Schwarze Augen

Erschöpft und müde kam ich aus dem Bio-Supermarkt mit zwei Flaschen Malzbier in der Tragetüte. Als Ergebnis einer halbstündigen Exkursion durch die Regalreihen brauchte ich dringend eine Erfrischung. Es ging auf den Abend zu und es war immer noch unerträglich heiß.

Ich wollte nach Hause, als ich kaum einen Schritt auf den Gehweg getan hatte, stoppte mich ein Mädchen. Sie fuhr direkt auf mich zu, hielt an, sah mir in die Augen, für einige Sekunden sahen wir uns an, ich blickte in zwei große schwarze Augen, dann fiel ein Körper direkt auf mich zu. Daraufhin füllte sich ihr Blick mir Schrecken, mit erkennendem Schrecken, „Hilfe“, flüsterte sie.

Ich war wie paralysiert. Klar, in einer Großstadt wie Berlin geschehen tagtäglich Verbrechen, aber doch nicht hier, direkt vor dem Supermarkt. Hier wohnten hauptsächlich junge Familien und Studenten. Wer würde hier tot herumliegen?

Ich blickte nach oben und sah wie im vierten Stock die Balkontür zugeschlagen wurde. Unter Aufwendung einiger Willenskraft gelang es mir, meinen Blick wieder dem Körper zuzuwenden. Es handelte sich um eine zierliche Frau mit langen dunklen Haaren. Das war der letzte Augenblick, an den ich mich erinnern konnte.

Die schwarzen Augen, das lange dunkle Haar, beides verfolgte mich in meinen Träumen. Der Polizist, der Psychologe, meine Freunde, keiner konnte aus mir herausbringen, was geschehen ist und wie die Situation ausging. Es soll eine Tote gegeben haben – aber ich kann nur noch von langen dunklen Haaren und schwarzen Augen erzählen. Jedes Mal, wenn ich jetzt schwarze Augen sehe, fühle ich mich in eine andere zeit versetzt, muss mich setzen und verlieren total meine Orientierung.

Ich bin seit diesem Zeitpunkt in psychologischer Behandlung, aber mein Zustand hat sich dadurch nicht wirklich gebessert. Auch die Kur, die der viermonatigen Krankschreibung folgte, zeigte kaum positive Ergebnisse. So fing man an mich mit Medikamenten zu behandeln, deren Nebenwirkungen eine dauerhafte Schläfrigkeit, Übelkeit und Kopfschmerzen beinhalteten. Die Augen aber, diese alles verschlingenden schwarzen Augen haben mich nicht allein gelassen, ich bin nur zu träge geworden für Panikattacken.

Die Sonne sticht mich, und ich erinnere mich an die Hitze jenes Tages. Sie blendet mich, aber ich weiß, wenn ich die Lieder senke, ist in jener Schwärze auch die Schwärze jener Augen, jener Haare, die in meinem Geist festgewachsen scheinen.

Ich fliehe in einen naheliegenden Bio-Supermarkt, der angenehm kühl ist. Wie ein Schlafwandler streife ich durch die Regalreihen. Ich brauche eine Erfrischung, also nehme ich zwei Flaschen Malzbier, doch als ich bezahlt habe und mit der Tragetüte in der Hand wieder in die Sonne treten will, überfällt mich ein Déja-Vu-Gefühl mit solcher Macht, dass ich mich nicht mehr bewegen kann.

Ich bin wie festgefroren, die Augen, die schwarzen Augen. Gleich werde ich sie sehen, sobald ich meine Augen öffne. Doch ich kneife sie zu, ich will nichts sehen, keine Augen, keine Haare, nichts. So stehe ich da, ich weiß nicht wie lange.

Die Sonne brennt, doch ich stehe nicht lange genug hier, um einen Sonnenbrand zu kriegen. Nach einer Weile gebe ich einfach auf. Ich kann nicht länger dagegen ankämpfen. Ich werde sie wiedersehen müssen. Doch als ich meine Augen aufreiße, sehe ich grüne Augen. Und auch keine langen Haare, sondern kurze, braune. Und die Frau ist plötzlich ein Mann, Typ Bauarbeiter, der mich mit wutverzerrter Grimasse anschreit.

hoch

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Genres:
* Prosa *


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