Eine leichte Entscheidung

Von Sabrina und Dieter

Schleppend langsam schob sich der Stadtbus durch den Feierabendverkehr über dem Kurfürstendamm. Es war Freitagabend, Anfang Dezember und die Straßen voller kitschiger Lichter, die in den blattlosen Baumkronen zwischen den Spuren hingen wie leuchtender Sprühregen, ausgegossen von einer Fee im Glühweinrausch. Ganz Berlin schien sich durch diese Straße zu quetschen, um das im Laufe der Woche noch hart erarbeitete Geld mit hektischen Händen in die Rachen von Karstadt, Wertheim und Konsorten zu schleudern. Im Vorbeifahren glitt Bastians Blick über unzählige Passanten vor einem Hintergrund aus weihnachtlich dekorierten Schaufenstern und überdimensionalen Werbeplakaten. Es gab alles: telefonierende Krawattenträger, Penner mit Obdachlosenzeitschriften, Weihnachtsmänner, Businessfrauen und junge, kichernde Mädels mit mehr Tüten, als sie tragen konnten, die ihn allesamt an seine Schwestern erinnerten. Zumindest, bis sein Atem an der kalten Scheibe kondensierte und alles mit einem Schleier überzog.

"1 Zimmer, Küche, Bad, Souterrain, Vermietung durch den Eigentümer, Besichtigung Freitag, 18:30, Treffpunkt vor der Haustür." Der Zettel, den der Medizinstudent mit Handschuh-bewehrten, langen Fingern aus der Manteltasche gezogen hatte, war abgewetzt. An die 15 Adressen standen darauf, einige durchgestrichen, wenige noch zu besichtigen. Nicht, dass er sich große Chancen ausmalte, ausgerechnet in dieser exklusiven Gegend eine Wohnung zu bekommen – irgendein Angestellter mit festem Einkommen würde sein läppisches Bafög schon übertrumpfen – aber der Vollständigkeit halber musste er es auch hier versuchen. Denn andererseits: wer, außer einem Studenten ohne Kohle, wollte schon freiwillig in einem Keller hausen, der in einem Haus lag, in dem auch gleich der Vermieter wohnte? ... Wenn diese Bleibe auch in einer Nebenstraße der wohl berühmtesten Einkaufsmeile der Hauptstadt lag. Er seufzte. Sie war bestimmt ranzig, sinnierte er. Die Wohnung. Eins von diesen Wohnklos, bei der geringen Miete an diesem teuren Ort. Aber man durfte in seiner Situation nicht wählerisch sein.

Als der Bus an der Station seiner Wahl hielt, schnappte sich der 23-Jährige seine Tasche und stürzte sich ins Vergnügen. Es war schweinekalt, als er durch die immer wieder abzweigenden Straßen irrte, die Schilder mit deren Namen im steten Blick, Nase und Ohren, die aus dem Schal herausguckten, ersten Erfrierungserscheinungen nahe. Ob dieser Keller wohl gut beheizt war? Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, während er den Wollstoff ein wenig höher in sein Gesicht zog.

Die Gegend an sich wirkte schon recht gemütlich. Da gab es ein "Ristorante Luigi" mit einladenden Fenstern, durch die man bei Kerzenlicht speisende Gäste betrachten konnte, sowie viele elegante Wohnhäuser, einige Büros und Arztpraxen, wesentlich weniger Geschäfte als noch fünfhundert Meter weiter. Es wäre nicht schlecht hier. Wenn er sich auch weder Luigis Pasta noch die kleinen Läden für den alltäglichen Einkauf leisten könnte.

Endlich stand er vor einem schmalen, hohen Altbau, der sich rechts und links nahtlos an andere schmale und hohe Altbauten schmiegte und dessen Fassade einige schicke Schnörkel aufwies. Er hatte die richtige Nummer. Durch die Glaseinlagen des zweiflügeligen Haupteingangs erspähte Bastian einen breiten, sanft beleuchteten Hausflur, im Hintergrund ein Treppenhaus. Kronleuchter. Imposant. Nur wo war der Vermieter – und noch viel wichtiger, wo die Konkurrenz des Studenten? Argwöhnisch blickte Bastian die Straße hinunter und stand sich frierend die Beine in den Bauch.

Da flammte im Treppenhaus der Kronleuchter plötzlich auf und nach einer Minute sah er die Umrisse eines wohlgenährten, älteren Mannes die letzten Stufen hinuntersteigen. Die Tür öffnete sich mit einem leise vernehmlichen Quietschen nach innen und eine polternde Stimme fragte kurz und schmerzlos: "Sind sie der Student?" Bastian wich instinktiv einen Schritt zurück, doch im gleichen Moment wurde ihm klar, dass das sehr unhöflich wirken musste und er beeilte sich daher, mit ausgestreckter Hand in die ihm aufgehaltene Tür einzutreten. "Dat junge Frollein, das sich och für die Wohnung interessiert hatte, rief jerade an und sagte ab, weil se noch Überstunden machen muss. Na ja, hat se eben Pech jehabt!", erklärte der Hausbesitzer, während der die knabenhafte Hand des Studenten in seinem rechten Schraubstock zu zerquetschen drohte. "Na dann komm’ se mal rein in die jute Stube", fuhr er seinen Monolog fort, während hinter ihnen die Haustür ins Schloss fiel., "is ja wieder ein echtes Sauwetter da draußen!" Bei diesen Worten suchte er an seinem riesigen Schlüsselbund nach dem Exemplar, das die Tür zum Keller öffnen würde. Als er es endlich gefunden hatte, fuhr er mit dem Bart in das Schlüsselloch und nachdem man ein zweifaches, klickendes Geräusch vernommen hatte, sprang die Tür wie von selbst auf und gab den Blick auf eine abwärtsführende Treppe frei. Der aufgesetzte, weiße Lichtschalter neben der Tür war noch aus einem porzellanähnlichen Material und eine halbe Drehung des zeigerähnlichen Mittelteils ließ eine klare Glühbirne von mindestens 75 Watt aufflackern. Etwas gespenstisch wirkte die Szene schon. Wie der Abgang in einen mittelalterlichen Kerker. Warum musste Bastian urplötzlich an die Geschichte des Grafen von Monte Christo denken? Während beide die ca. 10 Stufen abwärts stiegen, erklärte der Besitzer noch wie nebensächlich: "Steht schon ne Weile leer, weil die Leute immer hoch hinaus wollen, am besten ins ausgebaute Dachgeschoss. Und kaum wohnen se dort ein halbes Jahr, wollen se auch schon wieder ausziehen , weil es ihnen im Sommer zu heiß wird und sie es leid sind, die gesamten Lebensmittel und den anderen Kram nach oben zu schleppen." Nun waren sie vor der eigentlichen Wohnungstür angekommen Und wieder ging die Suche am Schlüsselbund los. "Ach, da ist er ja!" kam der erleichterte Ausruf des Vordermannes und ein paar Sekunden später stand sie beide in einem winzigen Flur, von dem aus 3 Türen in die verschiedenen Zimmer führten. Hinter der Ersten befand sich das Bad mit einer alten Emaillewanne auf vier Beinen, die an die Pranken von Löwen an Spingen erinnerten. Darüber befand sich ein Gasboiler der Marke Vaillant, wie der Student unschwer an dem Logo mit dem Hasen erkennen konnte. Das Klo hatte eine zweiteiligen, hölzernen Deckel, aber es gab keinen Spülkasten, wie sonst üblich. Der zweite Raum entpuppte sich als Küche. Auch er hatte in halber Höhe ein vergittertes Fenster, das auf die Straßenseite führte. Es gab eine Spüle mit einem Becken und einem Riffelblech, zwar aus Chrom, aber matt und vom Kalk gezeichnet. Gegenüber stand ein alter, viertüriger Küchenschrank, wie Bastian ihn von der Wohnung seiner Großeltern im Prenzlauer Berg her kannte. "Und nun das Prunkzimmer!" tönte der Besitzer mit sichtlichem Stolz. "35 m² Luxus pur". Die eine nackte Glühbirne in der Notfassung konnte den ziemlich großen Raum kaum ausleuchten, da die Wände mit einer dunkelroten Stofftapete ausstaffiert waren und der riesige Teppich mit seinem dunklen Muster ebenfalls das Licht nur so verschluckte. Zwei sehr imposante Fenster waren auf der, der Tür gegenüberliegenden Wand auszumachen und eiligen Schrittes bewegte sich der Hausbesitzer auf das rechte davon zu und öffnete es mit einigen ruckartigen Bewegungen, weil die Flügel scheinbar klemmten. Als der Student an das Fenster trat, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Im Hof , in ca. 12 Metern Entfernung, stand eine Art Gewächshaus, hell erleuchtet und drinnen standen überall Staffeleien mit Bildern darauf. Einige Statuen sorgten für eine gewisse Abwechslung. Und dann entdeckte er die rothaarige Frau in ihrem weißen Kittel, in der rechten Hand einen langen Pinsel, in der linken eine altmodische Farbpalette. Ihm entwich ein Seufzer und er drehte sich zum Vermieter um und stöhnte fast: "Ich nehm’ sie!"

hoch

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Genres:
* Prosa *


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