Das Fenster

Eines verregneten Sonntages beschloss ich, dem Neuen Museum einen Besuch abzustatten. Nach der Neueröffnung vor einem Jahr war der Besucherstrom nicht mehr so stark, sodass man auch bequem und in Ruhe durch die Räume schlendern konnte. Mit einem Audioguide bewaffnet, zog ich also los.

Zahlreiche Ausstellungsstücke aus der ägyptischen Zeit gab es zu bestaunen, nur eines verwirrte mich mehr und mehr. Es war nicht chronologisch aufgebaut und so befand ich mich auch mal – schwupps – im Zimmer der germanischen Zeitepoche.

„Huch? Was haben die Ägypter mit den Germanen zu tun?“, fragte ich mich verwundert. Mein Audioguide schwieg sich darüber aus. Ich ging also weiter und kam nach einigen Räumen in einen Saal voller Büsten. Sie schauten mich direkt aber auch indirekt an.

„Pass auf, gleich fragen sie dich nach deiner Nummer!“, dachte ich und lief grinsend weiter.

In einem abgedunkelten, mit Menschen gefüllten kleinen Raum gab es anscheinend etwas Besonderes. Nun ja, rein mit dir!

Und da stand sie! Schlicht und in all ihrer Schönheit hinter dickem Glas. Nofretete! Die zeitlose, wunderschöne Pharaonin blickte majestätisch und ließ geduldig die gaffenden Besucher über sich ergehen.

Diese Büste gab es nun schon seit 3000 Jahren, war lange Zeit unter Bergen von Schutt begraben und fand nun hier ihren endgültigen Platz. Niemals musste sie restauriert werden. Wahnsinn, überlegte ich, welche Kunst, dass sich das Stück so lange so gut erhalten hatte. Lange betrachtete ich sie. Sie sah irgendwie müde und gelangweilt aus. Und – sie blinzelte.

Nein, dachte ich, ich glaube, ich brauche nur eine Pause! Ich fuhr mir über die Augen und sah sie nochmals genauer an.

Da – wieder dieses unmerkliche Flackern der Lider. Ganz nah drückte ich mich nun an die Scheibe und überlegte, ob ich irgendetwas Halluzinogenes genommen hätte.

„Hol mich hier raus“, raunte sie mir jetzt zu.

Okay, jetzt war es soweit! Wo sind die Männer mit der weißen Jacke?

„Hol mich hier raus!“, flüsterte sie wieder unmerklich.

Da es dem Ende der Besucherzeit zuging, erklang der Aufruf, sich allmählich dem Ausgang zu zuwenden.

Ich geh dann mal! - dachte ich. Aber noch immer starrte ich auf dieses Meisterwerk. Mittlerweile war kein Mensch mehr in diesem Raum und auch ich wollte mich endlich von ihr losreißen, da fing sie an zu leuchten. Mit einem warmen Lichtstrahl umgeben, stöhnte sie noch einmal: Hol mich hier raus!

„Wie könnte ich!“, fragte ich entsetzt.

„Mir ist so langweilig!, murrte sie. „Die Menschen starren mich hier nur an, ich will hier raus!“

„Ich kann doch nicht die Nofretete aus dem Museum klauen!“, meinte ich entrüstet, mir jetzt wirklich sicher, in der Klapse zu landen.

„Nur für einen einzigen Tag! Ich befehle es dir!“, flehte sie jetzt vor Angst, ich könnte sie im Stich lassen.

Ich atmete bewusst ein und aus. Was sollte ich machen? Hatte ich vielleicht nicht doch was im Tee?

„Und wie soll ich sowas bitte anstellen?“, frotzelte ich. „Wie soll ich dich mitnehmen, wenn du hinter Panzerglas steckst?“

„Hinter der letzten Säule ist ein Knopf zum Öffnen der seitlichen Scheibe. Morgen ist außerdem Montag, da ist geschlossen. Es wird keiner merken.“, säuselte sie.

Es waren jetzt nur noch fünf Minuten bis zur Schließung.

„Ich geh erstmal auf´s Klo, wenn sie mich nicht entdecken, dann sehen wir weiter!“, brummte ich.


Ich blieb unentdeckt und als die Lichter gelöscht wurden und das schwere Eisenschloss einrastete, schlüpfte ich aus meinem Versteck. Prima! Keine Menschenseele mehr da, alles verriegelt und dunkel. Nur ich war noch da mit dem tollen Gedanken, die Pharaonin einzustecken!

Ich rollte die Augen, in der Hoffnung, dass alles gut werden und ich aufwachen würde. Aber auch Kneifen ließ mich nicht erwachen.

„Was soll´s! Bist halt ein wenig wahnsinnig, hihi!“, dachte ich und schlurfte in den Tatraum.

„Hallöchen, bin wieder da! Auf geht’s mit der Tour!“, trällerte ich.

Nofretete schaute mich skeptisch an: „Hast du was getrunken?“

Ich blinzelte. „Nein, natürlich nicht!“

Ich schlich mich zum Knopf, der sie nun befreien sollte. Klick machte es und ein leises Zischen öffnete die Vitrine. Mit zitternden Händen nahm ich die Büste und legte sie in meinen Rucksack.

„Gott, bist du schwer!“, dachte ich, „Womit habe ich das verdient!“

Ich schnallte ihn auf meinen Rücken.

„So! Und wie komme ICH jetzt hier raus?“, murmelte ich vor mich hin.

Ich schlenderte durch die leeren Säle. Vielleicht sollte ich mich in das Klo stürzen, die Kanalisation wird mich schon wieder ausspucken. Aber Wasser mochte ich noch nie!

Nach langem Laufen vernahm ich einen Luftzug. Klimaanlage? War doch sicher abgeschaltet worden. Ich folgte der kühlen Richtung und fand bald ein noch geöffnetes Fenster.

Juchu, Freiheit ich komme! Ich kletterte umständlich auf den Sims und schaute nach unten. Es war nicht sehr tief, aber mit meinem Talent würde ich mir auch mit einem Meter Höhenunterschied das Bein brechen.

„Na dann, Hals UND Beinbruch!“, prostete ich mir zu und hangelte mich kompliziert nach unten. Nach einer kurzen Verschnaufpause floh ich die nächtlichen Straßen entlang, bedacht, nicht aufgehalten zu werden.


In meiner Wohnung angekommen, brühte ich mir erstmal wegen der ganzen Aufregung einen Melissentee. Im Kopf summierte ich meine heutigen Erlebnisse zusammen. Ungläubig, was ich getan hatte, zog ich sie aus dem Rucksack und stellte sie auf den Küchentisch. Die Pharaonin lächelte mich unverhohlen an. „Ich wusste, dass du die Richtige dafür bist!“

„Naja, dafür, dass ich sonst sowas nicht jeden Tag mache, habe ich das gar nicht so schlecht über die Bühne gebracht.“, gab ich zu und schmunzelte. „Was nun?“ fragte ich.

„Zeig mir dein Reich!“, erklärte sie trocken.

„Mein Reich! Das siehst du hier, das sind diese vier Wände.“ antwortete ich.

„Was sind das für Bauten und Glastempel, die ihr habt?“, fragte sie neugierig weiter.

Glastempel? Vielleicht meinte sie den Potsdamer Platz.

„Das sind nur Büroräume.“, erklärte ich. Büroräume, das schien sie nicht zu kennen. „Also, das sind Bauten, wo viele Arbeiter in kleinen Räumen für den Pharao arbeiten.“, versuchte ich ihr näher zu bringen. „Nur dass, es den Pharao so nicht mehr gibt. Wir haben dafür z.B. eine Kanzlerin, die das Oberhaupt für ein paar Jahre ist.

„Sterben die nach den paar Jahren? Ist das ein Ritual?“, staunte sie.

„...Nein, wir bringen sie nicht um, es gibt Wahlen. Wenn sie gut sind, verlängert sich ihre Zeit.“ meinte ich.

„Und wenn nicht? Dann verjagt ihr sie?“, ging es weiter.

„Nein, auch das nicht. Sie wird abgesetzt und ein neuer Kanzler folgt. Dieser wird demokratisch gewählt.“

„Hmm...,“ sie runzelte ihre schöne Stirn und dachte nach.

Mir wurde bewusst, dass ich mitten in der Nacht in meiner Küche angeblich mit Nofretete sprach.

Vielleicht war es doch besser, ich gehe schlafen, dachte ich.

„Hör mal, ich muss jetzt schlafen gehen. Kann ich noch was für dich tun?“, fragte ich sie.

„Wo geht die Sonne auf? Dort will ich stehen!“, bemerkte die Schöne.

Ich stellte sie also ans Küchenfenster und ging ins Bett. Noch im Halbschlaf murmelte ich von Ideen, wie ich sie bloß wieder ins Museum befördern könnte.


Am nächsten Morgen gähnte und streckte ich mich ausgiebig. Angeblich spielte ich im Traum Ocean´s eleven und hatte die Nofretete geklaut! Sowas!

Den Sand aus meinen Augen wischend tapste ich ins Bad. Ich bemerkte an mir einige blaue Flecken. Wer weiß, wo ich mir die schon wieder geholt hatte. Nach einer erfrischenden Dusche fehlte nur noch ein Kaffee, und die Welt war wieder in Ordnung. Ich schlurfte langsam in die Küche und blieb wie angewurzelt stehen.

Am Küchenfenster stand die Pharaonin und flötete einen guten Morgen.


Ooh nein! Das kann nicht wahr sein! Nein, ich träume noch!

Aber das nasse Haar, das beständig kalte Tropfen an meine Schulter sendete, bewies nur, dass ich nicht mehr träumte. Na toll, da hast du dir ja was eingebrockt!

„...Morgen! Kaffee?“, brummte ich.

„Nein ich bin viel zu aufgeregt für sowas. Was machen wir heute?“, fragte sie.

„Tja, als erstes muss ich mich heute krank schreiben lassen, damit ich dich wieder ins Museum bringen kann.“, meinte ich.

„Aber doch nicht sofort!“, flehte Nofretete.

„Okay, wir fahren einmal mit der Ringbahn herum und dann bring ich dich zurück!“, bestimmte ich. Ich schüttete mir den restlichen Kaffee in mich rein und kramte dann noch im Keller nach einem schönen langen Seil und einer Taschenlampe. Schließlich musste ich ja wieder durch dieses Fenster einsteigen und mich drinnen zurecht finden.

Nachdem ich alles Nötige getan hatte, packte ich zum Schluss die Pharaonin in den Rucksack und setzte mich in die Ringbahn. Ich öffnete ihr ein wenig den Rucksack, damit sie auch die Fahrt über etwas zu sehen hatte.

Eigentlich war es eine schöne Zeit, um sich die Stadt anzuschauen. Sieben Uhr in der Frühe strahlte die Sonne in warmen Farben über die Dächer Berlins. Wir ignorierten einfach die Menschen im Zug und konzentrierten uns auf die äußeren Bilder.

Sie war entzückt. Besonders die Sonnenallee hatte es ihr angetan. Gerne wollte sie dort aussteigen, aber ich erinnerte sie an unsere Abmachung, bald wieder im Museum zu sein.

Nach unserer kleinen Rundreise gab es für mich nun den schwierigen Teil zu bewältigen. Unbemerkt ins Gebäude zu gelangen würde kompliziert werden.

Da stand ich nun, ich armer Tropf, und überlegte mir eine Strategie, wie ich heil alles über die Bühne bringen könnte. Ich sah mich nach allen Seiten sorgfältig um, holte das Seil raus und schulterte den Rucksack auf den Rücken. Noch war kein Mensch zu sehen.

Ich hangelte mich mithilfe des Seils eine Säule hoch und kletterte auf den überdachten Vorhof. Hey, dachte ich, die ganzen Actionfilme sind ja doch bei mir hängen geblieben! Als nächstes krallte ich meine Hände in den Gebäudestuck, um Stück für Stück zum Fenster zu kommen. Auf halber Strecke brach mir der Angstschweiß gehörig aus, ein falscher Tritt, und ich würde fliegen, und zwar gehörig nach unten. Von weitem hörte ich einen Geiger, der den Hummelflug von Haydn spielte. Prima, als ob das hier für mich nicht schon genug Stress wäre!

„Mach schon! Du schaffst das schon! Du kannst hier ja nicht ewig stehen!“ animierte ich mich und tapste mit weichen Knien bis zum geöffneten Fenster vor. Erschöpft sank ich auf den Sims. Meine Hände zitterten. Da bemerkte ich einen Studenten, der den Vorhof überquerte. Erschrocken und in letzter Sekunde plumste ich ins Innere des Hauses.

„AUA!“, stöhnte die Pharaonin.

„Tut mir leid!“, murmelte ich und tätschelte sie durch den Rucksack.

Ich rappelte mich auf, knipste die Taschenlampe an und huschte mit dem dünnen Lichtstrahl durch die langen Gänge. In ihrem Raum stand alles noch so, wie wir ihn verlassen hatten.

Vorsichtig holte ich Nofretete aus ihrem Versteck und beäugte sie ausgiebig, ob sie keinen Schaden genommen hatte.

„Mir geht’s gut!“, sagte sie und lächelte. Erleichtert nickte ich und stellte sie zurück an ihren Platz.

„Ich hoffe, es hat dir Spaß gemacht!“ sagte ich und grinste schief.

„Sicher! Komm bald wieder!“, antwortete sie.

Nun verschloss ich die Vitrine. Sie sah jetzt noch strahlender aus, die Pharaonin. Wir zwinkerten einander nochmal zu und dann verschwand ich wieder in Richtung Fenster.


Am übernächsten Tag las ich in der Zeitung, dass im Neuen Museum verschärfte Sicherheitsbestimmungen beschlossen wurden. Irgend jemand hatte ein Fenster offen gelassen, aber - Gott sei Dank – wurde nichts entwendet.

Na, wenn die wüssten! Dachte ich.

hoch

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Genres:
* Prosa *


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