Party

(Friss oder stirb!)

Es ist wieder soweit! Max besucht seine Großmutter zu ihrem 70. Geburtstag. Erfahrungsgemäß steigt er in den 100er Bus in Richtung Pankow, um zur Kleingartenanlage seiner Oma zu gelangen.

Einen obligatorischen Blumenstrauß in der einen Hand, Pralinen in der anderen, besteigt er schwankend den Bus, der tuckernd durch die Straßen fährt.

Als er bei seiner Oma eintrifft, wird er schon erwartet und die besten Freundinnen samt seiner Oma stehen vor dem Gartentor.

"Schön, dass du kommst! Lass dich drücken!", gluckst Oma Gerda.

Und schon wird er von allen Seiten umarmt und gedrückt, verschiedene Parfüms von 4711 bis Veilchenduft strömen in seine Nase.

Nach dem herzlichen Duftangriff überreicht Max artig mit besten Grüßen und Wünschen seine Präsente und folgt den fünf Damen ins kleine Häuschen.

Dort steht auch schon der Kaffeetisch bereit, mit Torten, Kuchen und Keksen nur so übersät.

"Setz dich Max! Gleich ist dein Kakao fertig, ich komm auch sofort dazu!", meint seine Oma.

Gerdas Freundinnen Emma, Sophie, Christa und Charlotte nehmen an seinen beiden Seiten Platz, er selbst sitzt an dem einen Kopfende des Tisches.

Stumm sitzen sie da, beäugen ihn ab und zu und lächeln verlegen. Max ist mulmig zumute und so starrt er Löcher in die rosafarbene Blümchentapete. Das Ticken der Kukucksuhr macht dieses beklemmende Gefühl nicht leichter.

"Sag Max, hast du gut hergefunden?", fragt plötzlich Christa in die Stille hinein.

"Ja ja, ging alles gut.", murmelte Max und rutscht unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. Hoffentlich kommt Oma Gerda bald!

"Gerda, du hast ja eine schöne Spitzentischdecke! Ist die geklöppelt?", ruft da die nächste, nämlich Sophie, in Richtung Küche und klimpert mit dem kleinen Kaffeelöffel zwischen Tasse und Tisch herum.

"Nein, - nicht geklöppelt, - selbst gehäkelt!", schreit diese zurück und kommt mit einer vollen Kanne Kakao ins Wohnzimmer zurück.

"Hach, das ist aber wirklich schön, dass ihr alle da seid!", seufzt sie und lässt sich nun auch auf ihren Stuhl plumpsen. "Ja nun nehmt euch doch endlich was! Greift zu!"

Einer nach dem anderen bekommt sein Stück, sei es Sahnetorte, Zupfkuchen oder Butterplätzchen.


Klappernd und schmatzend geht es nun zu, die Damen kommen in Fahrt!

"Na Emma, was macht denn dein Gebiss, wurde es schon repariert?", fragt Gerda.

"Na ja, etwas notdürftig, es klappert trotzdem noch etwas lose im Mund, aber was soll man machen, man wird halt alt! HIHI!", antwortet diese und schlürft genüsslich an ihrer Tasse Kaffee. "Und was macht dein Hüftleiden? Hast du immer noch dieses Ziehen?"

"Wie du schon sagst, man wird alt!", kontert Gerda zurück und nickt in ihre Richtung. "Im Moment habe ich nur manchmal diese Verdauungsbeschwerden, ich fühle mich immer so aufgebläht, hach!", stöhnt sie sogleich und fasst sich an den Bauch. "Aber es schmeckt mir ja auch immer so gut, da muss ich eben durch! Noch ein Stück Kuchen Charlotte?"

"Oh ja bitte, von dem da drüben!", lechzt sie und schiebt ihren Teller hin.

Max fühlt sich ein wenig verloren in dieser Frauenrunde, aber er hält tapfer durch.

Auch ihm wird ein zweites und auch noch ein drittes Eckchen Kuchen zugeschoben. Es hilft nichts, auch das muss noch runter, behilflich ist der Kakao, da rutscht es besser.

"Wie geht es denn deiner Nachbarin, Gerda, ich hab sie schon so lange nicht gesehen! Ist sie noch mit diesem Fleischer zusammen?", fragt neugierig Emma.

"Ja weißt du, das ist so: Kennengelernt haben sich sich ja auf dem Markt hier vorn, da war er ja noch mit Schmitt´s Tochter liiert, aber dann haben sich die zwei gefunden, ich meine Helga und er, und nach einigem Hick-Hack ist er bei ihr später eingezogen. Aber dann! Dann...


Blablabla denkt sich Max und bereut schon, hergekommen zu sein. Der Kuchen schmeckt auch viel zu süß und er wünscht sich eigentlich nach Hause.

"Max! Du isst ja gar nichts! Hier, nimm doch was!!", plappert da eine der Damen.

"Aber ich kann nicht mehr! Mir ist schon schlecht!", stöhnt er, schon grün anlaufend.

"Pappalapapp, das kommt daher, weil du zu wenig isst! Hier nimm und keine Widerrede!", bestimmt Charlotte und schiebt ihm den nächsten Teller voll.

Bah, auch das noch! mault er innerlich und lugt hoffnungsvoll zu Oma Gerda hinüber.

Aber die ist bereits mit anderen Dingen beschäftigt. Von der Tafel aufgestanden, rumort sie in der kleinen Vitrine nach Gläschen herum."Und nun kommt das Beste, meine Damen! Ich habe Sherry!!!"

Entzückender Aufschrei begeistert den Raum und alle belecken schon ihre Lippen in genüsslicher Vorfreude. In dieser Sekunde fängt Max zu zittern an und kann sich kaum auf seinem Platz halten.

Während Gerda den Sherry verteilt, fällt er einfach vom Stuhl und bleibt bewusstlos liegen.


Totenstille herrscht im ganzen Zimmer und alle Damen starren ihn an.

Plötzlich fängt seine Oma schallend an zu lachen. "Das macht er immer so! Hahaha, und später sagt er: Zuckerschock, Zuckerschock! Hahaha!"

Die anderen fallen mit ein und bekringeln sich köstlich über Max.

Der kann aber nicht lachen, weil er nicht mehr aufstehen wird.

Nachdem sich die allgemeine Erheiterung etwas gelegt hat, erhebt Gerda ihr Glas und schreit heiser: "Prösterchen!"

hoch

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Genres:
* Prosa *


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