(Der) 2. Advent

– eine schwule Weihnachtsgeschichte


Die Uhr stand auf 5 vor 12. Klaus homosexuelle, biologische Uhr tickte. Er hatte schon die zweite Kerze am Adventskranz angezündet, und er spürte, wie er von Minute zu Minute älter wurde. Bald wäre Weihnachten. Ein Marzipanstollen schimmelte unauffällig auf dem Tisch vor sich hin. Das war auch schon eine Folge von Alterserscheinung.

"Ich bin so stolz auf mich!", schrie sein Freund Karl, der in diesem Moment zur Tür rein platzte. "Ich habe soeben eine Reise nach San Francisco gewonnen!"

"Du Esel, weißt du nicht, dass wir zu meiner Oma müssen?"

"Zu deiner Oma? Da sind wir quasi im Kloster! Wir können uns nur praktisch in die Augen schauen und das nicht mal tief! Alles andere würde nicht in ihre Ordnung passen! Du weißt doch, dass ich so gern ein rosa Tutu zu Weihnachten anziehen wollte!"

"Hättest du es doch schon an Nikolaus angezogen!"

"Du liebst mich nicht mehr!!!" Karl brach in Tränen aus. Der Satz traf Klaus wie eine Kanonenkugel. Er wär zutiefst in seiner Ehre gekränkt. Jetzt konnte nur noch eins helfen: die unvergleichliche mystische Magie der Schnapspralinen.

"Die habe ich extra in deinen alten Sportschuhen versteckt, damit du sie zu Nikolaus noch nicht findest.


5 Minuten und 50 prallgefüllte Schnapspralinen später stand Klaus wankend von Karl, ein Messer in der rechten Hand. Karl musterte Klaus zitternd. "Aber Klaus, wir müssen doch noch zum Weihnachtsmarkt und jetzt bist du völlig betrunken!" Da wackelten die Kerzen am Kranz bedrohlich.

"Du lügst, du lügst immer, du lügst mehr als Münchhausen", warf Klaus Karl lallend vor. "Das halten die Kerzen am Kranz nicht mehr aus!"

Der Alkohol hatte wie ein Jungbrunnen auf ihn gewirkt und seine biologische Uhr war vergessen. Er erinnerte sich an den Schnee und an die romantischen Zeiten mit Karl vor dem Glühweinstand. Er vermeinte den Duft von Bratäpfeln in seiner Nase zu spüren und Tränen stiegen ihm in die Augen. Klaus fiel Karl um den Hals und das Messer bohrte sich tief in Karls Kreuz. Klaus gähnte ausgiebig und sagte: "Lass uns ins Bett gehen, Liebster!" Da fiel ihm der leblose Körper aus den Armen hinab.

"Warum soviel Enthaltsamkeit? Wieso entziehst du dich mir? Gerade jetzt wo ich mich so verjungt fühle!" Klaus blickte zu Karl hinunter und bemerkte die roten Tropfen, die Stigmata auf seinen Händen hinterlassen hatten. "Oh du, mein Jesus! Jetzt können wir uns keine Reise nach Thailand teilen, sondern ich muss alleine reisen!"

Doch Karl, der tote Tänzer, antwortete nicht mehr.


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Genres:
* Prosa * Liebe *


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