Verwandelt

Als Merlin erwachte, befand er sich in seinem Versteck mitten im Walde. Er hatte sich vom höfischen Leben zurückgezogen und wollte nur in Ruhe alt werden. Die Menschheit sollte ihn vergessen.

Tag für Tag genoss er seine Spaziergänge durch die grüne, unberührte Flur, wenn der Tau auf den Gräsern im Sonnenlicht schimmerte, und am Abend der Nebel von den Bergen ins Tal und somit auch in den Wald zog, um ihn in den Schlaf zu legen. Er ernährte sich von dem, was ihm der Wald gab, sammelte Nüsse und Beeren, stillte seinen Durst in den klaren Bächen. Die Tiere waren seine ständigen Begleiter, er liebte es, den Vögeln zuzuhören oder von fern eine Hirschkuh mit ihren Jungen zu beobachten.

Nach asketisch einsamen Jahren wuchs in ihm jedoch eine tiefe Sehnsucht. Er wünschte sich, diese Stille mit jemanden teilen zu können. Also begann er unbewusst nach einem Wesen zu suchen, welches ihm glich und verstand.

Es sollte nicht mehr lange dauern, da bemerkte ihn ein Schaf, das sich von seiner Herde getrennt hatte und ziellos umherirrte. Als Merlin es auch bemerkte, verstanden sie sich blind. Die beiden näherten sich und waren bald enge Weggefährten. Der Zauberer merkte, dass das Schaf, welches er Mary nannte, hungrig war, und so begaben sie sich auf den Heimweg.

Mary fühlte sich in der Höhle bald sehr wohl und blieb, während Merlin am Tage durch den Wald streifte Wenn er abends zurückkam, berichtete er Mary, was er alles erlebt hatte, ob er mit Elfen gesprochen oder guten Waldgeistern half. Allerdings konnte das Schaf nie darauf antworten, es schüttelte nur ab und zu den Kopf zur Zustimmung.

Da der Zauberer sich immer mehr wünschte, auch ihre Meinung zu hören, verwandelte er das Tier in eine wunderschöne junge Maid. Einige Augenblicke später, als sich Mary in ihrem neuen Körper stark genug fühlte, fiel sie ihm um den Hals und bedankte sich. Den ganzen Abend saßen sie, Hände haltend, zusammen und sinnierten über das Leben. Von nun an liefen sie beide am Tage durch die Wiesen, bestaunten das saftige, leuchtende Grün der Blätter und sogen die klare Waldluft ein.

Tiefes Glück senkte sich auf die beiden hernieder, der eine ergänzte den anderen.

Eines Tages, die Sonne stand hoch am Himmel, brauste ein großer Schatten über die Bäume. Es wurde schlagartig dunkel, die Vögel verstummten, die Tiere blieben vor Schreck still und verharrten. Ein schriller Schrei hallte nun durch das Gebüsch und ließ es erzittern.

"Wo bist du!? Zeig dich mir! Du kannst mir nicht entrinnen!"

Auch Merlin und Mary suchten Schutz im Unterholz. Sie war starr und ihre schönen braunen Augen zeigten große Furcht.

"Du gehörst mir!", ertönte diese dröhnende, dunkle Stimme wieder.

"Merlin, ich muss fort! Bitte hilf mir!", flüsterte Mary, bleich wie ein Totenhemd.

"Was hast du, sucht sie etwa dich?", raunte ebenso leise Merlin zurück.

"Es ist Gomorrha, die schwarze Hexe, die mich sucht! Sie verwandelte mich in ein Schaf, weil ich nicht gehorsam war und nicht in ihre schwarzen Machenschaften verwickelt werden wollte. Sie sperrte mich daraufhin in einen Kerker, wo noch mehr Schafe waren. Durch Glück konnten wir fliehen, als sie eines Abends die Türe nicht gut genug zudrückte. Nun sucht sie mich, um mich erneut gefügig zu machen. Gomorrha ist so grausam!", erzählte Mary.

Merlin war bedrückt und beschloss, sie in Sicherheit zu bringen. Wortlos nickte er und ergriff ihre Hand, um sie fort zu ziehen.

Stolpernd und mit der nötigen Eile suchten sie Schutz in der Höhle, die nicht mehr allzu fern war. Der Wald legte deckend seine Zweige über sie, damit sie unentdeckt blieben.

Doch Gomorrha hatte ein drittes Auge, sie konnte auch durch das Dickicht direkt ins Herz schauen. So erfuhr sie, wo genau sich Mary aufhielt. Mit Sturm und Blitzen verfolgte sie die beiden gnadenlos, Baum für Baum stürzte zu Boden und zerfiel zu Asche.

"Du entkommst mir nicht!", pfiff sie und fegte hinter ihnen her.

Die Blitze donnerten immer näher zu ihren Füßen und hinterließen tiefe Krater in nächster Nähe.

Die rettende Höhle war nur noch einige Schritte entfernt, als sich die Hexe vor ihnen aufbäumte.

"Du wirst sie nicht bekommen!", rief Merlin und bereitete sich innerlich auf einen Kampf vor.

Gomorrha lachte nur hämisch und forderte ihn heraus.

Er schleuderte ihr einen Wirbelwind entgegen, welchen sie achtlos davon schnippte.

"Deine Kräfte haben ganz schön nachgelassen, MERLIN!", höhnte die Hexe.

"DAMIT willst du mich bezwingen?"

Und sie schickte eine Todeswelle in seine Richtung. Der Boden erzitterte und zerbrach in Stücke. Bäume knickten wie Halme um und die Hügel zerstoben in alle Winde. Sie zerstörte den Wald.

Funken stoben während des Machtkampfes der beiden, doch Merlin wurde schwächer und schwächer. Lange würde er nicht mehr durchhalten. Wahnsinnig kreischend amüsierte sich die Alte, bewusst, den Sieg davon zu tragen.

"Sieh her, was du liebst!", schrie sie und verwandelte Mary in ein Schaf zurück.

Erschöpft und bestürzt zugleich sah er seine Geliebte nun wieder als Tier.

"Ich werde dich retten!", rief er ihr verzweifelt zu, "Vertrau mir!"

Die Hexe grölte nun im wachsenden Crescendo und schickte ihm peitschenden Regen.

Er floh von diesem Ort. Wortlos blökte Mary ihm hinterher.

Und hier ist die Geschichte zu Ende!


Den nächsten Teil der Trilogie gibt es hier.


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* Prosa * Märchen *


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