Nunzia

Dieser Urlaub hätte so schön werden können. Paul und Elisabeth fuhren raus aus der quirligen, überfüllten Stadt und wollten ausspannen. Ein kleines Haus war für eine Woche angemietet worden, mitten im Grünen. Über kaum befahrenen Landstraßen führte sie der Weg durch die kurvenreiche Gegend zu ihrem Fleckchen Erde. Mehrmals hielten sie zwischendurch an und genossen die herrliche Aussicht über das Tal, je höher sie fuhren. Kurz vor dem Bergpass hatte das Ehepaar das Domizil erreicht.

Zwischen Nadelbäumen erwartete ein Steinhaus seine Besucher. Sie stiegen aus und liefen über eine Wiese in Hanglage, die dazugehörte. Dort blickten beide auf eine lose Ansammlung kleiner Hütten, die unter ihnen verstreut lagen. Elisabeth sog die kühle, saubere Luft ein und lächelte ihren Mann an. Als es dämmerte, schlenderten sie ineinander eingehakt durch das Gärtchen und schlossen die Holztür auf. Als sie eintraten, stieg ihnen in der Dunkelheit des Hauses ein unbekannter, nasser Geruch in die Nase.


„Ich schätze, hier hat lange keiner gewohnt!“, bemerkte Paul.

„Stimmt, ich werde mal die Fenster öffnen, was meinst du?“, antwortete Elisabeth.

Er nickte, knipste das Licht an und besah sich die Zimmer.

„Hier gibt es im Wohnzimmer und in der Küche einen Kamin, was hälst du von einem romantischen Abend am Feuer, Liebling?“, rief er durch den Hausflur.

„Gern!“, kam eine Stimme aus der anderen Richtung zurück. „Es ist ja auch schon Herbst und es wird sicher kühl in der Nacht werden.“


Paul ging hinter das Haus, hackte Holz und suchte sich ein paar Kienäpfel zum Befeuern. In der Küche zauberte Elisabeth von den mitgebrachten Lebensmitteln ein einfaches, aber schmackhaftes Abendbrot zusammen. Sie öffnete den Kühlschrank, um die restlichen Sachen kühl zu lagern und stutzte. Hier lagen noch ein angebrochener Käse, ein Stück Butter und einige verdorbene Gemüsesorten herum. Sie rümpfte die Nase, entsorgte die alten Sachen und wischte kurz den Kühlschrank sauber, bevor sie ihre Leckereien dort verstaute.

Nachdem das Feuer angefacht war, machten sie es sich vor dem Kamin auf einer Decke gemütlich, um sie herum die Kleinigkeiten zum Essen.


„Du hast dich heute wieder selbst übertroffen!“, lächelte Paul und schob Elisabeth eine Weintraube in den Mund.

„Vielen Dank für die Blumen...“, schmunzelte sie geschmeichelt.


Sie kuschelten sich aneinander und schauten in das prasselnde und knisternde Feuer, das allmählich Wärme in dieses Haus brachte. Sie waren tief in ihre Gedanken versunken, als sie von knackenden Geräuschen aufhorchten. Es hörte sich an, als würden Zähne alte Knochen durchbeißen. Sie sahen sich einander an und warteten. Paul erhob sich und machte im Haus Licht.

Das Geräusch erstarb.

Als er sich ausreichend umgeschaut hatte und nichts entdeckte, lief er wieder ins Wohnzimmer zurück.


„Es ist alles in Ordnung.“, meinte er und ließ sich wieder neben ihr nieder.

„Also, etwas Verwunschenes hat dieser Ort schon, findest du nicht?“, fragte Elisabeth.

Er grinste.

„Du wirst mir doch keine Angst haben?“

„Und wenn doch? Hast du diese Steinfiguren im Garten gesehen? Sie sind schon etwas unheimlich, oder?“

„Die Frau Anwältin ist beeindruckt von Steinfiguren?“, stichelte er weiter und sein süffisantes Grinsen wurde noch breiter.

„Ich meine ja nur.“, verteidigte sie sich und zog einen Schmollmund. Sie erinnerte sich an die verdorbenen Lebensmittel. „Außerdem scheint die Reinigungsfrau nicht alles vorbereitet zu haben, ich habe noch Essensreste im Kühlschrank gefunden und erst einmal entsorgt.“

Jetzt verzog Paul das Gesicht und nippte an seinem Glas Wein.

„Du hast Recht, dieses Geräusch war schon ungewohnt. Vielleicht war es eine Katze, die ihre Beute gerade verputzt hat.“

„Wahrscheinlich.“

„Lass uns nach oben gehen, es ist schon spät.“, meinte Paul und trank sein Glas mit Wein aus.


Sie räumten rasch alles zusammen, schlüpften in ihre seidigen Pyjamas und gingen ins Bett. Die Decken waren von der Kühle des Hauses klamm geworden und lagen schwer auf ihren Gliedern. Die zwei rückten zusammen und zogen sie einigermaßen zurecht.


„Irgendwie habe ich mir das hier anders vorgestellt.“, murmelte Elisabeth in die Dunkelheit.

Paul schmiegte sich an sie und küsste sie im Nacken. „Meinst du etwa so?“

Sie lächelte. „Vielleicht!“, und kuschelte sich an ihn.

Da hörten sie wieder diese knackenden Geräusche. Beide spitzten die Ohren.

„Ich geh nochmal und sehe nach dem Rechten!“, beschloss Paul und zog sich etwas Warmes drüber.


Er ging durch das Haus und überprüfte alle Türen. Als er sich zum Verschlag wandte, wo das Holz aufbewahrt wurde, schlug plötzlich eine Tür zu. Er beeilte sich und lief in den Raum, doch keiner war mehr zu sehen, auch als er in den dunklen Garten hinaus spähte. Er dachte darüber nach, dass es hier bei den alten Türen leicht sein würde, einzubrechen. Aber was sollte hier im abgelegenen Dorf schon geschehen. Er schloss alle Türen ab und begab sich wieder zu seiner Frau.

Elisabeth stand am Fenster und beobachtete im ersten Stock, dass ein dunkler Schemen durch die Büsche schlüpfte. Einige Minuten später fuhr ein Auto, das abseits geparkt hatte, langsam die einsame Passstraße entlang.

Als Paul zu ihr kam, sah sie ihn fragend an.


„Und? Hat du etwas entdeckt?“

„Nichts. Es ist alles in Ordnung! Ich habe alles nochmal abgeschlossen, hier kommt niemand herein.“


Sie überlegte, ob sie ihm sagen sollte, was sie gerade gesehen hatte, entschied sich aber dagegen. Sie war müde und wollte einfach nur schlafen. Beide gingen wieder ins Bett und zogen die Decken bis zum Kinn. Jeder hing seinen Gedanken nach und es dauerte etwas, bis sie eingeschlafen waren.


Am nächsten Morgen kitzelte sie die Sonne aus dem Schlaf. Durch die halbgeöffneten Fensterläden lugte sie hindurch und rief den nächsten Tag aus. Elisabeth wachte zuerst auf und döste noch ein wenig, während Paul noch selig schlummerte. Nach einigen Minuten stand sie auf, warf sich den Pullover ihres Mannes über und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen. Ihre flauschigen Pantoffeln schlichen leise über die Stufen der Flurtreppe hinunter.

Paul saß im Bett, als er ihren gellenden Schrei von draußen hörte.

Er sprang aus dem Bett, angelte sich seine Hose und rannte die Treppe herunter. Er fand seine Frau sichtlich um Fassung ringend in der Küche.


„Was ist passiert!“, rief er alarmiert aus.

„Da – o mein Gott ist die groß!“

Paul verdrehte die Augen, als er das Objekt des Ekels entdeckte.

„Es ist doch nur eine Spinne! Wenn auch ein großes Exemplar und recht schwarz. Guten Morgen du kleine Tarantula negra!“, amüsierte er sich.

„Da drüben hast du noch so ein Exemplar in der Spüle. Ein schwarzer Skorpion, wenn du mich fragst!“, grummelte sie.

Er tapste hinüber und beäugte die Spüle.

„Oh, der ist aber interessant!“

„Paul! Bitte mach die weg, das ist ja widerlich.“

„Skorpione sind gar nicht so schlimm. Ich habe gelesen, dass die sich totstellen, wenn man sie fängt. Außerdem sind sie nützliche Insektenfresser.“

„Das ist mir egal! Bitte, Paul. Sei mein Held des Tages, ok?“, flehte sie.


Er holte sich Schaufel und Besen und machte sich daran, die kleinen Wesen zu entfernen, während sich Elisabeth ins Bad verzog.

Nach zehn Minuten kam sie genervt wieder zurück.


„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte er.

„Wir haben kein warmes Wasser!“

„Das kann doch gar nicht sein! Ich schau mal in der Informationsmappe nach.“

Er blätterte in den Seiten und überflog die Zeilen.

„Hier. Du hast recht, warmes Wasser sowie Heizung gibt es nur über den Kamin. Ich schätze, dass wir uns abends waschen müssen.“

„Super! Ich wollte mir eigentlich noch die Haare waschen.“

„Jetzt sei doch nicht so. Dann eben heute Abend, hm?“

Er drückte sie an sich und küsste sie. Elisabeth löste sich aus seiner Umarmung und seufzte.

„Gut, der Tag kann ja nur besser werden.“


Beim gemeinsamen Frühstück überlegten sie, wie sie den Tag verbringen wollten und einigten sich auf einen Rundgang durch die Natur und anschließender Besichtigung des kleinen Dörfchens.

Auf ihrem Tagesweg begegneten sie mehreren Bauern, die zu einem Schwätzchen einluden und organisierten sich frische Eier sowie einige Früchte aus den umliegenden Höfen.

Am Abend kehrten sie zufrieden in ihr Haus zurück. Sogleich machte sich Paul ans Werk und hackte wieder Holz. Beim späteren Anfachen des Feuers überlegte er, dass diese Axt besser im Schlafzimmer aufgehoben war. So würde er seinen Liebling beschützen können, wenn doch etwas passieren sollte. Was er aber nicht glaubte. Schließlich waren die Einwohner sehr zuvorkommend gewesen. Aber Paul ging lieber auf Nummer sicher. Nachdem er die Axt in einem unbeobachteten Moment versteckte, ließen sie den Tag auch dieses Mal vor dem Kamin ausklingen.

Nachdem sie beide noch eine heiße Dusche genossen hatten, das Wasser war durch den Kamin nun ausreichend aufgeheizt, gingen sie ins Bett. Auf dem Weg ins Schlafzimmer blieb Elisabeth allerdings wieder wie angewurzelt stehen.


„Paul, kommst du mal bitte?“

„Sofort mein Schatz! Was hast du?“

„Tarantula negra auf Sichthöhe, die sich gerade in unser Bett aufmacht.“

Paul lachte. „Alles klar, der Retter eilt schon herbei!“

Er entfernte auch dieses Prachtexemplar der Natur und ging als Held in Elisabeth´s Augen in die Geschichte ein.


Sie lagen in ihrem klobigen Bett beieinander und horchten wieder. Draußen hatte es sich am Abend zugezogen und es wurde windig. Es ächzten die Zweige der Bäume und der Wind zog beharrlich um die Häuserwände. Im Haus verbreitete sich, aus der Toilette kommend, erneut ein modriger Geruch.


„Schatz, es ist hier wirklich gruselig!“, flüsterte sie.

„Es ist doch nur der Wind! Schlaf schön!“, erwiderte er.

„Aber hörst du das nicht?“, beharrte sie.

„Jetzt sei nicht albern! Wir leben doch in einer modernen Welt, da gibt es keine Monster!“

„Schon, aber...“, erwiderte Elisabeth und ließ es auf sich beruhen. Nach quälend langen Minuten nickten sie endlich ein.


In dieser Nacht schliefen sie sehr unruhig. Im Halbschlaf hörten sie leise Schritte, die vorbeihuschten und Türen, die sich hin und her bewegten. Elisabeth meinte sogar, Stimmen im Haus zu hören. Oder hatte sie das etwa doch nur geträumt?


Gerädert erwachte das Ehepaar am nächsten Morgen durch das Knallen einer Tür. Beide waren sofort wach.

„Sie kommen!“, dachte Paul laut und sprang elegant wie eine Katze aus den Federn. Er holte das Beil aus einem Schrank und tastete sich Stück für Stück durch das Haus. Elisabeth saß weiterhin im Bett, zog die Beine an, umschlang die Decke und hielt den Atem an.


Irgendwann gab Paul Entwarnung, es war wieder die alte Tür zum Verschlag, wo das Holz gelagert wurde. Sie stand offen und wurde wahrscheinlich vom Wind aus dem Schloss gehoben. Gemeinsam trafen sie sich in der Küche und tranken auf den Schreck erst einmal einen Whisky. Erst dann machten sie Frühstück.


„Hast du auch so schlecht geschlafen?“, fragte Paul.

„Ja..., ich hab irgendwie Dummes Zeug geträumt... ich weiß gar nicht mehr was, aber es war nicht angenehm!“

„Ich dachte immer, hier bricht Jemand ein und beraubt uns. So richtig abschließen kann man die Türen hier ja auch nicht.“


Sie grübelten über ihren Kaffeetassen und verschwendeten ihre Zeit mit Müßiggang. Am Nachmittag lagen sie im Garten auf den Liegestühlen zwischen den Steinskulpturen und ließen sich von der Sonne wärmen.


Auch die folgende Nacht sollte nicht so angenehm werden, denn sie lauschten den fremden Geräuschen. Der Toilettengeruch verbreitete sich wieder unangenehm im ganzen Hause und hinter jeder Ecke vermutete Elisabeth ein neues schwarzes Ungeheuer. Als die Nacht hereinbrach, grunzten aufgeregt die Schweine auf dem nächsten Bauernhof und beruhigten sich lange nicht. Eine Eule rief durch die Bäume und linste nach fetter Beute. Geckenhafte Schreie, die nicht zuzuordnen waren, hallten im Geäst wider.


„Paul, ich will hier wieder weg! Lass uns früher abreisen.“

„Ist gut. Ich fühle mich hier auch nicht so wohl. Wir packen morgen.“


Sie hielten sich einander fest und trauten sich kaum ein Auge zu zu machen, bis sie irgendwann endlich einschliefen.


Bereits im Morgengrauen standen sie wieder auf, denn an Schlaf war einfach nicht mehr zu denken. Sie packten fast überhastet ihre Sachen in die Koffer, tranken jeder einen Kräutertee und machten sich auf den Heimweg. Mehrmals schlugen sie die falsche Richtung ein, so waren sie durch den Wind.


Zuhause angekommen, sanken sie erleichtert in die weichen Kissen der hellen Couch und atmeten auf.


„Hier ist es doch immer noch am schönsten!“

„Stimmt.“ Paul sah seine Frau an und runzelte die Stirn. „Schatz, du blutest ja.“

Unterhalb ihrer Nase zog sich ein feiner Streifen roten Blutes entlang.

„Oh, ich habe auch Kopfschmerzen.“

„Ich hole dir eine Tablette.“


Sie legte ihren Kopf in den Nacken und hielt ein schneeweißes Stofftaschentuch an ihre Nase.

Paul kam mit einem Glas sprudelnden Mineralwassers und einer Kopfschmerztablette wieder und reichte es Elisabeth.


„Ich habe auch so seltsame Träume, du nicht?“, fragte Elisabeth. „Mit Käfern, die in die Nase oder die Ohren krabbeln und... ach, ich darf gar nicht dran denken!“

Er nickte. „Mir reichte schon die Vorstellung, dass dort Einer in der Nacht einbricht, ohne dass wir das merken. Am liebsten hätte ich mit einem Messer unter dem Kissen geschlafen. Ich wollte dir nur nicht noch mehr Angst machen.“

„Paul, es ist gut, dass wir wieder hier sind, eine Nacht länger hätte ich nicht ertragen. Morgen wäre auch noch Vollmond gewesen!“

„Ich werde gleich mal die Vermieterin anrufen und mit ihr alles klären. So etwas kann man doch nicht vermieten!“


Paul holte das Telefon und verschwand im Nebenzimmer. Nach einiger Zeit kam er wieder und erkundigte sich nochmal nach dem Befinden seine Liebsten.

Schon als er sich setzte, sah sie ihm genauer in die Augen und meinte:

„Schatz, dein rechtes Auge ist so rot. Hast du bei der Fahrt Zug bekommen?“

„Nein, ich habe es noch gar nicht bemerkt. Wer weiß, wo ich mir das schon wieder geholt habe.“


Genau zu der Zeit, als sich beide bei einer wohligen Dusche erholten und die letzten Tage Revue passieren ließen, rief die Vermieterin irgendwo in der Einöde zwischen zwei Bergen an.


„Nunzia, ich habe heute einen Anruf bekommen. Warum muss ich das wieder geradebiegen?“

„Wovon sprichst du, Cara Giulia?“

„Sie sind heute abgereist.“

Nach kurzem Schweigen antwortete Nunzia: „Das war so nicht geplant. Schade eigentlich, die Aaskäfer hätten sie weich und lecker gemacht. Aber keine Sorge, es erledigt sich von selbst.“

„Das hoffe ich.“, sagte Giulia und legte auf.


Tage später gingen Elisabeth und Paul aufgrund der anhaltenden Beschwerden zum Arzt und ließen sich durchchecken. Dieser fand nichts. Er überlegte nur kurz und verschrieb etwas zur Beruhigung, denn er tippte auf angespannte Nerven. Nach der Urlaubszeit gingen beide ganz gewohnt wieder arbeiten. Allerdings kamen die Kopfschmerzen bei beiden wieder und nur einige Tage später wunderte man sich, dass sie nicht mehr zur Arbeit kamen. Ihr Anrufbeantworter in der Wohnung nahm soviel Nachrichten auf, bis er voll war und blinkte dann nur noch beharrlich Tag wie Nacht vor sich hin.


Nach zwei Wochen stieg fauler Geruch durch die Ritzen ihrer Wohnung und die Nachbarn holten die Polizei. Als diese die Tür gewaltsam öffneten, entdeckten sie zwei mumifizierte Leichen, ineinander verschlungen auf dem Bett liegen, umringt von tausenden schwarzen Käfern.

hoch

------------------------------------------------------


Genres:
* Horror *


------------------------------------------------------

Hier könnt Ihr dem Autor Feedback zukommen lassen.

Eure Emailadresse für Rückfragen (optional):

Euer Name

Hier ist ganz viel Platz für Eure Anmerkungen: