Der Eiszwerg

Dicke Schwaden erfüllten den schlecht beleuchteten Raum, als sich knarzend die Glastür öffnete. Hinter einem schweren Schreibtisch im Halbdunkel saß ein beleibter Mann Mitte Vierzig und rauchte an einer seiner unzähligen Zigaretten.

"Was wollen Sie?", krächzte er aus seinem Ledersessel und blies dabei den Rauch aus seiner Lunge.

"Ich will, dass Sie jemanden finden!", antwortete der Fremde und legt einen A4-Umschlag auf den Tisch.

"Sie wissen, dass ich nicht ganz preiswert bin??"

"Sie sind der Beste, wurde mir gesagt. Wenn jemand ihn findet, dann Sie!"

Der Mitvierziger öffnete den Umschlag und lugte hinein.

"Vergessen Sie's!" Er schob die Unterlagen wieder zurück

"Ich erhöhe gern Ihre Gage. Was schlagen Sie vor?"

Der Dicke schaute ihn lange an, bevor er antwortete.

"500 € am Tag plus Spesen extra. Ich kaufe, was ich für den Auftrag brauche, und setze Sie vorher in Kenntnis. Bevor Sie nicht zahlen, läuft gar nichts. Lassen Sie mir freie Hand und Sie bekommen, was Sie wollen! Das ist das einzige Angebot. Sagen Sie zu oder verschwinden Sie."

Seine Augen lauerten wie eine sprungbereite Katze. Der Fremde zückte aus seinem Mantel einen 500-€-Schein und legte ihn auf den Umschlag.

"Fangen Sie an. Ich erwarte Ergebnisse." Er nickte, tippte sich an seinen Stetson und ging.


Eine Woche arbeitete sich Detektiv Kafka durch die Unterlagen und verfluchte sich selbst, dass er den Auftrag nicht doch abgelehnt hatte. Auch der Auftraggeber war seltsam, er war nicht aufzufinden. Bis auf eine Telefonnummer blieb er ein Buch mit sieben Siegeln. Er hatte sich ganz schön was eingebrockt. Das einzig Gute war, dass er pünktlich bezahlt wurde.

Kafka hatte drei Tipps und ein Foto bekommen, das war nicht wirklich viel. Er würde bei dieser Stube anfangen.


Seine Stiefel knirschten im Schnee, als er grübelnd durch die Straßen stapfte. Am liebsten war er nachts unterwegs, dann war er am kreativsten. In Neukölln angekommen, zeigte er den wenigen Menschen das Foto und fragte, ob dieser Mann darauf in der letzten Zeit gesehen wurde. Als er keine brauchbaren Hinweise ergatterte, führten ihn seine Gedanken in die Tellstraße, wo er vor der Musenstube stehenblieb.

Auch sie war dunkel. Sein Atem manifestierte sich auf der kalten Schaufensteroberfläche, während er angestrengt ins Fenster glotzte. Nichts – Nada – Niente. Er steckte sich eine neue Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.

"Autor", brummte er vor sich hin, "vielleicht hat er sich ja aus der Welt geschrieben!"

Er griente über seinen eigenen schlechten Witz und sah dem ausgebliesenem Rauch hinterher.

Ihm fiel diese Telefonnummer wieder ein und kramte sein altes Handy raus.

"Hallo", rief einer am anderen Ende.

"Ja, hier Kafka, Detektiv! Ich suche einen Markus, kennen Sie den ganz zufällig?"

"Markus ... ja klar, der Autor, war bei uns mal Mitglied im Club. Warum?"

"Er wird gesucht. Wo haben Sie ihn zuletzt gesehen?"

"Ja, ... lange schon nicht mehr. Was hat er denn verbrochen?"

"Ich stelle hier die Fragen! Wo wohnen Sie?"

"Sonnenallee 111 bei Meier."

"Ich komme zu Ihnen, bleiben Sie, wo Sie sind!"

Kafka legte auf, bevor der Kerl etwas erwidern konnte, und setzte sich in Bewegung. Sein Glimmstängel war das einzige, was man in der Dunkelheit noch von ihm sah.


Er klingelte Sturm, bis nach ewig langen Minuten einer aufmachte.

"Peter Meier?", raunzte er und schob sich in die Tür.

"Ähm ja, was soll das eigentlich? Was wollen Sie von Markus?"

"Wie gesagt, er wird gesucht. Kafka mein Name, Detektiv. Markus ist verschollen und meine Aufgabe ist es, ihn ausfindig zu machen."

Er stockte und seine Augen wurden größer, als sich ein pelziger Kopf durch die Küchentür schob.

"... Euer Haustier?"

"Ja, unser Elch.", bestätigte Peter.

Der Elch verlangte nach dem letzten Stück kalter Pizza und ignorierte einfach den Detektiv mit seinem fragenden Gesichtsausdruck. An seinen Promistatus hatte er sich bereits gewöhnt.

"... Zurück zu Markus, wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?"

"Na ja, ist eben lange schon her, wir würden uns auch freuen, wenn er bei uns öfter wieder beim Club vorbeischauen würde, aber bisher ist er quasi verschollen. Haben Sie es schon bei ihm zuhause probiert?"

Kafka zückte sofort Zettel und Stift und wartete begierig auf die Adresse. Nach der Befragung stöhnte der Detektiv auf.

"Und wie komme ich jetzt zum Bergmannkiez? Alle Bahnen sind doch eingefroren und nichts fährt mehr in dieser verdammten Stadt, nicht mal Taxis bekommt man hier!"

Nach kurzem Überlegen meinte Peter: "Nehmen Sie doch unseren Elch. Silke und ich haben noch einen Schlitten und kommen einfach mit, wenn's recht ist."

Der Elch protestierte lautstark, als er hörte, dass er als Transportmittel missbraucht werden sollte. Aber für alle anderen war das schon beschlossene Sache und so half kein Jammern, er musste ran.


Es hatte angefangen zu schneien. Jetzt waren nicht nur die Verkehrsmittel vereist, nun tanzten die Schneeflocken einen wilden Walzer. Stürmischer denn je peitschten sie den vier einsamen Lebewesen ihre kalten Küsse entgegen. Die Straßen waren leergefegt, denn keiner ging jetzt noch freiwillig hinaus.

"Mir ist elchkalt!", stöhnte der Elch. "Und außerdem seid ihr ELCHSCHWER!"

"Hör auf zu nörgeln und beeil dich, es ist doch schon kalt genug!", antwortete Peter.

"Wir können auch laufen", schlug Silke vor.

"Dann kommen wir doch noch langsamer voran!", protestierte der Detektiv. Er steckte sich den nächsten Glimmstengel an und zog seinen abgewetzten Mantel noch enger.

"Und wenn ich einfach streike?", motzte der Elch.

Silke stöhnte entnervt. "OK, fünf Minuten Pause!"

Sie kuschelte sich bei Peter ein und schloss die Augen. Alle schwiegen, denn Kafka zog an der Kippe und der Elch schmollte.

Der Schneesturm hob an und brachte die nackten Äste der Bäume zum knacken. Sie bogen sich im geisterhaften kalten Licht der Laternen und warfen lange spinnenartige Schatten.

"Peter, lass uns weitergehen, mir ist unheimlich.", flüsterte Silke.

"Leute, weiter geht's, und du Elch, bleib einfach hier oder geh nach Hause. Du weißt ja, wohin du gehen musst", bestimmte er.

Die drei setzten sich zu Fuß wieder in Bewegung und der Wind spielte sein eigenes Lied. Er zerrte und schob an ihnen herum, als seien sie seine Marionetten. Silkes Zähne klapperten im Takt zu ihren eisigen Füßen.


"Die nächste rechts, dann sind wir da", bibberte auch Peter.

"Na endlich...", knurrte auch der Detektiv und freute sich auf einen heißen Kaffee, den er hoffentlich bekommen würde.


Im Hausflur angekommen, klopften sie sich gegenseitig die dicken Schneeflocken aus den Kleidern und rieben sich die roten Wangen wieder warm.

Die drei blickten um sich und horchten. Wie still es hier doch war! Und kalt! Eisblumen hatten sich an die Fenster wie große Kristalle geheftet, der Schnee am Eingang der Tür war hart gefroren. Sie stiegen die Treppe zu Markus' Wohnung hinauf.

Seine Tür war nur angelehnt. Vorsichtig traten sie ein, der Boden war komplett mit Eis überzogen und spiegelglatt, an den Wänden glänzten Eiskristalle.

"Markus?", flüsterte Silke in die Stille hinein.

Sie und die anderen stießen Atemwolken aus, hier war es tatsächlich kälter. Alle drei schlitterten in die Küche – und da saß er. An seinem Stuhl festgefroren und die Hand an einem Kaffeebecher starrte er ins Leere. Sie hielten ihn für tot, erfroren, bis sich unendlich langsam seine blauen Lippen bewegten.

"GUTEN ABEND!", durchschnitt eine glasklare Stimme die Luft.

Sie drehten sich um und sahen oben auf dem Schrank einen Zwerg sitzen. Er taxierte mit seinen kalten hellen Augen die Besucher.

"Willkommen in meinem Reich!", setzte er wieder an. "Möchtet ihr etwas essen oder trinken? Ich habe kandierte Eisfrüchte und kalten Eistee."

"Nein danke!!", grunzte Kafka und versuchte sich eine Zigarette anzustecken, jedoch erfolglos, denn das Feuerzeug versagte kläglich.

"Ihr wollt es hier doch nicht noch wärmer machen!?", tadelte der Zwerg.

"Ich möchte gern einen Tee", murmelte da Silke.

"SEHR GERN!" Die funkelnden Augen vergrößerten sich und der Kleinwüchsige verschwand kurz.

"Wir müssen Markus erwärmen! Los, bevor der Gnom wiederkommt!", zischte sie.

"Markus! Wach auf!" Peter rüttelte ihm am Arm, doch Markus bewegte lediglich wieder seine blauen Lippen. Er formte immer die gleichen Silben, brachte aber keinen Laut von sich.

Es erschien wieder der Eiszwerg und reichte Silke den Tee.

"Vielen Dank!" Sie nahm das Glas und der Zwerg hockte sich wieder auf den Schrank. Er beobachtete, ob sie endlich trinken würde, und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Die Eiswürfel klirrten im Gefäß und Silke wurde schon beim Gedanken kälter.

"Sie sind ein Freund von Markus?", fragte da der Detektiv.

"Markus fand zu mir, und nun wohnen wir hier zusammen! Er mag meine Welt und versprach zu bleiben!"

Silke nippte aus Höflichkeit am Glas. Der Zwerg grinste breit. Es durchfuhr sie ein kalter Schauer, denn ihre Hände verwandelten sich. Sie wurden weiß wie Marmor und die Kälte kroch beharrlich nach oben.

"Peter! Mach doch was! Mir ist so kalt!"

"Nicht doch! Es wird gemütlich, junge Dame!", feixte der Gastgeber.

"Hol Markus endlich aus dieser Starre", stammelte sie, die Weiße überzog bereits die Ellbogen.

"Erinnerst du dich an deine Geschichten?", wendete sich der Angesprochene an den Erstarrten.

"Wir brauchen dich sonntags! Jetzt reiß dich doch mal zusammen und mach dir warme Gedanken!" Silke fiel ein Vers von ihm ein und sie stotterte die Worte:


"Ein kleines Haus. Ein stiller Garten.
Hier blüht der Flieder und Holunder...


Peter übernahm den nächsten. So wechselten sie sich ab.

"Was macht ihr da??", schnaubte der Zwerg. "SOFORT AUFHÖREN!"

Er sprang auf und fuchtelte mit seinen Armen.

Es ist ein gutes Zeichen, wenn er sich so aufregt, dachte sich Kafka. Und die zwei hörten auch nicht auf.

"kalt", hauchte da Markus in die Verse. Ein großer Tropfen rann von seiner Stirn über die Nase in die Tasse hinein.

"Er taut!", jauchzte der Detektiv, fing sich aber sogleich, schließlich hatte er einen guten Ruf zu verlieren.Umso mehr Markus Vereisung verschwand, zog sich auch Silkes Blässe wieder zurück.

Zornig hob der Zwerg eine Predigt an und schickte einen Schwall kalter Eisflocken durchs Zimmer. Doch halfen sie nichts mehr, der Bann war gebrochen. Mit einem trockenen Klirren zersprang der Zwerg.

"Gott ist das hier kalt! Schlimmer als im Winter in der Musenstube!", sprach Markus laut.

Er blinzelte die drei an und registrierte erst nach einer Weile, wer sie eigentlich waren.

"Und wer hat hier das Fenster aufgemacht??"

Er stand umständlich auf und seine Glieder knackten dabei. Er schloss es und fröstelte.

"Wollt ihr einen Kaffee? Meiner ist nämlich schon wieder kalt!"

"Her damit!", freute sich Kafka und auch die anderen sehnten sich nach der heißen Plörre.

Während Markus den Kaffee zubereitete, erzählten sie die ganze Geschichte.

"Hm, vielleicht mal wieder so eine Anomalie meiner Küche...", meinte er nur.

Alle saßen am Tisch und wurden allmählich wieder warm, denn die Heizung funktionierte und das Schwarze im Becher tat das Übrige.

"Sag mal Markus...", hob Silke nach einer Weile wieder an, "kommst du am Sonntag?"

Er wunderte sich.

"Ja klar, was denkst du denn? Wie jeden Sonntag natürlich!"

"Na, dann ist hier ja meine Arbeit auch erledigt!", beglückwünschte sich Kafka.

hoch

------------------------------------------------------


Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa * Krimi *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: