Intertemporaler Pizzaservice

Petunia, das Eichhörnchen vom intertemporalen Pizzalieferservice "Pasta and More", hatte einen Affenzahn drauf, als sie auf ihrem Pizzataxidings die Friedrichstraße entlangbrauste, um Markus seine Bestellung zu liefern. Als sie jedoch grade Dussmanns passiert hatte, ohne den vielen hübschen Büchern auch nur den entferntesten Blick zuzuwerfen – darauf war sie sehr stolz, denn sie war nun schon vier oder fünf Jahre abstinent – wurde sie plötzlich von ihrem fahrbaren Untersatz geschleudert, weil ein Braunbär schnarchend mitten auf der hier nicht sehr breiten aber immer zugestauten Straße lag. Noch im Flug fragte sie sich, wie sie am besten fallen müsste, damit der Bestellung nichts passierte. Zum Glück hatte sie auf der Akademie für intertemporale Pizzaboten den Chips-drive erlernt. Man schlug die Hacken aneinander, dachte an Kartoffelschips, kringelte den langen, buschigen Schwanz entgegen dem Uhrzeigersinn – daher bevorzugte der Padrone des Betriebs Eichhörnchen als Angestellte – und schon war die Schwerkraft des jeweiligen Planeten außer Kraft gesetzt. So kam es, dass Petunia wenig später mit einer intakten Pizza mista 10 Zentimeter über dem Berliner Boden hoverte.

Ob die ahnungslosen Passaten sie sahen oder nicht, war Petunia in diesem Moment völlig egal. Möglicherweise war das Verunsichtbarkeitungsfeld ihres Lieferfahrdings ausgefallen. Möglicherweise auch nicht. Bei den Freaks, die immer in Berlin unterwegs waren, war das nicht leicht festzustellen, ob sie ignoriert wurde, weil niemand sie sah, oder ob die Leute sie einfach irgnorierten und dachten: Das da trägt auch zur undiagnostizierten Freaks-Dunkelziffer der Stadt bei.

Sie schaute kurz nach der Bestellung – alles war in Ordnung – und dann machte sie sich auf die Suche nach ihrem Beschädigten Lieferfahrdings.

Sie stellte mit Entsetzen fest, dass es gegen eine der Säulen, die die Friedrichstraße verschönerten, geschleudert worden war und jetzt das Ektoplasma, mit dem es betrieben wurde, in hohem Bogen von sich spitzte. Und das alles gleich neben dem Würstchenverkäufer, der sich nicht mal Gedanken machte, als sich das zeug mit seiner Ketchup vermischte. Nein, das unsichtbardings musste noch funktionieren.... aber das Gefährt war sicher hin. Petunia bewegte argwöhnisch ihr Näschen und machte ein Eichhörnchengeräusch.

Einer der Passanten stolperte über ihr nun funktionsloses Dings, schaute sich verwirrt um und ging dann weiter. Doch wie sollte sie bloß ohne das Fortbewegungsdings rechtzeitig die Bestellung ausliefern? Dann wurde ihr klar, wie es doch ginge: Die Zeitanomalie musst eingeschaltet werden!

Dies war natürlich eine Maßnahme, die man nur im äußersten Notfall ergreifen durfte. In einem Anfall von temporalem Größenwahn hatte der Chef einst einen Schalter gebaut, der, einmal umgelegt, besagte Anomalie in Notfällen erschaffen konnte. Und dieser Schalter befand sich in einer geheimen WG, ohne dass deren Bewohner davon wussten, aber auch gleichzeitig überall sonst im Raum, was paradox, aber noch nicht das paradoxeste war, was der Chef sich je geleistet hatte. Petunia seufzte, rollte den Schwanz auf und ab, und mit einem weiteren Eichhörnchengeräusch legte sie die Pizza ab und drückte auf den Knopf der nirgends und überall war. Wie sie das zu tun hatte, war allerdings ein Betriebsgeheimnis.

Sie zitterte ein wenig, als sie das tat, denn bisher hatte sie die Zeitanomalie noch nie benutzt. Sie beobachtete genau die Welt um sich herum und von Sekunde zu Sekunde stieg die Spannung. Wie ihr Chef gesagt hatte, brauchte die Zeitanomalie eine halbe Minute, um sich anzuschalten. Petunia zählte bis dreißig und dann passierte – nichts! Ob die Anomalie nun aktiviert war oder nicht, konnte sie auf keine Art rausfinden, auch wenn sie halbherzig die Passanten beobachtete, ob sich etwas änderte. Doch da nichts passierte – was ja auch zu erwarten war – beobachtete sie nichts.

"Na toll", dachte Petunia, "jetzt geht’s also in Isolationshaft." Denn das war die Strafe für nicht rechtzeigig ausgelieferte Pizza. Na dann. Dann könnte sie wohl auch die pizza gleich selbst essen. Und sie ließ sich auf der Friedrichstraße zum Pizzaessen nieder. Doch dann fiel ihr ein, dass die Zeitanomalie ja keine Auswirkungen haben sollte außer auf die Wohnung des Kunden und so packte sie die mittlerweile nicht mehr 100%ig warme Pizza wieder ein, nahm ihr Jagdgewehr, dass sie zum Schutz vor Zeitdieben immer dabei hatte und machte sich zu Fuß auf den Weg durch die große Stadt. Dabei sprang sie elegant von einem im Stau stehenden Auto zum nächsten und war so wesentlich schneller als ein durchschnittlicher BVG-Bus.

Es sah so aus, als liefe nun alles wieder wie am Schnürchen – sie kannte den Kunden, der würde das mit der Temperatur schon nicht reklamieren. Der war ganz nett und gab immer gutes Trinkgeld, weil er sehr mit armen Eichhörnchen mitfühlen konnte, wie er sagte. Wäre ihr da bloß nicht an der nächsten Kreuzung ein Typ mit Fliegerbrille und unsichtbarem Flugzeug rechts reingefahren. Die Pizza flog mit hohen Bogen durch die Luft. "Verdammte Axt, ich verpass die Feuerwehr. Kannst du nicht aufpassen?" Gleich darauf war er nicht mehr als eine schwarze Rußwolke. Super, dämmerte es Petunia – ein Wasserrohrbruch.Katastrophentourist.

Was bildete dieser Lümmel sich nur ein? Dann fiel ihr auf, dass die Pizza durch die Luft segelte und schnell aktivierte sie ihr Super-Duper-Hyper-Mega-Notfallbeschleunigungs-Dings. Es stieß eine lange Stichflamme und eine dunkle Rauchwolke aus und dann hebte das Eichhörnchen ab und flog mit samt der Pizza über die Häuser und krachte zwei Blocks weiter unsanft in ein paar Sträucher in der Hasenheide. Die dort wohnhaften Hasen, die sich gerade im Mondschein sonnten, fanden das nicht so lustig.

Zum Trost gab sie ihnen ein paar Nürnberge Lebkuchen, die bei der letzen Bestellung reklamiert worden waren, weil ihr Haltbarkeitsdatum noch eine Jahreszahl mit einer 19 vorne hatte. Glücklicherweise konnten die lieben Kleinen nicht lesen, so dass sie sich nur ein wenig über die Härte der Lebkuchen wunderten, ansonsten aber sehr begeistert waren. Dann machte sie sich schnell wieder auf den Weg, denn durch ihren Super-Duper-Und-So-Weiter-Flug war sie doch ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.

"Warte", sagten die Hasen, "du hast den Otter noch nicht kennengelernt." Petunia hielt noch einmal kurz inne. "Otter?", fragte sie, "Welchen Otter? Ist das hier der teritoriale Boss?" verdammt, musste sie jetzt auch noch Wegzoll bezahlen? Konnten die nicht einfach noch ein paar Lebkuchen mehr nehmen?

Dann fiel ihr ein, dass sie ja von dem einen Schweizer, der kein Geld mehr hatte, eine Uhr als Pfand bekommen hatte, die er nie zurück wollte. Und als sie herrausstellte, dass der Otter wirklich Wegzoll wollte, gab sie ihm die Uhr, eine echte Pulsar, sehr wertvoll, wie sie immer wieder betonte. Und so hübsch mit dem Silber und wie sie so langsam vor sich hin tickte. Dass die Batterie fast leer war, verriet sie dem Otter natürlich nicht, der sich freute, endlich ein Weihnachtsgeschenk für seinen Onkel gefunden zu haben. Und so konnte Petunia schließlich die Hasenheide doch noch Richtung Kreuzberg verlassen.

Endlich angekommen öffnete ihr ein quietschfideler Markus die Tür – die Zeitanomalie hatte seine Wohnung gerade nach um-3-Uhr-nachts befördert, was sein natürliches temporales Habitat war, demzufolge er sich sehr wohlfühlen musste. Sie übergab ihm keuchend die Pizza, bekam das erwartete, fette Trinkgeld und schlug eine Einladung auf Kaffee und Zigarette aus. Leider musste sie schon weiter, denn ihr Pieper meldete ihr gerade, dass sie eine neue Lieferung abzuholen hatte. Hoffentlich konnte sie dem Chef das mit dem beförderungsdings, das ektoplasmaspuckend in der Friedrichstraße lag, irgendwie erklären...

Schnell eilte sie zur Rakentenabschussbasis am Hans-Langhans-Platz in Charlottenburg, um von dort aus ihre nächste Bestellung abzuholen.

Sie war atemlos, als sie zum Hintereingang für Pizzaboten hereinplatzte. Gerade wollte sie den Blick heben und Toni, der Buschschwanzratte, die nur wegen ihres namensgebenden Hinterteils in den engeren Machtstrukturen arbeiten durfte, das offensichtliche offenbaren und rufen: "Bin da, will abholen" - da schob sich hier etwas großes, fieses in den Weg. Es war Harry, der Supergeier. "Schockschwerenot, du hier!", fiepste sie. "Jarrrr", brüllte Harry mit seiner tiefen Stimme. "Hierrr!" Nun ja, allen war bekannt, dass Harry nicht besonders intelligent war, aber dafür sehr viel Durchsetzungsvermögen hatte. Und das er ein Transvestit war, dass war bei seinem Verhältnis von Muskeln zu Intelligenz völlig unerheblich, wenn es um den Job ging. Doch dass er vor ihr bedient wurde, führte für Petunia zu einer Reihe schwerwiegender Probleme, denn wenn sie eines nicht hatte heute, dann war es Zeit.

"äh – wo ist Toni?", fragte sie noch immer perplex.

"Hat heute frei, hat die Syphilis."

"äh – ahja."

Das wurde nicht wirklich besser gerade...

"Also, ich äh", sagte sie, "soll hier jetzt was abholen...."

Harry, der transvestitäte Supergeier, warf einen Blick hinter sich in die Küche. "Ey Hermann", eine große Unke lugte hinter einem Industriekühlschrank hervor. "Quak?", fragte Hermann. "Hast du die penne al Rucola schon fertig?", rief Harry. "Quak!", antwortete Hermann und warf mit einer Kiste. Petunia fing sie mit links. Gut, wenigstens etwas, das klappte.

Doch als sie die Adresse sah – Raumschiff Voyager, irgendwo im Gamma Quadranten – wäre sie fast aus den Latschen gekippt, wenn sie welche angehabt hätte. Nun gut, die Idioten waren bereit, die horrenden Lieferkosten zu bezahlen, und das für nur eine Penne al Rucola. Hoffentlich lag da kein Irrtum vor.

"Alles Roger", surrte Petunia, kringelte den Schwanz, setzte sich ihren Helm auf und war aus der Tür. Die Stichflamme ihres-mega-beschleunigungs-Dingsies, für das nur noch eine Minute lang Benzin im Tank war, garte die nächste Pizza quadro formaggio, noch bevor Hermann sie in den Ofen geschoben hatte. Es reichte gerade noch bis zum Hangar mit den atombetriebenen ubooten. "Wilibald, ich brauch ein Uboot", rief sie, während sie mit rauchenden Füßchen zum stehen kam. "Ich muss in den Delta-Quadranten. Und das zackisch."

Kurz darauf war sie in einem viel zu engen U-Boot unterwegs, das zusätzlich noch voll nach Knoblauch roch, da die letzte Lieferung aus dreißig Knoblauchpizzen für eine Gruppe xenophober Vampire bestand, die rituellen Selbstmord versuchen wollte. Durch die eingebaute Zeitanomalie würde sie die Pizza zwar rechtzeitig ausliefern können, doch ihr würde die Zeit im Raumschiff wie drei Jahre vorkommen. Und drei Jahre mit unerträglichem Knoblauchgeruch, das war etwas, dass Petunia nun wirklich nicht leiden konnte.

Da sie also nun einen seeeeehr langen Flug vor sich hatte, würde es nichts schaden, wenn sie ein paar Minütchen die Augen zufallen ließ... doch kaum hatte sie das getan, da piepste irgendwas fürchterlich. Der Computer wollte ihr verständlich machen, dass sie sich auf Kollisionskurs mit einem fremden Schiff befand. Schockiert verlangte sie eine Außenansicht dieses Desasters, und auf dem Bildschirm erschien – ein wirklich schickes Boot. Man rief sie. Sie öffnete einen Kommunikationskanal. Tausend Stimmen schallten ihr wie eine einzige entgegen. "Wir sind der Yachtclub. Widerstand ist zwecklos. Der Führer ihres atombetriebenen Ubootes wird uns beitreten und einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von fünfhundert polnischen Zlotti entrichten!"

"Wo soll ich die denn hernehmen? Wer nutzt denn heutzutage noch Zloty? Die akzeptiert doch niemand mehr! Ihr habt ja wohl nen Hinterteil offen oder was!" Es war lange her, dass Petunia so geflucht hatte, doch offensichtlich hatte sie es nicht verlernt.

"Wider stand ist zwecklos!" wiederholte der Yachtclub seine Drohung. "Wir spielen auch regelmäßig BINGO!" fuhr die Ansage fort. Nun wurde Petunia vom Grauen gepackt. Rentner, die stundenlang Bingo spielen und man kann dem nicht entkommen. Das war doch eine besonders perfide Art von Folter, selbst Höllenqualen schienen gegen diese Aussicht noch lieblich.

"Niemals werde ich mich dem ergeben", brüllte Petunia zurück. "Niemals werde ihr meine Penne al Rucola bekommen."

Dann umzingelte der Yachtclub sie und fesselte ihr U-Boot mit einem Mega-Krissel-Traktorstahl. Schnell nahm Petunia ihre letzte Lieferung und verspeiste sie. Nur schade dass es nicht die Quatro Formaggi war, dachte sie, als der Yachtclub mit dem Schweissbrenner ihr Boot öffnete, sie von einem Staplegreifer gepackt und wie bei einer Zangengeburt aus ihrem Raumschiff geholt würde, um dann dem Yachtclub einverleibt zu werden.

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Genres:
* Prosa * Science Fiction *


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