Traummann ade!

Es war mal wieder soweit! Die Sonne lachte mir nur so entgegen, die Bäume begannen zu sprießen, Krokusse und Schneeglöckchen wuchsen aus dem Boden und der leichte Wind verkündete uns den Frühling. Ja, den Frühling! Ich mag ihn sehr, wenn da nicht immer dieser klitzekleine Haken wäre. Der nämlich, dass alle Leute aus ihren Löchern gekrochen kommen und rumturteln was das Zeug hält! Bei manchen würde ich glatt sagen: Mensch, nehmt euch ein Zimmer! Und das liegt ganz bestimmt nicht daran, dass ich grad mal wieder Single bin! Garantiert nicht! Ok, es ist jetzt vielleicht das dritte Jahr, wo Torsten mit mir Schluss gemacht hatte, aber SO schlimm ist das bei mir auch noch nicht. Klar hätte ich gern wieder jemanden an meiner Seite, der mit mir abends z. B. kocht und mit dem man sich unterhalten kann, aber Torschusspanik habe ICH nicht!

Schließlich habe ich genug Freunde, mit denen ich mich treffen kann! Heute z. B.! Heute treffen wir uns Mädels und machen uns einen gemütlichen Abend. In einer Stunde ist es soweit, der Auflauf ist im Ofen und der Wein bereitgestellt. Wir werden schon unseren Spaß haben.


Diese Stunde verging wie im Flug, da klingelte es schon an der Tür und sie standen alle belustigt vor der Tür.

"Hey, schön, dass ihr alle da seid!", freute ich mich,"Kommt rein!"

Marie, Elsa und Anne schlüpften aus ihren Mänteln und liefen mir lachend hinterher.

"Was gibt’s Neues? Setzt euch, das Essen ist gleich fertig."

Ich sag euch, die drei grinsten sich einen ab und warfen sich verschwörerische Blicke zu.

"Was?!", fragte ich, " hab ich was im Gesicht? Sitzt irgendwas falsch?"

"Ooch nix nix!", antwortete Elsa und gluckste.

"Na los, raus damit!"

Marie sog die Luft tief ein, sah die anderen an und zog ein Päckchen hinter dem Rücken hervor.

"Was ist DAS denn? Eine Backmischung??"

"Ja! Denn heute, meine liebe Susanne, haben wir uns ein Abendprogramm überlegt!"

"Nämlich? Backen??"

"Genau! Aber nicht irgendwas, sondern...einen knackigen, gutaussehenden und verständnisvollen Traummann! So einer, der dich in die Arme nimmt, wenn du dich beim Thrillerstreifen erschreckst und so!"

"Na toll! Und was ist, wenn ich den gar nicht brauche?"

"Papperlapapp, natürlich brauchst du den! Schließlich sind das jetzt schon drei Jahre her und wir als gute Freundinnen können es einfach nicht mehr mit ansehen, wie du dich über andere echauffierst, bloß weil die mal Händchen halten!"

"Also hör mal!"

"Nee nee nee! Du verdrehst jedes Mal die Augen, ich hab´s auch gesehen!", meinte Anne.

"Ach komm schon, mach den Spaß mit!", kam ebenfalls von Elsa.

Spaß, auf meine Kosten? Hm, na gut, schließlich bin ich kein Spielverderber.

"Also gut, aber der muss dann wirklich toll aussehen!", lenkte ich ein und lächelte schief.


Nachdem wir dann gegessen hatten, machten wir uns an den "Traummann" ran. Mehl stob durch die Küche und mit jedem Glas Rotwein wurden wir lustiger. Man hörte in dem ganzen Durcheinander "und jetzt noch Glasur" und "Was ist eigentlich mit Liebesperlen?", was alle sofort bejahten.

Als das Backblech im Ofen war, lümmelten wir uns auf die Couch und warteten. ER roch gut, bemerkte ich und lächelte in mich hinein. Ja, manchmal sind meine Hühner etwas verrückt, aber eins haben sie, gute Ideen!

Nun klingel endlich du Wecker! Na endlich! Wir liefen in die Küche, um das Meisterwerk zu begutachten.

"Hmmm, braungebrannt ist er, also ein Australier?", bemerkte Anne.

"Und große Hände hat er!", kam von Marie.

"Ja, der Sixpack ist auch nicht von schlechten Eltern.", sagte Elsa.

"Ich taufe dich auf den Namen....Klaus!"

"Oh bloß nicht!Jens ist besser!"

"Oder wie wärs mit Andreas?"

Ich beäugte meinen frischgebackenen Freund und meinte nur: "Na, und wenn du jetzt noch die Frauen verstehst, wäre das echt super!"

Elsa gähnte.

"Du, ich geh jetzt mal, ist schon so spät geworden!"

"Ja, ich komm mit, du auch, Marie?"

Sie nickte und schon zogen sich alle an und waren bald verschwunden.

Auch ich war müde nach der ganzen Aktion. Ich lugte nochmal in die Küche. Was für ein Chaos! Als hätte hier eine Bombe eingeschlagen!

Naja, morgen ist auch noch ein Tag, mit neuer Kraft geht sowas besser! Dachte ich und fiel förmlich ins Bett.


Am nächsten Morgen tapste ich noch schlaftrunken ins Bad. War das Kaffeegeruch? Lecker, musste wohl von meinem Nachbarn sein, denn bei mir machte sich sowas noch nicht von selbst. Und, ach ja, da war ja noch die Küche! Oh Mann, nach dem Frühstück war die auch noch dran.

Ich duschte mich quasi wach, schlang mir ein Badehandtuch um den Körper und schlurfte in die Küche, um mir auch dieses heiße Gesöff namens Kaffee zu machen.

Nanu, hatte ich ein Mainzelmännchen? Blitzeblank war sie und der Kaffeegeruch kam ebenfalls von hier!

"Guten Morgen Honey!", flötete es hinter mir.

Ich wirbelte herum und schrie auf.

"Wie kommen Sie in meine Wohnung??Raus, raus raus!"

Mir rutschte das Handtuch immer mehr und ich nestelte an mir herum, damit ich nicht auch noch das letzte Fünkchen Würde verlieren würde.

"Honey, so beruhige dich doch! Dein Andreas hat dir schon deinen Kaffee gemacht."

Hatte ich nen Filmriss? Bin ich jetzt Nachtwandler? WAS in Gottes Namen war denn nur passiert?

Er schob mich zum Stuhl und drückte mir sanft auf die Schultern.

"Weißt du nicht mehr?" Er sah mir tief in die Augen. "Letzte Nacht? Du sahst mich an und ich sah dich und ich beschloss, nur noch für dich da zu sein! Honey, nur für dich! Ich LIEBE dich!"

Jetzt beugte er sich vor und spitzte die Lippen.

Sprachlos kippte mir die Kinnlade runter und bevor er mir seine Zunge in den Hals stecken konnte, machte ich, dass ich davon kam. Ich duckte mich unter seinem Arm durch und verschwand im Schlafzimmer, um mir schleunigst was anzuziehen.

"Hab ich was falsch gemacht? Was ist denn mit dir los?", fragte er.

Ich stapfte nach vorn, schnappte mir meine Jacke und brummte mit drohendem Zeigefinger:

"Also ich weiß zwar nicht, was hier letzte Nacht wirklich passiert ist, aber eins weiß ich, nämlich, dass du nicht in meine Wohnung gehörst. Es wäre für dich von Vorteil, wenn du nicht mehr da bist, wenn ich wiederkomme. Verstanden?"

Ich wartete keine Antwort ab und flitzte durch die Tür.

Auf der Straße schlug ich die Richtung zu Annes Wohnung ein. Vielleicht wusste sie ja mehr.

Was hatte ich mir da nur eingebrockt? `Ich liebe dich`! Wenn das bei einem Mann so schnell über die Lippen kommt, kann da was nicht ganz hinhauen. Torsten sagte jedenfalls sowas nie, lieber hätte er sich eine Hand abgehackt. Und wie hieß er noch gleich? Andreas?...Oje, mir schwante Übles.

Anne war auf dem Sprung und meinte auch, dass wir gestern nicht noch schwofen waren. Was ich danach allein angestellt hatte, wusste sie natürlich nicht! Sie zwinkerte mir zu und meinte, dass ich das doch mal positiv sehen sollte. Schließlich war ich doch `frei und ungebunden`. Das vielleicht schon, aber doch nicht von null auf hundert!

Auf dem Rückweg überlegte ich mir, wie ich ihn da rausholen könnte, falls er da noch sein sollte.

Als ich die Tür aufschloss, war alles ruhig. AH, diese Ruhe, somit musste ich nicht die Harte spielen! Vergnügt summte ich vor mich hin, schlenderte ins Wohnzimmer – und blieb wie angewurzelt stehen. ER stand da mit ROSA Küchenschürze und BÜGELTE! Und dann noch meine UNTERWÄSCHE!!!!

"Ich, äh, ich, na ja, ich wollte nur noch schnell die Wäsche bügeln und dann bin ich sofort weg, Honey!"

Da! HONEY! Schon wieder! Ich bin nicht sein Honey, wie oft denn noch? Meine Stimmung verdüsterte sich schon wieder.

Mit großen Augen stammelte er: "Und dein Lieblingsessen ist auch fertig, ich meine – Frikassee- , das magst du doch so, ...oder?"

Ja, schon, aber das war doch nicht der Punkt! Zugegeben, er war schon nett, aber musste er gleich so aufdringlich sein?

Er merkte, dass ich immer noch verstimmt war und räumte schleunigst auf.

"Ich dachte nur, Honey! Ich geh schon! Schon gut!"

Im Flur an der Tür warf er mir noch einen Blick zu. Und was für einen! Ich bekam regelrecht weiche Knie und fing allmählich an, meine Entscheidung zu bereuen. Und doch, trotzig wie ich war, meinte ich nur: "Tschüss!", und drückte die Tür hinter ihm zu.

Ich glitt an ihr in die Hocke und überlegte. Sollte es wirklich sein? Wann hatte schon mal ein Mann für mich freiwillig gekocht? Oder aufgeräumt? Und dann diese Augen! Stahlblau!

Zugegeben, etwas schmachtend ging ich in die Küche und linste in den Topf. Herrlich, wie das duftete! Kochen konnte er jedenfalls. Ich beschloss, dass ich ihn zum Frikassee einladen würde, sollte er noch vor der Tür stehen. Aber das tat er nicht. Nun denn. Dann nehme ich es mir halt vor, sagte ich mir. SO schlecht war er ja auch nicht. Es käme eben auf einen Versuch an.


Als es später Nachmittag wurde, klingelte es an der Tür und als ich öffnete, schlugen mir rote Rosen entgegen. Und ein Hundeblick erster Güte.

"Hallo! Bist du noch sauer, Honey?", fragte dieser fremde Mann, namens Andreas, der urplötzlich in meiner Wohnung stand.

"Hallo, Andreas.", stutzte ich.

"D...die sind für dich!...Musst sie nur nochmal anschneiden und in lauwarmes Wasser stellen, dann halten sie länger.", beeilte er sich.

"Danke.", antwortete ich. Und an mein eigenes Versprechen erinnernd: " ...Möchtest du mit mir das Frikassee essen?"

"Sehr gern!", strahlte er und schlüpfte in die Wohnung.


Ich ging in die Küche, versorgte die Blumen und deckte den Tisch. Andreas machte sich wieder am Herd zu schaffen und danach saßen wir uns gegenüber, vor uns jeweils eine dampfende Schüssel meines Lieblingsessens. Wir löffelten so drauf los, sahen uns verstohlen an und lächelten hin und wieder.

"Sag mal, Andreas...,wie haben wir uns gestern eigentlich kennengelernt?"

"Du weißt es wirklich nicht mehr? ", grinste er.

"Schon gut, vergiss es. Wie schmeckt dir der Wein?"

"Ein waschechter Bordeaux!" Er drehte die Flasche mit dem Etikett zu sich herum.

"Ah, ja aus St. Émilion. Warst du schon mal da? Ein mittelalterliches Städtchen und drumherum Weinberge! Und der Merlot! Einzigartig!"

Huch, da saß ich ja einem Kenner gegenüber! Und was machte er jetzt? Er schmatzte.

"Hm, ja ja, und, schmeckst du die Beeren mit einem Hauch von Lakritze? Und zum Schluss so schön weich und fruchtig! Ausgezeichnet!", nickte er und gurgelte den Wein die Kehle hinunter.

"Schön, wenn er dir schmeckt."



Ich wusste ja gar nicht, was ich da noch für eine Spezialität im Schrank hatte! Jedenfalls hatte er mich auf dem falschen Fuß erwischt und so fragte ich:

"Was hälst du noch von einem Videofilm? Ich habe mir gestern einen ausgeborgt, 96 Hours."

"Kenn´ ich auch noch nicht, hast du was zum Knabbern da?"


Ich holte die Salzstangen und schon machten wir es uns auf der Couch bequem.

Der Film fing an, Andreas hatte seine Salzstangen und ich blieb beim Wein. Ich schnupperte vorsichtig am Glas, aber so, dass er es nicht merkte. Beeren und Lakritze? Ich ließ ein paar Tropfen in meinem Mund kreisen. Lakritze, mh, ja, jetzt wo er´s mir sagte...

Plötzlich fing Andreas an, die Salzstangen immer hektischer in sich reinzustopfen. Bei der Szene, wo dieses Mädchen entführt wird, fing er auf einmal an zu schreien.

"Um Himmels Willen! Das arme Mädchen! Nicht doch! Was machen die jetzt bloß mit ihr!"

Mein Gott, irgendwie muss der Film doch ins Rollen kommen, dachte ich da nur.

"Beruhige dich, alles wird gut!", meinte ich gelassen und tätschelte seine Hand.

"Gut!", seufzte er und schob sich erneut eine Stange in den Mund.

Von der Seite aus beobachtete ich ihn. Er sah schon gut aus, das musste man ihm lassen. Unter seinem Hemd war ein Ansatz von Muskeln zu erkennen und seine Haut war leicht gebräunt. Ja, gefallen könnte er mir! Mit seinen strohblonden Haaren und den blauen Augen passte er genau in das sogenannte `Beuteschema`. Ich war gespannt, wie der Abend enden würde.


Aber da konnte ich lange warten. Denn er heulte am Schluss wie ein Schlosshund und machte eine ganze Packung Taschentücher leer. Letzten Endes musste ich IHN in den Arm nehmen und trösten. Wie war das doch gleich? Der Traummann, der dich in die Arme nimmt? Nun ja! Ich würde eher sagen: Traumfrau?

"Darf ich bei dir übernachten?", fragte er da.

"Ähm, hier?", fragte ich entsetzt.

"Ja.", sagte er und setzte seinen Hundeblick wieder auf.

"...Na gut, hier auf der Couch kannst du bleiben."

"Danke!", sagte Andreas und fiel mir um den Hals.

Na na, nicht so stürmisch, das hatten wir doch schon! Ich befreite mich aus seiner Umarmung und holte das Gästebettzeug. Wenn das mal gutging! Ich ging zum Schlafzimmer und wünschte eine `Gute Nacht`. Hinter mir schloss ich vorsichtshalber ab, man wusste ja nie!


Ich war grad so richtig eingeschlafen, da klopfte es sachte an der Tür. Klopfte es wirklich? Nein nein, ich musste das geträumt haben. Nach einer kleinen Weile wurde dieses Klopfen stärker und mit einem leisen "Pssst, Susanne! Schläfst du schon?" unterstrichen.

Ja klar, was denkst du denn??? Ich imitierte ein lautes Schnarchen, nur damit ich weiterhin meine Ruhe hatte.

Aber es nüzte nichts. Auf der anderen Seite der Tür klopfte es wieder mit diesem PSSSST.

Entnervt schälte ich mich aus dem Bett und öffnete die Tür.

"Was ist denn?", maulte ich ihn an.

"Ich kann nicht schlafen!", sagte er mit großen traurigen Augen.

Vor mir stand ein ausgewachsener 1,80m Mann mit seiner Bettdecke und sagte sowas!

"Kann ich bei dir mit ins Bett kommen?"

Bitte was? Und was war das?

"Sag mal Andreas, bist du etwa NACKT???"

"Ja, ich schlafe immer nackt, warum?"

Ich hielt mir die Augen zu und sagte hastig: "Also schlafen kannst du hier einfach nicht. Mach dir eine heiße Milch mit Honig, wenn du nicht schlafen kannst."

"Schade! Hoffentlich kommt kein Einbrecher und kidnappt mich! Schlaf schön!", schniefte er, drehte sich um und wackelte mit seinem blitzblanken Adamshintern in das Wohnzimmer zurück.

Bevor ich die Tür schloss, lugte ich ihm hinterher, da hatte ich mir wirklich was eingebrockt. Aber gut anzusehen war er trotzdem!


Am nächsten Morgen, die restliche Nacht verlief übrigens ruhig, klapperte es wieder in meiner Küche und nach einigen Minuten roch es nach Kaffee. Ich stand auf, schlang mir meinen Morgenmantel um und ging dem Geruch nach.

"Guten Morgen, Honey!", sagte Andreas und drückte mir eine Tasse in die Hand.

"Morgen!", brummte ich. "Wie hast du geschlafen?"

"Na ja, weißt du, ich habe, nachdem ich dich nochmal gestört hatte, und es tut mir wirklich sehr leid, es kommt nicht mehr vor, ja, was wollte ich doch gleich sagen, ...da habe ich noch ein bisschen Yoga gemacht, zur Beruhigung, versteht sich."

"Na das ist ja toll! Gut, dass du dann schlafen konntest."

"Nicht wahr?", nickte er. "Es gibt da so spezielle Übungen, wo man viel atmen muss. Atmen und Dehnen, das geht ohne Kleidung am besten."

Ich stellte mir das jetzt besser nicht vor und nickte bloß, nicht dass er mir das jetzt nochmal zeigte.

Nach einer Weile stummen Schweigens stellte ich meine Kaffeetasse ab und sagte:

"Hör mal Andreas, du und ich, ich meine, ...du kannst hier nicht mehr bleiben. Und bitte komme nicht wieder auf die Idee, bei mir zu klingeln. Es passt einfach nicht, ok?"

"...O..K.., stammelte er und seine Hand zitterte. Und zwar so sehr, dass er den Kaffee auf seinem Hemd verschüttete.

"Oh NEIN NEIN NEIN! Das war doch noch neu! Und diese Flecken sind so schwer rauszukriegen. Mein australisches Lieblingshemd ist im Eimer!Und davon hab ich doch nur noch zwei!"

Oh, Susanne, dachte ich, tief ein und ausatmen, es wird bald vorbei sein! Ich holte ein Handtuch, machte es nass und er versuchte, den Fleck rauszurubbeln.

Irgendwann resignierte er und zog sich zum Gehen an. Mit tropfendem Hemd und schiefem Blick sagte er mir Goodbye.


Ihr glaubt nicht, wie ich den Tag genoss! Diese Ruhe! Traummann, was ist schon ein Traummann, wenn man sein Singledasein so auskosten kann, wie man möchte! Tun und lassen, was man will! Herrlich! Zur Feier des Tages holte ich mir mehrere Filme aus der Videothek und stürzte ein Glas Wein nach dem anderen runter, ohne darauf zu achten, welchen Abgang der machte. Und bei den Filmen? Umso blutrünstiger und gruseliger, desto besser! Erst sehr spät in der Nacht schleppte ich mich ins Bett.

Aber diese Nacht verlief auch nicht so ruhig, wie ich wollte! Mitten im tiefen Schlummer klangen schiefe Lautentöne an meinem Fenster hoch.

"OH, Susanne! Bitte sei mir nicht mehr böse...ich werde um dich kämpfen...Honey!"

Hörte das denn niemals auf? Wütend sprang ich aus dem Bett und öffnete das Fenster, jetzt würde Andreas wirklich Ärger bekommen. Allerdings hatte ich wahrscheinlich ein Glas zuviel getrunken, denn ich wankte und als ich endlich das Fenster aufbekommen hatte, fiel mein Kaktus nach unten.

Und er fiel nicht irgendwo hin! Er fiel auf seinen Kopf und Andreas ließ die Gitarre fallen. Und ER wankte.

"Oh Gott! So war das aber nicht gemeint!", lallte ich.

Andreas blieb noch eine Weile so stehen und als er dann doch fiel, zerbrach er in tausende einzelne Keksstücke. Sofort kamen lauter Mäuse aus den Ecken und ließen sich ihn schmecken, bis kein einziger Krümel übrigblieb.

"Oje, also entweder habe ich wirklich einen im Tee, oder ich habe grad meinen sogenannten Traummann umgebracht."

Ich stürzte die Treppe hinunter und schaute mir das Desaster nochmal von unten an.

Es war wirklich so! Kein Andreas, aber auch keine Maus war zu sehen! Wer weiß, dachte ich, oder ich habe vielleicht auch zuviele Horrorstreifen gesehen!

Ich ging wieder in meine Wohnung und zog die Bettdecke über meinen Kopf. Morgen war wieder Montag und ich musste wieder zur Agentur.


Einfach viel zu früh klingelte mich der Wecker aus dem Bett! Mit einem Riesenschädel wachte ich benommen auf und hielt mir beide Hände an die Schläfen. Nie wieder Wein in den nächsten paar Wochen! Schlurfend lief ich ins Bad, machte mich frisch und erinnerte ich mich an Andreas. Anschließend schielte ich erstmal in jedes Zimmer und rief seinen Namen, ich sage euch, aus reinster Vorsicht. Kaffee war nicht gemacht, das war schon mal gut. Als ich auch in den letzten Winkel geschaut und niemanden entdeckt hatte, atmete ich auf und holte mir erstmal eine Aspirin. Während sie sich auflöste, suchte ich nach der Kaffeebüchse. Jetzt musste nur noch ein starker Kaffee her, sonst war ich heute auf Arbeit erledigt! Ich kramte sie hervor und musste feststellen, dass Andreas selbst meinen Küchenschrank nach Alphabet geordnet hatte. Kopfschüttelnd öffnete ich die Büchse und sah – nix! Kein Kaffee! So ein Mist!!! Jetzt hatte der auch noch meinen Kaffee geleert!

Grummelnd schluckte ich das Wasser mit Aspirin runter als es klingelte. Na, Susanne, wer wird das jetzt wieder sein? Doch nicht wieder dein `Honeyman`?"

Ich ging zur Tür und wappnete mich aufs Neue.

"Ja bitte?"

"Hi, ich bin dein Nachbar, sag mal, kannst du mir ein bisschen Kaffee leihen?"

"Ähm, sorry", sagte ich verwundert, " der ist grad aus. Aber unten gibt’s nen Coffeeshop, da hol ich mir auch gleich einen."

Ich bemerkte, dass er etwas Schokolade im Haar kleben hatte.

"Ja, gut. Willst du mitkommen?", fragte er. "Ich brauch unbedingt einen, sonst überstehe ich heute nicht den Tag!"

"Ok, warte hier, ich muss eh gleich los.", antwortete ich und zog Mantel und Schuhe an.


Im Shop holten wir uns von einander unabhängig den gleichen Kaffee.

"Ah, endlich!", meinte er nur und schlürfte genüsslich die ersten Tropfen hinunter.

"Hast du eigentlich den Typen heute Nacht gehört, der so schief auf der Straße gesungen hat?

Also sowas Scheußliches habe ich schon lange nicht mehr gehört!", fragte er beim Hinausgehen.

"Hmm, also habe ich das doch nicht geträumt?", tat ich und zog ein verwundertes Gesicht. Aber er hatte recht, scheußlich war es!

"Na gut, dann bis zum nächsten Mal Frau Nachbarin!", lächelte er und verabschiedete sich.

"Genau!", meinte ich nur.

Wir gingen in entgegengesetzte Richtungen, als ich mich nochmals umdrehte.

"Ach übrigens, du hast da irgendwie Schokolade in den Haaren!"

"Oh! Danke!", sagte er und fingerte sich die klebrigen Teilchen aus dem Schopf. Dann tippte er sich an die Stirn und ging davon.

Nett war er, der Herr Nachbar, dachte ich. Endlich mal ein normaler Mann. Der dich nicht am frühen Morgen zutextet oder aus dem Ei gepellt den Kaffee reicht. Vielleicht sieht man sich ja wieder...bei einem Kaffee?

hoch

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