Interkultureller Austausch in Tromsø

Der Pinguin erreichte zu ersten Mal norwegischen Boden, als er im Tromsöfjord an Land gespült wurde. "Huch, wo bin ich denn hier gelandet?", fragte er sich. "Berge und Schnee, das ist ja wie zu Hause an der Sabrina Coast." Vorsichtig watschelte er über die Felsen und betrachtete die Lichter am anderen Ufer. "Das ist also das berüchtigte andere Ufer", erkannte er, während er sich die Wasserperlen von den Watschelfüßchen schüttelte. Doch noch bevor er über dessen Beschaffenheit sinnieren konnte, schob sich ihm eine große weiße Dunstwolke aus einer großen, braunen und, wie er bald feststellen sollte, auch sehr weichen Nüsternnase ins Gesicht. "Snakker du nooooooorsk?", brummte wer und betastete sein Köpfchen prüfend. "Smaker du godt?"

"Huaaaah", kreischte der Pinguin erschrocken und tat einen Satz nach hinten. "Was ist das denn für ein Monster?" Er starrte das fremdartige Wesen an. Es starrte zurück, einen verwirrten Ausdruck in den sanften braunen Augen. Nun, zumindest schien es kein Raubtier zu sein. Der Pinguin legte den Kopf schief, um es zu begutachten. Das Wesen tat es ihm nach.

"Hva er du?", brummelte es verwundert.

Das verstand er jedoch nicht, und so begann er vorsichtig, um das Monster herumzuwandern, das ihm mit seinem Kopf mit großen, aber sehr seltsam verzweigten Hörnern folgte, sich ansonsten aber nicht bewegte. Vier lange Beine! Vier Stück, was für ein seltsames Wesen das war.

"Hva er det du gjør?" fragte das Wesen ihn wieder.

"Alter Falter", antwortete der Pinguin und betrachtete sein Gegenüber dabei, wie es noch immer neugierig in der Luft schnupperte. Es hatte einen Schal um den langen, felligen Hals, ein Thermometer zwischen den Mahlzähnen, das bei all dem Nüsternspiel fast rausgefallen wäre, nun aber hastig wieder eingesogen wurde, und eine Bommelmütze zwischen den Hörnern. Außerdem war etwas, das der Pinguin im Vergleich zu seiner eigenen Anatomie für einen Schwanz befand, in ein weiteres, rot-blau-weiß-geringeltes Wollgebilde eingewickelt. "Ich versteh zwar nicht was du da laberst.... aber kann es sein, dass dir kalt ist?"

"Kaldt?", fragte das Wesen, "veldi kaldt!", und es schlotterte demonstrativ. Dabei drehte es den Hals nach hinten, über seinen Rücken hinweg, denn der Pinguin stand ja noch bei seinem rot-blau-weiß eingepackten Hinterteil. "Hva er det du gjør?"

Der Pinguin beugte sich vor und schielte zwischen den langen Beinen hindurch. "Alter Falter", wiederholte er und pfiff bewundernd durch den Schnabel.

Das Wesen schob seinen Kopf nun zwischen seinen Vorderbeinen hindurch, um den Pinguin besser beobachten zu können. "Hva er det du gjør?", beharrte es. Ihre Blicke trafen sich unter dem pelzig-braunen Bauch.

Der Pinguin überlegte kurz, ob er unter dem Wesen hindurch gehen sollte, doch dann entschied er sich, lieber außen rum zu gehen.

Kurz darauf stand er wieder vor dem Kopf, der ihn noch immer genau beobachtete. "So einen wie dich habe ich noch nie gesehen", erklärte der Pinguin. "Aber da du nett zu sein scheinst, teile ich gerne meinen Seetangschnaps mit dir, wenn du möchtest. Den haben wir bei mir zu Hause gemacht, und ich hab ihn als Wegzehrung mitgenommen. Hier." Und damit reichte der Pinguin dem Wesen einen kristallfarbenen Eiswürfel und nahm sich selber auch einen, den er sofort zu lutschen begann.

Der andere flapperte kurz mit den warmen, weichen Lippen, umfasste das ihm Dargebotene damit und zeigte daraufhin keine weiteren Anzeichen von Bewegung. Wahrscheinlich hatte er den guten, antarktischen Seetangschnaps einfach runtergeschluckt. Nun ja, schienen wohl harte Sachen gewohnt zu sein hier auf diesem seltsamen Flecken Erde, an den es den Pinguin hier verschlagen hatte – er hatte ja schon so einiges von dem driftenden Panda gehört, der ihm auf halber Strecke neben einem dehydrierten Schiffbrüchigen entgegen gekommen war. "Jeg føler meg merkelig", murmelte das Wesen und blickte leicht obstipiert. "Oi oi", entfuhr es dem Pinguin, der zwar noch immer nicht wörtlich verstand, was der andere ihm nach diesem Akt der Verbrüderung mitzuteilen gedachte, aber doch aus dessen Tonfall schließen konnte, "vielleicht verträgst du ja doch nicht so viel. Wenn du kotzen musst, bitte da ins Wasser", und er tippte in Richtung der Spiegelung des nicht ganz vollen Mondes.

Das Wesen folgte seiner Flosse mit einem panikangehauchten Blick. "Inni vannet?"

"Wann? Wann auch immer du dich danach fühlst, mein Bester... Ich glaub, ich brauch noch einen Schnaps", der Pinguin schob sich einen weiteren Würfel in den Schnabel und schloss die Augen, um das köstliche Seetangaroma zu genießen (und sich den nicht ganz so köstlichen Anblick des fremden Wesens zu ersparen, das seine Gabe einfach nicht zu schätzen wusste).

Das Wesen schwankte ein wenig. "Möööh!" stöhnte es.

Dann hatte der Pinguin eine Idee, wie er sich vielleicht doch mit dem Wesen verständigen könnte. Er zeigte auf sich selbst und erklärte: "Pinguin!" Das ganze wiederholte er mehrfach, bis das Wesen ihn irgendwann wohl verstand. "Binku Wien?"

"Naja", erklärte der Pinguin daraufhin. "Im Prinzip richtig, nur dass du natürlich an der Aussprache noch über muss. Es heißt Pinguin. Ping-Gu-In!"

"Pingku-Viehn?"

"Sehr gut. Und du?"

Das Wesen schaute ihn wieder verwirrt an.

"Du?"

"Jeg? Jeg er en elg!"

"Jaierenelg?", wiederholte der Pinguin irritiert und fragte sich, was das für ein blöder Name sei.

"Du er ikke noen Elg. Du er Pingku-viehn!"

Daraufhin wiederholte der Pinguin verzweifelt die Prozedur mit dem auf sich zeigen, Pinguin sagen und auf das Wesen zeigen.

"Elg!" erklärte das Wesen daraufhin. "Jeg er en elg!"

"Elg?"

"Riktig!"

"Boah, das ist aber ganz schön kompliziert mit dir. Irgendwie ist das alles zuhause viel einfacher."

"Hvovor snakker du ikke norsk?", fragte der Elch und blinzelte wie ein Lamm, um sich eine Sekunde später laut röhrend dem Pinguin vor die Füße zu übergeben. "IEK!", keifte der Pinguin und sprang beiseite. Aber dem Elch schien es danach besser zu gehen, denn er sah irgendwie zufriedener aus. "Alter-", stöhnte der Pinguin, "-Falter. Kumpel, du solltest dich hinlegen."

"Legge? Nei, jeg skal ikke legge meg. Jeg er på vei sør."

"Søren? Ai ai ai", war der seltsame Typ etwa bekannt mit Søren, dem deutschen Kleiderschrank, der zwar aus Sperrholz bestand, aber seinen eigenen Emailaccount besaß, und dessen Brieffreundschaft der Pinguin im Bermudadreieck gerade noch so entgangen war?

"Der er det varmt og koselig", brummte der Elch und seine Augen glänzten. Nein, das konnte nichts mit Søren, dem Sperrholzkleiderschrank zu tun haben, so wie der aussah. Vielmehr beschlich den Pinguin das Gefühl, dass seine neue Bekanntschaft ein bisschen blöd war. "Yeah, whatever, Kumpel", sagte er und schob den nächsten Schnapswürfel von einer Backentasche in die andere, "ich mach mich dann mal vom Acker und so. Mach's gut."

Mit einem leisen Platscher ließ er sich ins Wasser gleiten und wollte gerade davonschwimmen, als ihn ein Ruf aufhielt.

"Hej! Vil du forsvinne? Du kan ikke forsvinne! Du må hjelpe meg!"

"Wat willst du?", der Pinguin drehte sich um. Oje, er war schon wieder viel zu gutmütig, aber das Riesenviech schaute ihn so hilflos an, dass sein kleines Vogelherz dahinschmolz. "Was ist denn?"

"Du må hjelpe meg", wiederholte das Wesen, "jeg er på vei sør. Du kom van sør, nei? Hjelp meg!"

"Hjelp... helfen? Ich soll dir helfen?" Der Pinguin schüttelte den Kopf. "Schau dich doch an, Alter. Dir ist nicht zu helfen." Dann fiel ihm etwas ein. "Aber ich kenn jemanden, der dir sicher gern helfen wird. Warte, ich schreib dir seine Mailadresse auf..." Er kramte einen Zettel heraus. "Hier. Soeren-der-Schrank@gmx.de. Schreib dem. Der hilft dir bestimmt."

Und damit ließ er sich wieder ins Wasser gleiten.

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