Tod durch Schokolade

Ich hatte zu meinem Geburtstag nichts besonderes geplant. Die Jungs kamen am Abend auf ein Bier vorbei und wir redeten über Gott und die Welt. Ich bestellte Pizza mit schön viel Belag drauf, zu fünft saßen wir um die Pappkartons herum und erzählten uns das Neueste. Wer bald seinen Bachelor beenden würde, wer zu welcher Demo ging und natürlich über dieses ewig leidliche Thema diskutierten wir auch, wie man(n) am besten die holde Weiblichkeit beeindrucken konnte. Das war übrigens auch mein Geschenk gewesen, sie fanden es witzig, mir so eine Schokoladenlady mitzubringen. Wir alle waren Singles und hoffnungslos in irgendjemanden verknallt, doch niemandem gelang es, eine an Land zu ziehen. Am schlimmsten hatte es aber Michael getroffen.

"Wie krieg ich das nur gebacken, dass Simone mit mir ausgeht?"

"Mann, ich hab dir das doch schon mal gesagt, lade sie nach einer Vorlesung einfach mal in die Mensa auf einen Kaffee ein!", meinte Stefan zu ihm.

"Ja, oder bei der Zigarettenpause gesellst du dich einfach mit dazu und sagst `na, auch so allein hier???`oder sowas.", philosophierte Thomas daher.

"Ihr habt doch alle selber keine Ahnung! Und verscheißern kann ich mich alleine, Thomas!", grunzte Micha.

"Genau, lass dich nicht ärgern.", meinte ich. "Simone steht bestimmt nicht auf solch plumpe Anmachen. Da kannst du gleich einpacken."

"Wobei wir wieder beim Thema wären, hast DU eine Neue am Start, Robert?", fragte da Basti.

"Ich? Naja, nee, eigentlich nicht. Meine Nachbarin ist ganz süß, aber der rennt grad einer hinterher, glaube ich. Außerdem weiß ich noch nicht mal, wie sie richtig heißt."

"Mensch, dann aber mal ran an den Speck!", grinste Basti. "Mein neuester Trick ist übrigens Salsa tanzen. Die reinste Singlebörse sag ich euch! Flirten was das Zeug hält und ein bisschen Anfassen darf man auch!"

Ich verdrehte die Augen und versuchte das Thema zu wechseln. Und Micha tat mir leid, er war wie ich, schüchtern bis ins Letzte. Lieber machten wir uns in die Hose, als Jemanden anzusprechen.

"Was haltet ihr davon, wenn wir noch ins Pub um die Ecke gehen, ich glaube, da ist heute Live-Musik. Und gegen ein gepflegtes Guinness habt ihr doch nichts einzuwenden, oder?"

"Gute Idee!", nickte Thomas, stand auf und zog sich an.

Der Abend im Pub wurde noch so richtig lustig, Basti erzählte uns von seinen neueren Schnallen, die er mit Yoga zu beeindrucken versuchte, was aber in Wirklichkeit nicht so recht klappen wollte. Solange er seinen Spaß dabei hatte, war ja nichts dagegen einzuwenden.

Ich weiß nicht, wann ich in der Nacht nach Hause kam, es war jedenfalls sehr spät und ich fiel mit meinen Klamotten regelrecht ins Bett.


Am nächsten Morgen, ich war gerade dabei, die alten Pizzapappen für den Müll an der Tür zu stapeln, da klingelte es. Ich öffnete die Tür, aber niemand stand vor ihr.

"Wer weiß...", brummte ich und stieß sie mit dem Fuß wieder zu.

"Hallo schöner Mann, kann ich dir beim Aufräumen helfen?"

Ich drehte mich um und erschrak. Sprachlos wurden meine Augen größer. Vor mir stand eine sehr attraktive junge Frau mit einem Staubwedel in der Hand.

"Ähm, wie sind Sie denn hier reingekommen?", fragte ich nur.

"Die Tür stand doch offen und du sahst so hilflos aus mit all dem Chaos. Lass mich dir helfen, ich bin gut darin!"

"Das ist wirklich toll, aber ich bin quasi fertig.", konnte ich nur antworten, denn beim näheren Hinsehen hatte sie eine leicht durchlässige Bluse und einen allzu kurzen Rock an.

"Schade, kann ich dich dann wenigstens belohnen?", säuselte sie wieder.

"Belohnen? Für was denn?"

"Ach komm schon, ich habe Erdbeeren und Schokolade dabei."

"Das hört sich wirklich gut an, aber bitte, ich glaube, Sie, DU..., du hast dich in der Tür geirrt."

"Ach das geht doch ganz schnell, sei doch nicht so abweisend.", überredete sie mich und ging schon Richtung Küche. Ich drehte mich um und wusste gar nicht, was ich so recht machen sollte. Mein Herz klopfte bis zum Hals und das Einzige, woran ich grad dachte, war, ob meine Haare richtig saßen. Ich zupfte schnell noch ein wenig an ihnen herum, als sie schon wieder im Türrahmen stand, in der einen Hand die Schüssel voller Erdbeeren, in der anderen die erwärmte Schokolade.

"Siehst du, war ganz schnell fertig!"

Sie stellte beides auf den Tisch ab und forderte mich auf, zuzulangen.

"Sag mal, wie heißt du eigentlich?", fragte ich wieder und setzte mich zu ihr.

"Ich? Lara. Und falls du fragst, ich habe dich gesehen, gestern beim Bier. Du, kann ich mal deine Toilette benutzen?"

"Ja klar.", sagte ich und zeigte ihr die Tür.

Als sie verschwunden war, wartete ich im anderen Zimmer und telefonierte aufgeregt mit Basti.

"Was mach ich denn jetzt? Die stand einfach bei mir in der Wohnung. Ich kann doch nicht...was? ...Sprich doch lauter, ich höre dich so schlecht...", flüsterte ich. Aber Basti gab mir nur blöde Ratschläge und feixte am anderen Ende, ich legte entnervt auf.

Sie brauchte ganz schön lange und als ich so am Tisch wartete, dachte ich mir, dass EINE Erdbeere schon nicht auffallen würde. Ich tunkte sie in die Schokolade und ließ sie mir schmecken. Verdammt, war das gut! Ich gönnte mir noch eine und noch eine und noch eine. Mir wurde etwas schwummrig, als sie wiederkam und lächelte.

"Hey Robert, die Erdbeeren scheinen dir aber zu schmecken."

"Mmh, ja, sind ganz lecker.", stammelte ich und wischte mir verlegen den Mund ab.

"Gehts dir nicht gut? Du siehst so blass aus?"

"Ach nein, alles super.", sagte ich und hielt mich am Stuhl fest.

"Komm, du musst dich hinlegen, ich helfe dir."

Sie zog mich ins Schlafzimmer und ich stolperte hinterher. Benommen nahm ich wahr, dass sie mich immer mehr auszog und mit Küssen überhäufte. Da konnte ich einfach nicht mehr. Ich knickte in meinem Widerstand hoffnungslos ein und ergab mich ihr. In meinen Ohren schallte das Quietschen der Bettpfosten nur so und mein einziger Gedanke war, dass wir hoffentlich nicht zu laut waren und die Nachbarn was mitkriegen würden.

Nach dem dritten Mal dachte ich nur: nicht schon wieder! Hat die denn nie genug?

Ich fragte:"Was hälst du von einer kleinen Pause???", und lächelte schief.

"Schon? Ach komm schon her...!", bestimmte sie.

"Können wir nicht mal darüber reden??"

"REDEN?? Das wird doch überbewertet!", meinte sie nur und fing von Neuem an.

"Tut mir leid, ich muss mal!", antwortete ich erschöpft und torkelte mit leicht ausgestellten Beinen ins Bad.


Ich verriegelte die Tür und ließ mich auf den Klodeckel plumsen. Meine Güte, was war das denn? Sowas hatte ich ja noch nie erlebt! Ich überlegte. Hatte es vielleicht an diesem neuen Deo Hot Fever gelegen, wo angeblich mir die Frauen zu Füßen liegen sollen? Ich roch nochmal unter meinen Achseln nach. Naja, schon nicht übel..., aber gleich so einen Erfolg? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich brauchte jedenfalls erstmal eine Pause, ich war einfach erledigt.

Plötzlich klopfte es an der Badtür.

"Robert, wann kommst du wieder ins Bett?", schnurrte sie.

"Brauch noch etwas! Schlaf ruhig schon ein, warte nicht auf mich!", antwortete ich.

"Okay, mach aber nicht mehr so lange. Ich sehne mich so nach dir!"

"Ja ja." Ich ließ den Kopf in meine Hände sinken und wartete. Irgendwann wird sie schon müde, dachte ich bei mir.

Nach zehn Minuten klopfte es wieder.

"Robert, wo bleibst du denn nur!"

"Mein Gott, ich hab ne Sitzung!", sagte ich entnervt etwas lauter.

"Na und? Mit wem hälst du die? Mit dem japanischen Außenminister mit Zeitverzögerung?? Komm jetzt endlich!", forderte sie.

Ich komme gar nicht mehr! Dachte ich und verdrehte die Augen. Ich konnte nicht mehr, nur leider zu dumm, dass man(n) das nicht zeigen durfte. Immer fit wie ein Turnschuh sein, das war ganz schön anstrengend!

"Ich komme jetzt rein!", sagte sie entschlossen und drehte am Türknauf.

"Nein! Jetzt noch nicht, gib mir noch fünf Minuten, okay?" Erschrocken hob ich den Kopf und hoffte, dass die Verriegelung halten würde.

Da Lara die Tür nicht öffnen konnte, hörte ich nur, wie sie sich immer mehr gegen sie stemmte.

"Du sagst das ja nur so. Lass mich rein!", schnaufte sie.

Jetzt kratzten ihre Fingernägel tiefe Furchen in das Holz. Für mich war das Alarm Stufe drei. Hektisch schaute ich mich um, wie ich mich vor dieser Frau retten konnte. Die Badewanne aushebeln und vor die Tür schieben? Zu kompliziert und dauerte zu lange. Sie beim Eintreten mit einem heißem, starken Wasserstrahl in die Knie zwingen, bis sie erschöpft am Boden liegt? Ich bezweifelte, dass das Wasser so stark aus dem Duschkopf spritzte, außerdem müsste ich dann das Bad wieder trockenlegen. Mit dem Klodeckel erschlagen? Er würde wohl eher kaputtgehen. Meine Panik stieg höher und höher, je mehr sie von draußen versuchte, einzudringen. Letzten Endes entschloss ich mich für den Duschvorhang und hangelte mich mit rutschender Unterhose aus dem Badfenster herab, als sie dabei war, die Tür einzutreten.

Im Hof sprang ich in die Mülltonnen, denn mein Vorhang reichte leider nicht vom zweiten Stockwerk aus bis nach unten. Umständlich hatte ich mich grade aus ihnen befreit, da hörte ich sie schon von oben kreischen. Irgendwas mit `Ich krieg dich schon` oder so. Aber das war mir egal, jetzt musste ich mir erstmal neue Klamotten besorgen. Meine Wahl fiel auf Thomas, der die gleiche Größe und Statur hatte wie ich und mir am nächsten wohnte.


Thomas machte verdutzt die Tür auf und fragte mich, ob ich zuviel getrunken hatte, zumal es draußen nicht gerade sehr warm war.

"Frag nicht! Bitte lass mich rein, die Leute auf der Straße haben sich schon genug amüsiert!", brummte ich.

"Was hast du denn für Ideen, bei fünf Grad da draußen so rumzuhüpfen, als wäre Sommer?", erwiderte er.

"Kannst du mir ein paar Sachen leihen? Ich kann grad nicht in meine Wohnung."

"Wieso das denn nicht?"

Ich erzählte ihm die Geschichte und zog mir einige seiner Sachen an. Er bog sich vor Lachen und glaubte mir kein einziges Wort.

"Wenn ich es dir doch sage!", beharrte ich.

"Ja klar, und morgen ist im Himmel Jahrmarkt.", grinste er. "Und, wie sieht sie aus?"

"Mensch, das ist mir jetzt schietegal, solange ich sie aus meiner Wohnung rauskriege und sie mich dann in Ruhe lässt. Mir tut jetzt noch alles weh!"

"Das glaub ich dir nicht,...", meinte er wieder, als es bei ihm klingelte.

"Erwartest du Besuch?", fragte ich.

"Nee, du?" Er hob den Hörer ab und fragte, wer unten stand.

Überrascht drehte er sich zu mir um und sagte, dass es wohl Lara sei.

Bei mir klingelten alle Alarmglocken und ich lief wie angestachelt durch seine Wohnung. Wie hatte sie mich bloß gefunden? Und, noch viel wichtiger, wie konnte ich sie wieder abwimmeln?

"Du, sie kommt. Jemand hat ihr aufgemacht.", stammelte Thomas.

"Scheiße!!! Und jetzt?"

"Na ja, sag ihr doch einfach, dass sie nicht dein Typ ist, oder so..."

"Toll, als ob ich das nicht schon versucht habe. Ist der Dachboden offen?"

"Ja, wieso?"

"Wieso wieso! Ich hau ab, dieso!", grunzte ich und flitzte die Treppen nach oben.

"H-Hallo Lara, wie kann ich dir helfen?", fragte Thomas laut.

"Wo ist Robert?"

"Was willst du denn von ihm? Er ist nicht hier!"

Ich beschleunigte meine Schritte und stolperte über einen Balken, der mir im Weg stand.

"Oh, mein Vögelchen schwirrt schon weiter!", hörte ich von ihr wieder. Und dann hörte ich ihre Highheels, die die nächsten Treppen nach oben rannten.

"Was für ´ne Braut! Und diese Beine!!", kam noch von Thomas.


Ich suchte verzweifelt nach einem Ausgang. Der Boden war ganz schön verwinkelt und ich wusste nicht, wo ich wieder rauskommen würde. Ich rüttelte an mehreren Türen, die wiederum verschlossen waren, als ich nicht allzu weit entfernt ein Klicken hörte.

"Komm raus, Süßer, es bringt doch sowieso nichts!"

Ich hielt die Luft an und duckte mich. Wie konnte ich ihr bloß entkommen? Es war hier so dunkel, dass ich kaum was sehen konnte. Lara hatte eine Taschenlampe dabei, mit der sie grelle Lichtkegel durch den Raum schoss.

"Wie lange willst du dich eigentlich noch verstecken?" Lara ging ganz in der Nähe an mir vorbei, ohne mich zu entdecken. Ich starrte durch die Dunkelheit und sah etwas weiter entfernt einen Schlitz, wo Licht durchrieselte. Es war eine Tür, die nur angelehnt schien. So leise wie möglich kroch ich auf sie zu und horchte. Lara suchte mich in einer anderen Ecke und so sah ich meine Chance gekommen. Ich öffnete die Tür und schlüpfte durch sie hindurch. Leider knallte sie wieder zu und so nahm ich meine Beine in die Hand. Rutschend saß ich auf dem Geländer oder raste wie ein Wilder die Treppen wieder runter. Ich machte mir keine Illusionen darüber, sie war mir immer noch auf den Fersen. Als ich unten ankam, sah ich nicht weit entfernt dieses alte Kino, wo anscheinend gerade Einlass für den nächsten Film war. Vielleicht konnte ich sie ja dadurch ablenken und stürzte mich in die Menge.


Im Kinosaal machte ich es mir in der Nähe des Notausgangs bequem und drückte mich etwas tiefer in den Sitz. Schweißgebadet musste ich verschnaufen. Als der Film begann, entspannte ich endlich ein bisschen. Es gab sogar einen Klassiker, sie spielten Nosferatu mit Pianobegleitung. Da hatte ich ja sogar noch Glück, ich liebte alte Filme in Schwarz-Weiß!

Wir waren alle grad so richtig dabei, den Film zu genießen, als plötzlich klauenhafte Hände über die Leinwand huschten. Sie wurden immer größer und mir brach der Schweiß wieder aus. SIE sprang plötzlich durch die Wand und hielt eine Kalaschnikow in der Hand.

"Robert komm raus, ich habe es satt!", brüllte sie durch den Saal.

`Warum denn immer ich` fluchte ich vor mich hin und rutschte von meinem Stuhl auf den Boden. Sie fing an zu schießen. Ich lugte vorsichtig durch die Sitze, um meine Chancen abzustecken, als sie wahllos um sich schoss. Ich krabbelte in Richtung Ausgang, als mir ein Mann entgegenflog. Seine starren Augen verrieten mir, dass er getroffen wurde. Ich tastete nach seiner Wunde und stutzte. Um sein Schussloch war Schokolade. Waren das etwa Schokoladenkugeln?? Ich konnte es nicht fassen! In meinen Gedanken überlegte ich krampfhaft, wie ich sie endlich zur Strecke bringen konnte. Wie war das doch gleich, man(n) brauchte nur einen Kaugummi und eine Büroklammer, um ´ne Bombe zu bauen? Mist, ich hatte einfach zuwenig Mc Gyver gesehen! Da, es gab wieder einen Schuss. Ich versuchte, über den Toten rüberzurobben, als mich ein Absatz an der Hose festhielt.

"Da bist du ja endlich Süßer!", grinste sie. "Dachtest du, dass du mir entkommen kannst? Falls du dich fragst, wie ich dich immer aufspüren konnte, tja, ich sage nur Erdbeeren. Es gab Peilsender, weißt du? Und du hast sie alle ganz brav geschluckt." Überlegen hielt sie die AK 47 in der Hüfte.

"Steh auf, oder denkst du, ich will hier versauern?" Sie zerrte mich nach oben. Ich war kalkweiß und in meinen Ohren rauschte es nur so.

"Wir gehen jetzt erstmal spazieren, was meinst du?", bestimmte sie und hakte mich unter.

"Lara, hör mal...", versuchte ich mich zu wehren, aber sie schubste mich in das Stockwerk über uns in einen Raum, wo Filme lagerten und band mich an ein Regal fest.

"Hab ich dir gefehlt?", fragte sie.

"Was soll das Lara? Ich meine, wir kennen uns doch kaum, also warum ich?"

Sie schaute mich mitleidig an und überlegte.

"Weil du der Richtige bist Robert! Nicht so wie die Anderen, die als einfache Weihnachtsmänner verkauft werden können. DU hast den Charme, der die Frauen schmelzen lässt. Wirst schon sehen. Ich war vorhin leider nicht ganz ehrlich zu dir. Mit vollem Namen heiße ich Lara Sarotti. Ich bin eine Sarottikönigin, die sich besondere Männer aussucht, um sie zu Königen zu machen und eine neue Serie zu produzieren. Zusammen mit dir wird unser Imperium mehr und mehr wachsen, bis wir irgendwann die Welt mit Schokolade veredeln. Ist das nicht schön?"

Sie grinste verträumt. Dann schaute sie mich wieder an.

"Ich bin gleich wieder da, du wartest doch auf mich, oder?", lachte sie und tätschelte meine Wange. Sie schenkte mir beim Hinausgehen noch einen Handkuss und weg war sie.

Na toll! Da wünschst du dir mal ein Abenteuer mit den Frauen, und dann sowas! Sie war einfach verrückt. Sarotti-Imperium? Schon die Vorstellung, dass einer anhand von Schokolade die Welt beherrschen sollte, war doch absurd.


Roch es etwa nach Rauch? Ich musste hier einfach raus.

Ich zog an den Fesseln und versuchte mich zu befreien. Ich rieb wie ein Blöder an einer rauen Eisenstange, damit ich endlich frei war, als ich von draußen auf einmal laute Schreie und ein Poltern erster Güte hörte.

"Jetzt mach schon! Verdammt noch mal, warum geht das denn nicht schneller!", nörgelte ich.

Feiner Rauch quoll durch die Tür durch, als ich endlich frei war. Es war mir egal, ob sie jetzt gleich reinstürmen würde, ich öffnete die unverschlossene Tür und rannte die Treppe nach unten.

Im Saal sah ich sie, wie sie von den erschossenen Männern verfolgt wurde. Sie liefen ihr wie hörige Hunde hinterher, aus ihren Einschusslöchern quoll Schokolade vom feinsten. Sie verwandelten sich immer mehr in Schokolade, es war einfach grausam, das mit anzusehen. Und der Rauch kam auch von hier, ich entdeckte zwischen den Stühlen, dass eine Zigarette den Boden entzündet hatte. Alle rannten wie angestachelt durch die Gegend und wollten nach draußen. Jetzt brannten schon die Vorhänge und die Leinwand knisterte vor sich hin. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie wie ein Pergament verbrannt sein würde. Noch hatte Lara mich nicht entdeckt, also schloss ich mich den anderen an und suchte das Weite.


Ich war schon fast draußen, als sie mich doch noch entdeckte.

"Robert!?", rief sie überrascht und enttäuscht.

Ich drehte mich um und sah ihr direkt in die Augen.

Flammen züngelten an den morschen Balken nach oben, es knisterte und knackte nur so.

Sie lief in meine Richtung und wollte mich anscheinend aufhalten.

Gut, also ist es meine Aufgabe, sie hier aufzuhalten, sagte ich mir. Ich halte das Schokoladen-Imperium auf! Ich half den Kinogängern nach draußen und wartete, bis ich der letzte im Gebäude war und wollte mich gerade selbst retten, als sie auf mich schoss.

"Bitte bleib stehen, ich möchte dir nicht wehtun müssen.", sagte sie.

"Lara, so geht das nicht!"

"Da hast du recht, es geht nicht, dass du dich wehrst."

"Nein, es geht nicht, dass du die Welt eroberst. Das lasse ich nicht zu."

Ich rannte die letzten Meter zur Tür und schmiss sie zu.

Von innen polterte es und Lara drückte gegen die Tür. Ich stemmte mich dagegen. Es roch nach verschwelter Luft und verbrannter Schokolade.

"Robert! NNNEEEIIIINNN!"

Ich hörte von draußen nur eine schwächer werdende Lara, die irgendwann nur noch sachte an die Tür klopfte.

Dann war es endlich vorbei. Alles war ruhig, das Kino war wirklich nur noch Schutt und Asche, als ein Kinobesucher die Feuerwehr rief. Lara wird jetzt keinem Mann mehr zuleibe rücken, dachte ich.



Verschwitzt ging ich nach Hause, mir tat jeder Knochen weh und ich sehnte mich nach einer heißen Dusche. In der nächsten Zeit waren für mich die Frauen erstmal gestorben. Ich grübelte krampfhaft, wie ich der Polizei die Geschichte mit dem Imperium begreiflich machen konnte. Sarotti musste man einfach aufhalten. Es war ja nicht nur Lara, wie sie jedenfalls behauptete. Wer weiß, wer noch alles schon verwandelt wurde. Ob sie mich für verrückt erklären würden? Das war höchstwahrscheinlich. Also kaufte ich alle Schokoladenmänner und -frauen auf und schmolz sie ein? Was machte ich dann mit der ganzen Sauerei? Noch hatte ich keine Ahnung, aber irgendwas würde mir schon einfallen. Vielleicht würden mir ja die Jungs dabei helfen.


Ich schlief den ganzen Sonntag durch und als ich am Montag Morgen heißen Kaffee machen wollte, war keiner mehr da.

"Mensch, ich sollte mir endlich mal Einkaufslisten schreiben!", grummelte ich.

Und da ich dringend dieses heiße Gesöff brauchte, beschloss ich, endlich mal bei meiner Nachbarin zu klingeln. Sie wird schon nicht mit Sarotti bekannt sein. Hoffte ich jedenfalls.

hoch

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