Norwegische Schokomuffins

- oder: Don't fuck with Norwegians

Der Schokomuffin zog einen langen Schatten durch meinen Rausch aus Apfelcider, während mein Kopf auf dem Tisch lag, ein Speichelfaden meine Wange herabrann und meine Augen starr auf seinen Schemen gerichtet waren, hinter dem die Flammen eines dreiarmigen Kerzenhalters zuckten. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich die Steine des Tetris-Spiels herabrieseln und Türme bilden – mir schien, dass ich einfach zu viel Cider gehabt hatte. Ich öffnete die Augen und richtete sie wieder auf den Muffin vor der Kerzenflamme, doch sein Anblick – fest, erdverbunden und schokoladig, wie er war – vermochte mich nicht mehr festzuhalten; ich spürte, dass ich in eine existenzielle Krise rutschte wie ein Wanderer auf einem eisverkrusteten Bergweg: langsam, aber unaufhaltsam auf ein knochenzermalmendes Ende zu. Ich verstand nicht viel von der norwegischen Sprache, hatte es nie getan, aber die Austauschstudentin aus Oslo, die unter dem Tisch lag, stöhnte im selben Moment, in dem mich Sartre und Camus mit scharfen Klauen an sich rissen, irgendwas von: "Jeg skal aldri røre på alkohol igjen...". Ich hätte das sofort unterschreiben können. Glücklicherweise waren die Brandmelder hier nicht sehr fein eingestellt, denn die Kerzenflamme rußte so viel, dass der Raum von dichten, schokoladenfarbenen Rauchschwaden eingehüllt war.

"Ich hab die Schnauze voll", ich richtete mich mit einer herkulischen Kraftanstrengung auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Austauschstudentin zusammenzuckte, "ich halt das nicht mehr durch, ich hau ab, ich heuer auf einem Segelschiff an." Die Studentin zerrte sich die verklebten blonden Haare aus dem Gesicht und entblößte einen Haufen verschmiertes Makeup: "Er du i fart med å gå? Hey", sie stakste auf ihren Knien zu mir und warf sich um meinen Hosenbund: "You me, fuck fuck first?", gurrte sie.

Ich überlegte kurz, über ihre Frage nachzudenken, doch ihre Haare waren öliger als das Öltuch eines Fischer, der gerade von der hohen See kam, zu ölig, um mich näher mit ihr befassen zu wollen, und so schob ich sie von mir weg. Schluss mit dem Brimborium; ich musste mich auf den Weg zum Hafen machen – also stakste ich durch den Haufen Kotze, den entweder sie oder ich in den vergangenen fünf Stunden dort hinterlassen hatten, und schlug mich durch den stinkenden Korridor. Doch bevor ich die Tür schloss, sah ich noch einmal in das Halbdunkel zurück. Ihre nackten Schultern glänzten im Feuerschein – und plötzlich wollte ich sie ausweiden. Als sie dann etwas zu sagen versuchte und es sich nur nach blubbern anhörte, drehte ich mich schnell wieder um und machte mich auf den Weg zum Hafen. Doch noch bevor ich den ersten Schritt vor die Tür getan hatte, traf mich irgendetwas Hartes am Hinterkopf. Ich fuhr herum. Irgendwo hatte sie eine Haarbürste gefunden und nach mir geworfen, und nun hielt sie auch den Muffin in der Hand, um ihn mit wutverzerrtem Gesicht nach mir zu schmeißen. Ich sprang also auf die Straße und knallte die Tür als Schild ins Schloss, während ich mir mit der Hand durch das Haar fuhr und einen rosig-roten Schein an meinen Fingerspitzen wahrnahm. Blut, verrückte skandinavische Schlampe.

Als ich den ersten Schritt Richtung Hafen machte, ging über mir ein Fenster auf und ein norwegischer Fluch hallte durch die Straße. Hätten wir doch bloß nicht die ganze Erbschaft ihres Onkels zusammen versoffen, dann fiele es mir jetzt leichter, kein schlechtes Gewissen zu haben.

Leicht schwankend ging ich hinaus in die Polarnacht. Der strenge Wind konnte mich nicht abhalten, immerzu sah ich mich wie meinen Großvater Ferdinant Ole auf diesem alten Foto aus Zeiten des ersten Weltkriegs vor seinem Segelschiff Frida stehen.

Mit immer bleierner werdenden Schritten wanderte ich durch die dunklen Straßen der einsamen Stadt und versucht, nicht über meine Existenz nachzudenken. Die Warze an meinem linken Zeigezeh tat freundlicherweise ihr Bestes, mich von meinen dunklen Gedanken abzulenken.

Bevor ich zur See fuhr, musste ich mir dafür etwas in der Apotheke besorgen. Ich durchwühlte meine Hosentaschen – doch da fanden sich nur die norwegischen Kronen, die mir die verrückte Schlampe in einem Anflug von Heimweh in die Hand gedrückt hatte. Dafür würde ich doch nicht mal einen Kronleuchter bekommen, geschweige denn den Kram aus der Apotheke. Mein Leben war schon ein... aber das führte meine Gedanken nur wieder in eine Richtung, die ich ja eigentlich loswerden wollte. Ich beschloss, dass ich einfach noch nicht genug Alkohol intus hatte. Doch ich musste zum Hafen, wie sollte ich mich jetzt noch so schnell weiter besaufen? Da half nur eines: Ein Wodkaeinlauf. Und ich wusste, wo ich den bekommen konnte. Es war teuer – nicht in dem Sinne, dass es enorme Finanzen verschlang – aber es kostete einiges an Würde. Olga, die adipösie russische Matriuschka-Schreinerin, verdiente sich mit Wodkaeinläufen ihr Zubrot.

Doch dafür müsste ich auf den Flughafen, denn sie arbeitete im Duty-Free-Bereich, doch da ich kein Geld für einen Flug hatte und auch keinen Ausweis, wurde wohl erstmal nichts aus meinem Wodkaeinlauf. Ich musste mir also etwas Besseres überlegen. Andererseits... der kleine russische Gangster, der hinter dem Flughafen Drogen verkaufte, war, wenn ich mich richtig erinnerte, Olgas Neffe. Oder Enkel? Großneffe? Was auch immer. Er würde mich sicher zu ihr bringen, wenn ich ihm das richtige Angebot machte. Gesagt, getan. Wenige Augenblicke später saß ich bei Dimitri am Küchentisch. Ich fühlte, wie die porösen Wände seiner Bude mit jeder Sekunde seines durchdringenden Starrens näher rückten, während seine Finger routiniert Koks in Tüten portionierten.

Irgendwie musste ich doch an den Wodka kommen, doch was konnte ich einem Nachwuchsdealer schon anbieten? Kronen? Einen feuchten Handschlag? Den Bimsstein, der noch immer in meiner Tasche war und für den ich partout keine Verwendung fand? Dann hatte ich die Idee.

"Dimitri", begann ich, "Dimitri."

Er starrte mich noch durchdringender an.

"Ich habe, was du brauchst."

Er antwortete nicht. Seine flinken Finger schoben das letzte Koks in eine Tüte.

"Aber bevor ich es dir gebe, musst du mich zu Olga bringen."

Seine Finger, nicht zu Müßiggang aufgelegt, zogen ein Messer aus seiner Jackentasche und begannen, damit ebenso flink zu spielen, ohne dass sein Blick von mir gewichen wäre.

"Kannst du das? Mich zu ihr bringen?"

Das Messer blitzte im schmierigen Licht. Ich durfte nicht schwitzen, durfte mich nicht beim Bluffen erwischen lassen. Endlich sprach Dimitri.

"Ihr spinnt doch alle", sagte er. "Skandinavier. Ihr spinnt alle."

Seit zwei Generationen vererbte sich in meiner Familie ein gewisses, nervöses Zucken in der rechten Augenbraue, das dann zutage trat, wenn gewisse Konditionen gegeben waren. Eine davon war, wenn jemand uns irgendwelche Allianzen mit Russland vorschlug, eine andere, wenn man uns den Parkplatz vor der Nase stahl, wenn wir gerade rückwärts einparken wollten, und die dritte, wenn jemand einen von uns einen Skandinavier nannte. Der Name Ole, der an meinem guten baltischen Großvater wie eine Narbe prangte, die er nach der Schändung seiner Mutter durch einen alten Schweden mit Würde trug – in der anderen Hälfte der Familie war die Rede von einer Liebesgeschichte, aber wer glaubte das schon..... wo war ich? Ich verzettelte mich, mein Blut war zu sehr in Rage geraten. Skandinavier. Ich. Das ging zu weit. Doch ich war nicht in der Lage, dem Ausdruck zu verleihen.

Ich atmete tief durch. Ich musste ihn einfach dazu bringen, mich zu Olga zu bringen, ich durfte ihn jetzt nicht reizen. Mein Blick fixierte seinen, wer von uns würde eher aufgeben? Ich durfte jetzt nicht nachgeben, denn sonst würde ich nie an meinen Wodkaeinlauf gelangen. Überraschenderweise war Dimitri derjenige, der zuerst wegschaute und aufstand. Als er die Kokspäckchen in dem Schlafsack, der an der Wand hing, verstaute, machte er "Hmmm".

Er tat, als bedeutete das nichts, aber ich wusste, er hatte unter meinem Blick kalte Füße bekommen. Ich hatte gesiegt. Er würde mir nun glauben müssen, oder er würde das Gesicht verlieren.

"Also? Kannst du mich zu Olga bringen?"

"Natürlich." Er sah mich nicht an.

Meine alkoholbedürftige Seele atmete erleichtert auf und Großvater Ferdinant Ole triumphierte in seinem kalten, deutschen Grab. Ich stand auf. Dimitri steckte das Messer in seine Pomadedose und schmierte sich was von dem ekligen Zeug in das pechschwarze Haar. Im Verlauf der gleichen Bewegung rasierte er sich einige Stoppeln von der Oberlippe. "Gehen wir."

So machten wir uns auf den Weg durch den mit zerbrochenen Rotweinflaschen übersäten Hinterhof des Flughafens, um zu Olga zu gelangen.

Olga empfing mich mit ihrem üblichen charmanten Stirnrunzeln. Sie war so hässlich wie eh und je, aber schließlich wollte ich sie nicht vögeln.

Ich ließ die Hose fallen. Sie begann.

Eine Stunde später erwachte ich wieder zwischen den Rotweinflaschen. Jetzt war ich ausreichend betrunken, um mich endlich auf den Weg zum Hafen zu machen. Es war weiter, als ich dachte, aber vielleicht lag das daran, dass ich nicht besonders gerade ging. Dennoch kam ich an, bevor die Sonne wieder aufging – mehrere Tage vorher. Am Kai lag ein stolzer Segler, ein Norweger. Eine Weile war ich hin- und hergerissen zwischen meinem Hass auf die Skandinavier und meiner Seelust. "Verdammt sollt ihr sein, ihr blonden Schweine mit euren öligen Frauen. Fy fæn i helvete", spie ich dem Holzbug entgegen. Mein Atem wurde kristalliner Zorn und bröckelte daran ab. "Na ja – wenigstens kein schwedisches Boot", ich wankte mit erhobener Faust erst einige Schritte zurück, dann einige vor, "wenigstens kein schwedisches.... Norweger. Tse. Finnen, Dänen.... aber keine Schweden! Scheiße noch mal keine Schweden!" Den letzten Teil schrie ich laut. Von den umliegenden Stahlmonstern der Küstenwache hallte mein Echo, während seine Quelle in Geiferfäden ertrank.

Dann sagte ich zu mir: "Scheiß drauf, Hauptsache weg aus diesem Drecksloch mit seinen norwegischen Austauschstudentinnen. Zumindest davor würde ich auf einem norwegischen Schiff sicher sein."

Ich schwankte, als würde ein Erdbeben mir die Füße unter dem Leib wegreißen, als ich über die Planke an Bord des Schiffes ging. Der Geruch von Zimt und Schokoladenmuffins empfing mich. Doch ich war zu betrunken, um zu verstehen, was das bedeutete. Ich ging weiter, an der Reling vorbei, zur Brücke. Der Kapitän erwartete mich schon.

"Ich habe Sie schon erwartet", begrüßte er mich.

Ich war noch immer zu betrunken, sonst hätte ich mich gewundert – und vielleicht hätte ich dann noch umkehren können. Doch als ich sie sah, war es zu spät.

Ihr Haar war noch immer ölig, ihr Gesicht noch immer wutverzerrt.

"Meine Tochter kennen Sie ja schon", der Kapitän lächelte schneidend.

"Fy fæn i helvete, ikke sant?", säuselte sie. "I don't feel like fucking you anymore,", fuhr sie fort, dann nickte sie in Richtung eines Mannes, zwei Meter groß und mindestens genauso breit, ein Schrank, "but Søren would love to, you know." Søren ließ die Knöchel in seinen Fingergelenken knacken und lächelte mich an wie Meister Proper einen ziemlich krassen Fleck. Und alles, was ich dachte, war: Auf nach Guatemala.

Bevor ich jedoch reagieren konnte, hatte der Schrank mich schon gepackt und versuchte mich wie ein Guave in einer Saftpresse auszupressen. Durch den Alkoholdunst in meinem Gehirn sah ich mein Leben an mir vorbei ziehen, bis die letzte Klappe fiel.

hoch

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Genres:
* Prosa *


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