Stollenrezept


Hier beginnt die Geschichte. Dies ist keine Gute-Nacht-Geschichte. Die Nacht ist kein guter Ort für die Geschichte.


Die Kinder spielten draußen. Doch was sie spielten, war im Nebel nicht zu erkennen. In dem bleichen Dunst schienen sie sich in Gespenster oder Monster zu verwandeln. Dass sie Monster waren, hätte Frau Stibbke sicher bejaht. Frau Stibbke war verheiratet mit dem Mann im Mond. Der Mann im Mond war böse. Trotzdem war er im letzten Monat zu oft in der Kneipe gewesen. Auch heute kam er mal wieder völlig zu nach Hause. Wenn Frau Stibbke noch wach war, dann war heute eine gute Nacht zum Sterben. Frau Stibbke sah schon vor sich, wie sie erst den Mann im Mond, ihren Mann, erdrosselte und überlegte, wie sie es wohl am geschicktesten anstellen könnte. Sie fand, Sterben war doch mal was anderes. Und wenn sie grade mal dabei war, könnte sie auch gleich die Kinder erlegen.

Diese widerlichen, schreienden, kreischenden, kleinen Monster im Nebel wollte sie schon lange mal loswerden.


Nach getaner Arbeit stieg sie aus der Blutlache ihre Ehegatten, schlich noch mit dem Messer in der Hand aus dem Haus und nahm sich vor, den garstigen Blagen zu zeigen, was ein Monster wirklich war. Sie war vollkommen euphorisch, ihre Hände zitterten vor Freude. Sie hatte sich extra ihr feinstes Kleid für den feierlichen Anlass angezogen. Doch wider Erwarten wehrten sich die Blagen und zerfetzten ihr Kleid. Frau Stibbke geriet ganz außer sich und schrie mit wutverzerrtem Gesicht: "Was erdreistet ihr euch, das ist nicht eure Rolle in meinem wunderbaren Weltuntergangsszenario! Ihr habt euch gefälligst wie die Lämmer vor dem Schlächter einzureihen und von mir tranchieren zu lassen."

Die Lämmer begannen, sich in kleine Piranhas zu verwandeln und Frau Stibbke in die Haut zu beißen. Frau Stibbke schrie.

"Hilfe, Hilfe", schrieen auch die Kinder, die sich gerade zurückverwandelt hatten.

"Was soll der Lärm?", ein Fenster im dritten Stock hatte sich geöffnet, und ein zorniger Nachbar blickte heraus. Der Nachbar war Herr Kuhmattke, ein kleiner Beamter mit Halbglatze, der es liebte, Goldfische zu züchten. Er fühlte sich gestört in seinem Schönheitsschlaf. Also rief er: "Scheiß Blagen!"

"Ey, scheiß dir nicht ins Hemd, Alter", rief ein Junge nach oben. Der Junge erschütterte Kuhmattkes sonst so lammfromme Gemütsverfassung und brachte die Venen seines Halses zum Hervortreten. "Drecksbraten" , schrie er, "ich werde Hasso, meinen Schäferhund, mit fletschenden Zähnen auf dich hetzen!"

Er nahm einen Baseballschläger zur Hand und machte einen Spiderman-Jump vom Balkon auf die Straße. So kam er Frau Stibbke zu Hilfe und machte mit ihr die übrigen Kinder platt. Doch so einfach machten die Kinder es ihnen nicht. Denn zu Frau Stibbkes und Herrn Kuhmattkes Ungemach war Markus heute nicht anwesend, daher verlief das Gemetzel nicht so wie geplant. Auch Hasso, der Schäferhund, fletschte nicht mit den Zähnen, er lag winselnd unter Herrn Kuhmattkes Kachelofen. Auch die Kinder hatten vorgesorgt und sich mit Spielzeugwaffen bewaffnet, Zuckergusspistolen, die alles verkleben sollten. Herr Kuhmattke schrie auf vor Schmerz, denn er hatte eine heftige Allergie gegen Zuckerguss. Schwer getroffen musste er zurückweichen und Frau Stibbke mitten im heftigsten Gefecht im Stich lassen. Was nicht zurückwich, waren die eitrigen Pusteln, die noch Jahre später mit zahllosen Narben seinen Körper zieren würden. Eitrige Pusteln, die sein Hemd durchnässten. Das gute Hemd, das Mutti ihm zum dreißigsten geschenkt hatte, war dahin. Dahin war auch der Mut von Frau Stibbke. Die Kinder dagegen wurden nun immer übermütiger. In kindlicher Boshaftigkeit verlachten sie den entstellten Herrn und seine hilflose Kampfgefährtin, welche, von Piranhas angeknabbert und von Zuckerguss überzogen, nicht mehr zu kriegerischen Handlungen fähig war. "Süßes oder Saures," schrieen sie und hüpften fröhlich auf den beiden Tätern herum. Süßes fiel vom Himmel, und ein überdimensionaler roter Liebesapfel stopfte Frau Stibbke das Maul.

Doch der ganze Zuckerguss wurde weich, und die Kinder klebten auf ihren Opfern fest.

Als der Nebel sich lichtete, boten die zusammengeklebten, von Zuckerguss und Blut bedeckten Kinder (und die unter ihnen klebenden Erwachsenen) einen einmaligen Anblick.


Ein Bäcker sammelte sie ein und verkaufte sie als Riesenstollen. Und wenn sie nicht gestorben sind, kleben sie noch heute.

hoch

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Genres:
* Prosa * Horror *


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