La Pioggia

Er hängt ja noch immer vor dem Fenster wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Hockt auf dem Parkettboden, die Augen zum grauen Himmel gerollt, den schönen, weißen, frisch gebügelten Ärmel nicht mal hochgekrempelt, um auf dem Fensterbrett herumzutatschen, von dem der Lack abblättert. Wenn er wüsste, wie unelegant das aussieht, würde er sich zumindest das Hemd wieder in die Hose stecken oder damit aufhören, ständig in seinen Haaren rumzufummeln. Seltsam, dass ihm das nicht auffällt. Vielleicht ist das ja anstrengend, rumzuhängen, rauszugaffen und ab und an mal einen Seufzer zu lassen, als wäre man das personifizierte, erbarmungswürdige Leiden Christi, oder dieses – dieses Grunzen, dieses infernalische, das mich jedes Mal von meiner Arbeit auffahren und meinen arteriellen Mitteldruck um mindestens sechzig mmHg in die Höhe schießen lässt, bis ich mich wieder beruhigt habe – vielleicht so anstrengend und aufwändig, dass man keine Zeit hat, sich um die übliche, maßlos übertriebene Eitelkeit Sorgen zu machen. Beinahe möchte ich mir meinerseits Sorgen machen. Denn irgendwie passt das ja wirklich nicht zu ihm. Vor allen Dingen nicht, dass er jetzt schon zwei Stunden nicht mehr geredet hat. Nicht mal Schießen hat er geübt, dabei hab ich schon den ganzen Morgen diese Tasse auf dem Schreibtisch stehen, und herumstehende Tassen gehören für gewöhnlich zu seinen Lieblingsopfern. Nebst Raviolidosen (bloß nennt er das dann Kochen). Und meinem Duschgel, wenn ich mal vergesse, es ins Regal zu räumen.

...Aber ehrlich gesagt weigere ich mich, ihn zu bedauern und mütterlich zu betüddeln, denn ich habe so das Gefühl, genau darauf legt er es an. Dieses Häufchen Elend, dieses demonstrativ zur Schau gestellte, das er ist. Hmpf.

Ob er das überhaupt merkt, wie er diese Schnute zieht? Manchmal macht er diese Sache mit seiner Unterlippe. Es ist kaum auszuhalten, er rollt sie so nach außen, so... wie kleine Jungs das eben machen, wenn sie schmollen. Meine Augenbraue zuckt nervös, ich versuche, mich zu konzentrieren, aber er, er – GRUNZEN.

Von den fünf bis sechs Litern Luft, die da in seinen Brustkorb passen, hat er soeben mit mindestens vieren Trübsal geblasen.

"Giaco", sage ich, mit endgültig gerissenem Geduldsfaden.

"Mhhh", macht er nur und glotzt noch immer raus.

"Giacomo!"

"Cosa..." Er sieht mich nicht an.

'Cosa', äffe ich ihn in Gedanken nach, aber ich reiße mich zusammen und murmele nur über meinen Laptop hinweg:

"Willst du nicht... irgendwas zerballern oder so?"

Er brummt elanlos.

Ich traue meinen Ohren nicht. Nicht ballern?

Eine Weile glaube ich, dass das schon alles war, und will mein Glück tatsächlich mit der Erwähnung von Pasta versuchen, nett, wie ich bin – Mistkerl, soweit hat er mich also schon mit seiner Mitleidstour – doch da bequemt sich der Herr doch noch zu einer Aussage:

"Mmmmdas letzte Magazin ist leer. Pfffft. Muss wieder Munition kaufen."

Das ist doch eine gute Idee! Dann bin ich dich für eine Weile los und muss mir nicht länger dein Elend ansehen.

"Na prima, dann geh doch. Gianluca ist bestimmt schon wach."

"Mmmmmgianluca ist tot."

"Dann fahr halt nach Spandau zu Antonio."

"Mmmmm. Mmmm. Mmmmmm... Spandau." Es rumort irgendwo in diesem italienischen Miserere Nobis unverständlich vor sich hin.

Jaaaa~h. Ich weiß, dass er weiß, dass es schon einen Grund dafür gibt, warum dieser Stadtteil auch Spandau 'bei' Berlin genannt wird. Und genau darüber denkt er wahrscheinlich gerade nach, nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen.

"Ich habe schon lange nicht mehr so viel Regen gesehen", bemerkt er dann, als gäbe es da einen Zusammenhang zu dem bisher Gesagten. Als wolle er das Phänomen näher untersuchen, hebt er eine Hand, reckt den Zeigefinger und nähert sich voll faszinierter Langsamkeit mit dessen Spitze einem Tropfen, der auf der anderen Seite des Glases über das Fenster rollt. "Merda. Ob das wohl noch mal aufhört?"

Wie, das ist es schon? Regen?

"Also - sehe ich das richtig, dass dir gerade stinklangweilig ist und Ballern prinzipiell eine gute Lösung wäre - bloß du hast keine Munition mehr."

Aha, er guckt mich an.

"Mhhhhhhh", macht er.

"Aber du willst nicht rausgehen und es ändern, weils dir zu nass ist."

"Mhhhhhhh."

"...

(Pause = Verdammter...wie alt bist du eigentlich...)

...

Du könntest unterwegs eine rauchen."

"Mhhhhh."

"Triffst bestimmt ein nettes Mädel."

"Mhhhhhhhh."

"...nimm doch ein-", ich kann's mir nicht verkneifen, "nimm doch ein Taxi."

Gottverdammt, jetzt zieh nicht diese Fresse, oder ich dichte dir einen beschädigten Gesichtsnerv an. Mir reicht es.

"Du benimmst dich gerade ziemlich OOC, weißt du das? Man könnte auf die Idee kommen, du bist eine Memme und kein knallharter Mafiakiller."

"Der Regen weicht mir die Schuhe auf!", erklärt er und in seiner Stimme liegt die unumstößliche Absolutheit derer, die einen Artikel aus dem Grundgesetz zitieren und dabei gleichzeitig implizieren: 'dass dir sowas Grundlegendes nicht klar ist, ist ja ein Armutszeugnis!'. Nur dass Giacomo es schafft, dabei zusätzlich noch pampig zu klingen. "Und wie teuer die waren weißt du selbst. Außerdem bist du nicht unschuldig daran, dass ich vorerst genug vom Herumlaufen als begossener Chihuahua habe", da fehlt doch noch was, "del cazzo." Ah, dachte schon. Er hat tatsächlich den Nerv, mich vorwurfsvoll anzublicken. "Wenn einer mich uncool dastehen lässt, dann du! Überhaupt. Kämpfen wie ein Mädchen - Kratzen und Beißen und daneben Treffen – muss das sein?"

"Dann geh eben nicht und guck hier weiter Löcher in die Luft, aber sei dabei weniger irritierend", knurre ich und bin schon kurz davor, wieder zu meiner Beschäftigung zurückzukehren.

...Da grunzt er schon wieder.

Diesmal hat es in seiner zur Schau gestellten Beiläufigkeit etwas Forderndes. Er kann das wirklich gut, überschwellig unterschwellige Botschaften in seinen nonverbalen Äußerungen unterbringen.

"Verdammt noch mal, ich fahre bestimmt nicht für dich nach Spandau!", zische ich.

"Mmmmmmmmmmmmmh", brummelt er.

Ich ignoriere ihn.

Eine halbe Stunde halte ich das bestimmt aus.

Wieder macht er das mit der Unterlippe. Aber das beeindruckt mich nicht, Bastard.

Haha, er merkt es. Siehst du, wie kalt mich das lässt? Er gafft wieder raus.

Schön. Dann sei eben mit Starren beschäftigt.

Zeit vergeht. Ich kann endlich weiterschreiben.

Tok Tok.

Tok Tok.

Tok Tok Tok.

Ich schaue auf.

Giacomo klopft mit dem Finger gegen das Fenster, als könne er so die Regentropfen vertreiben. Dabei sieht er hochkonzentriert aus.

Tok Tok.

Tok Tok.

Toktoktoktoktok!

Und dann fängt er an zu summen.

Summ summ.

Tok Tok.

Und zu singen.

"Mmmmhhand now – the end is near!"

Oh Gott, Sinatra schon wieder.

Summ summ summ.

"And so I face – the final curtainmhhh!"

Humm humm.

"Mmmhhy friends! I'll say it -"

Da sitzt ein fiktiver Italiener in meinem Zimmer und summt den Regen an.

"-GIACOMO!"

"-clear! I'll state my case – of which I'm certainnnnhhh!"

Er legt langsam den Kopf schief, um mich unschuldig anzusehen.

"Si? Das ist mein Name."

Zu dumm, dass ich nicht so viele italienische Beleidigungen kenne wie er. Sonst würde ich ihn jetzt umtaufen.

Und dann grinst er, weil er weiß, dass ich es machen werde.

Und ich weiß, wer demnächst mit seinem schicken, neuen Anzug in den Spaghetti anderer Leute landen wird, wenn ich wieder die Macht über ihn habe.

Mistkerl.

hoch

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