, vor allem, wenn sie so aussahen, brachten jeden menschlichen Hochmut auf den Teppich, denn sie sagten: 'schau hin, so bist du wirklich'. Sowas war wie ein hämisches Grinsen.

"Dann wollen wir mal sehen", raunte er und aktivierte sich mühsam, "und alles andere ist auch so wie sonst?" Er spuckte den Rest Kaffee zurück in den Becher und stellte ihn ab. Das Dj-vu verschwand so wenig wie der bittere Nachgeschmack.

"Jup. Schauplatz sieht nicht aus wie der des üblichen Gewaltverbrechens. Keine Spuren eines Kampfes, kein gewaltsames Eindringen, tote Ratte. Es sucht schon jemand nach möglichen Verwandten oder Bekannten, die uns was über Blakes Hintergrund erzählen könnten, was die Analogien zu den anderen Opfern angeht. - Hey, Jungs! Wenn Harper das Okay gibt, schießt ihr noch ein paar Bilder und dann lasst ihn uns erst mal runter holen. Das Gebaumel macht mich nervös."

Hinter dem Toten gestikulierte Hendriksons plastikverpackter Arm. Kurz darauf folgten das Surren eines Blitzlichtes, das sich auflud, und ein erster, stechender Schnappschuss, der die von Beamten überlaufene Wohnung für einen grellen Moment scharfzeichnete. Vor Jakes Augen tanzten Sterne, als er sich zu dem von Hendrikson freundlicherweise mitgebrachten Koffer und einem weiteren, weißen Overall bemühte. Dann machte er sich ans Werk.

Was er vorfand, war das seltene Arrangement, das man als 'typisches Erhängen' bezeichnete. Vom 'atypischen' unterschied es sich hauptsächlich darin, dass der Körper frei schwebte und sein Gewicht von nichts mehr unterstützt wurde etwa, indem er noch halb auf dem Boden saß. Blake hatte offensichtlich auf dem Stuhl gestanden, der wenige Meter weiter umgekippt lag und gerade von der Spurensicherung vereinnahmt wurde, als man ihn an seiner Wohnzimmerlampe aufgeknüpft hatte. Jake kletterte ebenfalls auf einen, um das Ganze näher zu begutachten. Symmetrische Strangfurche, zum Nacken hin ansteigend. In diesem Fall besonders imposant, denn das war ein regelrechter Galgenstrick, was er da um den Hals hatte, dick wie drei Finger. Knoten im Nacken, klassisch. Oberhalb des Strickes keine Blauverfärbung, keine Schwellung. Jake bedeutete dem Kollegen mit der Kamera, auch auf einen Stuhl zu steigen und noch ein paar Detailaufnahmen zu machen, bevor er sich Händen, Thorax und Beinen widmete. Keine abgebrochenen Fingernägel, nirgendwo Hämatome, die nicht durch absickerndes Blut entstanden sein konnten, keine äußeren Verletzungen. Wie jedes Mal. Er maß die Temperatur, nahm Blut ab, notierte alles, was er an äußerlichen Veränderungen oder besonderen Merkmalen erkennen konnte, bis sämtlichen Vorschriften genüge getan war, denen er noch am Tatort entsprechen musste. Dann gab er das Zeichen zum Runterlassen und ordnete den Transport zur Obduktionshalle an.

"Dasselbe wie sonst?" Hendrikson hatte sich wieder neben ihn gesellt. Er sah beneidenswert wach aus. Jake nickte. Der andere seufzte. "Weißt du, ich frage mich, wie er diese Jungs dazu bringt, sich freiwillig aufhängen zu lassen."

"Vielleicht sind es irgendwelche Spielchen. Perverse Vorlieben beiderseits", mutmaßte Jake und setzte seine Unterschrift unter den Totenschein.

"Hmpf. Das würde zu dem Fetisch mit den Viechern passen ich hab übrigens Shirley schon angerufen. Sie wird sich das Biest morgen ansehen. Vielleicht sagt uns das ja was neues. Also dann frohes Schaffen."

"Frohes Schaffen."

***

Eine weitere, viel zu lange Nacht lag vor ihm, in der Augen, Geist und Dunkelheit vom Gleißen der Halogenlampen ausgebrannt wurden, während Müdigkeit und Stumpfsinn überdauerten wie lange Schatten. Jake strich sich einen Schlag Mentholcreme unter die Nase, zog den Mundschutz hoch die Wand aus Papier, die ihm einen Rückzugsraum vorgaukelte, in dem er für sich wäre, in den nichts von Außen vordringen würde und in dem er ein bisschen klarer denken könnte und ließ das Latex der Handschuhe gegen seine Handgelenke schnalzen. Das Klatschen hallte durch die Leere zwischen den Kühlschränken und hinauf zu den Lüftungsanlagen, konnte dem Sektionssaal aber nicht die gähnende Stille austreiben. Nirgendwo war es stiller als in einer Leichenhalle.

Er beugte sich über Blakes Hals. Das Kordelmuster des Stricks, der inzwischen mit einem nummerierten Schild versehen neben ihm lag, hatte sich in seine Haut gezeichnet. Jakes Skalpell malte nun eine zusätzliche, scharf begrenzte Linie in das Bild, aus der ein dunkler Tropfen in die Abflussrinne des Tisches perlte. Routine führte seine Hand nahtlos. Routine ließ ihn die Kälte ausblenden. Routine sperrte aus, was ausgesperrt werden musste.

Ratten. Warum ausgerechnet Ratten?

Bei der ersten hatte sich noch niemand etwas gedacht. Genauso, wie bei der ersten Leiche noch niemand hatte ahnen können, dass sie der Auftakt einer ganzen Serie wäre. Doch als weitere folgten und da jedes Mal eine tote Ratte lag, änderte sich das. Es waren Hausratten, wie man sie in jeder Zoohandlung kaufen konnte, aufgeschnitten und ausgeblutet, und zwar anderswo, nicht am Tatort. Das wiederum bedeutete, dass der Kerl, der diesen Männern entweder keine Hilfe leistete, wenn sie sich umbringen wollten, oder sie gerade in diesen Selbstmord hineinredete oder sonstwie dazu brachte, etwas zu sagen hatte. Es musste einen Zweck haben, dass er die Tiere vorbereitete und zum Ort des Geschehens mitnahm und Jake wurde fast verrückt dabei, aber ihm war, als ob es ihm aufgehen müsste. Da war es wieder, dieses enorme Dj-vu. Er fühlte, dass da eine Saite in ihm angeschlagen wurde aber es ging nicht, es ging einfach nicht, er konnte diese Schlussfolgerung, die ihm auf der Zunge lag, nicht greifen. Niemand konnte sich erklären, was es zu bedeuten hatte. Man spekulierte natürlich, dass der Unbekannte schlichtweg irre war und bloß versuchte, eine Unterschrift zu setzen. Aber das per se hielt Jake für nicht ausreichend.

Nein, er wusste, dass da noch etwas anderes war.

Der Stundenzeiger der Wanduhr sprang klackend auf Fünf. Das Echo, grotesk laut, wurde tausendfach von gekachelten Wänden und verchromten Oberflächen zurückgeworfen. Jake betätigte den Aufnahmeschalter des Diktiergerätes und legte es auf einen der Beistellwagen.

Die ersten vier Opfer waren alle Studenten gewesen. Alleinlebend, zwischen einundzwanzig und fünfundzwanzig Jahren alt, das war sehr selektiv. Sie glichen sich darin, dass sie als auffallend zurückgezogen, nahezu scheu beschrieben wurden, ihre Leistungen aber überdurchschnittlich gut gewesen waren. Bei Studienfach und Universität hörten die Gemeinsamkeiten allerdings auf. Blake Warren fiel als erster aus diesem Schema, es sei denn, die Nachbarin bezog sich mit ihrer Aussage auf einen Nebenjob und auch er hatte studiert. Wenn nicht was hatte den Unbekannten dazu bewogen, sich diesmal jemand anderen auszusuchen?

Jake faste Atem und wischte Blut an einer Lage Zellstoff ab.

"Männliche Leiche, Alter fünfundzwanzig Jahre, Größe zirka eins fünfundsiebzig, Gewicht siebzig Kilo, makroskopisch erkennbare Todesursache Tod durch typisches Erhängen, Anzeichen für..."

Er musste hier fertig werden. Er musste nach Hause und schlafen.

***

Das Bier in seiner Hand wurde langsam blutwarm. Er wusste nicht mehr, das wievielte es schon war. In Jakes Wohnzimmer zersetzte sich künstliche Halbnacht hinter am hellichten Nachmittag zugezogenen Vorhängen. Queens sickerte hier und da durch ihre Ritzen, und in den Fenstern vibrierte dumpfes Johlen und Lachen, hatte sein Epizentrum unter ihm, in der zum Bersten gefüllten Sportsbar, in der das Spiel der Giants gegen die Patriots erwartet wurde.

Das Eigengewicht zog seinen Kopf immer wieder auf die Brust, doch er konnte die überreizten Augen nicht schließen, starrte mit alkoholverzerrtem Blick auf die Berichterstattung, die mehr an ihm vorbeilief, als dass er ihr folgte. Jakes Gleichgewichtssinn gaukelte ihm Neigung vor, wo keine war, registrierte, wie bleierne Übernächtigung, Rausch und noch etwas anderes, Namenloses ihn aus der Senkrechten brachten. Er dirigierte die Flasche schwungvoll an seine Lippen, um den Fall auszugleichen, und schlug sich dabei fast einen Zahn aus. Laue Brühe rann halb durch seine Kehle, halb aus seinen Mundwinkeln.

Das hier hatte ihn eigentlich entspannen sollen.

Betäubung. Mehr Betäubung etwas mehr musste doch noch drin sein.

Betäubung. Er musste es betäuben. Dieses rhythmische Dröhnen zwischen seinen Schläfen, das ihn an etwas erinnerte, das er gehört, gesehen, gelebt hatte, bevor man ihn heute morgen angerufen hatte, bevor er aufgewacht war, und das ihn aus Gründen, die ihm verschlossen blieben, irrational ängstigte.

Schlucken. Einfach schlucken, dann ist es gut. Nicht denken.

Über den Bildschirm flimmerten, wie er nach einer Weile benommenen Rätselns erkannte, noch immer nicht die Giants, sondern ein paar knappe Röcke von Cheerleadern. Das war einfach, das war leicht verständlich, das funktionierte, nicht wahr? Blondes Haar und nackte Haut zwischen schillernden Pom Poms. Titten. Arsch. Aber er kriegte nicht mal einen hoch, um sich eine Weile mit diesem Thema zu befassen, er war zu besoffen oder es lag daran, dass er beim ersten Gedanken an seinen Schwanz plötzlich den von heute Nacht vor Augen hatte.

Nein. Gerade dorthin hatte er nicht gewollt.

Bilder.

Bilder kamen.

Jedes einzelne ein Dominostein, das den nächsten zum Kippen brachte, der Alkohol löste sämtliche Sicherungen im Nichts auf, die ihn für gewöhnlich festigten und alles hübsch beisammen hielten. Unaufhaltsam, ein Reigen unglückseliger Verknüpfungen. Sein Körper, der wie ein Sandsack auf dem Sofa hing und jene anderen fünf, die gehangen hatten, fünf nächtliche Alpträume, die keine Träume waren, fünf mal Routine, die keine Routine war und nie welche werden könnte, ohne ihn zum Psychopathen zu machen. Jake stöhnte, es war eine Klage, eine erbärmliche, hilflose Klage, und er warf die gottverdammte Flasche an die Wand. Es klirrte, schäumte. Der Nachbar in der Bude nebenan hämmerte dagegen, gröhlte irgendetwas, das Jake nicht mehr verstand, da er vornüber gekippt war und den Kopf in den Händen vergrub, bis ihm rot vor Augen wurde und er glaubte, wenn er sich jetzt nur den Schädel aufreißen könnte, würde all das, was er bisher gesehen hatte, endlich rausplatzen und er hätte seine Ruhe.

Da war Kälte. Da war unglaubliche Kälte in seiner Brust. Angst, Beklemmung, Befremdung, das Dröhnen, das sich ins Unermessliche steigerte, etwas, das ihn nicht losließ und genau auf diesen Moment gelauert hatte, in dem er losließ, woran auch immer er sich sonst festhielt, in dem er nicht mehr wachsam, nicht mehr stark war.

Sein Atem kam in harten Stößen, wie der eines Mannes, der um sein Leben rannte.

Alles, was er wollte, war, zu entkommen.

Ratten. Ratten. Tote Ratten. Tote Studenten und Blake Warren, der keiner gewesen war. Keine Analogien mehr? Keine Äquivalenz?

Schultern im Regen. Das klaffende, anonyme Maul der Großstadt.

Wohin gehst du? Was willst du mir sagen?

Er sah den Gehenkten beim Tellerwaschen. Nackt. Blau. Gerichtet. Und er sah eine große, fette Ratte, die in das Spülwasser glitt.

"Schneid mich auf und sag mir die Zukunft voraus", befahl sie.

Dej-v. Dej-v.

"Lies aus meinen Eingeweiden den Lauf der Dinge."

Der Lauf der Dinge.

Der Herzschlag der Welt.

Der Schwanz der Ratte war rot... ein roter Faden. Er wand sich um Jakes Finger, doch entzog sich bei der kleinsten Regung. Er wurde zu einer Schlinge um seinen Hals.

Er wusste es. Musste es wissen. Er hatte den Schlüssel. Und der Andere wartete darauf, dass er ihn ins Schloss steckte.

Der, der die Fluten am Großstadtgrund durchwanderte, beobachtete ihn.

Er war ganz nah.

Er beobachtete ihn.

Jake fühlte seinen Blick auf seiner Haut.

Jake fühlte seinen Atem im Nacken.

Jake fühlte, wie er ihm einen Strick drehte.

Jake fühlte seinen Blick auf seiner Haut.

Es klingelte an der Tür.

Wie von fern.

Das Signal kroch in Jakes Bewusstsein, das sich plötzlich auf seinem Teppich wiederfand, mit einem zähen Speichelfaden im Mundwinkel, der zu Boden floss.

Hatte er geträumt?

Gott allein wusste, wie er hatte einschlafen können, wann es geschehen und wie lange er weg gewesen war. Über ihm flimmerte ein Stakkato aus kaltem, blauen Licht, das die Silhouetten des Raumes rhythmisch aus der Finsternis schälte, in Schlagschatten andeutete und wieder ausradierte Bilder einer Siegesfeier, Konfettiflirren. Die Giants hatten das Spiel gewonnen, wie er feststellte, als er mühsam den Kopf gehoben und alles aufgehört hatte, sich zu drehen. Ihr Triumph war gespenstisch still. Es gab keinen Ton mehr. Jake wusste nicht, warum er ihn ausgeschaltet hatte, konnte sich auch nicht mehr daran erinnern. Das einzige Geräusch, das er wahrnahm, war das erneute Klingeln an der Tür.

Ohne sich wieder klar zu Zeit und Raum orientiert zu haben, raffte er sich auf. Er erwartete niemanden und war nicht im geringsten gesellschaftsfähig, doch gewisse Reize zogen immer dieselben Reaktionen mit sich, vor allem, wenn der Verstand noch durch die wispernden Abgründe verflogener Alpträume glitt. Wäre er nüchtern gewesen, hätte er womöglich einen Gedanken an die Sauerei an der Wand verschwendet, daran, dass ihm die und auch seine Fahne, die Flecken auf seinem Hemd peinlich sein könnten. Doch er war nicht nüchtern. Stattdessen tastete er sich durch das Glimmen der Mattscheibe vor bis zum Flur, schlug nach dem Lichtschalter und verfehlte ihn, torkelte weiter und nahm den Hörer der Freisprechanlage ab.

"Ja?", stieß er hinein.

"Harper? Dachte schon, du bist nicht zu Hause. Ich bins, Ian."

"Hendrikson?"

Wie viel Uhr war es? Welcher Tag war? Hatte er versäumt, zur Arbeit zu gehen?

"Ja. Entschuldige, falls ich störe ich war gerade in der Gegend und dachte mir, da kann ich gleich persönlich bei dir reinschauen und dir erzählen, was es Neues gibt, statt später anzurufen."

Hendrikson. Vor seiner Tür.

"Neues...?"

"Ich hab mit Blake Warrens Eltern telefoniert hey, lässt du mich raufkommen?"

Blake Warren.

Jake rang den Worten mühsam Bedeutung ab.

"Ja... Ja. Klar. Komm hoch."

Er stieß mechanisch gegen den Öffner, wartete auf das Schrillen im Hörer und hängte wieder ein.

Zerfahren fiel er gegen die Wand. Stützte sich einige Herzschläge lang ab, in denen er an nichts dachte, bevor er nach der Klinke der Wohnungstür langte und stutzte. Sie war offenbar wieder nicht ins Schloss gefallen, als er heute Nachmittag nach Hause gekommen war, denn sie stand einen Spalt breit offen. Doch er fand keinen klaren Gedanken dafür, den Hausmeister zu verfluchen, den er schon vor Tagen auf das Problem aufmerksam gemacht hatte, dass der Mechanismus nicht mehr richtig griff, wenn man keine Gewalt anwandte. Stattdessen lauschte er auf die Schritte im Treppenhaus. Es war viel zu hell für Jakes nachtadaptierte Augen. Er drehte sich um und bemühte sich, die weißen Flecke fortzublinzeln, die durch sein Blickfeld tanzten, während er ins Innere zurückkehrte.

Sie funkten auf und erloschen.

Funkten auf und erloschen nicht wieder.

Da war einer, nein, da waren zwei, zwei nebeneinander, die sich hartnäckig hielten.

Er blinzelte heftiger.

Zwei blitzende Kreise, klein.

Sie bewegten sich.

Sie hatten einen Klang.

Ein sachte polterndes Getrappel in den Schatten vor seinen Füßen, es war wie

Etwas strich seine nackte Haut.

Jake tat einen gellenden Schrei, als die Ratte über seine Zehen rannte.

"Aah! Verfluchte Scheiße!"

"Harper?"

Schlagartig wurden die Schritte im Treppenhaus stürmischer, bis Hendrikson Sekunden später auf den obersten Treppenabsatz sprang. Mit der seinem Beruf eigenen, dienstwilligen Alarmiertheit starrte er Jake an.

"Was ist los?"

"Eine Ratte da ist eine Ratte in meiner Wohnung!"

"Wie bitte?"

Er registrierte den verwirrten Blick, der zwischen ihm und der Tür hin und her glitt und ihn dann stirnrunzelnd musterte. Nahm wahr, wie man an ihm roch. Spürte, wie die Anspannung des anderen nachließ aber nicht ganz und wie er dann ein wenig Abstand nahm.

"Jake bist du betrunken?"

"Ich ja, ich hab mir das Spiel angesehn und ein paar Bier getrunken, ich verdammt, verdammt!"

Da war eine Hand, die sich auf seine Schulter legte.

"Beruhig dich. Hast du dich über irgendwas erschreckt?"

Sie musste noch da drin sein, wäre sie raus gelaufen, hätte Hendrikson sie auch gesehen.

"Ja doch. Über die Ratte!"

"Wovon sprichst du?"

Jake ging, ohne auf den anderen zu achten, einen Schritt auf die noch immer offen stehende Tür zu. Er schluckte hart.

Und dann waren da zwei dicke, braune Ratten, die aus seinem Wohnungsflur streiften. Ganz nach der Art, wie sie sie bisher fünf Mal vorgefunden hatten.

Er zuckte zusammen. Das konnte nicht wahr sein.

Diesmal war es Hendrikson, der einen zischenden Laut zwischen den Zähnen hindurch stieß.

"Was hast du denn da für Haustiere?", fragte er langsam, und auch wenn Jake weder nüchtern noch nervlich ganz bei sich war und auch nicht im geringsten bestimmen konnte, was genau, aber etwas an Hendriksons Ton schmeckte ihm nicht.

"Wie bitte? Ich hab keine Ahnung!", schnarrte er, "was ist denn das für eine verdammte ... Scheiße!"

Er raufte sich das Haar und zerrte an seinem Gesicht.

Ratten. Ausgerechnet Ratten.

Die Tür hatte offen gestanden, den ganzen Nachmittag.

Er hatte seinen Blick gespürt.

Alles in Jake wurde Eis. Jemand hatte ihm offensichtlich einen Besuch abgestattet, als er geschlafen hatte. Wer wusste, was da im Dunkel seiner Wohnung noch auf ihn wartete.

Ein sehr analytischer, nüchterner Teil seines Verstandes, der einsprang, als der Rest sich von Entsetzen lähmen ließ, meinte: Es wäre besser, die Spuren zu sichern. Abrupt stürmte Jake auf die Ratten zu, um sie wieder in die Wohnung zu treiben.

"Rein mit euch, rein mit euch! - Hast du dein Handy dabei? Ruf die Spurensicherung. Bei mir ist eingebrochen worden", rief er.

Der andere starrte ihn bloß an, mit diesem befremdlichen Ausdruck in den Augen.

"Hörst du nicht? Ruf die Jungs an!"

Was war das, Misstrauen? Doch bevor Jake länger darüber nachdenken konnte, griff sein Gegenüber endlich in seine Tasche und wählte die Nummer. Jake drehte sich wieder um und achtete verbissen darauf, dass keins der Tiere weglief, bis alles amtlich festgehalten wäre.

***

Sein Gespür für Analogien flüsterte Jake, dass dieser Tag exakt so endete, wie er auch angefangen hatte, während er die Fragen der zwei Beamten beantwortete, die in seiner Wohnung, in seinem zu Hause, das bisher von allem, was seinen Job betraf, verschont geblieben war, mögliche Hinweise auf ein Fremdeindringen sicherten. Er erinnerte sich dumpf daran, dass er heute morgen genauso unverhofft aus dem Schlaf gerissen worden war und sich ganz ähnlich gefühlt hatte. Diesmal hatte es lediglich weniger lang gedauert, wach zu werden, nach diesem Schock, der ihn rapide ausgenüchtert hatte.

Irgendwann klopfte ihm Hendrikson auf die Schultern.

"Weißt du, wenn du deine Tür auflässt, brauchst du dich nicht zu wundern, dass jemand rein kommt."

Wenn das ein Scherz sein sollte, war er nicht sehr erheiternd.

"Ich war nicht ganz bei mir, als ich nach Hause gekommen bin. Sonst hätte ich noch mal fester zugedrückt. Ist schon seit ein paar Tagen kaputt, die Tür. Aber ich hätte doch nicht gedacht dass... Gott im Himmel."

"Es fehlt nichts, oder?", fragte Hendrikson.

"Nein. Es ist ja nur was dazu gekommen", antwortete Jake sarkastisch. "Ratten. Das gibts doch nicht", er schüttelte den Kopf, "er will mir was sagen, Ian. Er will mir was sagen."

Wer auch immer dort draußen durch New York streunte und tote, junge Männer wie eine kalte Handschrift hinterließ er schrieb einen Brief an Jake Harper, das hatte er nun mit einem eindeutigen Post Scriptum demonstriert.

"Das ist schon sehr seltsam", raunte Hendrikson und legte dabei dieselbe, kritische Nachdenklichkeit an den Tag, mit der er ihn schon betrachtet hatte, seitdem er oben angekommen war. "Was hat das denn alles mit dir zu tun?"

"Verdammt, Ian, meinst du, ich weiß das?"

Jake fuhr dermaßen aus der Haut, dass der Kopf eines der Polizisten, der gerade das Bad untersucht hatte, mit fragendem Blick in dessen Tür erschien. Hendrikson winkte ihm ab und der Mann verschwand wieder, mit einem Schulterzucken.

"Entschuldige. Es ist nur so ungewöhnlich. Aber vielleicht ist das ja auch alles ein riesiger Zufall. Das passt ja auch gar nicht. Ich meine, versteh das bloß nicht falsch, aber: du hängst ja nicht", ein schiefes Lächeln, "ich werde die Biester jedenfalls mit zu Shirley nehmen. Mal sehen, ob es dieselben sind, wie die, die wir bisher gefunden haben. Um die letzte hat sie sich, meine ich, noch nicht gekümmert."

"Gut, mach das." Vielleicht war es auch Jakes erschütterter Verstand, der zu viel in Hendriksons Art, mit ihm umzugehen, hineininterpretierte.

"Eigentlich wollte ich dir ja was erzählen", begann Hendrikson wieder. Jake nickte langsam. "Blake Warren. Ich habe wie gesagt mit seinen Eltern telefoniert. Stell dir vor, das sind zwei Anwälte in Chicago. Sie leiten eine eigene Kanzlei."

Jake blinzelte. "Was, tatsächlich? Und da wäscht der Sohn in New York Teller?"

"So in etwa habe ich sie das auch gefragt. Sein recht reservierter Vater hat mir geantwortet, dass der Junge ursprünglich an der Fordham Wirtschaftswissenschaften studiert und sich mit den Kommilitonen ein paar mal zu oft Koks in die Nase gezogen hat. Es folgte die typische Abstiegskarriere. Er habe ihm irgendwann den Geldhahn abgedreht und ihm gesagt, er solle sehen, wie er klarkommt. Da brach das Söhnchen sein Studium ab und versumpfte in Brooklyn. Hättest seine Mutter im Hintergrund heulen hören sollen."

"Also doch ein Student", bemerkte Jake und runzelte die Stirn.

Wieder war da dieses Klingeln. Die Ahnung. Das befremdliche Dj-vu.

"Ja, über die fehlende Analogie habe ich mir vorher auch schon Gedanken gemacht. Schien ja zuerst ein wenig aus dem Rahmen zu fallen, der gute Blake. Aber wirklich ähnlich sind sich die Fälle noch immer nicht. Er hat schließlich abgebrochen und war nicht mehr an der Universität, während die anderen recht erfolgreich studierten. Und er kam aus gutem Hause, während der soziale Hintergrund der anderen ziemlich wüst war. Milde ausgedrückt."

Säuferinnen und Schläger ohne Beschäftigung, aus der tiefsten Bronx, um genau zu sein, dachte Jake. Nicht unbedingt die Akademikerfamilien, die man sich so vorstellte.

"Wir wären dann fertig da ist aber nichts zu finden."

Laut unterbrach die Stimme eines der beiden Beamten, die nun im Gang standen, das Gespräch, und Jake fluchte, aber er hatte geahnt, dass der Kerl hier genauso saubere Arbeit geleistet hatte wie auch an den Tatorten. Es war wirklich nicht anders zu erwarten, bei geöffneter Wohnungstür. Hendrikson nickte ihnen zu und rüttelte dann noch ein letztes Mal kollegial an Jakes Schulter.

"Also dann. Wie gesagt, ich nehme die Ratten mit und lasse dich wissen, sobald es etwas neues gibt. Du solltest versuchen, dich zu entspannen. Da die Gefahr besteht, dass das durchaus in einem Zusammenhang mit dieser Sache stehen könnte, werde ich gleich jemanden vorbeischicken, der unten auf der Straße ein bisschen aufpasst. Falls sich noch mal jemand bei dir meldet. Gut?"

"Gut. Danke."

***

Die Straßen waren voller Menschen. Gesichtslose Gestalten ohne Zahl krochen durch den Brodem aus Nieselregen und Abgasen, der sich zwischen den Häuserblocks aufblähte, bis er zu einem eigenen, grauen Bewusstsein erwachte. New York City schlug machtvoll die Augen auf. Genauso wie all die Ahnungen in Jake Harper, der ziellos durch ihr Gewinde irrte und sich durch die atmenden Massen schob, die aus U-Bahn-Tunneln und Taxis quollen und ihre Bürgersteige erstickten.

Jake wusste, dass er den Polizeibeamten, der in einem auffällig unauffälligen schwarzen Ford vor seiner Wohnung Stellung bezogen hatte, zur Weißglut getrieben haben musste, als er das Haus verlassen hatte. Auch, dass das nicht sehr schlau gewesen war. Doch nachdem erst die Spurensicherung und dann Hendrikson mit den zwei Ratten im Kecher verschwunden war, hatte er es keinen Augenblick länger dort ausgehalten. Das Vertrauteste war ihm fremd geworden. Und nun war er hier. Hier im Nirgendwo. Genau wie er.

Er hätte in einer der Bars versacken können, die überall in seinen Weg hineinwucherten und in denen das Freitagabendgeschäft boomte. Sich noch weiter volllaufen lassen. Doch dass Alkohol ihn heute nicht entspannte, hatte er bereits festgestellt, und so folgte er stattdessen den sinnlosen Intuitionen, die ihn umtrieben, als sein Verstand verebbte. Lief. Saß in Bussen und unterirdischen Zügen. Kreuzte durch die Eingeweide der Metropole. Wenn er an der einen Station ausstieg, hatte er manchmal vergessen, an welcher er zugestiegen war, aber das war gleich, solang er sich nur auf dem Weg befand. Es war wohl seinen Grübeleien über tote Studenten geschuldet, dass der ihn schließlich zur Rutherford Medical School führte, an der er vor zwanzig Jahren seinen Abschluss gemacht hatte.

Es erstaunte ihn verhältnismäßig wenig, dass er sich gegen halb 9, es war schon dunkel, auf den Parkanlagen vor dem gewaltigen Krankenhauskomplex wiederfand und sich einer leisen Nostalgie hingab. Man flüchtete sich so gerne in die Vergangenheit, wenn einem die Gegenwart über den Kopf wuchs. Vor sich hin dämmernd strich er die Allee entlang, die er einst täglich frequentiert hatte. Ihr künstliches All aus Milchglaslicht und angestrahltem Blattgrün beruhigte ihn.

War eines der Opfer hier Student gewesen?

Nein, soweit er sich erinnerte, nicht.

Die Anlage war noch immer belebt, eine Unzahl weißer Kittel huschte zwischen den Betonklötzen umher, Patienten und letzte Besucher streiften durch die gläsernen Korridore, die einige der Gebäude verbanden, und über die Wege im Freien. Jake folgte zweien davon, einem älteren Paar, in die Cafeteria des Haupthauses, die gerade noch eine halbe Stunde offen hatte. Synthetischer Tag blendete ihn. Es hatte sich nicht viel verändert. Hier hatte er einen Großteil seines Studiums verbracht, mehr noch als in den Bibliotheken, eine schiere Unzahl an Kaffeepausen über Büchern und Skripten. Müde rieb er sich die Augen vielleicht wäre das nicht schlecht, ein Kaffee. Und er reihte sich in die Schlange vor dem Selbstbedienungsautomaten ein.

Sein Blick glitt beiläufig durch den Raum, während er wartete. Dann blieb er an einem der Tische hängen, an dem ein Mittvierziger in dunkelblauem Hemd saß und kaffeetrinkend die Times las. Etwas an ihm schien ihm sehr vertraut, es war irritierend. Er schaute genauer hin. Dann hob er die Brauen und blickte freudig überrascht.

"Andrew? Andrew Dwaight, bist du das?"

Der Andere hob den Kopf und schaute ihn aus dem Konzept gebracht an. Tatsächlich, das konzentrierte Profil hatte ihn nicht getäuscht, jetzt sah er es ganz genau. Das war sein alter Kommilitone. Und der staunte wenig später, als das Erkennen ihn ergriff, nicht minder darüber, Jake hier anzutreffen. Unvorstellbare zwanzig Jahre war es her.

"Jake Harper! Ach du meine Güte", perplex ließ der am Tisch die Zeitung sinken. Das war eine dieser Situationen, in denen man so vieles hätte sagen können und doch um Worte verlegen war. Der andere stand schlichtweg auf und kam auf ihn zu. Jake hielt ihm die Hand hin, die sogleich angenommen wurde. Ein kräftiger Händedruck und ein freundlicher, altbekannter Blick. "Das ist ja ein Ding."

"Was machst du denn hier?", fragte Jake, "Gott, ist das lange her. Arbeitest du etwa hier?"

"Oh nein, bloß das nicht", lachte der andere, "ich bin drüben am St. Anthony's. Meine Mutter ist hier zur Zeit stationär aufgenommen. Aber dasselbe könnte ich dich auch fragen! Wie gehts dir? Was machst du?" Neugierig musterte man ihn.

"Ich bin Rechtsmediziner beim NYPD, seit 10 Jahren", er blickte zerknirscht, "frag besser nicht, wie es geht. Aber Mensch. Ich hoffe es ist nichts ernstes mit deiner Ma?"

Andrew schüttelte den Kopf. "Nein nein, sie ist schon wieder über den Berg. Und ich kann's mir vorstellen, deinen Job möchte ich nun wirklich nicht haben. Was für ein Zufall. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!"

"Ja, wirklich", murmelte Jake, gefolgt von einer Weile staunenden Schweigens. "Hey, aber da uns das Schicksal schon wieder zusammengeführt hat hast du Zeit, ein bisschen in den alten Tagen zu schwelgen, oder hast du schon was vor?"

Es kam verdammt spontan, aber es würde vielleicht guttun, mit jemandem zu reden, der so gar nichts mit all dem Scheiß zu tun hatte, der zu Hause auf ihn wartete. Irgendwie musste er diese Nacht schließlich verbringen. Jake sah den anderen locker die Schultern heben und offensichtlich zustimmen.

"Nein, ich hab hier nichts mehr zu tun. Wollte nach Hause fahren, nachdem ich ausgetrunken hätte. Also Lust auf ein Bier?"

"Eigentlich ", hatte er davon heute schon genug gehabt, aber, "ja, warum nicht."

***

"Dann hast du es also doch noch geschafft", stelle Jake halb auf dem Tisch liegend fest und warf Andrew, der sich tief in die Sitzbank hatte zurückfallen lassen, einen im Alkohol schwimmenden Blick zu. "Ich meine, nicht aufzugeben, damals."

Der Abend war vorangeschritten. Jake hatte längst sein Zeitgefühl in einem der Biergläser verloren, die voll zu ihrer beider Tisch gebracht und leer wieder davon getragen worden waren, zurück in die undurchdringliche Geräuschkulisse, die den schummrigen Raum jenseits der Lichtkegel ausfüllte. Er war sich nicht mehr ganz sicher, aber er glaubte, dass sie in einer Bar in Queens saßen, die Stimmung war gelöst, offenbar waren sie ausnahmslos umringt von Football-Fans, die den Sieg der Giants begossen oder schon zu ausgiebig begossen hatten. Doch das war gerade gut so.

Sie hatten anfangs über Gott und die Welt gesprochen was habe ich getan, was hast du getan, Heirat, Scheidung, Kinder und dergleichen mehr, und während Jakes Pegel gestiegen war und die Gegenwart mit einem drögen Schleier überzogen hatte, hatte er umso tiefer in die Vergangenheit zu blicken vermocht. Dort angekommen hatte er schließlich eine ganze Weile still vor sich hin gebrütet, in einer dieser Pausen, wie sie zwischen Männern entstanden, die bei einigen Bier ungewohnt viel erzählt hatten, bis er auf diesen einen Punkt gestoßen war und sich gewundert hatte, warum ihm das nicht gleich als erstes eingefallen war.

Andrew Dwaight. Er war damals gut befreundet gewesen mit Andrew Dwaight. Hatte ihm so manche bestandene Prüfung zu verdanken und umgekehrt. Dann waren da die Parties gewesen. Der Kerl war für die schlimmsten Kater seines Lebens verantwortlich. Jake, betrunken im Hier und Jetzt, hatte versonnen und aus seinem Schweigen heraus aufgelacht, als ihm dieser Gedanke gekommen war, doch dann war er gleich wieder in seiner Studentenbude versackt. Wie hatte das bloß ein Ende nehmen können? Und da war sie auch schon wieder präsent gewesen, die Nacht nach dem Examen. Nach seinem Examen, denn Andrew hatte es an diesem Tag nicht bestanden.

"Ja, im nächsten Jahr", antwortete Andrew. Jakes alkoholisiertes Taktgefühl war sich unsicher, ob er ihm mit seinem Kommentar zu nahe getreten war, befand das aber im nächsten Moment als irrational, nach all der Zeit und dem, was seither geschehen war.

"Du erinnerst dich also noch an meinen Ausraster damals? Dass mir das nach zwanzig Jahren noch anhängen würde, hätte ich nicht gedacht. Das trifft mich", setzte sein Gegenüber fort, als Jake schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, und griff ein wenig zerrüttet nach seinem Glas.

"Na ja", erklärte Jake und verfolgte nachdenklich die Bewegung, "wir haben uns immer so gut verstanden. Und dann, nach der Uni, war da gar kein Kontakt mehr. Ich habe damals über die Gründe nachgedacht und kam zu dem Schluss, dass es wohl an diesem Abend lag. Ich habe es immer sehr bedauert. Darum blieb es mir in Erinnerung."

Ein müdes Lächeln legte sich auf Andrews Gesicht. "Man sagt und tut so einiges Unüberlegtes, wenn man jung ist. "

Jake tat seine Zustimmung mit einem ausgiebigen Nicken kund. "Wohl wahr, wohl wahr."

"Mir hat es später auch leid getan, mich so mit dir zerstritten zu haben", raunte der andere dann, "offensichtlich hatte ich ja auch Unrecht."

"Womit meinst du?"

"Mit meiner Theorie, was den Verlauf unserer beider Leben betrifft. Ich dachte, darauf spieltest du gerade an. Ich mein, schau dich an: Rechtsmediziner beim NYPD. Wenn das keine Karriere ist."

Jacke lachte, leerte ebenfalls sein Glas und überlegte einen Moment, ob er noch ein weiteres bestellen sollte. Das letzte bisschen Vernunft sagte nein, der Rausch, der aufrecht erhalten werden wollte, ja, und so winkte er nach der Kellnerin.

"Ja, ja, ich weiß schon noch", er rieb sich den Nacken. Wenn er sich Mühe gab, dann konnte er sich tatsächlich noch an Andrews Worte erinnern. "Du hast uns in der Gosse enden sehen. Alle beide. Warst ziemlich pessimistisch und bitter, so wie ich dich noch nie erlebt hatte. Und jetzt bist du Chirurg am St. Anthony's. Und verdienst vermutlich doppelt so viel wie ich. Da siehst du mal."

Andrews helle Augen ruhten lange auf Jake, bevor er antwortete. "Ja, so kann man sich irren."

Das nächste Bier war eines zuviel, wie Jake bald feststellen sollte. Er schnaufte, nachdem er es geleert hatte, und ließ sich ebenfalls an die Lehne der Bank zurückfallen. "Tse-heh", lachte er dabei, und das ziemlich laut. Von schräg unten sah er Andrew ins Gesicht, der fragend die Brauen hob.

"Was ist so lustig?"

"Was du damals sagtest. Dieser Unsinn mit dem Rosenthal Effekt. Ich hab mich grad dran erinnert."

Andrew zerwühlte sich betreten das äschern braune Haar. "Da muss ich ja wirklich was denkwürdiges von mir gegeben haben, dass du das heute noch so genau weißt."

Jake prustete. "Ja. Es war schon es war schon ziemlich denkwürdig. Anders kann man das nicht sagen", er ließ jegliche Zurückhaltung fahren, es war, als wären sie wieder die alten Freunde von damals, die sich alles sagen konnten, "tse, Rosenthal. Dank dir hab ich jedenfalls nie mehr vergessen, was man darunter versteht. Der Rest von Sneiders Soziologie-Seminar ist sang- und klanglos untergegangen. Aber das er war so bemerkenswert kreativ, dieser bescheuerte Gedankengang von dir. Sorry. Verstehst schon, wie ich das meine. Wie war das?", er legte grüblerisch den Kopf zurück und kniff die Augen zu Schlitzen, während er versuchte, sich genau zu entsinnen, "du hattest uns Prüflinge mit zwei Sorten Versuchstieren verglichen, die durch ein Labyrinth rennen sollen. Die einen, von denen der dicke Meyers, der uns damals die Prüfung abgenommen hat, glaubte, sie seien was Besseres, exquisite Zuchtergebnisse, und die anderen, von denen er glaubte, sie seien ganz ordinär. Du warst überzeugt davon, dass es ja gar nicht anders zu erwarten wäre, als dass er feststellen würde, dass sich erstere klug anstellen und letztere nicht, egal, wie sie tatsächlich abschnitten. Weil er es so feststellen wollte, weil er es so festzustellen erwartete. Zwei Sorten Versuchskarnickel, zwei Erwartungshaltungen, zwei dementsprechende Ergebnisse. Der Rosenthal-Versuchstleiter-Fehler. Kein Entkommen. Herrjeh", Jake holte zu einer großen, alkoholisch fahrigen Geste aus, "die Ärztekinder bestehen, weil sie eben Ärztekinder sind, und wir fallen durch, weil wir's nicht sind, hast du gesagt. Und ich war für dich nur eine Ausnahme, dieses eine Mal. Damit hast du dir deinen Misserfolg erklärt. Du warst von dem Kram mit der selbsterfüllenden Prophezeiung dermaßen überzeugt, dass ich wirklich dachte, du würdest deswegen aufgeben. Gut, dass du es nicht getan hast. Bis doch vernünftiger, als es damals den Anschein hatte."

"Na vielen Dank", Andrew lachte auf und klopfte Jake auf den Arm, "Ich sagte ja bereits, man redet viel Unsinn, wenn man jung ist. Es war ein schwarzer Tag, damals. Man fällt nicht oft durch die Abschlussprüfung, auf die man sich jahrelang vorbereitet hat, weißt du. Ich war am Ende. Übrigens glaube ich, du bist es gerade auch. Du kannst dich ja gar nicht mehr grade halten." Demonstrativ rüttelte man an ihm, worauf er fast von der Bank rutschte, und er knurrte missmutig.

"Ich hatte wohl eins zuviel", murmelte Jake einsichtig und hielt sich an seinem alten Freund fest, "aber ehrlich gesagt hatte ich heute auch einen sehr schwarzen Tag."

Nicht daran denken. Noch ein wenig in diesem wohligen Betäubtsein schwelgen.

"Das habe ich mir schon gedacht, als ich in der Cafeteria deine Augenringe bemerkt hab."

Jake stöhnte und schlug die Hand vors Gesicht. "Ja. Du ahnst ja gar nicht, was bei mir los war. Nicht viel geschlafen in letzter Zeit, überhaupt nicht. Gott. Ich ich sollte jetzt vielleicht nach Hause und genau das tun."

"Hast du es weit?"

"Eigentlich muss ich nur ein paar Straßen weiter. Paper-Street. Wir sind doch in Queens, oder?"

"Ja, schon. Aber das ist doch noch ein ganzes Stück. Meinst du, du schaffst das, ohne dich zu verlaufen oder einen Unfall zu bauen? Dich hat das Bier gerade abgeschossen."

Jake murrte nur vor sich hin. "Wird gehen müssen." Er kramte nach den Scheinen in seiner Hosentasche und legte einen Betrag auf den Tisch, von dem er meinte, das müsse ausreichen. "Bist du noch nüchterner als ich? Kannst du das mal zählen?"

Andrew verschwand kurz aus seinem Blickfeld, dann war er wieder da und meinte: "Wird ein großes Trinkgeld, aber nicht so groß, dass du dir Sorgen machen müsstest." Er legte noch etwas von sich dazu. "Ich komme besser mit. Sonst landest du noch in irgendeinem Gulli."

"Naah, ich will dir keine Umstände machen."

"Das ist schon in Ordnung. Wenn es nicht so weit ist, ist das kein Umweg für mich. Ich muss sowieso zur Bahn laufen."

"Ist ja wie in den alten Zeiten", stellte Jake fest. Er hatte eigentlich nichts dagegen, womöglich war es wirklich besser dann dachte er beiläufig an seine Wohnung und das, was darin vorgefallen war, und fragte sich für einen Moment, ob es sicher wäre, dorthin zurückzukehren. Ob es auch für einen Besucher wie Andrew sicher genug wäre, er wollte niemanden in Gefahr bringen. Aber bevor er dazu kam, diese Bedenken zu äußern, erinnerte sich an den Polizeibeamten, der zweifellos noch vor dem Haus Wache schob, und daran, dass er ohnehin irgendwann zurück musste. Er war außerdem viel zu dankbar für die Hilfe. Spätestens dann, als er versuchte, aufzustehen und den Raum zu durchqueren und nur Dank Andrews beherztem Eingreifen nicht in den Nachbartisch voller Football-Fans fiel. Die Jungs gröhlten ihn blöde an, er erschrak sich tierisch. Andrew entschuldigte sich für ihn und nahm ihn dann am Arm, um ihn zu stützen.

"Schon gut, nichts passiert, Kumpel", raunte er ihm zu.

"Danke. Ich hab's wohl wirklich übertrieben..."

***

Jake wankte an Andrews Seite durch eine Nacht, die nicht leer war, da allgegenwärtig Echos durch ihr Nichts streiften. Der Nachhall von Autos, die die Meere über den Straßen mit roten und weißen Lichtstreifen zerschnitten, darunter Stimmen, Gelächter, Rufe, der Klang ihrer eigenen Schritte. Wirr atmete er die kalte Brise, die durch die Häuserschluchten wehte, seitdem das Tageslicht verschwunden war, und die nach ausgespültem Smog, Müll und fernen, sehr fernen, anderen Welten schmeckte, die außerhalb der Gravitation New Yorks noch existieren mussten, wenn man das auch, so tief in ihrem Bauch, für eine unglaubliche Lüge halten mochte. Da lag eindeutig etwas Fremdes in ihrem Geschmack. Vielleicht auch etwas Befremdliches. Vielleicht auch der unaufhaltbare Lauf der Dinge.

Jake registrierte, dass der Weg viel länger war, als er geschätzt hatte. Er stolperte hart über so manchen Gullideckel, wurde von Andrew gehalten und erging sich jedes Mal in Dankbarkeit, dass man ihn nicht allein gelassen hatte. Und noch ein Dj-vu, dachte er: wie oft war das damals vorgekommen?

Tausend unterschiedlichste Eindrücke, Informationsfetzen, Erlebnisse von einstmals und heute kreuzten ihm durch den Sinn und vermischten sich zu einem Chaos, das ihn Groteske und Kontrollverlust fühlen ließ. Er glitt in wüste Gedanken über tote Studenten, Ratten und sein eigenes, immer wieder in menschliche Abgründe herabsteigendes Leben, oder gab sich dem Herzschlag der Welt hin, den er hier, auf dem Weg, auf dem Asphalt, in der dunstigen, flüsternden Schwärze, die der seiner Träume so unwahrscheinlich ähnelte, wieder laut dröhnend wahrnahm. Gab sich Nostalgie und Wiedererkennen, dem Rätseln über Puzzleteile und dem Gefühl hin, dass alles aus dem Ruder lief und die Welt voller irrationaler Überraschungen steckte, die doch irgendeinen Plan zu verfolgen schienen... der rote Faden, den er nicht greifen konnte, und der seine Existenz durchzog. Sein Schicksal. Gott, er konnte sich selbst nicht dabei zuhören, wie er diese Dinge dachte. Er hoffte, er hätte sich wieder zusammengerissen, wenn er morgen ausgeschlafen hatte.

Einmal vibrierte es in seiner Tasche, riss ihn mäßig in den Wachzustand zurück, er kramte mühsam das Mobiltelefon hervor, meinte, Hendriksons Dienstnummer zu erkennen das musste dringend sein, sehr dringend um diese Zeit, doch nicht wieder eine Leiche? aber er war für alles, was er ihm zu sagen haben könnte, einfach zu betrunken. Ächzend entschied er sich, das gut sein zu lassen. Es würde ihn schon nicht den Job kosten.

"Und entschuldige nochmal... dass ich mich nicht hab zusammenreißen können", murmelte Jake, als sie schließlich vor der Tür standen. Flüchtig suchte er die Straße ab. Der Kollege schien ihm sein Verschwinden nicht verziehen zu haben da war kein schwarzer Ford mehr zu sehen, oder Jakes Wahrnehmung hatte endgültig jeden vertrauenswürdigen Status verloren.

"Kein Problem. Mach dir darum keine Sorgen", raunte der andere und half ihm, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu schieben.

"Wo musst du eigentlich hin? Ist es weit?"

Andrew dirigierte ihn zur Treppe. "Ich wohne auf Staten Island. Ich denke, ich nehme erst die Bahn, an der wir gerade vorbeigelaufen sind, und dann ist es bald früh genug für die Fähre."

"Was zum Henker? So weit draußen?", Jake schüttelte den Kopf, schlang einen Arm um die Schultern des Anderen und riss sie beinahe beide vom ersten Treppenabsatz. Er blickte ihm ins Gesicht, das verschwamm, und bemühte sich um größtmögliche Bestimmtheit. "Das geht nicht Ich kann nicht verantworten, dich so lang aufgehalten zu haben, dass du bei den schlechten Verbindungen um diese Zeit noch ewig durch die Stadt tingeln musst. Bleib doch bis morgen hier. Oder hast du am Wochenende Dienst? ... Ich nehme die Couch."

Andrew schien eine Weile zu überlegen, dann nickte er müde und nahm dankend an.

Sie stolperten in die Wohnung. Jake durchfuhr ein Frösteln, das von seiner jüngsten Erinnerung an diesen Ort herrühren musste. Dass ihm das in den eigenen vier Wänden passierte, provozierte eine leise, ohnmächtige Wut. Er lehnte sich an die Wand, das Geräusch, das er von sich gab, sollte ein Knurren sein, erinnerte jedoch mehr an ein Seufzen.

"Moment. Ich nehm' mir nur eine Decke, dann ist mein Schlafzimmer dein Schlafzimmer. Da ist übrigens das Bad. Und die Tür musst du einmal ganz kräftig schubsen... die geht nicht auf Anhieb zu."

"Danke."

Wenig später sank Jake auf sein Sofa. Zog besagte Decke über seinen Kopf, schmiegte sich in die Polster, bemerkte den überwältigenden Schwindel, der ihn ergriff, als er das erste Mal versuchte, die Augen zu schließen. Ein letzter Blick auf sein Handydisplay er wusste selbst nicht, warum er sich das antat. Da war eine Mitteilung von Hendrikson, er schaffte es noch, sie zu entziffern: "Verdammt, wo steckst du? Neuer Tatort. Du wirst verlangt", danach eine Adresse, die ihm etwas sagte. Das war ganz in der Nähe von von irgendwas, das er kannte. Ja. Er kannte diesen Ort, es war

Nein.

Nein, er wollte jetzt nicht.

Er konnte nicht.

Schlafen.

Seine Augen fielen im selben Moment zu, als ihm das Telefon aus den Händen glitt und er sich über den Zufall wunderte, zu erkennen, dass diese Adresse eine Studentenwohnung auf seinem eigenen, alten Campus war.

Jemand setzte ihm eine Ratte auf die Schulter. Sie lief um seinen Hals, zog rote Kreise.

Sie bildeten eine Schlinge.

"Schneid mich auf und sag mir die Zukunft voraus", befahl sie.

Jake stürzte auf die Knie. Unter ein Paar blauer, in der Luft hängender Füße.

"Warum gehst du nicht ans Telefon?", klagte der Hängende. Er hatte kein Gesicht.

"Warum kommst du nicht und schaust mich an. Wir sind uns ähnlich. Schau mich an. Hast du Angst, es zu erkennen?"

Die Ratte sprang aus seinem Nacken und legte sich sterbend nieder, während Jake panisch am Strick um seinen Hals zerrte. Der andere sprach weiter.

"Denn du und ich, Jake, wir gehören zu der schlechten Sorte."

Dj-vu.

"Wir sind keine Wistar-Züchtung. Wir sind die Penner aus den Sozialwohnungen."

Schon mal gehört.

"Im Gegensatz zu den Hochwohlgeborenen mit den besten Voraussetzungen. Und das weiß die ganze Welt. Das weiß auch der Herr Professor, der mich angeguckt hat, als wäre ich ein Vollidiot."

Schon mal vor sehr langer Zeit gehört.

"Alle erwarten, dass die sich klug anstellen und wir nicht. Darum wird sich die Prophezeiung immer wieder erfüllen. Wir landen da, wo wir herkommen. Die da landen, wo die herkommen. Du auch, eines Tages."

Lange Zeit.

"Rosenthal. Es ist ein Gesetz. Wir sind Kanalratten. Wir leben immer das Leben von Kanalratten."

Ratten. Versuchstiere. Ratten. Kanalratten.

"Du spinnst doch."

"Ach ja?"

Der Tote lachte.

"Die Zeit wird es beweisen. Sie haben es mir geglaubt."

"Sie?"

"Sie waren leicht zu überzeugen. Sie waren schon so nah dran, selbst darauf zu kommen, dass sie ein Fehler im System sind."

Ob das laute Krachen Teil seines Traums oder der Realität war, war Jake nicht klar, als er schweißgebadet in die Höhe schoss.

"Andrew?", rief er in die taumelnde Dunkelheit. "Andrew!"

Niemand antwortete. Es war sehr still.

Sein Herz raste. Da war noch Alkohol, viel zu viel Alkohol, und eine irrationale Angst vor dem pechschwarzen Nichts, das ihn umgab. Er erschrak höllisch, als das Display seines Telefons plötzlich am Boden aufleuchtete und zu vibrieren begann. Sekundenlang starrte er es kaltschweißig an. Versuchte, seine wilden Gedanken zu ordnen. Ein dumpfes Gefühl von unglückseliger Ahnung kochte in ihm auf.

Was hatte er da gerade geträumt?

Wäre er doch nur nicht so betrunken!

Sein Geist schwirrte bedrohlich am Rand der absoluten Entgleisung, als er versuchte, nach den Enden der Fäden zu greifen, die ihm da eben entglitten waren, und das logisch zu verknüpfen, was ihm intuitiv schon längst zu verstehen gelungen war.

Bevor er verrückt wurde, krallte er endlich das Handy.

Hendrikson, schon wieder.

Wie lange war es her, dass er das letzte mal versucht hatte? Anderthalb Stunden? Drei Tage? War es noch immer Nacht oder schon wieder?

Er fummelte, bis der Anruf angenommen war.

"Harper hier-", zu mehr kam er nicht, da schrie ihn der am anderen Ende bereits an.

"Ich hab schon die Jungs losgeschickt, du Vollidiot! Das bezahlst du. Die einzige Entschuldigung, die du dafür gehabt hättest, nicht ranzugehen, ist die, tot oder komatös zu sein. Und jetzt höre ich, dass offensichtlich nichts von beidem zutrifft. Was denkst du dir? Wo steckst du? Wir haben hier Arbeit für dich! Ich hab gedacht, ich höre nicht richtig, als Mike mir gesteckt hat, dass du heute Nachmittag einfach verschwunden bist. Gott, ich hab schon gedacht, du wärst es, den sie hier gefunden haben. Beweg deinen Arsch her."

Jake blinzelte, schwer atmend.

"Was... was.. worum gehts?"

"Jake. Bist du noch ganz richtig im Kopf? Hörst du nicht, was ich sage?"

Da war zu viel auf einmal. Da war zu viel Dunkelheit um ihn herum, die plötzlich bedrohlich wirkte da war etwas, da war ein Zusammenhang, der ihm eben klar geworden war und der ihn Jake zuckte, er verstand, warum er Angst hatte ein Zusammenhang, der ihn genau jetzt, hier in seiner Wohnung, in akute Lebensgefahr versetzte.

Das Dj-vu klärte sich mit einem einzigen, entsetzlichen Schlag.

Es hätte ihm gleich auffallen müssen, dass das alles ein zu außergewöhnlicher Zufall gewesen war. Er war so blind gewesen.

"Die Adresse, die du mir geschickt hast, ist das die Rutherford Medical School?", fragte er tödlich ruhig.

"Du hast es also gelesen? Warum zum Teufel bist du dann noch nicht hier?", Hendriksons Stimme überschlug sich vor Ärger. "Weißt du eigentlich-"

"Ian, bitte, reg dich ab. Ich hab ein", er blickte um sich und flüsterte nur noch heiser. Seine Hand tastete über den Boden vor dem Sofa, bis er auf einen Flaschenhals stieß. "Ich hab ein sehr ernstes Problem." Er atmete tief durch und hob die potentielle Waffe an, ohne sich sicherer zu fühlen. "Sag mir bitte ganz genau, was Shirley über die Ratten herausgefunden hat. Speziell über die bei Warren."

"Was?"

"Ich erkläre es dir später", Jake stand lautlos auf. Er arbeitete sich zum Lichtschalter des Wohnzimmers vor, zögerte jedoch, ihn umzulegen. Offenbar hatte man noch nicht gemerkt, dass er wach war, wenn er das Licht anmachte, könnte sich das schlagartig ändern, und er wusste nicht, ob das gut war. "Du hast wen vorbeigeschickt?", fiel ihm fiebrig ein, "wie lange brauchen die, bis sie hier sind?" Es war so verdammt still in seiner Wohnung.

"Sie sind vor einer halben Stunde los müssten jeden Moment da sein. Was ist? Ist alles in Ordnung?"

"Nein. Ich sagte doch, ich habe ein Problem. Also. Die Ratte. War sie irgendwie... anders?"

"Du kommst mir reichlich komisch vor, mein Freund."

"Bitte", Jakes Kleider klebten an seiner Haut, als er sich an die Wand presste, "beantworte einfach die Frage."

Hendrikson sprach sehr viel langsamer, und wieder war da dieses Misstrauen in seiner Stimme. "Jake. Was soll das alles? Seltsam, dass du so danach fragst. Weißt du vielleicht was, was ich nicht weißt? Shirley hat tatsächlich etwas Interessantes herausgefunden. Das hätte ich dir gleich erzählt, wenn du nur hier aufgekreuzt wärst. Deine zwei Ratten unterschieden sich nicht von den bisherigen. Haustiere. Die andere aber, die man bei Blake Warren gefunden hat, das war ein ganz schweineteure Laborzüchtung. Irgendein spezieller Wistar-Stamm."

Jake schluckte hart.

Zwei Sorten Ratten. Die gezüchteten und die ordinären.

Zwei Sorten Studenten. Der aus dem guten Haus und die aus der Bronx.

Zwei Erwartungshaltungen. Gewinner und Verlierer.

Aber kein Rosenthal-Effekt, was die tatsächlichen Ergebnisse betraf: Die Erfolgreichen waren die, von denen man es nicht erwartet hätte, die Kanalratten. Der Verlierer hingegen war das 'Zuchtergebnis'. Das schöne Schema hatte versagt, die Prophezeiung sich nicht erfüllt.

Kanalratten und Zuchtreihen. Niemand durfte abweichen.

Was deiner Theorie widerspricht, das löschst du aus, damit sie wieder stimmt ... und ich ich widerspreche ihr auch.

Der Griff um die Flasche verhärtete sich.

"Er ist in meiner Wohnung", flüsterte Jake.

"Wer? Was wovon zum Teufel redest du? Du meinst doch nicht "

"Doch. Ich meine ihn. Er ist hier. Sein Name ist Andrew Dwaight. Ich habe mit ihm studiert. Genau da, wo du vermutlich gerade stehst."

Hendriksons Schweigen rauschte in Jakes Ohren. Er hielt den Atem an, um besser wahrzunehmen, ob um ihn herum irgendeine Regung zu hören war. Eben hatte es doch Lärm gegeben, der ihn geweckt hatte Andrew musste wach sein. Er musste dort irgendwo auf ihn warten. Er musste ihm zuhören. Oder hatte Jake vor lauter Paranoia den Verstand verloren?

"Ist das dein Ernst?", raunte Hendrikson, als er ihn schon fast vergessen hatte. Jake hätte beim besten Willen nicht beurteilen können, wie diese Frage zu bewerten war. Es ließen sich keinerlei Rückschlüsse darauf ziehen, was Hendrikson über das dachte, was er ihm gerade erzählt hatte.

"Ja."

"Weißt du, dass sich das ziemlich seltsam anhört?"

"Ja."

Wieder kam eine ganze Weile keine Antwort. Jake ließ das Handy schlichtweg zu Boden sinken. Es hatte keinen Sinn. Dann schlich er weiter in den Flur hinein.

Er sollte ruhig bleiben, bis die Polizei bei ihm eintraf. Am besten das Haus verlassen, solange er noch konnte wenn der andere nicht die ganze Zeit irgendwo in der Finsternis stand und geduldig darauf lauerte, dass er ihm in die Arme lief. Jakes Puls raste. Er kam vor der geöffneten Tür des Schlafzimmers zum Stehen. Kein Atemzug war zu vernehmen. Unendlich langsam beugte er sich vor, die Flasche bereit zum Zuschlagen.

Das Licht der defekten Reklame am Supermarkt gegenüber flackerte erschreckend hell durch das Fenster. Sein Bett war leer. Und in der Mitte des Raumes ein schemenhafter Anblick, der jeglichen Tropfen Blut aus Jakes Gesicht weichen ließ.

Er prallte zurück. Die Flasche zerschellte am Boden.

Das konnte er nicht sehen das konnte nicht wahr sein.

Gelähmt vor Schreck dauerte es Ewigkeiten, bis seine Hand den Schalter für das Licht gefunden hatte. Und dann schlug er sie vor seinen ächzenden Mund und kämpfte dagegen an, in die Knie zu gehen, vor seinem alten Freund aus Studientagen, welcher sich mithilfe eines Kabels, eines Hockers und dem Lampensockel mitten in seinem Schlafzimmer erhängt hatte.

Das Erste, was ihm in den Sinn kam, war, dass er das nicht verstand. Nicht, dass man, wie er selbst so vielen junge Polizisten eingebläut hatte, an Tatorten von Gewaltverbrechen zuerst prüfen sollte, ob da nicht doch noch jemand lebte und ein Fall für die erste Hilfe war. Es musste an dem Schock liegen, der ihm durch Mark und Bein fuhr und die üblichen Routinen lahmlegte. Dann fiel es ihm glühend heiß ein und er machte einen Satz zu dem Hocker, stellte ihn auf, kletterte rauf und zerrte an der Schlinge, sie zu lockern rief Andrews Namen, doch das Material gab nicht nach, nicht, solang das Gewicht eines ausgewachsenen Mannes daran lastete. Wie lange hing er schon so? Jake fiel mehr von dem Hocker, als dass er sprang, polterte auf die Knie, wollte in die Küche, ein Messer holen, und im gleichen Moment hämmerte es an seiner Tür. Sie sprang unter der heranfliegenden Schulter eines Police-Officers auf, dessen Gestalt scharf von der hinter ihm einfallenden Treppenhausbeleuchtung in den Türrahmen gezeichnet wurde und sich in aberwitziger Geschwindigkeit wieder gefangen hatte, um die Waffe zielsicher auf Jake zu richten.

"Polizei, keine Bewegung!"

Gebrüll.

Zwei folgten ihm, ebenfalls mit den Waffen im Anschlag, doch Jake war zu rasend, um zu überlegen, rannte weiter, schrie etwas wie "ich kann jetzt nicht" und stürmte in die Küche. Bevor er seine Anrichte erreicht hatte, riss ihn ein gewaltiger Ruck zu Boden.

"Keine Bewegung, hab ich gesagt!"

Der Mann wusste offensichtlich nicht, wer er war. Dass er die ursprünglich zu schützende Person war. Er war keiner von den Polizisten, die er kannte. Jake jaulte, dass er ihn loslassen solle, dass er dringend ein Messer bräuchte, um 'ihn' runter zu holen, bevor er nicht mehr zu retten war, doch das ging unter in der Rage des Beamten, der ihn für seine Gegenwehr nur ein weiteres mal anschrie und seine Arme auf dem Rücken verschränkte, dass Jake vor stechendem Schmerz übel wurde.

"Ach du Scheiße!", rief jemand im Flur und stieß einen undefinierbaren Entsetzenslaut aus. "Wir sind zu spät."

Jake ächzte.

"Holt ihn runter, verdammt, vielleicht kann man ihm noch helfen!"

Er spürte, wie der auf seinen Armen lastende Druck nachließ, als der Polizist, der ihn hielt, offensichtlich in Erwägung zog, auf ihn zu hören aber sich auch nicht dazu entschließen konnte, bis einer seiner Kollegen hereingestürmt kam und die Schubladen aufriss. Jake wurde sofort wieder fester an den Boden gedrückt. Besteck regnete in sein Blickfeld. Holz splitterte und krachte. Ein schwarzer Handschuh wühlte darin, griff etwas, sein Besitzer rannte wieder hinaus.

Doch sie würden nur noch eine Leiche auf den Boden holen.

***

Tiefe Schlagschatten gruben sich unter der Lampe der Verhörraums zwischen die Sehnen auf Hendriksons Handrücken, die angespannt waren, weil er die Finger in die Stirn krallte. Sein Haar stand wüst ab und es mochte an der Beleuchtung liegen, aber seine Gesichtsfarbe hatte etwas Fahles. Besonders um seine Augen herum, deren Blick er ab und an hob, wenn er eine Frage gestellt hatte. Jake verfolgte nervös das silbrige Blitzen und Kratzen der Kugelschreibermine auf dem Blatt, auf dem der andere Notizen machte.

"Es gibt am St. Anthony's keinen Chirurgen namens Andrew Dwaight", sagte Hendrikson und schwang eine energische Linie auf das Papier.

"Dann hat er gelogen. Ich hätte es mir denken müssen."

Jakes Stimme war in den vergangenen Stunden ausgedünnt.

"Aber er hat mit mir studiert. Überprüf die Semester vor 1990. Du wirst ihn finden. Du wirst Verwandte finden. Du wirst irgendwen finden, der uns was über ihn, seine letzten Jahre und seine wahnsinnigen Ideen erzählen kann."

Er lag nun quer über dem Tisch und sah Hendrikson beschwörend, nahezu flehentlich an.

"Du kennst mich doch, Ian. Glaubst du wirklich, ich könnte... verdammt. Er hat sich seit damals in den Mist verbissen. Sich jeden weiteren Fehlschlag in seinem Leben damit erklärt. Sich damit getröstet, dass es nicht anders sein konnte. Verloren und verloren und dann... dann waren da die, von denen er glaubte, die wären dem Gesetz, das sein Leben so fest bestimmte, irgendwie unverdient entgangen."

Hendrikson faltete die Hände auf dem Tisch und beugte sich vor, mit einem undefinierbaren Ausdruck, eher müde, misstrauisch, verständnislos, als forschend.

"Ich weiß langsam nicht mehr, was ich von der Sache halten soll. Erst die Ratten in deiner Wohnung, dann der Tote in deiner Wohnung", er ließ eine lange Pause folgen. "Ist diese Geschichte nicht ein bisschen verrückt?"

Jakes Mundwinkel zuckten fahrig.. "Ein bisschen? Es ist absolut... psychopathisch. Aber es ist noch viel verrückter, dass du denkst, ich hätte was damit zu tun!" Er keifte und schoss in die Höhe. Der Sicherheitsbeamte, der hinter Hendrikson in den Schatten stand, muckte und war sogleich bei ihm, doch Hendrikson bedeutete ihm, dass alles in Ordnung sei, als Jake sich lediglich umdrehte und an die Wand stützte. Er ließ den Kopf erschöpft zwischen die ausgestreckten Arme sinken. "Verdammt... "

"Wenn dieser ganze Rosenthal-Mist zutrifft", seufzte Hendrikson, "warum dann sich selbst richten und nicht dich?"

Jake lachte hysterisch.

"Keine Ahnung. Keine Ahnung!"

Er schüttelte den Kopf und verlor fast den Faden, fieberhaft nach einer Erklärung suchend.

Faden. Roter Faden.

"Damals", Worte, die nur noch ein Kratzen an der trockenen Luft waren, "damals... da sagte er: du wirst noch dahin kommen, wo ich längst angekommen bin. Er wollte dass ich... dass ich es einsehe. Dass ich seine Theorie anerkenne. Er wollte einen Beweis führen."

Hendrikson schwieg wieder lange.

Dann gab er dem Beamten ein Zeichen, dass er Jake nun mitnehmen sollte.

"Das ist doch alles Schwachsinn, Jake. Es reicht mir jetzt. Das hier ist zu Ende."

"Nein. Nein! Warte, lass mich doch erklären!", panisch wehrte Jake sich gegen den festen Griff, der nach seinen Armen langte, doch es gelang ihm nicht. Man zerrte ihn grob in Richtung Tür.

"Ian. Ian! Du spinnst doch! Wir kennen uns seit Jahren!"

Hendrikson drehte sich im Gang noch einmal zu ihm um. Er reckte das Kinn und nickte langsam. "Hast du mir nicht eben auch erzählt, dass dein ältester und bester Freund aus Studientagen zu einem verrückten Mörder geworden sein soll?"

Und der rote Faden, dessen eines Ende zwanzig Jahre in der Vergangenheit lag, verknüpfte sich vor Jakes Augen mit dem, das in die Gegenwart reichte. Zum ersten Mal greifbar. Er konnte nichts weiter tun, als sich wie von Sinnen in die Umklammerung, die ihn auf den Beinen hielt, fallen zu lassen.

"Du wirst noch dahin kommen, wo ich längst angekommen bin", murmelte er vor sich hin.

Der harte Herzschlag der Welt zerschmetterte seinen Schädel.

So war das also. Er verstand.

Er kam nicht umhin, Andrew für seine Interpretation des Wortes 'selbsterfüllend' zu kritisieren, als man ihn in zurück in die Untersuchungshaft führte.

Wir sind Kanalratten. Wir leben immer das Leben von Kanalratten. Wir können nicht aufsteigen. Du wirst da enden, wo du hergekommen bist. Du wirst sehen.

Q.E.D.

hoch

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Genres:
* Prosa * Krimi *


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