Der verfluchte Schatz

- Eine Gutenachtgeschichte -

Autorenclub quertext berlin

Die Räuberlegende

(als Prolog vor der Titelmelodie, vom Erzähler gelesen)

Es war einmal eine grausame Räuberbande, die plündernd und mordend das ganze Land in Angst und Schrecken versetzte. Angeführt wurden sie von einem Hauptmann, der der Grausamste und Blutrünstigste von Allen war. Die Räuber fürchteten weder Tod noch Teufel, weder Gott noch Gesetz, weder Feind noch Frauen.

Und mit den Jahren hatten sie einen gewaltigen Schatz zusammengeraubt.

Sie lebten gut versteckt inmitten des riesigen, dunklen Teutoburger Waldes.

Eines finsteren Tages verschworen sich die Räuber gegen ihren Hauptmann.

"Warum behält er alles Gold?", sagten sie, und "Warum bekommen wir so wenig?", sagten andere und "Warum bestimmt immer er?", fragten wieder andere.

Und so kam es, dass sie ihrem Hauptmann am Eingang der Räuberhöhle auflauerten und ihn hinterrücks ermordeten. So grausam und stark er auch war, ihrer Übermacht konnte er sich nicht erwehren.

Im Sterben verfluchte er sich mit seinem letzten Atemzug: "Verflucht seid ihr, die ihr meinen Schatz wollt! Verflucht, ihn auf ewig zu bewachen. Jeder, der nach ihm giert, soll das mit seinem Leben bezahlen. Doch die Erlösung des Todes gönne ich ihm nicht. Auch er soll an den Schatz gebunden sein!"

Und so erzählt man sich bis heute, dass in den Tiefen des Teutoburger Waldes die Geister jener Räuber umgehen, die den Schatz noch immer bewachen...

[Lied als Titelmelodie etc. ...]

Szene 1

Geräusche (G): Taxi hält, Tür wird geöffnet, Regen von außen.

Taxifahrer (Tx): Dieses Wetter kotzt mich an. Taxi?

Schwester (Mareike): Hatschü! Ja, bitte. Verdammtes Wetter! Hatschü!

Tx: Dann schwingen Sie ihre Hüften mal in die Polster!

Tx: (gähnt) Wo wollen Sie hin bei diesem Pisswetter?

Mareike: In den Weg der verlorenen Geister. Zum Myschkinhaus. Da bin ich aufgewachsen...

Tx: Eilig oder normal?

Mareike: Ja, OK.

Wagen beschleunigt.

Tx: Sind Sie echt von denen? Eine echte Myschkin?

Mareike: Ja, leider... Mareike Myschkin.

Tx: Dachte, der olle Schuppen wurde verkauft.

Mareike: Wir konnten leider keinen Käufer finden.

Tx: Wieviel wollense denn dafür haben?

Mareike: (ärgerlich) 200, ist Verhandlungsbasis.

Tx: (leise) Fürn Schuppen am Arsch der Welt. (hupt) Pass doch auf, du gottverdammter Penner!

Mareike: Wie bitte?

Tx: Na, dachte nur ... viel Geld ... wissen Sie ... hier in der Pampa sind nicht so viele reiche Leute... alles Bauernköppe da... die Pinkel wohnen alle in der Stadt so wie Sie... wer will denn schon in diesem verfluchten Wald woh-

Mareikes klingelt.

Mareike: Tschuldigung. ... Hallo Jens, mein Schatz ... Na? ... Ihr seid schon da ... ihr hattet keine Probleme es zu fin... was? Ihr seid nicht da? ... vor dem Kiesweg zum Haus ... Warum ... (Nervös) verarscht du mich? ... tot ... zwei ... auf dem Kiesweg ... ja ... nein ... ich mache mir keine Sorgen ... in einer Viertelstunde ... ist gut ... bis gleich ...

Tx: Sie haben’s auch nicht leicht, oder? Aber, schauen Sie, es hat aufgehört so zu pissen. Und wir sind auch schon fast da ...

Taxi parkt auf Kies, Mareike steigt aus.

Tx: Diese Gegend kenne ich, ich verpfeife mich hier lieber. Und tschüß.

Tür schlägt zu, Kavalierstart mit quietschenden Reifen.

Szene 2

Jens (Js): Hi Schatz.

Mareike: Hi Jens (Kuss). Guten Tag. Mareike Myschkin, die Schwester von Leopold.

Dörte (Dö): Hallo, ich bin die Dörte, die Parapsychologin Ihres Bruders. Sternzeichen Zwilling, Aszendent Krebs. Nach dem chinesischen Horoskop bin ich ein Drachen. Erfreulich, dass ich Sie nun auch kennen lerne. Ich kommunizieren gerne Auge in Auge mit interessanten Menschen. Ich habe schon viel von Ihnen gehört, aber ich wusste nicht, dass Sie gleich so eine starke Ausstrahlung haben. Und Sie sehen Ihrem Bruder wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten.

Mareike: Ähm, ja, das hat man schon immer gesagt. Haben Sie lange gewartet?

Dö: Gefühlte zehn Minuten etwa. Jens, Ihr Freund, war schon länger da. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich hatte schon nach dem Aufstehen heute so ein komisches Gefühl. Kennen Sie das? Dieses Unbehagen, ehe etwas passiert. Sehen Sie sich diese Bescherung mal an.

Mareike: Und was war das mit toten Pferden?

Je: Die liegen auf dem Weg zum Haus. Die ganze Straße ist blockiert.

Dö: Kommen Sie, ich zeig es Ihnen.

Mareike: (Leicht kreischend): Ohh, O mein Gott... Jens, halt mich bitte fest, mir wird schwindelig.

Je: Ist ja schon gut Schatz.

Mareike: Das ist ekelich. Und wie das stinkt. Was ist das denn? Iiiih, und überall Fliegen. (Synchron mit dem nächsten Jens) Ahhh, ihhh, auf meiner Bluse, ihh, mach es weg.

Je: Ist ja schon gut, reg dich nicht auf, sind ja nur Fliegen.

Dö: Die Pferde sehen durch das Regenwasser noch richtig lebendig aus. Ihr Fell hat in diesem magischen Dämmerlicht hier so einen seltsam-schönen Glanz, als wären sie von innen erleuchtet. Sehen Sie, die Augen sind offen, das ist faszinierend. Als ob sie einen immer noch anschauen. Als wollten sie gleich wieder aufstehen und laut wiehern oder sogar etwas sagen.

Mareike: Ich werd mir das ganz bestimmt nicht näher ansehen.

Dö: Das sollten Sie aber, Frau Myschkin. Tod und Leben sind nun mal siamesische Zwillinge. Wir dürfen uns der Realität der heiligen Schöpfung und ihrer Bedingungen nicht so verschließen. In den Wunden, die ihre scharfen Zähne reißen, sind unsere Seelen zuhause, denn die Phantasie ist viel schrecklicher als die Wirklichkeit. Ich werde mir das noch einmal ganz genau ansehen. Ich will nämlich wissen, wer so etwas tut. Diese armen unschuldigen Pferde. Sie wollen wiehern und galoppieren...

(Jens fängt hier an seinen nächsten Text zu sprechen, Mareike antwortet ebenfalls währenddessen)

Dö: ... und saftiges Gras fressen und nun liegen sie hier im Dreck und verfaulen, bis die Maden kommen. Wer tut nur so etwas Negatives?

Je: Guck mal, Schatz, das Schwarze da, das atmet noch.

Mareike (weinerlich): Hör auf mit solchem Scherzen.

(Hier muss Dö fertig sein.)

Je (lachend): Das waren die Räuber.

Mareike (sauer): Du bist echt Scheiße! Ich möchte jetzt hier weg. Mit ist total übel. Lass uns ins Haus gehen. Bitte.

Je (entschuldigend): OK, OK, wir gehn ja schon. Los, komm!

Dörtes Handy klingelt...

Dö: Das ist ein Kunde für eine Session. Hallo Hannes... einen Moment bitte... He, geht ruhig schon vor, das dauert hier nur ein paar Minuten meines Lebens, geht ruhig schon vor.

Mareike: Wir werden sie doch auf keinen Fall mit diesen Pferdeleichen hier alleine lassen. Huah, mich schüttelt’s.

Dö: Der Tod ist nun mal die Grundbedingung allen Lebens. Laufen Sie schon mal vor. Und entspannen Sie ihre Spirits. Ja, bitte... Hallo Hannes....

Mareike: Sind Sie sich sicher? Mir ist schon wieder schwindelig.

Je gleichzeitig mit Dö: Los, komm, wir gehen.

Dö: Lassen Sie mich bitte in Ruhe. (ins Telefon) Nein, ich meine nicht Sie, einen Moment bitte ... Nein, bleiben Sie einfach dran ... (zu Mareike) Frau Myschkin, gehen Sie wirklich vor, ich bitte Sie darum. Ich habe zu tun und außerdem belastet mich ihre übergroße Sensibilität. Sie sollten mal ein Training bei mir machen. (Ins Telefon) Ja Hannes, bin wieder da.

Mareike: Aber... um Himmels Willen ... die Pferde...

Dö: (aggressiv): Sie können sich von dem Anblick wohl gar nicht mehr trennen. Sie sollten ihre Astralenergien besser in die Balance bringen. Dann würden Sie mich jetzt in Ruhe phonen lassen. Den Viechern kann man eh nicht mehr helfen, die kommen in den Tierkadaververwertungsanstalt. Oder meinetwegen in den Pferdehimmel mit seinen endlosen Prärien und Grassteppen, wenn Sie darauf bestehen. So sind mal die Gesetze unserer Schöpfung. Da kann man einfach nichts machen. Ich finde das auch alles sehr negativ, aber jetzt muss ich ar-bei-ten, verstehen Sie? Ich habe einen sehr empfindlichen Klienten in der Leitung. Und der ist bei Neumond immer in seiner kritischen Phase. Schieben Sie ihren Astralleib jetzt mal vorsichtig in Richtung Villa, sonst funkt's und ...

(Schritte entfernen sich dabei , Dö’s Stimme wird leiser und leiser.)

Szene 3

Knirschende Schritte auf Kiesweg.

Mareike: So, da wären wir.

Schritte auf Steintreppe.

Mareike: (erschrocken, nervös): Wo ist denn der Schlüssel?

(erleichtert) Ahh, hier ist er ja...

Schlüssel im Schloss. Tür auf.

Mareike: Der Lichtschalter ist rechts an der Wand.

Klick!

Mareike: Oh, wie schön, schau, Schatz, hier bin ich groß geworden.

Je: Hm.

Mareike: Ach, war ich lange nicht mehr hier.

Je: Hier ist ja alles aus Holz... Hatten deine Eltern Angst, dass ihnen das Brennholz ausgehen könnte? (Lacht)

Mareike: Du bist so unlustig. Hatschü! Aber kalt ist es hier. Und noch immer keine Heizung. Mein Bruder... das hätte ich nie mitgemacht.

Je: Und was hier alles rumfliegt, dein Bruder räumt wohl nie auf? Der reinste Saustall.

Mareike: Ja... er war immer schon so...

Je: Schau mal den Schreibtisch an. Und da, in der Kaffeetasse...

Mareike: Ihh.

Je: Und das Fenster hat er auch offengelassen. Es hat reingeregnet. Alles ist nass.

Mareike: Er hat ganz chaotisch gearbeitet. Das habe ich nie verstanden.

Je: Und die Stühle liegen am Boden.

Mareike: Aber auf mich hat er ja nie gehört.

Je: Hier sieht’s echt aus, als hätte ne Bombe eingeschlagen. (Pause) Oder als hätten Einbrecher alles durchwühlt.

Geräusch aus dem Korridor, Dörte tritt ein. Schritte.

Dö: Hallihallo, keine Gefahr, bin wieder da. Das ist also das Haus, wo Ihr Bruder sich in seine Forschung versenkt hat? Ein bisschen düster, aber sehr geschmackvoll. Entschuldigen Sie wegen vorhin, aber das war ein sehr wichtiger Anruf. Eine parapsychologische Beratung. Ich hatte einem hochadligen Kunden beigebracht, seine edlen Vorfahren herbeizurufen, aber sie fingen bald an, nur noch an ihm herumzumeckern und ihn als degenerierten Abkömmling zu kritisieren. Ich bekomme auch für eine telefonische Beratung ein Honorar, verstehen Sie, Frau Myschkin.

Mareike: Ist schon OK. Setzen Sie sich. Ich mache einen Tee. Und sagen Sie einfach Mareike.

Jens: Ich mach das schon.

Mareike: Du kennst dich hier doch gar nicht aus, Jens.

Jens: Ich komme in jeder Küche klar. Das weißt du doch, Schatz.

Mareike: Aber das musst du doch wirklich nicht, mein Liebster.

Jens: Aber ich tu es doch gern, Mareike, Liebste.

Mareike: Das weiß ich doch ... Mach nur!

Jens geht in die Küche, sucht klappernd in den Schränken, lässt Wasser laufen, schaltet Wasserkocher an, der im Hintergrund immer lauter wird etc.

Dö (redet währenddessen weiter): Wie ein Prinz und seine Prinzessin. Schön, dass es so etwas noch gibt ...

(läuft aufgeregt und hektisch durch den Raum)

Mareike: Nun setzen Sie sich doch endlich, Dörte. Gleich gibt es Tee.

Dö: Das ist aber eine wertvolle antike Lampe da am Schreibtisch, sehr stilvoll, wahrscheinlich King James-Epoche oder britische Gründerzeit ... Ahh, ja, und dieses Gemälde hier, mit diesen positiven, konstruktiven Farben. Ich wusste neulich bei unserem ersten Kontaktphoning gar nicht mehr, mit welchen Worten ich es preisen sollte, erinnern Sie sich, Mareike? Denn mein lieber Freund Leopold hatte mir ja am Jahrestag meiner Kosmologischen Weihe einen ganz wunderbaren Fotokatalog von diesem herrlichen Kunstwerk aufs Handy gemailt. Manchmal ist er ein echter Schatz. Er meinte sinngemäß etwa, dieses Bild könne mich vielleicht inspirieren und ich möge immer so transzendental denken, fühlen und handeln, wie es komponiert und ontologisiert ist. Im Original wirkt es noch viel beeindruckender. Da prangt es so einnehmend und unausdeutbar direkt über dem Kamin. Ja, wirklich ein sehr passender Platz dafür; es kommt richtig gut zu Geltung. Ich würde es an Ihrer Stelle mal schätzen lassen. Wer mögen nur die beiden würdig-edlen Herrschaften auf diesem eigenartigen, jenseitigen Gemälde sein? Ihr Astralblick wirkt trotz der dicken Staubschicht so weise und dennoch furchtsam.

Mareike: Das sind meine Eltern.(schnief)

Dö: Ganz reizend. Wirklich alles ganz reizend hier. Hätte ich so ein schönes Haus, ich würde es niemals verkaufen. Hier ist irgendwie ein gutes Feng-Shui. Ist es nach dem Mondkalender gebaut worden?

Mareike: Ja, aber dann, die Lage. So weit draußen. Und die Löcher im Dach. Letztendlich war ich froh, die Entscheidung gar nicht mehr zu haben. Und Leopold hat es in den letzten Jahren ja viel genutzt.

Je: Wer möchte Tee?

Dö: Ja, gerne. Aber nur pur. Zucker verklebt die Synapsen im vegetativen System. Tee dagegen reinigt von innen. Tee ist für die Organe wie eine milde Seife für die Haut, und außerdem gut für den seelischen Stoffwechsel. Und Sie meinen wirklich, Ihr Bruder Leopold ist verschollen? Ist das nicht eine übertriebene Sorge?

Mareike: Sonst hat er mich immer regelmäßig angerufen. Da hat er dann auch oft von seiner Arbeit und auch von Ihnen erzählt. Daher hatte ich auch Ihre Nummer, Dörte. Er hat immer so von der Zusammenarbeit mit Ihnen geschwärmt.

Je: Hmm, hier liegt aber auch überall der Staub der Gelehrtheit. Echt schmutzig hier.

Dö: Wenn ich helfen kann, stehe ich Ihnen natürlich zur Verfügung, Mareike.

(Pause) Teeeingießen. Schlürfen. Das tut gut, eine Wohltat etc.

Dö: (nachdenklich): Hmm Hmmm, vielleicht hat sich Leopold nur zur Meditation irgendwo in die Einsamkeit zurückgezogen. Ihr Bruder ist ein bisschen ein Einzelgänger.

Mareike: Das glaube ich nicht. Ich habe ihm mehrere Male auf den AB gesprochen. Hören Sie selbst!

(Klick)

Laut, AB-Stimme

AB: Montag, 13. Oktober, 20 Uhr 39

Mareikes Stimme: (nervös, sorgenvoll): Leopold! Warum meldest du dich nicht? Ich habe nun schon so oft versucht, dich zu erreichen. Rufe mich bitte mal zurück, ich mache mir Sorgen.

Weitere solcher Anrufe auf dem AB laufen im Hintergrund leise weiter und werden heftiger.

Mareike: (laut) Er hätte sich ganz sicher gemeldet, wenn er da gewesen wäre. Oh, mein Gott, wenn ihm wirklich was passiert ist?

Dö: In der Tat etwas unwirklich. Hier liegen seltsame Wellen in der Luft. Wir sollten uns ein wenig in alle Richtungen umsehen.

Mareike: Wieso liegt denn das Notizbuch im Papierkorb? (Rascheln)

Da steht alles Wichtige zu seiner Arbeit drin. Das hat er mir mal gezeigt. Leopold hat ja die alte Legende erforscht...

Je: (genervt) Jaja, die Geschichte kenn ich schon. Hier ist er jedenfalls nicht. Er muss irgendwo draußen sein. Ich geh ihn schon mal suchen.

Schritte, Tür auf, Tür zu.

Szene 4

Mareike: (blättert) Da, schauen Sie, hier sind Kopien aus dem Stadtarchiv über den Prozess, den man den Räubern gemacht hat. (blättert) Und hier hat er irgendwelche Fotos aus dem Wald, (blättert heftig) und hier, das müssen seine letzten Notizen sein.

(liest vor) "Eulenbach-Quelle gleich Schatzquelle? Angaben stimmen. Nachforschen", und drei Ausrufezeichen. Danach (blättert) steht hier nichts mehr.

Dö: Ein Schatz der an einer Quelle liegt? Das ist ein gutes Omen. Quellen sind sehr friedliche Orte. Feinnervige Charaktere können ihr Murmeln verstehen. Wo soll die denn liegen?

Mareike: Ja, der Eulenbach, der ist hier in der Nähe. Eulenbach heißt er nur hier in der Gegend, ich weiß gar nicht, wie er offiziell heißt, wahrscheinlich ist er zu klein, um auf Karten aufzutauchen.

Dö: Das ist ja hochinteressant. Hat Leopold nie etwas Genaueres darüber erwähnt, was er bei seinen Ermittlungen herausgefunden hat? Hat er Ihnen niemals die eine oder andere kleine Geschichte erzählt? Denken Sie gut nach, Mareike! Jedes Detail könnte wichtig sein. Denn wir werden uns vielleicht auf Spurensuche begeben müssen.

Mareike: Nein, hat er nicht. Ich kenne nur die Räuberlegende. Ich weiß, dass es bescheuert ist, aber irgendwo ist das so gespenstisch mit den Räubern und ihrem Hauptmann und dem Schatz und als die Räuber gehängt wurden, sollen ihre Leichen verschwunden sein und wurden nie wieder gesehen. Und ich grusel mich immer noch davor.

Dö: Aber Sie können doch nicht im Ernst an eine solche Geschichte glauben. Das ist nur eine Legende. Da wird immer was dazugedichtet. Wahrscheinlich waren diese Räuber ganz gewöhnliche Banditen, die es durch einen Trick geschafft haben, dem Galgen zu entkommen. Das erregte dann großes Aufsehen und prompt spinnt das Volk weiter, die Räuber wären verflucht. In der Parapsychologie nennen wir das einfach ein totes Gleis der Geschichte oder einen verwilderten Garten der kollektiven Phantasie.

Mareike: Was für ein Trick soll denn das sein, bei dem Tote auferstehen?

Dö: Sie haben offenbar keine Ahnung von Parapsychologie. Dieser Trick ist wirklich uralt. Man stiehlt einfach die Leichen und erzählt eine Geschichte darum. Mit der Zeit spricht sich das rum wie bei dem Spiel Stille Post und so entsteht die Legende.

Mareike: Und der Schatz? Wieso wurde der nie gefunden. Dass es die Räuber gab, ist doch eindeutig belegt.

Dö: Ob es nun die Räuber gab oder nicht, auf jeden Fall scheint es eine Quelle zu geben. Von einer Quelle geht immer etwas aus. Ich spüre, dass wir auf dem Weg der Erkenntnis wandeln. Wir wissen nur noch nicht, wo er uns hinführen wird. Wir sollten uns nun so langsam auf den Weg machen, sonst wird es dunkel, ehe wir zurück sind. Und der Räuberwald soll ja in der Nacht wirklich sehr finster sein. Glauben Sie, dass Sie den Weg zum Eulenbach wiederfinden werden?

Mareike: Sagen Sie, Dörte, wo ist eigentlich Jens?

Szene 5

Geräusche: jemand stapft durch schlammiges Gelände, während es regnet...

Hannes: (von unten mit gedämpfter Stimme) Gustav, bist du da, Mann?

Gustav: (ebenfalls mit gedämpfter Stimme, wie auch die ganze folgende Unterhaltung): Wo soll ich n sonst seen? Vielleicht uf Malle?

(Gustav klettert die knarrende Leite hoch, öffnet quietschend die Tür und setzt sich neben Hannes.)

Hannes: Sie sind angekommen, Mann, siehst du’s, Gustav? Sie ham das Auto bei den Pferden stehn lassen und sind zu Fuß den Weg hoch gekomm.

Gustav: Wat machen se n jetz?

Hannes: Sin im Haus. Ham Licht angemacht. Scheinen ersmal Tee zu trinken. Ham auch in den Papieren gewühlt.

Gustav: Wat se da wohl zu finden hoffn? Mir ham doch alet abjesucht und ooch nix jefunden. Gib mer ma dat Fernglas.

Hannes: Da hastes.

Pause

Hannes: Was machn sie? Was siehst du, Mann? Jetz sag schon!

Gustav: Hetz mich net. Wat kann ich dafür, dassde deene Brille im Zelt vajessen hast, du Dumpfbagge. Un jetz kannste nix Jenaues erkennen!

Hannes: Jetz bin ich wieder Schuld! Typisch, Mann, immer alles auf mich schieben. (angepisst) Mann, ey.

Gustav: Halts Maul! De hast scho net mitjekriecht, dass de Leopold verschwunnen is. Un als de Ferde oofjetoocht sin, hastes ooch net mitjekricht. Ich musst se fin’n, wie ich neunn Rum holen wollt. Natürlich isset deene Schuld. (äfft nach) Mann, ey.

Hannes: Gar nich!

Gustav: Dooch!

Hannes: Nein! Man-

Gustav: Scht, da passiat wat. Se stehn ohf ... De zwee Weiba suchn wat, der Kerl jeht raus…

Hannes: Gustav! Die Pferde, Mann, da bewegt sich was!

Gustav: Wat im Haus vorjeht, is krad viel wichtijer!

Hannes: Aber, Gustav, Mann, die toten Pferde ...

Gustav: Dat bildste dir doch blooß een. Ohne Brille biste doch blind wie'n Maulwurf!

Hannes: Aber ... aber ... wie ...(weiteres Gestammel)

Gustav: Na jut, ich schau ma nach de Ferde, damitte ruhich bist.

Kurze Pause.

Gustav: Wo sindn de Scheißferde? Kack Fernglas. Warum find ich de Scheißbiesta denn net? Irjendwo müssn se doch sein. Den Weech seh ich doch ooch janz deutlich. Und de Karre steht doch ooch da. Aber de Scheißferde? Hatse jemand abjeholt? War da’n an’neret Auto?

Leises hört man lautes Rufen von Mareike: Schatzi! Wo bist du? Je-ens!

Gustav (ganz leise): Jetzte ham wer verpasst, wat am Haus passiert is. Nur wejen dia und dein’n Ferden.

Hannes: Was? Und was passiert jetz, Mann? Nun sag schon? Ich will auch was wissen. Mann, gib mir das Fernglas zurück!

Gustav: Nöö. Ich schau jetz! (in erzählendem Flüstern) Die beidn Fraun ham dat Haus verlassn. De eene läuft in de eene Richtung ums Haus herum, die an’nere inne an’nere.

Mareike wie vorher: Schatz! Nun sag doch endlich was! Verdammt! Hör auf mit den Spielchen!

Ihr Rufen wird erst leise (hinterm Haus) und dann wieder lauter.

Gustav: De eene is jetz hinterm Haus, de an’nere jeht durchs Jestrüpp im Jarten. Se schaut sojar hintern Sträuchern.

Mareikes Rufen wieder lauter.

Gustav: Jetz stehn se anner Ecke un redn mitnander.

Hannes: Was? Was reden sie, Mann?

Gustav: Wie soll ich dat hörn? Hab ich Teleskopohren? Jetz kommse oof uns zu. Fresse, du Dumpfbacke! Se dürfn uns net bemerkn!

Szene 6

Gespräch von Mareike und der Forscherin, lauter werdend:

Mareike: (sehr sorgenvoll und nervös): ... ist er? Warum antwortet er nicht? Wo ist er hin?

Dö: Vielleicht macht er sich nur einen Spaß und springt gleich aus dem Gebüsch, um uns zu erschrecken.

Mareike: Nein, nein, solche Späße macht er nicht. Das glaub ich nicht. Das kann doch alles nicht wahr sein. Erst verschwindet mein Bruder und jetzt ist Jens auch noch weg.

Dö: Vielleicht hat er sogar eine Spur von deinem Bruder entdeckt und will ihn jetzt ganz allein finden. Männer spielen gerne die Helden, um uns Frauen zu beeindrucken. Sie glauben, wir fallen darauf rein. Wahrscheinlich sitzen die schon in einer Kneipe und bechern zusammen.

Mareike: So einer ist er nicht, wirklich nicht!

Dö: Sie sind alle so... Hmm, komisch, wir gehen nach Osten. Es zieht mich nach Osten. Irgendwas zieht mich nach Osten. Osten, die Richtung der aufgehenden Sonne, also der Geburt des Lebens. Wir finden sie bestimmt lebendig.

Mareike: Häh? Was?

Dö: Dein Bruder. Bei den Sessions sagte er immer, wenn er hier im Wald unterwegs ist, ziehe es ihn immer nach Osten. Vor allem Abends. Er meinte, den Schatz könnte man nur bei Dunkelheit finden. Auch die Schatten zeigen abends nach Osten.

Mareike: Aber warum gehen wir nach Osten, Dörte? Wir suchen doch nur nach Jens.

Dö: Sie meinen, es zieht Sie nach Osten? Können Sie das irgendwie begründen?

Mareike: Nein, ich bin einfach nur in irgendeine Richtung gelaufen. Oh mein Gott, jetzt fangen Sie bitte nicht mit solchen Theorien an.

Dö: Sie sind genauso wie Ihr Bruder. Der hat auch mal gesagt, irgendwas ziehe ihn nach Osten. Und irgendwann verliert er dann die Richtung und weiß nicht mehr, wo er hingeht. Genau wie Sie.

Mareike: Hier, hier sind Fußspuren! Hier war jemand!

Dö (hastig, ausweichend): Im Wald laufen doch ständig Leute herum, das hat doch nichts zu bedeuten. Welche Schuhgröße hat Ihr Bruder denn?

Mareike: Ich glaube, 44 oder 45 oder etwas Ähnliches. Bin mir aber nicht sicher.

Dö: Das ist ja ziemlich prägnant, solche Quadratlatschen. Große Füße, das zeugt von Erdverbundenheit und langem Leben. OK, dann folgen wir den Spuren, wir müssen hier entlang.

Mareike: Aber, die Spuren führen doch in die andere Richtung.

Sie folgen den Spuren, stapfen im Matsch, Stimmen werden leiser.

Dö: Haben Sie es immer noch nicht kapiert, Mareike? Ihr sauberer Bruder versteckt sich vor uns. Vielleicht will er den Schatz der Legende nicht teilen, oder er glaubt, er hätte irgendein dunkles Geheimnis entdeckt, das er vor uns zu verbergen trachtet, um uns zu schützen. Er will uns in die Irre führen, wie eine Ricke, die versucht, einen Räuber von ihrem Kitz abzulenken. Wenn wir ihn finden wollen, müssen wir diesen Spuren rückwärts folgen.

Mareike: Glauben Sie wirklich?

Dö: Vertrauen Sie mir, ich hab Erfahrung mit den Männern. Der spielt da im tiefen Wald den Räuber.

Mareike: Aber, Jens...

Dö: Die hocken schon zusammen. Wenn wir Ihren Bruder aufspüren, finden wir auch Ihren Freund wieder. Ich wette meine Kristallkugel gegen ihren Kinderglauben an die Räuberlegende. Ich habe da nämlich so eine Intuition ...

Szene 7

Hannes: Die folgen unsern Spurn! Deinen, Mann!

Gustav: Ich weeß, un unsre Cheffin, de Esoterick-Schlampe, weeßet ooch. Wir ham immer jeflucht, dasswer dat letzte Stück durch hn Bach müssn, aba jetz bin ich ääächt froh. So könn’n se uns net zu unser Höhle folgn. Un bei dem Rejen finn’n se oofm Felsn davor ooch nix. Un n Einjang hab ich ja Jott sei Dank wieda mit totem Jestrüpp jetarnt.

Hannes: Ja, ja, Mann. Und für den Fall, dass du Lusche es wieder vermasselt hast, hab ich ja die Knarre dabei…

Szene 8

Plätschern eines Baches...

Dö: Ihr goldiger Lover ist wirklich kreuz und quer durch den Wald gelaufen. Na, das war’s wohl. Die Fußspuren führen direkt ins Wasser. Ist das dieser Eulenbach, der mit der Schatzquelle?

Mareike: Ich dachte, es sind die Fußspuren von meinem Bruder.

Dö: Das dachte ich zuerst auch. Aber Sie bringen mich durch Ihre Verzagtheit wirklich immer wieder durcheinander. Denn Leopold ist doch schon seit Tagen verschollen und es regnet schon seit Stunden. Seine Fußspuren wären doch längst verwischt und nicht mehr erkennbar. Wie kommen Sie nur andauernd auf so komische Einfälle, Mareike? Sie sind doch sonst eine so patente und erwachsene junge Dame. Das sind ganz sicher die Fußspuren Ihres Herzensfreundes Jens und nicht die Ihres Bruders.

Mareike: Mir ist das alles zuviel. Ich versteh überhaupt nichts mehr, wieso sollten die Spuren hier im Eulenbach enden?

Dö: Vielleicht ist er hineingefallen, als er seinem Stern gefolgt ist.

Mareike: Dann wäre er auch wieder herausgekommen. Untergehen kann man in diesem Rinnsal wohl kaum.

Dö: Machen Sie sich nicht immer so viele Sorgen. Sie müssen lernen, sich mehr zu entspannen. Das Wasser ist das Element des Lebens. Jede Berührung damit ist eine Art Taufe. Vielleicht ist ihr süßer Liebhaber längst wieder umgekehrt, weil seine feinen Gewänder nass geworden sind.

Pause. Plätschern des Eulenbachs.

Dö: Nanu, was treibt denn da im Bach herum? Sieht aus wie eine Art Holzschnitt aus dem Andenkenladen am Bahnhof. Schauen Sie mal, es ist eine mittelalterliche Zeichnung. Ein Fleischhacker bei der Exenteration. Am oberen Rand erkennt man sogar die Reste eines eindeutig magischen Symbols. Doch sein kosmologischer Sinn ist mir völlig unverständlich. Das kenn ich ja noch gar nicht ...

Mareike: Das ist das Zeichen von diesen Räubern, aber das interessiert mich jetzt überhaupt gar nicht. (Fast ausrastend) Ich mache mir grade Sorgen um meinen Freund!

Dö: (fährt einfach fort, langsam sprechend): Seltsam, auf dem Holzschnitt sieht es so aus, als würde gar kein Tier geschlachtet, sondern ein Mensch. Das ist doch kein Souvenir für Touristen ...Das ist ja entsetzlich. Das will ich nicht haben.

Wirft es weg, das Ding klatscht ins Wasser.

Dörte: Aber mich würde interessieren, wo ein Gewässer entspringt, in dem so etwas herumschwimmt. Vielleicht ist dort die Quelle mit dem Schatz oder Ihr Bruder Leopold oder Ihr Lover Jens ... oder was weiß ich.

Mareike: Jens ist jetzt vielleicht schon wieder am Haus. Ich finde, wir sollten umkehren, Dörte.

Dö: Jens, Jens, Jens, Sie trauen Ihrem Freund ein bisschen wenig Eigenverantwortung zu, meine Liebe. Er ist doch erwachsen, oder nicht? Ich habe schon bemerkt, dass Sie ihn ein wenig bemuttern, damit nehmen Sie ihm sein Karma. Vielleicht ist er da, wo ihr Bruder auch ist, und sucht mit ihm nach dem Schatz. Die Quelle, wir müssen die Quelle finden. Jeder Fluss und jedes Leben hat eine Quelle. Die Quelle des Lebens und des Reichtums.

Mareike: Sie sind absolut verantwortungslos. Was, wenn er doch zum Haus zurückgeht? Außerdem wird es langsam spät, und laut der Sage kommen bald die Räuber.

Dö: Es gibt hier keine Räuber, das sind Kindermärchen. Und wenn Jens schon wieder am Haus ist, dann ist es auch nicht so schlimm, wenn wir hier weitergehen, er wird auf uns warten.

Mareike: (schweres, aufgebrachtes Ein- und Ausatmen)

Dö: Kommen Sie, nur Sie kennen die Quelle, Ihren Freund und Ihren Bruder. Ich brauche Ihre Intuitionen. Ohne Sie wird es schwierig für mich. Tun Sie mir doch den Gefallen, Sie werden es nicht bereuen. Im Leben gleicht sich alles wieder aus. Das ontologische Gleichgewicht der Natur schafft immer wieder eine Balance allen Seins.

Schrei aus der Ferne.

Mareike (total aufgeregt): Was war denn das? Haben Sie das auch gehört?

(kaum noch Kraft in der Stimme): Ich hätte nie hierher fahren dürfen. Was habe ich da bloß getan?

Dö: Ja, gut, es ist ein bisschen unheimlich hier. Das ist halt so in einem dunklen Wald. Sicherlich nur der Paarungsschrei eines Dachses, die haben gerade ihre Ranz.

Mareike (panisch): Was? Das war eindeutig ein Mensch. Das war Jens. Was mach ich nur?

Dö: Glauben Sie mir doch auch mal was... Der Schrei eines Dachses ist dem des Menschen zum Verwechseln ähnlich. Ich weiß das, weil ich schon immer ein Teil der Natur bin, wenn Sie verstehen. Und es gibt viele Dachse in dieser Gegend, sie sind fast eine Plage, das stand sogar in der Zeitung.

Pause, weiterhin Bachplätschern.

Dö: Wie wunderbar, der Nebel zieht auf.

Mareike (ungläubig): Wunderbar?

Dö (hat einfach weitergeredet): Nach der Legende müsste jetzt das Wasser im Bach anfangen zu steigen.

Mareike: Ohjee, meine Eltern haben uns früher immer verboten, nachts um diese Zeit noch in den Wald zu gehen. Mein Vater sagte immer, er hätte einmal eine seltsame Gestalt draußen gesehen. Seitdem...

Dö: Ja, es ist bemerkenswert, welche Macht Legenden in der menschlichen Psyche entwickeln. Als würden Wirklichkeit und Traum zu einer neuen Seinsstufe verschmelzen. Solche Legenden bewegen unsere Seelen wie Wind und Sturm die Ähren auf dem Feld oder die Äste der Bäume. Denn nur wenn wir versuchen, ihnen zu widerstehen, dann geraten wir in die Gefahr, dass sie uns entwurzeln. Sie sollten lernen, sich Ihrer eigenen Aura mehr hinzugeben.

Mareike: (erschrocken) Hhh! Das Wasser! Schauen Sie, das Wasser, es steigt!

Dö (wirklich erstaunt): In der Tat! Nein, das kann nicht sein. Ich denke, das ist nur, weil ich das eben gesagt habe. Ich meine, hm, bemerkenswert. Dann hat Ihr Bruder vielleicht doch Recht. Aber das ist eigentlich unmöglich... Mich würde interessieren, wie das naturwissenschaftlich funktioniert. Naturwissenschaften sind sehr wichtig für mein Fach, denn sie sind die Basis jeder ontologischen Erkenntnis. Die moderne Parapsychologie beruht im Grunde immer auf der neuesten Forschung. Das hier wäre eine echte Sensation, ein wissenschaftliches Rätsel. Der Wasserspiegel müsste bei Nebel leicht sinken, weil der aus Verdunstung entsteht.

Mareike: Was, wenn die Legende doch wahr ist und jetzt die Räuber kommen? Ich finde das alles ganz schön unheimlich.

Dö: Das ist ja gerade das Unwiderstehliche an dieser Legende.

Szene 9

Gustav: Kannsde se noch sehn?

Hannes: Kaum, Mann, die Scheißbäume sind im Weg. Aber sie scheinen den Fluss hoch zu laufn.

Gustav: Waaas? Se jehen Richtung Quelle? Aber ’s war doch abjemacht net ohne uns, ...disser Tussi kann ma einfach net traun. Ich habs ja imma jesacht.

Hannes: Langsam, Mann. Noch weißte nich was sie vorhat. Obwohl, mir kommts auch merkwürdig vor... Wir sollten ihnen folgen, Mann.

Gustav: Jetz? Um diese Zeit? ’S is kurz vor siebn. Wir sin im Räuberwald. De Fraun ham ne Meise. Als ob de Sonne hier ewich schein’n würd, glaubn wohl da Räuberhauptmann hatse mitverflucht.

Hannes: Mann, du Schlappschwanz. Haste Angst im Dunkeln? Ich besorg dir ne Taschenlampe.

(ganz kurzes Kramen/Rascheln)

Hannes: Hier bitteschön, nimm! Und jetzt los Mann, ich seh sie gleich nich mehr!

Gustav (murrend): Mmrmr, ich nehm lieba noch de Knarre mit.

Kurzes Rascheln, dann die Schritte die die Holzleiter runtergehen und der letzte Sprung ins Laub. Man hört noch den zweiten die Stufen runtergehen während sich die einen Schritte schon entfernt.

Gustav: Oh, un dann noch dit verdammte Pisswetta. De Stufn sin glatt wie Rattenmuschi. Wenn die uns mim Schatz echt verarscht, lass ich mer mein Schmerzensjeld aba persönlich auszahln. Mit meina Faust in iam Schminkkasten, da kannste deinen Arsch rauf wetten.

Hannes (aus der Ferne): Komm, Mann!

Zweites Mal Schritte die sich durch das Laub rennend entfernen. (So als ob der Hörer aus der Perspektive des Hochhäuschens lauscht)

Dann Schritt von beiden die sich langsam nähern und dann stehenbleiben. (Der Hörer lauscht jetzt aus der Perspektive des Flusses).

Hannes: So, Mann, am Fluss wärn wir.

Gustav: Un de Sonne verabschiedet sich jerade. Na jute Nacht.

1. Schrei des Freundes aus der Ferne. Mehr erschrocken, entsetzt (er sieht gerade die Räuber).

Gustav ängstlich/erschrocken: Fängt ja jut an. Un ich sach noch....

Hannes: Das war keine Frau.

Gustav: Aber ’s kam aus Ostn.

2. Schrei, diesmal lauter (für die Frauen später wichtig, die den ersten gar nicht hören). Diesmal sehr schmerzhaft- Todesschrei (er wird gerade umgebracht).

Hannes: Mann, das klingt ja grauenhaft, wie wenn sie einen bei lebendigem Leib schlachten würden.

Danach ein übernatürlich lautes, unwirkliches, dreckiges, dunkles Lachen.

Gustav: Also, ich glaub ja imma noch an dise Räuberlejende. Ich find, wir solltn jetz unbedingt umkehrn.

Hannes: Und die Frauen, willste die allein lassen, Mann?

Gustav: Willsde für de Tussen jetz ooch noch n Heldn spieln, oda wat? (kurze Pause, wo er merkt, dass der andere nicht sofort zustimmt) Ey, wir sin ihre Spitzel, net ihre Bodyguards.

Hannes: Halt, Mann, schau mal da hinten, die Brücke, da bewegt sich was, da sind die Weiber!

Gustav: Warte, das könn’n ooch de Räuber sein.

Hannes: Schwachsinn, Mann... aber irgendwas is wirklich komisch, das sind mehr als zwei.

Gustav: Vielleicht is ihr Typ wieda aufjetoocht.

Hannes: Gib mir mal das Fernglas, Mann.

Kurze Pause, irgendein Rascheln, (er überreicht das Fernglas.)

Gustav: Un? Wat is?

Hannes: Der eine sieht wirklich so aus wie dieser Jennes. Er geht irgendwie komisch. Mann, sieht fast so aus, als ob sie ihn tragen. Die anderen kann ich nicht wirklich erkennen, aber die Frauen sind es nicht. Verdammt, es ist echt scheißdunkel, Mann.

Gustav: Wat machense?

Hannes: Sie... sie legn den Typen aufs Geländer von der Brücke. Jetzt... oh Scheiße, Mann, sie wern doch nicht...

Gustav: Waat?

Hannes: Dieser Typ, Mann, sie...

Gustav: Wat denn!?

Hannes: Mann, das kann nich sein.

Man hört ein lautes Platschen aus der Ferne.

Hannes: Sie ham ihn in den Fluss geworfen!

(Wieder überdimensional lautes schadenfrohes Lachen.)

Hannes: Los, komm, Mann, wir müssn weiter, die Weiber sind auch in der Richtung unterwegs, wir müssn hinterher. Denk doch an den Schatz!

Gustav: Aba dat janze Unterholz! Wie sollnwa da durchkomm?

Hannes: So wie die andern auch, du Vollidiot! Durch den Fluss natürlich!

Platsch, Platsch…

Man hört, wie sich sie erst einer, dann beide durch den Fluss watend entfernen.

Hannes: Los, komm, Mann, du feige Sau!

Gustav: Aba…

Hannes: Dann findn wir vielleicht auch raus, was mit dem Kerl los ist…

Szene 10

Etwas weiter flussaufwärts, der Bach läuft hier etwas schneller…

Die ganze Zeit über das Rauschen und Murmeln des Baches sowie platschende Schritte.

Mareike: Wir sind hier falsch! Hier kann er nicht lang sein. Das würde er nie machen.

Dö: Das hier ist der einzige Weg zur wahren Erkenntnis. Wir müssen weiter.

Mareike: Das Wasser steigt immer noch.

Dö: Wir können keinen anderen Weg nehmen. Das Gestrüpp hier am Ufer ist zu dicht und die Felsen auf der anderen Seite können wir nicht hoch.

Mareike: Meine Schuhe. Schon total nass. Das gute Leder. Wieso kehren wir nicht um? Jens ist hier bestimmt nicht lang.

Dö: Dein Freund vielleicht nicht, aber dein Bruder war ganz sicher hier. Er hat mir diesen Weg beschrieben. Die Felsen hier. Und hinter dieser Biegung werden sie auf der anderen Seite meterhoch. Wie Nadeln, die den Nebel aufspießen. Sie werden sehen, Mareike.

Mareike: (hoffnungsvoll): Leopold war hier?

Dö: Am Tag vor seinem ... bevor er verschwunden ist, hat er davon erzählt...

Mareike: Sie haben oft mit ihm telefoniert, Dörte?

Dö: Er vertraut mir. Ich bin seine Parapsychologin. Ich kenne seine Seele wie meine eigene Handtasche.

Mareike: Am Tag seines Verschwindens? Was hat er da erzählt?

Dö: Er war sehr aufgeregt. Voller kosmischer Vibrationen und vitaler Energien. Er war sozusagen Feuer und Flamme... Am nächsten Tag war er verschwunden ... bis heute ...

Mareike (drängend): Und was hat er da noch erzählt?

Dö: Nun, dass er dem Weg zwischen diesen Felsen gefolgt ist, dann aber umgekehrt ist. Verzeihen Sie, dass ich mich vorhin so unwissend und ahnungslos gestellt habe, als wir in ihrer so schönen, gemütlichen Villa Leopolds Papiere durchsuchten. Ich wollte Sie ermuntern, sich an jedes Detail zu erinnern, das uns vielleicht helfen könnte. Daher durfte ich Sie nicht durch meine eigenen Informationen beeinflussen ... Ein alter Trick beim Wahrsagen und Gedankenlesen, verstehen Sie? Leopold hatte mich bei unserem letzten Phoning nämlich, äh ... eingeweiht ...

Mareike: Und dann? Woher wussten Sie, dass er am nächsten Tag verschwunden ist?

Dö (unsicher): Ähh... ähmm... ja, das ist so ... Gustav hat mir... ich meine... wissen Sie ... ich wusste es einfach ... eben Intuition ...

Mareike (verwirrt): Wie? Sie wussten es einfach?

Dö (wieder sicher): Ja, genau. Ich wusste es einfach.

Kurze Gesprächspause, in der man nur den Bach und das Platschen der Schritte hört.

Dö: Sehen Sie, da sind die Felsnadeln, von denen mir Ihr Bruder mit so viel plastischer Magie erzählt hat. Er hat eine so bildliche, sensible Sprache, wenn er ins Schwärmen gerät.

Mareike: Oh, wirklich, hier war ich noch nie. Das sieht ja mächtig aus. Wie die Felsen den Bach überragen. Eine enge Schlucht. Man könnte fast meinen, dass sich die Felsen oben vereinen und eine Höhle bilden, aus der der Bach rauskommt.

Dö: Und wahrscheinlich passiert das auch hinter der nächsten Biegung. Wir sind bald am Ziel. Hier laufen die verlorenen Lebenslinien entlang, die wir suchen. Ich spüre es.

(Sie platschen weiter durchs Wasser, also: Gesprächspause.)

Mareike: Das Wasser steigt schneller. Mir geht es schon bis zu den Knien. Ich kann gleich nicht mehr weiter.

Dö: Was soll ich denn sagen? Seien Sie froh, dass Sie so groß sind.

Mareike: Es reicht. Ich kehre um. Ich bin doch kein Soldat. Es geht nicht mehr. Und das bei meiner Erkältung.

Dö: Auf gar keinen Fall. Nur wenn das Wasser bei Nebel steigt, dann kann man die Quelle auch finden. Ihr Bruder hat mir sehr viel anvertraut, denn ich war seine einzige Astralliebe. Jawohl, jetzt wissen Sie’s. Wir haben uns geliebt. Diese Legende, die er mir gestanden hat, ist unmissverständlich. Wenn der Nebel zerreißt, dann sind wir bereits jenseits der magischen Schwelle. Dann finden wir auch die Quelle und den Räuberscha ... äh, ich meine .... Ihren Schatz und meinen ... also Ihren Freund Jens und meinen Freund Leopold, Ihren Bruder. Wir dürfen einfach nicht umkehren. Wir müssen unser Ziel noch heute erreichen. Es ist nahe, ich kann es fühlen. Kommen Sie, denken Sie an Jens. Sie sind ein wunderbar positives Paar. Er hat ein überragendes Karma, wenn er in Ihrer Nähe ist. Haben Sie schon mal an eine Vermählung gedacht? Ich würde jederzeit gerne Ihre Trauzeugin sein, Mareike, meine Liebe.

Mareike (nuschelt leise in sich hinein): Da bleib ich lieber unverheiratet.

Szene 11

Ein gutes Stück flussabwärts, der Bach läuft hier etwas langsamer…

Gustav: Du, Hannes...? ich hab Schiss. De Felsn da sehn bedrohlich aus.

Hannes: Is doch klar, du Schwanzlutscher, sonst hätt ja jeder den Schatz findn könn’n, Mann.

Gustav: Außadem steicht dat Wassa, merkst(e)s?

Hannes: (pissig) Ja, natürlich, Mann, es läuft mir schließlich genauso wie dir in die Scheißstiefel! Wenigstens reißt der blöde Nebel auf.

Gustav: Ham wir n Glück, dat Vollmond is…

Sie platschen konzentriert weiter durch den Bach.

Gustav: Duhu, Hannes, guck ma, da vorne, da schwimmt wat.

Hannes: Wo, Mann? Ich seh’s nich. ... Ahh, jetz. Sieht glitschig aus.

Gustav: Wat isset, wat isset?

Hannes: Weiß nich, sieht aus wie…

Gustav: Wie wat?

Hannes: Es kommt näher, die Strömung treibt es zu uns.

Gustav: (Panik macht sich in ihm breit) Oh mein Gott, ne Seeschlange! Hn Monstah. Oder son Killeraal, wie in dem Film. Ahhhh, Hannes, de Knarre, erschieß’et!

Hannes: Das is keine Schlange, Mann. In diesem Rinnsal gibt’s sowas nich. Aber…

Gustav: S kommt nähaaa! Oh nein, s wickelt sich um men Been! (Gustav schreit!)

Hannes: Halt’s Maul, Mann, oder willst du, dass die Weiber uns hörn?

Gustav: Oh Hannes, s is soooo eklik, so klitschik!

Hannes: Sieht aus wie... (mit steigendem Ekel) Innereien, vielleicht... scheiße, Mann, is das ein Darm?

Gustav: Ihhhh, is dat eklik!

Es platscht laut, als Gustav vor Panik herumspringt und schließlich ins Wasser fällt.

Gustav: Machs ab! Machs weg! Ich wills net! Is dat (er taucht kurz unter und spuckt Wasser aus) Is dat eklik!

Hannes: Krieg dich ein, du Flachwichser. Mann, ich helf dir ja schon! Sooo, siehst du, ich habs in der Hand. So, und jetzt hab ich’s ans Ufer geworfen, siehst du, es ist gar nicht schlimm. Mann, ey.

Kurze Pause.

Hannes: Und jetzt steht auf, du Weichei, wir müssn den Weibern folgn!

Gustav: Aba …

Hannes: Denk doch an den Schatz, Mann. Ewig Urlaub! Nie wieder dreckige Arbeit! Komm schon, Mann!

Gustav steht auf, sie stapfen eine Weile schweigend durch den Bach.

Gustav: (schreit plötzlich leise auf) Uah!

Hannes: Da, Mann, siehst du, das ist der Grund für die Gedärme, da liegt der Kerl. Tot!

Gustav: Aba wie... wat...?

Hannes: Das ham wir gleich…

Gustav: Du wirst doch net… Pack hn net an! Nein! Net umdrehn!

Hannes: (unterdrückt seinen Ekel, will vernünftig klingen, es gelingt aber nicht ganz) Siehste, das ist die Erklärung, Mann. Jemand hat seine Därme rausgerissn. Alle! Und ein Teil hat sich gelöst und is zu uns geschwommn. Was hast du eigentlich?

Gustav: Aba ... aba ... Aba warum…

Hannes: Was weiß ich, Mann? Wahrscheinlich wolltn die Weiber den Schatz für sich alleine!

Gustav: Aba, wieso…

Hannes: Komm, weiter, Mann!

Gustav: Hannes! Hannes! Kuck, da hintn, hinta uns! Da sin se wieda, dise Gestaltn…

Es platscht, als Gustav in Panik losläuft.

Hannes: Wo willste n hin, Mann? So rennste den Weibern direkt in die Arme. Warte, Mann, nich so schnell. Was sind das für Typen?

Hannes: Hey ihr, was wollt ihr?

Dreckiges Gelächter.

Hannes: Gustav, Gustav, die Knarre!

Hannes: Gustav, Gustav, du Arschloch, wo bist du?

Man hört, wie er auch losrennt durch den Bach.

Hannes: Gustav, nun schieß schon, Mann!

Fünf Schüsse, dann ein langgezogener, schmerzerfüllter Schrei, der in Gurgeln untergeht, als er unter die Wasseroberfläche gerät. Gelächter.

Szene 12

Andere Bachgeräusche, flussaufwärts läuft der Bach etwas schneller.

Mareike: Haben Sie das gehört? Da war wieder ein Schrei!

Dö: Das kann nicht sein. Wer sollte hier schreien? Ich habe nichts gehört.

Mareike: Oh mein Gott. Jens! Oder Leopold? Oder wer ist das?

Dö: Aber hier ist doch niemand. Beruhigen Sie sich endlich! Bestimmt wieder nur der Dachs von vorhin! Wenn sie in der Ranz sind, schreien sie oft tagelang. Es ist eine Plage.

Mareike: Und das andere? Das waren doch eindeutig Schüsse!

Dö: Wahrscheinlich der Förster, der den Bestand reguliert. Ich sage doch, die Dachse sind heuer eine Plage. Jetzt hören Sie doch mal zu, wenn ich auf Sie eingehe. Sie müssen sich öffnen, Mareike! Lassen Sie sich doch endlich mal auf die Situation ein!

Mareike: Ohjee, kommen Sie, schnell zurück zum Haus! Mir wird das alles zu unheimlich hier, zumal mit dem Vollmond.

Dö: Sie sind wirklich anstrengend! Es kann gar nicht Vollmond sein. Das war doch letzte Woche. Ich weiß das, denn bei Vollmond habe ich immer die meisten Klienten. Das ist die Stoßzeit bei mir.

Mareike: Schauen Sie doch selber, Dörte, da zwischen den Felsen sieht man ihn deutlich.

Dö: Wie wunderbar. Der Nebel ist aufgerissen, wir sind über die magische Schwelle. Aber Sie haben Recht, irgendetwas stimmt hier nicht. Wie kann das sein? Der Mond verzögert seinen Zyklus, wenn das Wasser steigt. Rätsel über Rätsel. Egal, ich gehe weiter.

Mareike: Ich weiß es, die Räuber. Der Hauptmann, sie wurden bei Vollmond verflucht. Es muss alles wahr sein!

Dö: Aber ... es kann doch nicht immer Vollmond sein ... das würde sämtliche Aszendenten durcheinander bringen ... Das wäre nicht auszudenken... Unsere Astralleiber würden ständig assoziiert ... und perpetuiert ... und kontaminiert ... Wir würden alle binnen kurzem wie pulsierende Sternschnuppen seelisch verglühen.

Sie platschen schneller durchs Wasser. Mareike bleibt stehen und Dörte prallt auf sie.

Dö: Jetzt hören Sie mal! Was bleiben Sie denn so plötzlich stehen, zum tollen Satan! Um ein Haar wäre ich ausgerutscht und in diesen Bach gefallen. Ich kann nicht schwimmen.

Mareike: Hören Sie! Hinter uns! Da ist jemand! Er verfolgt uns! Wir werden verfolgt!

Wieder Platschen.

Dö: (plötzlich atemlos) Ja, Sie haben recht, Mareike. Auch ich spüre jetzt eine starke negative Energie in der Nähe. Das ist wie bei ... einer Schwarzen Messe. Sehen wir zu, dass wir Land gewinnen! Bloß weg hier!

Sie laufen (platschen) hastig weg.

Mareike: Vielleicht ist es Jens!

Lachen der Räuber.

Mareike: Das ist nicht Jens. Wo kommt das her?

Jemand läuft hörbar im Wald auf sie zu (Laub raschelt, Äste knacken, etc.)

Mareike: Was ist das?

Dö (auch hörbar verunsichert, tut aber noch so, als hätte sie alles unter Kontrolle):

Ich weiß nicht, es gibt auch viele Rehe in diesem Wald. Es sind sehr scheue, leicht zu erregende Tiere, und vielleicht hat der sonderbare Mond sie ja verwirrt und nun ....

(wütend) Ich weiß es auch nicht, verdammt noch mal!

Szene 13

Rascheln im Gebüsch. Heftiges Platschen im Bach.

Dö: Wir laufen ja in die völlig falsche Richtung! Mein Biokompass zeigt ganz woanders hin ... Wir müssen nach Osten, Mareike! Nach Osten!

Mareike (zieht erschrocken die Luft ein): Weg hier!

Gustav: Bleibt stehn!

Mareike (außer Atem): Oh mein Gott!

Stolpern, fast im gleichen Moment, jetzt ganz nah:

Gustav: Stehn bleim!

Mareike (will anfangen zu schreien, Gustav hält ihr den Mund zu): HmmmmMM! (schlägt um sich)

Dö: He, wer sind Sie überhaupt? Lassen Sie sie gefälligst sofort los! Himmel, was machst du denn hier, Gustav? Zum ausgebüxten Satan, was soll das denn bitte? Und wo ist der Hannes, dein windiger Partner?

Mareike (reißt sich kurz los): Du Arschloch! Wer-

(Gustav drückt die Hand wieder auf ihren Mund) Mmmmh!

Gustav (zischt): Schnauze!...De Räuba sin da. Se sin janz in de Nähe, de wolln uns umbringn, ich habs jesehen, eben ham se Hannes, er, er.

(etwas langsamer und sehr eindringlich:) Sie ham ihn abjemurkst. Wir müssn abhaun, sofort, ich hoff, se ham uns noch net jehört.

Dö: Was?! Hannes ist tot? Scheiße. Jetzt lass sie verdammt noch mal los, du Blödmann, sie wird jetzt ruhig sein.

Mareike: (atmet schwer durch) Wer sind Sie?

Gustav(genervt/gehetzt/beunruhigt der Aufhaltung): N Freund;... is jetz scheißejal! De Räuba hockn hinterm nächstn Busch und wolln dich umme Ecke bringn!

Mareike: Was? Die Räuber? Wer sind Sie? Was machen Sie hier im Wald? Was wollen Sie von uns?

Gustav: Dat kannste dir allet von ihr erklärn lassn, aba bitte net jetz!

Dö (ertappt): Gustav, du Idiot, halt die Klappe!

Mareike: Was?! Sie sind ein Freund von Dörte? Warte, wieso wurde mir nichts von Ihnen erzählt? Was wird hier gespielt?

Dö: Das ist doch jetzt völlig egal. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Sie haben mich gerade eben schon wieder angesteckt mit ihrer kindischen Panik, Mareike, Sie verhuschtes Osterhäschen, aber ich will den Schatz. Und wir sind kurz vor dem Ziel ...

Gustav: (jault entnervt und ungeduldig auf)

Räuberlachen, nah.

Alle drei: (ziehen erschrocken die Luft ein)

Gustav: Pssssst!

Mareike (leise): Sie tun mir also nichts, ja?

Gustav (zischt): Schnauze!

Mareike (leise): Dort hinten trägt jemand ein Licht!

Dö: Ja, ich sehe es. Das ist eine Portativleuchte.

Mareike (leise): Eine was?

Dö (belehrend, als spräche sie mit einem kleinen Kind): Eine Portativleuchte. Die brennt mit Rüböl. Sie wurde früher einmal dazu verwendet, frisch ausgehobene Gräber in der Nacht vor der Messe zu kennzeichnen, damit niemand beim Beten hineinfällt.

Mareike (ironisch): Beruhigend... Da sind noch mehr! Ich glaube, sie beleuchten sich gegenseitig.

Gustav: Sehter de Jesichta, se ham fast kein Fleisch…

Mareike (leise, aber deutlich erschrocken): Was?

Wieder Räuberlachen, ganz nah hinter ihnen. Knacken im Gebüsch.

Gustav: Bloß net umdrehn!

Mareike: (schreit laut auf)

Dö: Oh heilige Maria Magdalena! Steh mir bei!

Gustav: Vadammte Scheiße.

Szene 14

Räuberlachen, jetzt unmittelbar bei ihnen. Lautes Rascheln, Schlagen, Weglaufen. Gustav und Mareike keuchen beim Laufen, werden leiser.

Räuber: Weilet, weilet, wollet ir mich ne kennen lernen? Denket an den Schatz! Den Schatz!... Oh das holde Mageding. Ja, weile, weile, kum, kum, ich werd dir helfen. Ne, kejn angest, ich tu dir kejn gewalt.

Gustav (ruft von weiter weg, im Laufen): Wo bleibst du? Wir haun ab!

Dö: Das ist die dunkle Macht, die ich suche! Ich kann sie spüren. Und ich will den Schatz!

Mareike (brüllt laut von fern, entsetzt): Kommen Sie, Dörte! Was machen Sie denn da? Kommen Sie schon !

Gustav (ebenso weit weg): Die is verrückt, habter dat noch net jemerkt.

Mareike (immer noch entfernt): Es ist alles verrückt hier. Ich weiß noch immer nicht, wer Sie sind.

Gustav (von Ferne): Janz jenau, und nu komm!

Dö: Bleibt ihr einfach ruhig da hinten. Stört nicht, was ihr nicht versteht. Da vorn ist der Ursprung des Lebens.

Mehrfaches Klicken eines Fotoapparates.

Dö: Bitte lächeln! Danke. Nochmal bitte.

Räuber: (lachen laut)

Mareike (ruft entsetzt): Sie macht Fotos!

Dö (ruft den anderen beiden zu, laut und mit hysterischem Unterton): Das versteht ihr nicht. So finde ich meinen Weg zu dieser geheimen Quelle immer wieder! Den magischen Weg zur Quelle des Reichtums. Dort muss der Schatz sein. Endlich bin ich reich! Und brauche diesen ganzen Para-Quatsch nicht mehr machen, um meine Miete und mein Make-up zu bezahlen. Bleibt, wo ihr seid, ihr beiden Feiglinge, ihr zwei Versager, ihr miesen Verräter! Ich will den Schatz mit niemandem teilen. Ich will ihn ganz für mich allein!

Räuber: Oh edeles wip, hah, welch zarte Leib. Ich mac dich betasten. Kum, nemet mîn hand.

Dö (zu den Räubern): He ihr komischen Typen da, ich warne euch ...

Gustav (von fern): Ich sach’s ja.

Mareike (neben Gustav): Sie ist wirklich verrückt. (ruft Dörte zu) Hauen Sie ab, Dörte!

Räuber: Höret, sie roufen dir, min wip. Doch du sîst ein guoten wip; triuwen wip. Du solt stên blîben! Du seist min wip!

Der Räuber packt Dörte, kurzes Handgemenge, entsetztes Schreien von Mareike.

Mareike: Himmel, Himmel, schnell, laufen Sie zu ihr, Sie haben eine Waffe, helfen Sie ihr.

Gustav: Sind Se wahnsinnich, dat is klatta Selbstmord!

Mareike: (schreit weiter unartikuliert)

Räuber: Oh, wofür nötigest du kleider, mîn kint?

Stoff zerreißt.

Dö (stotternd, hörbar verstört): Verdammt, mein indisches Jutekleid. Na warte, dir werd ich die Eier abreißen! Lass deine verdammten Griffel von meinem Sarong. Eulenleber mit Katzenkraut, ich bin des Räuberhauptmanns wahre Braut. Weiche, du hässlicher Unhold! Der heilige Satan persönlich wird dich dafür bestrafen! Warte, ich werde ihn rufen! Vater unser in der Hölle:

(Orgelmusik setzt ein)

Dö (betet): Nema tiekgiwe ni tiekhcilrreh eid dnu tfark eid dnu hcier sad tsi nied nned... (Musik bricht ab)

Dö: He, was ist das für ein Messer?

Räuber: Schau, was ich für dich gebrâcht.

Dö: (mit der Ruhe, die man nur unter Schock hat) Aber das ist ja ein echter Katzbalger.

Räuber: Dîn teil vom schatze... siehe, hier, nâh vor dîne ougen, oh disiu ougen, sie werden dô kleben an disiu klinge. Schaue, schau in dir genau an. Disiu gülden klinge. Sieh hin! Mach dîne ougen ouf!

Man hört wie das Messer in den Augapfel sticht, grässlicher Schrei von Dörte, Klinge schabt über Knochen, Flüssigkeit spritzt, etc.

Szene 15

Mareike (nahe): Mir wird übel...

Räuber (von fern): Nu hebbest du den schatz fuer alle ewigkejt!

Gustav: Lass uns hier abhaun!

Hastiges Davonschleichen

Mareike: Warte, ich kann nicht so schnell.

Gustav (außer Atem): Schau ma, hiea im Fels is n Spalt, wie ne Höhle. Hier könn’n wa uns vasteckn.

Schritte auf Stein. Ab hier klingen die Stimmen anders, weil sie in der Höhle sind.

Mareike (erschöpft): Da ist Licht.

Gustav: Wo?

Mareike: Na, da hinten, da wo der große Stein aus der Decke ragt.

Gustav: Ah da! Lass uns hinjehn, vielleicht findn wa dort Hilfä.

Mareike: Ich weiß nicht, ich hab ein ganz komisches Gefühl.

Gustav: Nu komm.

Sie gehen weiter über Stein. Stimmen aus der Ferne, die etwas lauter werden: Singen, grölen, wie Besoffene in der Kneipe. Teile des Räuberliedes.

Mareike: Ich bin mir nicht sicher, ob das richtig ist.

Gustav: Wat willste machn, zurück zu’n Monstan?

Fremde Schritte nähern sich

Mareike: Mir wird schon wieder schwindelig...

Gustav: Schnauze!

Die Schritte werden lauter

Gustav: Schnell, hiahea, runta, hia sieht uns keena.

Man hört schnelle Schritte sich davonschleichen.

Gustav (flüstert): Fresse!

Mareike (hysterisch): Oh mein Gott, siehst du nicht, was sie mit ihr... oh mein Gott... (Würgen)

(Von unten: Stöhnen/Wimmern der Expertin, hässliches Lachen der Räuber.)

Dö (gurgelnd, ersterbend): Ich kriege euch, ich kriege euch alle! (stöhnt/schreit auf. Wimmern.)

(Ein feuchtes Reißen. Das Wimmern bricht ab.)

Gustav: Halt’s Maul, sons hörn se uns!

Mareike: Aber sie.... oh mein Gott, sie spielen gerade mit ihrem Darm!

Gustav (flehend): Schnauzä!

Mareike: Hhh, die Tür geht auf. Oh mein Gott!!

Gustav: Oh shit, jetz is allet vorbei.

Szene 16

Mareike: Leopold???... Leo! Du bist es, Himmel, wie schön…

Leopold: Schwester, ich wusste, dass du kommst. Als ich Dörte gesehen habe, wusste ich gleich, sie ist nicht allein. Außerdem wusste ich, dass es auch dich irgendwann wieder in den Wald zieht, ungezogen wie du bist, deshalb habe ich doch die Pferde ...

Mareike: Oh ich bin so froh, du lebst! Was hast du gemacht? Wir haben dich alle gesucht! Du und deine Forschung! Musst du uns so erschrecken mitten in der Nacht in diesem Wald rumzusuchen ....!?! Was ist mit diesen ganzen Verbrechern hier?

Leopold: Ach, das sind meine Kumpels. Die sind in Ordnung. Ich stell dich später vor, Mareike, mein Engel.

Mareike: Oh Mann, aber jetzt, schnell, führ uns hier erst mal raus. …(erleichtert) Da wollte ich dich retten und jetzt musst du mich retten.

Leopold: Schwester, ich freue mich wirklich dich zu sehen, aber der Fluch ... Es tut mir leid, ehrlich. Ich muss den Schatz beschützen. Ich habe jetzt, was ich immer gewollt habe.

Mareike: Häää???…Was ist, was schaust du mich so komisch an? Stimmt etwas nicht? …Leo? Leopold! Lass uns losgehen. Was IST mit dem Säbel? …Leopold?, Was? ...AAhhh, Lass mich los! Was machst du? Was hast du vor?! Leo!!! Hilfe!!!

Leopold: Beruhig dich mal lieber! Ich hab doch immer auf dich aufgepasst ...

Mareike: Lass mich los, Leopold! Du bist (doch) nicht mein Bruder! Du bist wie ein Fremder! Pack diesen Säbel weg! Was willst du nur?!

Leopold: Du wirst bald zu uns gehören, Schwesterherzchen!

Mareike: AAhh (man hört wie er sie schneidet…wie kann man das hörbar machen???) (weinerlich) Ich bin deine Schwester! Ich wollte dir helfen!! Leo? Aauaahhaa! Mein Bein, AAaaaaaa mein Bein,

Gustav (sehr leise, gepresst): Oh Shit. Ich glaub ich verschwind bessa.

Mareike: Ohooohhooohh, oje Gott, so viel Blut, ich…fass meinen Arm nicht an! Ahhuu, hör auf.., Leopold bitte, (immer schwächer werdend) bitte, bitte… Ich bin deine Schwester!

Leopold: Das ist mir doch egal. Denn du bist noch ein Mensch und ich bin schon ein Räuber. Es tut mir leid, kleine Schwester, aber ... (wütend) verstehst du denn nicht? Du dummes Ding?! Was hattest du hier im Wald verloren? Papa hat's dir doch immer verboten! Und ich hatte extra noch die Pferde als Warnung dorthin gelegt. Selber schuld! Hör auf zu betteln und zu flehen. Das ist die Macht der Legende. Ich kann sie nicht beeinflussen. Und du auch nicht!

(wieder zärtlich) Mareike, mein süßes Schwesterherz, ich habe dich doch immer geliebt ...

(Todeston, weiblich)

Szene 17

Räuber4: He, ich waene, dâ ist ein fremder gast!

Gustav: Verdammt, jetz hamse uns jehöat, warum muss de Tusse auch so kreischn. Mein Jott, der hat sinne eijne Schwesta umjebracht nur umnn Schatz nich teilen ßu müssn .... un ich dacht, ich bin n Janove....

Räuber5: Da obe! Der mûre da umbe sîniu bein.

Räuber5a: Bringet si runter!

Gustav: Ich muss hia wech.

Man hört ihn laufen o. schleichen Atem einblenden.

Leopold: Da ist er! Hinterher! Er ist dahinten hingelaufen.

Gustav: Vadammt.

(Jetzt rennende Schritte von mehreren Personen, lauter und leiser werdend, Atem dazu lauter u. leiser werdend.)

Gustav: Ich musse abhängn... Umme Egge, schnell. Oh Jott, wenn de mich erwischn... Wie komm ich hia bloß wieda raus? Wo is disser verdammde Ausjang?

(rennt weiter. Hinter ihm die Schritte einer ganzen Gruppe von Räubern, die näher kommen)

Oh Jott, ich hab ja nie an dich jejlaubt, aber wenn ich hia rauskomm, ich schwör’s, ich geh jeden Monat inne Kiache, ach, jede Woche soga..... Oh Shit.

(rennt immer noch. Die Schritte der Räuber entfernen sich ein bisschen)

Gustav: Da, ne Tüa. Vielleich kannich mich hia versteggn?

(Tür öffnet sich knarrend.)

Verdammt, is die laut. Hamse mich jehört? Neee, ich glohb nich.

(rein, Tür fällt donnernd ins Schloss).

Scheiße, dat hamse bestimmt jehört... un hia is ooch nur n neua Tunnl! Wie groß issn disse verdammte Höhle eijntlich?

(gedämpfte Schritte, die sich nähern)

Ejal, ich muss weita. (rennt wieder los)

Wo is da verfluchte Ausjang? Oh Jott, bidde bidde rette mich...

(In einiger Entfernung öffnet sich die knarrende Tür wieder)

Räuber: Da, da vorne! (rennen los)

Gustav: Verflucht! So nah? Umme Egge, schnell. (rennt) Un nochne Egge. Vielleich kannich se so abschüddeln?

(Die verfolgenden Schritte entfernen sich wieder)

Scheint zu klappn. (er wird langsamer)

He, wat isn dat n für ne komische Tür?

(bleibt stehen. Sein Atem geht immer noch keuchend.)

Janz versteckt hinta nem Wandvoasprung... vielleicht kannich mich hia versteckn? Oda dat isn Notausjan – hah, dat wär toll, aba wie ich mein Jlück genn – ich hätte nie in dissen verfluchtn Wald kommn solln.

(Er öffnet die Tür, leise, vorsichtig, geht hinein. Die Tür fällt zu, hallend, wie in einem sehr großen Raum. Gustav schnauft tief durch, dann zieht er plötzlich erschrocken die Luft scharf ein)

Gustav: Boah, wat isn datn da hintn? Dat sieht aus wien riesiga Haufn Knochn, brrr.... un disse Kiste obenauf? Un runherum Schädl. Richtich unheimlich isset, als würdn se mich beobachtn... als würdn se de Kiste bewachn. Obs er Schatz is?

(Plötzlich begeistert) Krass ey, wennet er Schatz is! Dann hätt sichs doch noch jelohnt – un jetz mussich n mit niemannem mehr teiln!

(geht ein paar Schritte, ab und zu knirschen Knochen. Bleibt dann stehen)

Unner Fluch? Nich dassich auch so enne wie'er Leopold... Ach wat. Der wa bestimmt bloß zu plöd un hat sich vonnen Räuban erwischn lassn. Aba ich machs schlaua... ich nehm mer einfach was raus vonnem Schatz. So ne große Kiste! Ich nehm mer, sovielich tragn kann. Un dann versteck ich mich un wart, bis de Räuba wech sinn, un schleich mich wech. Un vielleich komm ich späta wieda... bei Tag.

(geht weiter)

Wat da wohl drin is? Jold? Juweln? Vielleicht Schmuck... oder Münzn... ich kenn da n Hehler, der kauft son altes Zeuch... Mann, was ich fürn Jlück hab!

(alte Knochen knirschen und zerbrechen unter seinen Füßen)

Disse blödn Knochn liegn hia echt üba'all rum. Aba ejal... ich bin schlaua als ia armn Schweine!

(Tür schlägt mit einem Knall auf. Die Räuber stürmen hinein.)

Räuber: Nu hebben wir dik!

Gustav: Nein! Nein! Dat kann nich waa sein. Warum müssn se mich jetz erwischn?! Oh, dat is de Fluch. Ich hätt nie…! Eigenlich wollt ich n doch nie…! Warum hab ich mich nur überredn lassn. Disser VERFLUCHTE SCHATZ!

Räuber: ...ne vüere uns nikt in versouchung, ê unser rîch kume, nie ne himmel, ewig ûf erden, durch dass du ewig wachest bî dem schatze...

(immer leiser werdend, so dass man den Schluss möglichst gar nicht mehr versteht)

Szene 18

Räubermob: Schau hir min brouder. Sie disiu Klinge. Schaue in (kurz) dir (kurz) genau an. Disiu gülden Klinge, ûf dass der Schatz wird auch dîn eigen sein. Mach dîne Ougen ouf!....

Gustav: He, Hannes?! Hannes wat machstn du da? Du lebst ja noch! Hey, den kenn ich, dat is mein Freund!

Hannes zu den Räubern: Meine lieben Kameraden. Lasst ihn mir! Dies war einst mein treuster Freund!

Gustav: Wieso lebstn du?

Hannes: Das erklär ich dir später. Du willst doch den Schatz – komm näher. Ich zeig’s dir!

Gustav: Wat willstu mit m Messa? Verdammt. Lass mich los!!!

Lachen der Räuber, ausblenden, Todesschrei von Gustav ...

Szene 19. Abspann

Taxigeräusche. Tekkno-Radiomusik. Regen trommelt auf das Taxi.

Taxifahrer: Diese Wetter kotzt mich an, schon seit Jahr und Tag ...

Durchsage: Zwei Fahrgäste am Bahnhofshotel zum Räuberwald.

Taxifahrer. Verdammt! Auch das noch ... Touristen! Diese verfluchte Legende!

Einige Zeit Fahrgeräusche von innen, hupen, fluchen.

Auto bremst (Innengeräusch). Radio aus. Fensterheber surrt.

Taxifahrer: Taxi, die Damen?

1. Touristin: Kennen Sie sich in der Gegend aus? Hier soll es einen Räuberwald geben, wie im Märchen.

Taxifahrer: Aber es pisst doch wie in einem Gulli. Was wollen Sie bei diesem Scheißwetter denn im Wald?

2. Touristin: Wir wollen auf Schatzsuche gehen. Wir sind deswegen extra aus Berlin hierher gekommen ... Ein alternatives Internet-Reisebüro bietet jetzt dieses Pauschal-Abenteuerwochenende mit einer echten Schatzsuche im finsteren Wald hinter einer verfallenen, verwunschenen Villa ...

Taxifahrer (stöhnt): O Gott, das olle Myschkin-Haus. Na, Prost Mahlzeit!

2. Touristin (plappert gleichzeitig munter weiter): Ja, und alles inclusive, sehr preiswert und anständig, nur Rückfahrt leider auf eigene Rechnung, komisch irgendwie, und alles auf eigene Gefahr, ohne Reiseversicherung, das sei nicht möglich, hieß es ... Naja, egal, wir sind ungefähr 20 Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet, die nächste Gruppe bricht in einer Stunde auf, und so fort, bis zum späten Nachmittag. Beim bunten Abend an der Bar versaufen wir dann den Schatz und singen alle zusammen das Räuberlied, so steht's in der Beschreibung der Tour auf der Homepage. Ich finde das sehr aufregend und originell ...

Taxifahrer: Sie glauben auch alles was im Internet steht, was? Sie werden vielleicht etwas ganz anderes finden als Sie suchen ...

1. Touristin: Seien Sie doch kein Hasenfuß. Sie können doch an dieser Villa ganz gemütlich auf uns warten. Wir würden mit Ihnen teilen ... Sagen wir zwanzig Prozent?

Taxifahrer: Dreißig! Und die Fahrt geht extra und bar. Ich warte aber auf keinen Fall bei dieser Bruchbude, bis Sie zurück sind, ist das klar?

1. Touristin: Das macht doch nix! Wir haben beide immer unsere Handies dabei. Machen Sie mal nicht so einen Stress. Wir rufen Sie dann einfach wieder.

Taxifahrer: Warten wir's ab ...

2. Touristin: Das wird schon klappen. Wir sind die Startgruppe und wollen daher den Schatz auch als erste finden. Ich freue mich schon auf das dummes Gesicht der Anderen heute Abend, weil sie nämlich nur noch die leere Räuberhöhle finden werden ... Das wird sicher gemütlich. Im Hotelzimmer gibt es sogar einen Internet-Anschluss. Beim Chatten nach dem Dinner will ich meinen Freunden vom Autorenclub eine schöne, spannende Geschichte erzählen. Die werden vor Neid platzen!

Taxifahrer: Ich kann mir denken, wie sie ausgeht.

1. Touristin: Wir auch, wir auch. Wie weit ist es denn?

Taxifahrer: Eilig oder normal?

1. Touristin (vergnügt): Sie wissen doch sicher, was Taxigelb ist, oder?

Taxifahrer: Na, dann schwingt eure Hüften mal in die Polster ...

Türen schlagen zu. Wagen beschleunigt.

In der Ferne ein Blaulicht, dann noch eins, dann das Räuberlied.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Fantasy * Abenteuer * Horror * Drama *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: