Der Autorenclub fährt S-Bahn

"Mir ist so langweilig. Immer ist mir so langweilig", sagt Silke und nimmt einen tüchtigen Schluck.

"Ich bin so uninspiriert. Wozu treffen wir uns denn auch in der Bahn. Das bringt doch gar nix."

"Wenn mir langweilig ist, dann habe ich immer die besten Ideen", erwidert Markus und entreißt ihr die Flasche roten "Terra Nova".

"Und?"

"Lass uns einfach was anstellen, und dann eine Geschichte daraus machen ..."

"Jaja. Klar. Bloß was?", fragt Silke und gähnt.

"Wart's ab."


Die S-Bahn bremst scharf und Lydia und Marijke steigen ein.

"Was guckt ihr denn hier wie in einem Wartesaal?", ruft Marijke ein bisschen zu laut und zu hell.

Einige Fahrgäste drehen sich um.

"Wir warten auf Einfälle für eine gute Geschichte?", sagt Markus. "Pscht."

"Habt ihr was zu trinken dabei?", fragt Lydia.

Silke hält die Flasche argentinischen "Terra Nova" hoch. Sie ist fast leer.

"He, ich hab doch Bio-Cola und Vollkorn-Salzletten mit", ruft Marijke weiter so fröhlich.

"Her damit!", sagt Markus.

"Ihhgitt, Cola", mault Silke. "Aber ich will auch was knabbern."

Sie kleckern und bröseln bald überall herum.


"Können Sie mal die Füße vom Sitz nehmen?", beschwert sich schließlich ein älterer Herr.

"Klar, Alter!"

Sie fangen an, mit Salzstangen rumzuwerfen und sie breitzutreten.

"Was machen wir denn jetzt Tolles?", fragt Lydia und legt die Füße wieder auf den Sitz.

"Ich simse mal eben Peter", sagt Silke.

"Seit wann sagst du denn 'simsen'?", fragt Markus und feixt.

Silke streckt ihm die Zunge raus und macht mit dem Handy rum. Dann piept es und Silke schaut angestrengt aufs Display.

"Wow!", ruft sie dann. "Peter und Juric haben Wodka und einen Kasten Bier. Sie sind gleich da."

"Sie können hier doch keine Party in der Ringbahn feiern! Was erlauben Sie sich?", erbost sich der Herr.

"Wir haben den Waggon hier gemietet. Das hier ist eine ViP-Area", sagt Markus. "Wir sind der weltberühmte Autorenclub "quertext" Berlin und schreiben gerade eine Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie werden jetzt zu einer unsterblichen Figur der Gegenwartsliteratur des 21. Jahrhunderts ..."

"Was für eine Unverschämtheit!"

Lydia und Marijke lachen laut, Silke gähnt.

"Blöde Idee", sagt sie dumpf.

"Ist Ihnen wohl zu langweilig, oder wie?", erregt sich der Herr. "Dem Herrgott die Zeit stehlen und dann auch noch frech werden, das haben wir gerne. Das ist nur dieser nichtsnutzige Müßiggang heutzutage, der euch junge Leute hier immer so dumm und dumpf im Kopf werden lässt. Sie sollten mal besser alle körperlich schwer und lange arbeiten gehen."

Markus zündet sich gelassen eine Zigarette an.

"Rauchen ist in der S-Bahn strengstens untersagt. Das ist doch unmöglich! Sie gefährden damit nicht nur sich selber."

Markus pustet dem Herrn den Rauch wie aus Versehen ins Gesicht und macht eine entschuldigende Geste. Dieser will weiterschimpfen, doch er muss husten und sich die Augen reiben.


Die Bahn hält ruckartig an, die Türen gehen pfeifend auf. Der Herr sieht verzweifelt zum Ausgang und will scheinbar aufstehen, gibt sich dann aber einen Ruck und bleibt sitzen.

"I've been looking for freedom", von David Hasselhoff dröhnt blechern aus einem Ghetto-Blaster.

"Erst aussteigen lassen! Erst aussteigen lassen!", rufen einige Fahrgäste laut und lauter, doch Peter und Juric drängeln sich einfach rein. Sie haben außer der Mucke eine Kiste Schwarzbier und eine Batterie Wodka dabei.

"Oh, super, echter Russischer! Die haben das beste Quellwasser. Ihr hab euch ja richtig ins Zeug gelegt. Ist er auch schön kalt?", ruft Silke, plötzlich wieder munter.

"Klar!", sagt Peter.

"Nö!", sagt Juric.

Markus schnappt sich sofort ein Schwarzes und öffnet die Flasche, nach einigen verbissenen Versuchen, erfolgreich mit dem Feuerzeug.

Das Gelage beginnt.


Nach ein paar Stationen ist der Waggon fast leer, nur der ältere Herr und ein paar gaffende und knipsende fernöstliche Touris sind noch nicht geflüchtet.

"Mir ist hier alles immer noch voll öde. Wie im Urlaub auf Rügen auf der Betriebsreise zum Fünfzigsten meines Chefs", mault Lydia. "Außerdem wird mir von der Kurverei hier langsam schlecht. Der Lokführer hat sie ja nicht mehr alle."

"Trink dir doch noch einen Wodka", sagt Juric mit besorgter Stimme.

"Das wird böse enden", murmelt der Herr.

"Wollen Sie auch einen Schluck?", fragt Peter und hält ihm mit großer Geste die Flasche hin.

Der Herr schlägt sie ihm mit der flachen Hand weg. Er will nun doch aufstehen und raus, da der Zug mal wieder scharf und ruckelnd abbremst. Aber Marijke fragt mit sehr heller Stimme: "Vielleicht Salzletten? Echt Vollkorn!", und wirft sie ihm lose in den Schoss, sodass er sich beim Abschütteln verheddert und hilflos im Sitz hängenbleibt.

Ein paar Leute mit frischem Alk-Vorrat und brennenden Kippen steigen ein.

"Wir haben gehört, in der Ringbahn steigt ne Party?", rufen sie.

"Klar, kommt rein! Wir feiern hier", sagt Markus und boxt Peter und Juric freundschaftlich in die Seite. Sie klatschen ab.

"Au ja, au ja, endlich was los!", quiekt Lydia und schnappt sich ein paar der Salzletten, die auf den Sitz gefallen sind, um die Neuen damit zu bewerfen. Die haben Erdnussflips dabei und bald tobt eine wilde Schlacht.

David Hasselhof läuft in der Endlos-Schleife. Peter und Juric grölen mit, Marijke tanzt dazu, Markus (Schwarzbier) stößt immer wieder mit Silke (Wodka) an und sie schreien: "Cheers! Salud! Ecke-ecke-ecketscheckere! A votre santé! Nastrowje! Prost! – Cheers! Salud! Ecke..."


Immer mehr Leute steigen ein und feiern mit. Sie erzählen, dass die Party in der Ringbahn bereits als Schneeballblog im Internet kursiert.

Der Herr ist auf seinem Sitz zusammengesunken und stiert vor sich hin.

Juric schlägt ihm auf die Schulter und sagt leise: "Na?!"

"Na?", sagt der Herr mit brüchiger Stimme.

Juric lächelt schwach und hält ihm eine Flasche hin.

"Nur ein Wegbier, Alter", sagt er freundlich.

Der Herr nickt stumm und ergeben und nimmt sie fast scheu. Er trinkt mit gierigen, großen Schlucken, bis sie halb leer ist, wobei er die Augen weit aufreißt und heftig durch die Nase atmet. Dann rülpst er vernehmlich und setzt erneut an.

"Hurra, er will endlich mitfeieren! Voll der Herr von Welt. Wie süüüüüüß!", kreischen Lydia und Marijke und werfen Kusshände.

"Na u-und? Wa-was soll's? Daraus wird doch so nienienie eine gugugute, äh, Geschischsichi-schte ...", lallt Silke, eine fast leere Flasche Wodka in der Hand, mit tränenden Augen. "Mir i-i-ist immer noch so stebeberbens, boa, ey, lalalangweilig."

"Ja, mir auch", sagt Markus, entwindet ihrer zittrigen Hand die Flasche und reicht dem Herrn nun den Rest Wodka. Dieser trinkt großzügig aus und winkt dann mit zwei Fingern vor den Lippen. Markus zieht die Zigarettenschachtel aus der Brusttasche und gibt ihm auch Feuer.

"Aber, aber ... ich, ich habe seit dreißig Jahren nicht mehr geraucht", krächzt der Herr und inhaliert tief.

Nach ein paar weiteren kräftigen Zügen weiten sich seine Augen, er kippt nach vorne und übergibt sich über Markus' linkes Knie.

"Ihhhh!", kreischen Lydia und Marijke und tun so, als würden sie sich den Fingern in den Hals stecken. Dann fallen sie sich um den Hals und tanzen miteinander.

"Ist ihm schlecht?", fragt Silke gähnend und ihr Kopf sinkt an Peters Schulter.

"Nein, er hat nur mächtig Hunger", sagt dieser und fährt ihr durchs Haar.

"Oh. Er ist ja besinnungslos", sagt Markus, und wischt sich am Vatermörder des grün angelaufenen, völlig zusammengefallenen Herrn notdürftig ab.


Mittlerweile randaliert der ganze Waggon. Der Zugführer bremst ab und zu mal einfach scharf, um dann ruckartig und schnell wieder anzufahren, so als wolle er mitfeiern. Die Leute purzeln immer wieder übereinander, stolpern über kullernde Flaschen und fangen dann an, hysterisch zu lachen, oder sich zu prügeln und zu schubsen. Die Bahn schwankt und schlingert hin und her. Das Geschrei ist ohrenbetäubend. Sie trampeln und springen dabei so rhythmisch und wild wie die blauweißen Frösche nach einem Kantersieg. Manche fangen in der ersten, so lang ersehnten Sommerhitze an, sich die beschlagenen Klamotten runterzureißen oder sogar gekonnt und flippig zu strippen.

"He, da kommt uns was entgegen", ruft Juric stark schwankend, weil sich der federnde Waggon immer wieder gefährlich neigt. "Voll der Container-Zug. Ups!" Er hält sich gerade noch fest.

"Ah, was ist denn das?", fragt Markus und blubbert unwirsch, weil er sich wegen der Schwingungen des Zuges mit seinem letzten Schwall Bier das Gesicht übergießt und ihm was in den Kragen läuft.

"Das ist ein Tankgüterzug. Sieht man doch. Flüssiggas. Für Wasserstoffautos", sagt Peter ganz fachmännisch, der dabei sehr geschickt und mit langem Hals aus dem schon ziemlich beschlagenen Fenster linst, da Silke an seiner Schulter schnarcht, und er gleichzeitig noch besorgt ihre Hand hält.

"Man versteht ja gar nix mehr. Mach mal lauter! Mach mal LAUTER!", kreischt Marijke. "I've been loooooking for freeeeedom ... Yeaaahhh!"

Juric knipst hilflos am Ghettoblaster herum und Peter fingert solange dazwischen, bis sie sich in die Wolle kriegen, und Silke von Peters Schulter mit dem Kopf hart und flach auf den Sitz rutscht, ohne aufzuwachen.

Endlich ist die Musik wieder lauter als die tobende Party und der Waggon gerät nun gefährlich ins Schlingern.

Marijke ringt mittlerweile nach Luft, weil sie sich an einem Bündel Salzstangen verschluckt hat, das sie sich beim Tanzen und Hüpfen zu schnell in den Mund gestopft hat, und nun hat sie einen Breiklumpen im Hals. Sie bedeutet puterrot und heftig rudernd, dass sie jemand auf den Rücken klopfen möge, aber keiner kümmert sich um sie.

"Eigentlich ist das alles hier ja nur ganz krass blöde und öde", schreit Lydia gellend auf, als David Hasselhoff zum 100. Mal ertönt, vergräbt das Gesicht in den Händen auf dem Schoß und fängt an, haltlos und lauthals zu flennen.

Markus nickt gedankenverloren und zündet sich noch eine Zigarette an.

"Ja, und gleich kippen wir um. Aber das gibt vielleicht doch eine gute Geschichte ... Die würde ich gerne schreiben!", murmelt er.


Der Bericht der Feuerwehr geht davon aus, dass die S-Bahn durch das rhythmische und federnde Hüpfen und Tanzen der fast 100 spontanen Ringbahn-Partygäste genau in dem Moment kippte, als sie den Tanklastzug mit Flüssiggas passierte. Die Explosion traf nur den einen Waggon, in dem die Randale stattfand. Der einzige Überlebende, ein bewusstloser älterer Herr, beklagte sich hinterher ganz unverletzt, aber sehr bitter, über Magenverstimmung, einen Brummschädel und die heutige Jugend.


(Gemeinsamer Plot nach einer Zeitungsnotiz vom 6. Juni 2010, dem Brainstorming zum Thema "Langeweile" und dem vorher festgelegten Ende einer "Explosion". Die dabei anwesenden Autoren wurden bereits vorgestellt.)

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Genres:
* Prosa * Abenteuer *


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