Ikea - entdecke neue Möglichkeiten!

Ikea ist ein familienfreundliches Unternehmen. Jeder ist, ob groß oder klein, gern bei Ikea gesehen. Jeden Samstag zum Beispiel erblickt man viele Eltern mit ihren Kindern einkaufen. Schließlich gibt es das Småland, wo man die kleinen Racker abgeben kann.

Es gehen allerdings seit einiger Zeit hinter vorgehaltener Hand Gerüchte um, nicht alle Eltern fänden ihre Kinder wieder. Sie lassen sie ausrufen und suchen, doch alles sei vergebens. Haftbar kann man Ikea dafür nicht machen, denn groß und deutlich steht im Aushang, dass für Kinder und Garderobe keine Haftung übernommen wird. Aber viele Mamas und Papas überhören oder wissen nichts von diesen Gerüchten und geben so ruhigen Gewissens ihre Kinder im Småland ab.

So geschah es eines Tages, dass der kleine Tim dort abgegeben wurde. Er freute sich riesig, nicht mit dem Einkaufswagen quer durch die Massen geschoben zu werden, sondern mit anderen Kindern einfach spielen zu können. Also lief er hüpfend der Ikea-Mitarbeiterin entgegen.

"Na mein Kleiner?" sprach sie zu ihm und schaute ihm kurz und prüfend in die Augen. "Willkommen im Småland, hier, nimm doch einen Haferkeks!"

"Oh lecker!!" rief Tim sogleich, stopfte sich den Keks in den Mund und trollte hinein in die Spiellandschaft.

Tiefer und tiefer wühlte er sich durch die Spielsachen, bis er bemerkte, dass um ihn herum sich alles merkwürdig drehte. Schließlich konnte er sich nicht mehr bewegen und schloss benommen seine kleinen Äuglein.

Er schlief bald einen ruhelosen Traum. Er träumte, dass ihn ein Elch anredete, er solle doch endlich erwachen. Er blinzelte müde und schob seine Hand nach vorn, bis er etwas Pelziges berührte. Erschrocken fuhr er hoch und starrte auf einen – ELCH!

Träumte oder wachte er? Er zwickte sich in den Arm und ihm wurde klar, dass das definitiv kein Traum war.

"Na endlich, ich dachte schon, du wachst gar nicht mehr auf!" grunzte da das Tier ihn an. "Was machst du hier? Hast du dich verlaufen?"

"Ich weiß nicht", stotterte Tim, "wo bin ich denn?"

Er blickte um sich und sah nur Riesenkerzen.

"Du bist in Florera, dem Kerzenwald inmitten von Småland! Ich heiße Elen, ich bin der Wächter dieses Landes. Wie heißt du?" sprach der Elch und schüttelte majestätisch sein Geweih.

"Das darf ich nicht sagen, sagt meine Mama", druckste der Kleine verlegen herum und scharrte mit dem einen Bein auf dem Boden.

"Hm", brummte da Elen, "wenn ich dir helfen soll, dann musst du mir schon vertrauen! Also, dein Name ist...?"

"Ich bin Tim und bin 5 Jahre alt. Und ich will jetzt nach Hause zu meiner Mama!!!" sprudelte es sofort aus ihm hervor.

"Soso", sprach das Tier, "so einfach kommst du aber aus Småland nicht heraus, wusstest du das denn nicht? Es gibt hier viele Gefahren und so einige Kinder finden hier nicht mehr heraus. Ich werde dir helfen, aber bist du denn mutig genug?"

Fragend schaute sich Tim um und meinte:" keine Ahnung, aber ich will nach Hause! Hilf mir!"

"Nun gut", sagte Elen, "dann komm. Aber tu, was ich dir sage, es ist hier nicht ungefährlich!"


So begaben sich die zwei auf den weiten Weg. Während sie so liefen, blieb Tim öfter mit offenem Mund stehen und betrachtete seine Umgebung. Florera hatte was Schaurig/Skurriles an sich. Große und kleine, schmale und breite Kerzen säumten ihren Weg und brannten eine hohe Flamme. Man musste darauf achten, dass Wachstropfen einen nicht erwischten. Es gab auch keinen richtigen Boden, nur knöcheltiefe, graue Asche, durch die man sich vorwärts schob. Ein ständiges Knistern lag in der Luft. Niemand begegnete den beiden, kein Vogel, keine Ameise, nichts. Wenn einer in diesem Wald wohnen sollte, dann wollte er sich verstecken und nur beobachten.

Plötzlich hielt Elen an. "Was ist?" fragte Tim neugierig.

"Da vorn, siehst du das Haus mit der Rauchwolke?" flüsterte er. "Da befindet sich das Leksands-Haus. Wir dürfen nicht zu nahe kommen, denn da wohnt eine alte Frau und verschenkt andauernd vergiftete Haferkekse. Sie hypnotisiert die vorübergehenden Kinder, sodass diese die Knabbereien essen. Dann macht sie sie gefügig und sie müssen das ganze Leben bei Ikea bleiben. Also, nichts sehen, nichts hören und vor allem nichts sagen oder essen!!! Halte dir die Ohren und Augen zu, damit sie dich nicht kriegt!"

Als sie sich der Hütte auf fünf Metern näherten, knurrte dem Jungen mächtig der Magen und er fragte sich, ob es wahr wäre, was der Elch ihm da erzählte. Vielleicht könnte er ja nur ein ganz kleines Stückchen von dem Knäckebrot erhaschen, nur um seinen Hunger zu stillen. Appetitlich sah das Haus aus, das Dach mit Roggenplatten bedeckt, die Fensterläden mit Sesam besprenkelt.

In sich versunken trat Tim näher, das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

Schlagartig ging knarrend ein Türladen auf und eine im verwaschenen Ikeahemd bekleidete Alte lugte verschlagen hervor.

"Haferkekse? Haferkekse zu verschenken! Lecker, lecker, ganz frisch gebacken!"

Tim stockte der Atem und blieb wie angewurzelt stehen.

"Es gibt sie wirklich, es ist ja wahr!" stammelte er, aber er konnte sich der Frau nicht mehr entziehen.

"Hallo", schnurrte sie wie ein junges Kätzchen, "nimm doch etwas von diesen köstlichen Keksen!"

"Ich, ich kann nicht...", sabberte da bereits der Junge, "obwohl die so gut aussehen!"

"Jaja, es muss doch nur einer sein, du hast sicher Hunger, hm?" säuselte lauernd die Hexe.

Tapsend näherte sich Tim der gefüllten Schale.

In dieser Sekunde bemerkte der Elch, dass er den Kleinen lange nicht mehr gehört hatte und drehte sich um. Zwischen einigen Kerzen hindurch sah er das Dilemma, in das sich Tim gerade verwickelte. Kraftvoll sprang er durch die schmalen Lücken und erreichte ihn im letzten Moment. Er packte den Jungen am Kragen und zog ihn von der Gefahr fort. Ein schriller Schrei betäubte nun die Ohren.

"AAAHHH, du blödes Vieh, das wirst du mir büßen!" brüllte enttäuscht die Alte und zog sich in ihr Haus zurück.

"Puh, das war knapp", keuchte der Elch und hob sogleich zu einer Standpauke an. "Hab ich dir nicht gesagt, dass du das Haus nicht beachten sollst? Kannst du nicht hören?"

"Tut mir leid", stammelte da Tim, "ich habe aber solchen Hunger!"

Elen tat seinen Ausruf bald leid und so sprach er: "Halte noch ein wenig durch, wir kommen bald an einen Preiselbeerteich, da gibt es besondere Sträucher, da kannst du dich stärken. Setz dich aber erst auf meinen Rücken, so kommen wir schneller voran."

Der Junge krabbelte unbeholfen auf ihn hinauf und kostbare Minuten später setzte sich der Elch wieder in Bewegung.

"Jetzt wird es bald schwieriger!" meinte er, "Wir müssen nun durch das Billy-Birge. Ein wahrer Parcour, nichts außer Möbel weit und breit, halte dich also fest!"

Sie galoppierten die letzten Kilometer durch Florera und gelangten Stück für Stück an die Grenze zum Billy-Birge.

"Hast du noch Hunger?" fragte der Elch. "Hier findest du ein paar Preiselbeersträucher, falls du auch Durst hast, so stille ihn im Teich dort drüben."

Hastig rutschte der Kleine vom Rücken und machte sich über die Nahrung her.

"Steck noch ein paar Beeren mehr ein, wir werden sie vielleicht noch brauchen!" rief ihm Elen noch von weitem.

Nachdem die beiden gestärkt waren, hieß es nun, das Gebirge zu überqueren. Mächtig verschachtelt sah es aus. Harte Kanten waren an einigen Stellen zu erkennen, man musste vorsichtig klettern, um nicht abzurutschen. Endlose Ecknischen, Computertische und Kommoden später gelangten sie zu den großen Regalen.

"Wir haben es gleich geschafft, kleiner Mann", schnaufte Das Tier, "siehst du da drüben die Höhle? Da drin ist eine Aufbauanleitung für ein Treppenregal. Um an das Papier zu kommen, musst du Kanelbullar, die Riesenzimtschnecke herauslocken. Keine Angst, sie beißt nicht, aber sie könnte dich zerquetschen. Hast du noch die Preiselbeeren? Lock sie damit raus, aber pass auf den Zimtschleim auf, damit du nicht ausrutschst und kleben bleibst! Ich hole die Bretter und Schrauben zum Zusammenbauen, alles klar?"

Tim nickte zustimmend und schlich sich sogleich an die Höhle heran, während Elen sich auf die Suche nach dem Zubehör machte. Ein Stückchen vor dem Eingang kramte er in seiner Hosentasche nach den verbliebenen Beeren, um Kanelbullar besser herauslocken zu können. Unsicher hielt er sie hoch und hoffte, dass sie noch appetitlich genug wären.

In der Höhle fing es an zu rascheln und schlurfen. Nach einigen Sekunden schob sich eine gigantische Schnecke an den Ausgang. Glucksend starrte sie auf die kleine Hand mit den Preiselbeeren. Ängstlich tastete sich Tim rückwärts und war wie erschlagen von der Größe des Tieres. Der Schnecke war Tim egal, sie wollte nur eines, die Beeren. Während sie sich vorwärtsschleifte, produzierte sie mehr und mehr Schleim, sodass Tim in letzter Sekunde auf eine kleine Anhöhe springen musste, um nicht eingeschleimt zu werden. Vorsichtig legte er seinen Trumpf auf dem nächsten Vorsprung ab und hüpfte balancierend zwischen der Zimtspur hin und her, um an seine Aufbauanleitung im Innern der Höhle zu gelangen.


Als er stolz mit der Rolle aus der Höhle trat, lag die Schnecke faul in der Sonne und schnarchte friedvoll. Nun aber schnell zu Elen, dachte sich der Junge und fing an, ihn zu suchen.

Er brauchte glücklicherweise nicht so lange und beide machten sich daran, das Regal für den Abstieg zusammenzuwerkeln. Immer wieder musste Tim die Anleitung vorlesen und deuten, denn dem Elch war dieses Papier einfach zu kompliziert. Nach langen Versuchen und entnervten Umbauten hatten sie endlich ein wackeliges Treppen-Etwas zusammen.

Vorsichtig und um jeden Schritt bedacht, tapsten die zwei nun wieder Stufe für Stufe auf allen Vieren nach unten. Nach Atem ringend, setzten sie sich erstmal eine Weile.

"Das war super Tim! Diese Anleitungen von Ikea können nicht alle lesen und verstehen. Nur Kinder haben noch genug Fantasie, die Erwachsenen kannst du da vergessen, sie verstehen das Wirrwarr einfach nicht." sprach das Tier und klopfte dem Jungen anerkennend auf die Schulter.

Eine Weile später rafften die zwei sich wieder auf, denn sie mussten weiter, bevor es dunkel wurde. Tim kletterte wieder auf Elens Rücken und so liefen sie in der Dämmerung umher.


Plötzlich hörten sie ein Jaulen. Immer mehr Stimmen ertönten in dieses Geheul. Zitternd schauten sie sich um.

"Wölfe! Die haben mir noch gefehlt!" zischte der Elch. "Halte dich fest!"

Sie fingen an zu rennen. In den letzten Lichtstrahlen erhaschte man Umrisse von Schneebesen, Messern und Kellen. Das Geheul schwoll an und man hörte, dass die Wölfe sich schnell näherten.

Der Junge krallte sich im Fell des Elches fest und versuchte sich so leicht wie möglich zu machen. Wie die Besengten rasten sie durch die Flur.

"Jaul!" Durch die mondlose Nacht schimmerten immer mehr Augenpaare, die Wölfe verfolgten ihre Beute gnadenlos.

"Hilfe, Mama Hilfe!" jammerte Tim zusammengekauert und mit mittlerweile schmerzenden Gliedern. Nass vor Schweiß hetzte Helen von einer Ecke in die andere.

"Keine Angst, wir schaffen das!" röhrte er.

Sie galoppierten nun an Pfannen vorbei, bis das Tier rechts abbog und sie prompt in einem hellerleuchteten, kahlen Zimmer standen.

Keuchend sank Elen zusammen, aus seinem Maul Schaum ausstoßend. Benommen vom gleißenden Licht hockte sich der Junge vor ihn und streichelte seinen nassgebadeten Pelz.

"Alles ok?" fragte er beängstigt.

"Mmh", brummte wiederum Elen. "Du bist am Ende deiner Reise, Kleiner! Die Wölfe kommen hier nicht her, es ist zu hell dafür." Der Elch röchelte vor sich hin. Nach einer Weile hob er von Neuem an: "Siehst du den alten Weihnachtsbaum da? Der ist übriggeblieben. Es ist Tjugondedag Jul, du musst ihn aus dem Fenster werfen, dann kommst du wieder nach Hause."

Tim sah sich um. An der Wand lehnte eine abgeputzte, trockene Tanne.

"Was ist mit dir, ich kann dich doch nicht zurücklassen!" murmelte er.

"Mach dir um mich keine Sorgen! Ich komm schon durch!" seufzte müde Elen. "Wirf sie endlich aus dem Fenster!"

Traurig erhob sich der Junge und stemmte den Baum in die Richtung des offenen Fensters und kippte ihn hinüber.

Von einer zur anderen Sekunde verwandelte sich Elen in ein Plüschtier. Tim fiel vor Schreck und Anstrengung zu Boden.

Als er die Augen wieder öffnete, befand er sich zwischen unzähligen Kuscheltieren, in seinem Arm haltend, einen Elch. Von weitem hörte er seine Mutter.

"Tim, nun komm doch endlich, du kannst hier nicht ewig spielen!" rief sie.

Erschlagen richtete sich der Junge auf und lief seinen Eltern entgegen.

"Naja, DU schaust ja aus! Komm, wir gehen jetzt erstmal Köttbollar essen. Die magst du doch so! Aber lass den Elch hier!"

Erschrocken klammerte sich der Kleine an das Plüschtier. "Nein! Das ist meiner!"

"Nix da! Lass ihn hier!" sprach seine Mutter bestimmt.

Übertraurig ließ er den Elch los und folgte ihr ohne Widerstand.

Diesen Traum vergaß Tim jedoch nie. Hatte er überhaupt geträumt? Es bescherte ihn mulmige Gefühle. Jedesmal, wenn seine Eltern ihm wieder eröffneten, zu Ikea zu gehen, sträubte er sich mächtig. Er rannte in sein Zimmer und schrie sich die Seele aus dem Leib.

Trotzdem musste er immer wieder mit. Einen kleinen Erfolg konnte er sich aber doch zuschreiben, ins Småland musste er nie wieder.


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Genres:
* Prosa * Märchen *


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