Im Reich der Träume

von Nadine und Jeanne

Brennende Augen, schwere Glieder. Es ist eine Anstrengung, bei Bewusstsein zu bleiben. Die Bilder verschwimmen nach und nach, die Stimmen und Geräusche entfernen sich. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft, dabei zu sein! Ich lasse los. Stille umfängt mich. Warme Farben, Kreisel und Punkte erscheinen vor mir, ich fühle meinen Körper nicht mehr. Bizarre Szenen steigen auf und tauchen mich in skurrile, wirre Geschichten. Nun bin ich angekommen im Reich der Träume.

Eine neue Welt tut sich vor mir auf. Mir erscheint es, als betrete ich einen großen Raum, der sich in alle Richtungen erstreckt. Kugeln schweben darin. Sie scheinen etwas Gasförmiges zu enthalten. Ich bewege mich auf eine der Kugeln zu, deren Gas hellblau strahlt und sich spiralförmig dreht, als ob es in der Mitte einen Sog gebe. Zaghaft strecke ich meine Hand aus und berühre die Kugel vorsichtig mit dem Zeigefinger. Doch es ist keine Kugel aus Glas, wie ich fälschlicherweise angenommen habe. Die Oberfläche ist weich. Sie gibt die Wellen der Spirale wieder und ich kann mit dem Finger hinein tauchen. Eine Empfindung von Frische fließt auf einmal durch meinen Körper. "Wie angenehm", geht mir durch den Kopf, woraufhin ich mich weiter auf die Kugel zu bewege und meine Hand ganz in ihr verschwindet. Plötzlich erfasst mich die Spirale, die Kugel schwillt an und verschluckt mich.

Das Gefühl von Frische bleibt. Dazu kommt eine Briese, die durch meine Haare weht. Ich befinde mich auf einer Klippe. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich wohl unwillkürlich die Augen geschlossen habe. Es ist eine traumhafte Landschaft, auf die ich sehe. Die Klippe aus Schiefer und Basalt endet direkt am Meer. Dieses liegt friedlich da, nur eben jene kleine Briese, die mich umspielt, bewegt die Luft und trägt salzigen Geruch in meine Nase. Ich schaue hinunter. Es sind bestimmt zwanzig Meter bis zur Meeresoberfläche. Das Wasser kräuselt sich ganz leicht und ich erkenne einen Fischschwarm. Ich betrachte eine Weile seine Bewegungen, dann sehe ich mich weiter um. Hinter mir wachsen Gräser und Bäume. Die Stelle, an der ich stehe wirkt wie eine Lichtung, eine Enklave zwischen Waldrand und Meer. "Eine neutrale Zone...", kommt mir in den Sinn, "nur, was hat es damit auf sich?" Doch der Gedanke entschwindet so schnell, wie er gekommen war. Bisher hatte ich mich nicht weiter bewegt, doch nun treibt mich meine Neugierde zur Erkundung dieses Ortes. Da die Klippe sehr steil abfällt und es mir zu hoch für einen waghalsigen Sprung ist, wende ich mich in Richtung Wald und mache einen Schritt nach vorne. Doch ich kann mich nicht bewegen! Ich stecke fest. "Aber worin? Und wie ist das möglich?" Ich versuche, meinen Arm zu heben. Das geht auch nicht, besser gesagt, nicht wirklich. Ich komme etwa dreißig Zentimeter weit und bleibe dann in der Luft stecken, wie in einer Röhre. Unruhe erfasst mich. Ich will hier weg und blicke unwillkürlich nach oben. Das scheint ein Signal gewesen zu sein! Der Sog erfasst mich erneut und in Sekundenschnelle befinde ich mich wieder im Kugel-Raum. Nur noch mein Zeigefinder berührt die Kugel mit der hellblauen Gasspirale. Ich ziehe ihn heraus und merke, wie sich das Frische-Gefühl wieder verflüchtigt. "Irgendwie seltsam", denke ich und schaue mich nun etwas genauer in dem Raum um.

Mir fällt dabei auf, dass nicht alle Kugeln rund sind, ja dass es sich nicht einmal immer um Kugeln handelt. Ich erkenne auch andere geometrische Formen wie Zylinder und Pyramiden. Alle enthalten oder vielmehr bestehen jedoch aus diesem gasförmigen Etwas, ähnlich dem, was ich berührt habe, in den unterschiedlichsten Färbungen und verschieden stark leuchtend. Ich bewege mich durch den Raum, mehr schwebend als laufend. Nun hat eine orange-lilafarbene Pyramide meine Aufmerksamkeit geweckt. Ihre Strahlkraft leuchtet in Wogen auf und nimmt dann wieder ab. Es erinnert an den Dimmer einer Lampe, schnell hintereinander von hell zu dunkel und zurück in einer Endlosschleife. Ich strecke wieder vorsichtig meine Hand und meine Finger aus. Auch dieses Mal schwillt die Form an und ich versinke darin.

Allerdings habe ich jetzt das Gefühl, in Treibsand geraten zu sein. Außerdem bekomme ich einen elektrischen Impuls zu spüren, fast wie ein winzig kleiner Elektroschock. Ich befinde mich in einem Raum mit orangenen Wänden. Um mich herum wirbeln in lila Farbnuancen kleine Schlangen: Sie schlängeln sich auf dem Boden, sie kringeln sich in der Luft, sie sammeln sich in Gruppen und stieben dann wieder auseinander. Manche sind länger, manche kürzer und alle scheinen irgendein Ziel zu haben. Ich wage den Versuch, mich zu bewegen. "Es geht!" Erfreut und bemüht, nicht auf die Schlangen zu treten, nähere ich mich einer der orangefarbenen Wände. Die Schlangen machen einen Bogen um mich und problemlos erreiche ich die Wand. Beim Näherkommen erkenne ich Erhebungen, Vertiefungen und... "lila Farbe?" Tatsächlich. Die Schlangen suchen sich alle einen Platz an der Wand und bleiben dort haften. "Daher also ihre Zielstrebigkeit." Teilweise baumeln sie wie Ketten oder Teppiche von der Wand. Andere ziehen sich wie Text auf einer Buchseite über ganze Ebenen hinweg. Ich nehme Buchstaben, Zahlen, Symbole und abstrakte Formen war, aber meine zur Zeit eher geringe Konzentration und das Gewusel der Schlangen lassen es nicht zu, dass ich etwas Genaueres erkenne. Ich blicke mich noch einmal in dem Raum voller Geschäftigkeit um und hebe dann den Kopf nach oben. Wie bereits in der hellblauen Spirale bewege ich mich wieder aufwärts. Dieses Mal habe ich das seltsame Gefühl, durch Treibsand nach oben zu rutschen, der elektrische Impuls bleibt jedoch aus. Ich stehe nun wieder im Formen-Raum und mein Finger ist immer noch mit der Pyramide verbunden. Ich ziehe ihn heraus und suche, noch neugieriger geworden, nach weiteren Formen. Es scheint eine Verbindung zwischen den unterschiedlichen Formen, Farben und dem Inhalt, sowie meinen Möglichkeiten darin zu geben.

Ich sehe einen fünfstrahligen pinkfarbenen Stern ein wenig entfernt und nähere mich ihm. Er leuchtet an den Spitzen und wird nach innen immer dunkler. Ich tauche wie die ersten beiden Male ins Gas ein und lande in einem weihnachtlich geschmückten Raum. Vor mir spielt sich eine Bescherung an Heiligabend im familiären Kreis ab. Die Personen bemerken mich gar nicht. Sie laufen sogar geradewegs durch mich hindurch. Neben dem Weihnachtsbaum sehe ich ein kleines Mädchen in einem pinkfarbenen Kleidchen, das gerade eine neue Puppe auspackt. Sie freut sich sehr über ihr Geschenk. Ich muss lächeln, da ich mich selbst wiedererkannt habe. "Das ist also das Geheimnis des Sterns!" Ich wende meinen Blick aufwärts, um zurück in den Formen-Raum zu gelangen.

Hinter dem Stern gibt es eine Verengung, quasi ein Gang, in dem völlige Dunkelheit herrscht. Hin und wieder blitzen darin Lichtpunkte auf. "Kann ja nicht so schlimm werden", denke ich und mache mich, neugierig wie ich nun mal bin, auf den Weg. Es dauert nicht lange, dann komme ich am anderen Ende heraus und stehe erneut in einem Raum voller Formen, ähnlich dem, den ich gerade verlassen habe. Die aufblitzenden Lichtpunkte sehe ich auch auf dieser Seite, dennoch befand sich keiner davon im Gang. Es sind die Lichter, die von den Formen ausgehen und die durch die Dunkelheit hindurch in den anderen Raum strahlen. Fast so, als wollten sie mir den Weg weisen.

Die nächste Form, die ich betrete ist abstrakter: oben kugelig, unten eckig und seitlich kommen kleine Spitzen heraus. Ihr Strahlen ist so intensiv und grell, dass ich keine Farbe erkennen kann. Dieses Mal finde ich mich in einer weiten weißen Ebene wieder, durch die Blitze in allen Farben des Regenbogens zucken. Dann verändert sich die Szenerie und ich stehe in einem Hinterhof. Ich trage eine rote Pluderhose und ein weißes Gewand. In meiner Hand halte ich ein Blatt Papier. Es ist leer. Ich drehe es um. "Bitte beachten Sie nicht dieses Schild!", steht darauf. "Komisch, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Wo habe ich das denn schon mal gelesen?" Dann fällt es mir wieder ein: im Internet, in einem Cartoon mit einer Fledermaus, Fred fon Flatter oder so ähnlich. In diesem Moment kommt etwas großes Dunkles auf mich zu. Ich ziehe mein Schwert – "Wo kommt das eigentlich auf einmal her? Egal!" – und pariere den Angriff. Das Etwas weicht aus und greift mich erneut, nun über die rechte Seite, an. Ich weiche aus und ducke mich. Beim dritten Angriff reiße ich meinen Arm mit voller Wucht nach oben und schlage beim Herunterziehen dem Wesen den Kopf ab. Warmes dunkelrotes Blut fließt über meine Hände. Es handelt sich bei dem Wesen um eine Fledermaus, genauer gesagt um die Fledermaus aus dem Cartoon. "Was ist denn hier los?" Ich wische das Blut an einem Stofffetzen ab, den ich auf dem Boden gefunden habe, und gehe vorsichtig die Gasse entlang. Am Ende wird es heller und ich stehe an einer großen Straße. Die Leuchtreklame blendet mich. Ein kleiner Junge kommt auf mich zu – ich weiche zurück, doch er scheint keine böse Absicht zu haben. Er ruft mir in vertraulichem Ton entgegen: "Haru, ein Glück! Du lebst noch. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, da ich dich nicht mehr rechtzeitig warnen konnte. Warum hast du denn deinen Geist so abgeschirmt? Wie schlimm war der Fred-Angriff? Wann wird er wohl das nächste Mal angreifen?" "Nicht so schnell", antworte ich mit heiserer Stimme, "ich glaube, das Vieh ist tot." "Was?! Wie hast du das denn geschafft? Bisher sind alle nur knapp dem eigenen Tod entronnen und schwerverletzt heimgekehrt. Du bist ja voller Blut! Wie schwer bist du verletzt? Ich hole schnell einen Heiler..." "Warte", entgegne ich, bevor der Junge losrennen kann, "das ist nicht mein Blut sondern seins. Ich habe nicht besonders viel abbekommen." Das bringt mir ungläubige Blicke des Jungen ein: "Na gut, dann komm mit. Wir gehen am besten auf dem schnellsten Weg zu Frau Wong und kleiden dich neu ein." Das Schwert verbergen wir unter dem Stofffetzen und dann führt mich der Junge durch dunkle, enge Gassen abseits der großen Straße. Nach einem etwa zwanzig minütigen Fußmarsch und gefühlten hundert Abzweigungen halten wir vor einer hohen Treppe aus blauem Marmor. Wir erklimmen die tausend Stufen und stehen anschließend vor einem buddhistischen Tempel. Ich drehe mich um und habe einen sagenhaften Blick auf die Großstadt zu meinen Füßen. Der Junge schließt die Augen und konzentriert sich. Ich warte ab. Als er die Augen wieder öffnet sagt er vorwurfsvoll: "Du hättest mir ruhig helfen können. Du weißt doch, wie schwer mir das Anklopfen fällt. Ich verstehe nur Bahnhof und will gerade dazu ansetzen, dies auch kundzutun, da kommt uns aus dem Tempel eine ältere Frau entgegen. Sie murmelt etwas, woraufhin es in der Luft statisch knistert. Der Junge läuft daraufhin der Frau in die Arme und auch ich gehe langsam auf sie zu. Sie umarmt mich herzlich: "Vielen Dank. Du hast unseren Tempel befreit. Nach so vielen Jahren werden wir uns endlich wieder frei und ohne Furcht durch unsere Stadt bewegen können. Wir werden in Kürze ein großes Freudenfest hier auf dem Himmelsberg ausrichten und du sollst unser Ehrengast sein. Aber nun solltest du dich erst einmal erfrischen, ausruhen und dir neue Kleider anziehen, denn du bist ja voller Blut. Sollen wir auch einen Heiler bitten, deine Wunden zu versorgen? Wie sehr bist du verletzt? Oh, du musst unbedingt jede Einzelheit des Kampfes erzählen. Dein Sieg wird alle interessieren..." Ich komme nicht dazu, ein Wort zu sagen, während sie den Jungen und mich unter einem nicht enden wollenden Redefluss in Richtung Tempel schiebt. Doch je näher wir dem Eingang kommen, desto verschwommener werden die Frau, ihre Stimme, der Junge und die ganze Szenerie. Ich zwinkere und dann finde ich mich wieder in der weißen Ebene wieder. Noch ein Wimpernschlag und ich stehe wieder im Raum mit den abstrakten Formen. Ich blicke leicht vernommen von der Form auf und ziehe meinen Zeigefinger heraus.

Ich will mir gerade eine neue Form zum Erkunden aussuchen, da kommt eine tiefschwarze, perfekt geformte Kugel auf mich zu. Ich weiche ihr aus, doch sie ändert ihre Bahn und rast unbeirrt in mich hinein. Mich überkommt das Gefühl, an einem tiefen Abgrund zu stehen. Um mich herum ist es nachtschwarz. Vorsichtig tasten meine Füße nach vorne. An einer Kante krallen sie sich fest. Ich versuche, meine aufkeimende Panik zu unterdrücken. Von hinten trifft mich ein starker Windstoß, so dass ich fast den Halt verliere. Es folgt ein zweiter und ein dritter, bis ich schließlich vornüber in die Tiefe falle. Ich schreie...

Und wach in meinem Bett auf. Die Decke liegt auf dem Fußboden und vom Fenster her kommen die ersten Strahlen des neuen Tages auf mein Gesicht. Der Roman, den ich abends angefangen habe, liegt aufgeschlagen neben mir. "Was für eine Nacht", denke ich, doch die Erinnerungen daran verblassen schon. Ich werfe einen Blick auf den Wecker und drehe mich wieder um. Bis zum Aufstehen ist noch Zeit.

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Genres:
* Prosa *


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