Hinter der Scheune

von Silke und Nadine

Es war Krieg und sie hatten einen verletzten Soldaten hinter der Scheune. Die Tochter hatte ihn gefunden, morgens, als sie den Nachttopf in die Sickergrube hatte leeren wollen. Er kauerte neben dem Hühnerstall. Eine Blutspur zeigte den Weg, auf dem er gekommen war. Das letzte Huhn flatterte aufgeregt.

Die Tochter blieb ruhig. Sie sah, dass er die Uniform der Feinde trug, aber sie sah auch, dass seine Hüfte blutete und sein Halfter leer war. Sie ging an ihm vorbei und leerte den Nachttopf aus. Er ließ sie nicht aus den Augen. Als sie auf dem Rückweg wieder an ihm vorbei kam, streckte er eine Hand nach ihr aus und sagte etwas in einer fremden Sprache. Sie machte einen Bogen um seinen Arm, als ginge sie diesen Umweg immer, und kehrte ins Haus zurück.

"Hinter der Scheune liegt ein Soldat", begrüßte sie ihre Mutter. Die Frau sah auf.

"Er ist ein Feind", setzte die Tochter hinzu. "Aber er ist verletzt. Ich glaube nicht, dass er noch lange lebt, aber er macht dem Huhn Angst."

"Hühner, die Angst haben, legen keine Eier", antwortete die Mutter.

Sie legte die Mohrrübe, die sie geschält hatte, zu den anderen, wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging hinaus. Die Tochter folgte ihr. Sie waren allein auf dem Hof, der Vater und die beiden Brüder waren in einem fremden Land gefallen. Der Soldat war der erste Mann, den sie seit langem sahen. Die Mutter musterte ihn eingehend. Er war jung, kaum älter als der älteste Bruder. Seine Hüfte blutete noch immer, der große rote Fleck auf seiner Uniformhose glänzte feucht.


"Steh auf!", befahl sie. "Du kannst hier nicht bleiben! Verschwinde!"

Der junge Soldat antwortete schmerzverzerrt etwas Unverständliches, seine Hand wanderte dabei zur Wunde. Die Mutter verstand schon, aber es war ihr unmöglich, diesen Mann zu verarzten, er war der Feind! Vielleicht war sein Land sogar schuld an dem Tod ihres Mannes und der Söhne. Es ging nicht! Ihr Herz hatte keine Gefühle mehr, es starb, als sie starben.

"Mutter? Was hältst du von ihm?", fragte die Tochter nach einer Weile. "Wir können ihn hier doch nicht verbluten lassen."

"Wir begehen Verrat an UNSEREM Land, wenn wir ihm helfen, Johanna! Sicherlich hat auch er auf andere geschossen. Hatte er da Mitleid mit dem Opfer? Sicher nicht. Ich werde ihm nicht helfen.", antwortete sie hartherzig. "Wir gehen jetzt wieder ins Haus, sollen doch seine Kameraden helfen."

Nachdem sie das Gitter des Huhnes versetzten, folgte Johanna ihrer Mutter wortlos. Sie hatte bestimmt recht. Dennoch empfand sie Reue, dass so entschieden wurde. Sie hatte die Angst in den Augen des Soldaten gesehen. Todesangst.

Stumm bereiteten sie nun die einzige Mahlzeit des Tages zu, Möhrensuppe. Zur Zeit gab der Boden nur Möhren her. Einmal die Woche gingen sie ins Dorf und versuchten, einige Kartoffeln zu erhaschen, aber auch die waren knapp. Sie hatten ständig Hunger und es wäre unvernünftig gewesen, einen zusätzlichen Mund zu stopfen.

Während sie aßen, fing das Huhn wieder an, aufgeregt zu gackern. Stur ignorierten sie dieses Geräusch und löffelten ihre wässrige Suppe weiter. Johanna schielte ihre Mutter seitlich an. Wie hager und verbittert sie doch geworden war. Die Furchen auf ihrer Stirn waren tiefer denn je und jegliches Lächeln auf ihrem ehemals so friedvollen Gesicht war entschwunden.

Der Krieg hinterließ überall seine Wunden.

Leise aber bestimmt murmelte Johanna über den Küchentisch: "Er ist noch so jung! Er ist so alt wie Paul! Vielleicht wollte er gar nicht in den Krieg ziehen. Meine Brüder wurden auch gezwungen. Lassen wir ihn sterben, sind wir nicht besser wie alle anderen Soldaten."

"Halte den Mund! Warum tust du nicht, was man dir sagt? Ich sagte nein! Hatte man Paul geholfen?Oder Ludwig? Oder deinem Vater??", raunzte die andere zurück und Tränen schimmerten in ihren Augen. In ihrer Rage hatte sie den Löffel fest umklammert, sodass ihre Knochen weiß zum Vorschein kamen. Nach einer Weile hauchte sie:" Ich kann nicht..."

"Wir können es gemeinsam tun, Mutter!", antwortete ebenso leise Johanna. Sie legte behutsam ihre Hand auf die ihrer Mutter und drückte sie sanft.

"Und dann? Selbst wenn wir die Blutung stoppen können und er überlebt, was dann? Wir haben nicht genug zu Essen zu dritt! Wo soll er hausen? Im Stall? Und wenn seine Kameraden ihn finden? Oder die SS findet ihn bei uns? Es geht nicht!", sprach die Ältere und starrte dabei in das karge Zimmer, das Küche und Schlafraum zugleich war.

"Es wird sich finden. Wir werden ihn bitten, zu gehen! Nur lass uns ihn retten!", bettelte nun Johanna. Sie hatte Angst, dass es allmählich zu spät war.

Mit einem Ruck erhob sich Margarete, wie man ihre Mutter auch rief, und räumte den Tisch ab.

"Du hast recht. Hol ihn rein.", krächzte sie .

Mit klopfendem Herzen stand nun auch Johanna auf und ging zur Tür. Als sie die Klinke umfasste, drehte sie sich nochmal um und flüsterte ein Danke.

Während Margarete nun alles für den Eingriff vorbereitete, ging ihre Tochter zur Scheune, um den Patienten erneut in Augenschein zu nehmen. Er lag noch immer an der gleichen Stelle, wo sie ihn verlassen hatten. Resigniert und müde schaute er zu dem Mädchen hoch.

"What do you want?? Let me die!", rief er kraftlos.

Doch sie ließ sich nicht mehr einschüchtern. Sie blieb auf Armeslänge vor ihm stehen und fixierte ihn mit ihrem Blick.

"Sei ruhig und lass dir helfen! Willst du sterben oder leben? Stell dich also nicht so an!" Sie zeigte auf seine Wunde. Der rote Fleck wuchs bedächtig an und es wurde Zeit, ihn zu verarzten.


Nach umständlichen Gesten half Johanna dem jungen Soldaten auf die Beine. Mehr gezogen wie gestützt, schleppte sie den Verletzten in die Küche. Bereit stand da der Esstisch, der nun als OP-Tisch dienen sollte. Margarete hatte wieder ihre fleckige Schürze übergestreift, in der Hand ein Messer, welches sie vorher nochmals geschliffen hatte.

Ängstlich und mit wackelnden Beinen stand der Mann da und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

Margarete deutete ihm an, er solle sich auf den Tisch legen. Er wirkte unsicher, gab dann aber nach, als er seine Wunde betrachtete. Unbeholfen rollte er sich auf diesen, das Gesicht schmerzverzerrt, jedoch keinen Ton von sich gebend.

"Johanna, kümmere dich um den Topf heißen Wassers dort drüben. Es soll heiß bleiben, damit wir die Wunde waschen können. Und nun zu dir. Ich werde mein möglichstes tun. Wir haben keinen Alkohol, um dich zu betäuben, also werden wir dich festbinden müssen. Gegen den Schmerz habe ich nur dieses Stück Holz. Beiß darauf!", und Margarete band ihn fest und gab ihm das Holz.

Er fing an, immer heftiger zu atmen, seine Augen wurden immer größer und Tränen rannen, als die Mutter mit der Schere die Stoff-Fetzen zerschnitt.

"Ist gut! Johanna halte seinen Kopf und lenke ihn ab.", sprach sie nun etwas sanfter. Sie wusste, dass er starke Schmerzen hatte, die Kugel hatte sich tief ins Fleisch gefressen. Mit einem warmen, nassen Tuch, das ihr die Tochter gab, wischte sie erst einmal das geronnene Blut von dem verklebten Körper.

Es sah nicht gut aus. Sie hielt inne und versuchte, sich nun selbst zu beruhigen. Ihre Gedanken begannen gerade, sich wie ein Karussell zu drehen. Du hast bisher nur Tiere verarztet! Es sieht schlimm aus. Was, wenn er stirbt? Sie blickte in die Runde. Messer? Liegt bereit. Nadel und Faden? Liegt bereit. Pinzette, um die Kugel zu holen? Ist auch da. Sie sah ihren Patienten an. Er hatte bereits seine Augen geschlossen und wartete angespannt auf den ersten Schnitt.

Nach einem Stoßgebet zum Himmel setzte sie das Messer mit ihren zitternden Händen an.

Ein dumpfes Stöhnen erklang durch den kleinen Raum. Johanna fing an, leise zu singen. Sie starrte aus dem Fenster und streichelte sein schweißgebadetes Haar. Wieder und wieder krümmte sich der Körper vor Schmerzen, während Margarete verzweifelt nach der Kugel suchte.

"Halte ihn fest. Du musst ihn festhalten! Ich finde sie sonst nicht!" rief die Mutter.

Ihre Tochter lief um den Tisch herum und hielt mit ihren schmalen Händen den zuckenden Leib in eine stabile Position.

"Er verliert zuviel Blut!", jammerte schließlich die Ältere. Aber endlich sah sie dann etwas Dunkles schimmern. Mit der Pinzette griff sie tiefer und beförderte den Übeltäter zutage. Sogleich spritzte ihr eine Fontäne frischen Blutes entgegen. Schnell griff sie rückseitig nach einigen sauberen Tüchern, um die Blutung zu stoppen.

Aber es half nichts. Sie hielt das Blut nicht auf.

Nach quälenden Minuten sank der Mann schlapp auf den Tisch zurück. Ein letztes, ersticktes Stöhnen war zu hören. Sein Kopf kippte zur Seite und seine Augen glotzten ins Leere.

Entsetzt starten die beiden Frauen den leblosen Körper an.

"Wir haben ihn umgebracht!", stotterte Johanna.

"Haben wir nicht. Er wäre auch so gestorben.", antwortete ihre Mutter .

Erschöpft fielen sie auf ihre Stühle. Sie konnten ihn beide nicht ansehen. Blutverschmiert betrachtete Margarete ihre Hände. Sie zitterten jetzt noch heftiger.

Du kannst es nicht ändern! Dachte sie immer wieder. In der erdrückenden Stille hörte man nur den immer noch brodelnden Topf voller Wasser.

Dann lief sie mutlos quer durch die Küche und versuchte, wahllos Ordnung zu schaffen. Sie musste was tun.

"Mutter, was machen wir jetzt?", fragte Johanna verunsichert. Sie bekam keine Antwort. Das Blut tropfte auf den Boden und bildete allmählich eine Lache. Langsam nahm sie die restlichen Tücher aus der Ecke und fing an, die Blutflecken aufzuwischen..

Wortlos machten sie sich jetzt daran, das Chaos aus ihrer Mitte zu tilgen. Sie scheuerten den Boden, um das verräterische Blut zu beseitigen. Bis auf den Tisch, den sie weiterhin ignorierten, war bald alles sauber und stand an der richtigen Stelle.

"Wir graben ein Loch, wenn es dunkel ist.", sagte Margarete nach einer Weile. Sie nahm ein altes Laken aus einer Truhe und deckte damit den Leichnam zu.

Beide spürten, dass sie nicht in dem Haus bleiben konnten, solange der Soldat dort noch lag. Also gingen sie auf den Hof, um sich krampfhaft zu beschäftigen. Johanna kümmerte sich um das Huhn und ihre Mutter ging auf´s Feld.


Als die Nacht hereinbrach, suchten sie sich hinter der Scheune einen geeigneten Platz für das Grab.

Unbeobachtet gruben sie gemeinsam mit einer stumpfen Schaufel ein Loch in den Boden. Kein Licht brannte, nur der Mond erhellte die Ebene. Nach einer Stunde war das Grab groß genug, um die Leiche aufzunehmen.

Umständlich rollten sie ihn fester in das Laken und schleiften ihn aus dem Haus zu der Stelle. Er war schwer und unhandlich, die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.

Mit krummen Rücken und schmerzenden Gliedern hievten sie ihn in das Loch. Ihm fahlen Licht verharrten sie kurz und Margarete sprach ein Gebet, bevor sie ihn mit Erde bedeckten. Mechanisch füllten sie die Grube, bis nichts mehr auffällig wirkte.

Als alle Arbeit getan war, schauten sie sich lange an. Mutter und Tochter hatten nun ein schreckliches Geheimnis zu wahren.

Als Johanna die Tragweite bewusst wurde, musste sie sich an der nächstbesten Stelle übergeben. Sie spuckte alles aus, was sie hatte, so schlecht ging es ihr. Ihre Mutter hielt geduldig ihr langes Haar und versuchte, sie zu beruhigen.

"Komm Kind, lass uns hinein gehen.", meinte sie nach einer Weile. Margarete brühte ihr noch einen Kamillentee, bevor sie sich zu Bett legten. Beide konnten nicht schlafen, denn sie fühlten sich selbst wie in einem offenen Grab. Lautlos weinte nun Margarete in ihr Kissen, denn sie hatte wieder einen Menschen nicht retten können.


Als der Morgen graute und beide erwachten, hatte der Krieg wieder eine Wunde hinzugefügt. Nichts war wie zuvor.

hoch

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Genres:
* Prosa * Historisches *


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