Frei sein

Den vorherigen Teil dieser Trilogie gibt es hier.


Wissen Sie, was ein Blogger ist? Was Bloggen heißt? Bloggen ist eine Form des digitalen Tagebuches und mit der Möglichkeit, sich gegenseitig auszutauschen. Aber da gibt es noch mehr, denn heutzutage lernt man sich im Netz kennen.

Es gibt nur noch wenig Möglichkeiten, sich bei einer Party oder bei Freunden zu begegnen. Die meisten Menschen gehen nur zur Not auf die Straße, sei es, um zu arbeiten, oder seinen Wocheneinkauf zu tätigen. Wenn du dich einmal mit dem Internet auseinandersetzt, wirst du zum Sklaven des Netzes. Jede freie Minute wird ausgekostet, um dort sich neu zu entdecken und sein Profil definieren, wie man sich gern sehen möchte.

Auch Martin und Miriam lernten sich so kennen. Beide verband Einsamkeit und Unruhe, sie waren auf der Suche nach Antworten.

Er wohnte in einem Single-Haushalt und war ständig im Netz. Unrasiert hockte er davor und hatte quasi viereckige Augen. In seiner Wohnung stapelten sich die alten Pizza-Pappen, vom Geschirr ganz zu schweigen, es stand ungespült in der Küche und gammelte vor sich hin. Es war ihm egal, wie es bei ihm aussah, er war auf der Suche nach Kontakten.

So entdeckte er eines Nachts den Blog von Sheep, alias Miriam.

Auch sie konnte im Netz frei sein und ihre Gedanken spinnen. In der wirklichen Welt hielt sie es kaum aus, zumal sie laut türkischer Familientradition strenge Regeln zu befolgen hatte. Sie würde gern dieses enge Korsett etwas lockern und wie eine normale, in Deutschland geborene junge Frau leben, aber Tradition war nun mal Tradition. In ihrer Familie war sie nur eine bessere Haushälterin ihre Schwiegermutter wachte streng über sie und ihr Ehemann hielt sie an der kurzen Leine. Miriam trug ihre Bürde und sehnte sich nach jeder Sekunde, die sie heimlich im Netz zubringen konnte. Dort war ihr richtiges Leben.

Als sich eines Nachmittages wieder die Gelegenheit bot, zu ihrer Freundin Aisha zum "Austausch" zu flüchten, war sie sehr angespannt. Viele Dinge gingen ihr durch den Kopf, die sie nun dringend in ihrem Blog verewigen wollte. Ihrer Freundin machte es nichts aus, sie war selbst im Fieber des Netzes und hatte Miriam erst damit angesteckt. Sie hatten verabredet, dass Miriam jederzeit in ihre Wohnung gehen konnte, wenn ihre Freundin arbeitete. So hatte sie genug Zeit für sich. Im Gegenzug brachte Miriam ihr immer Baklaba mit.

Als sich die junge Frau nun vor den PC setzte und mit heißen Fingern ihre Gedanken niederschreiben wollte, stutzte sie. Denn sie hatte Post. Jemand hatte ihr im Blog geschrieben. Ein gewisser "Wizard", wie er sich nannte.

Er schrieb:"Hallo sheep, habe dich im Netz gefunden. Scheinst manchmal sehr traurig zu sein. Nimms nicht so schwer, alles wird gut!"

Miriam war unschlüssig, was sie jetzt machen sollte. Noch niemand hatte ihr geschrieben und ausgerechnet jetzt, wo es ihr unter den Nägeln brannte, antwortete jemand. Es gefiel ihr und doch war sie verunsichert. Sie beschloss erst einmal, diesen Wizard zu ignorieren. Sie legte los mit ihrem neuen Eintrag.

Es ging um die immerwährende Frage, ob es richtig war, dass man als Frau so viel weniger wert war wie ein Mann. Dass er das Recht hatte, seine Frau zu schlagen. Ob sie sich nicht wehren dürfe. Gehorsam war das eine, Gewalt das andere. Sie würde ihre Lage besser ertragen, wenn sie wenigstens etwas respektiert werden würde.

Da - wieder eine Nachricht von ihm!

"Natürlich darfst du dich wehren! Man schlägt keine Frauen! Jedenfalls in Deutschland nicht ungestraft.", schrieb er.

"Wer bist du?", antwortete sie nun.

"Ich bin Wizard und habe deinen Blog gelesen. Du hast tiefgründige Fragen, die mich berühren und bei manchen wüsste ich auch gern die Antwort.", bloggte er zurück.

"Welche meinst du?" Miriam wurde neugierig.

"Na das mit dem Sein und Nicht-Sein! Warum sind wir hier, wieso trifft man bestimmte Menschen im Leben und nicht andere, etc...", zählte er auf.

Die beiden tickerten wie wild auf der Suche nach Antworten, dass Miriam fast die Zeit verpasste, um den Heimweg anzutreten.

"Ich muss Schluss machen wir sehen uns bald!", schrieb sie zum Abschied.

"Sheep, bist du glücklich?", fragte da der Unbekannte.

Sie konnte darauf nicht antworten. Diese Frage kam zu unerwartet. Ob sie glücklich war? Was bedeutete den Glück? Sie musste ihm vorerst die Antwort schuldig bleiben. Sie wusste es schlicht nicht. Außerdem musste sie sich nun beeilen, um noch rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Ihr Fehlen zur rechten Zeit blieb nicht unbemerkt und so wartete schon ein Empfangskomitee auf sie, als sie eintraf. Sie wurde peinlich verhört, warum sie so spät kam. Die Antwort wurde nicht abgewartet und so schlug ihr Ehemann ihr gnadenlos ins Gesicht. Als Strafe sollte sie einen Monat nicht das Haus verlassen dürfen, sie wurde zusätzlich für eine Woche in die enge Kammer gesperrt.

Verweint und mit angeschwollenem Gesicht harrte sie nun in diesem dunklen Zimmer und starrte die Wand an.

"Bist du glücklich?", ging ihr die Frage wieder durch den Kopf.

Keine Ahnung! Ist es Glück hier zu sein?, sinnerte sie weiter. Sie hatte nun Zeit, sich mit dieser

Frage näher auseinander zu setzen. Sie aß kaum das Brot, welches man ihr reichte und war weit in sich versunken.

Als sie in die Familie wieder aufgenommen wurde, fühlte sie sich mehr den je wie eine Fremde. Sie fragte sich ständig: ist das Glück? Stumm bewerkstelligte sie die Hausarbeit und fügte sich so weit wie möglich. Ihr Mann machte sich schon über sie lustig, sie werde mehr und mehr zum Fisch, stumm und hässlich. Dabei war Miriam eine schöne Frau. Sie besaß haselnussbraune Rehaugen und hatte lockiges, geschmeidiges Haar. Aber sie war fahl geworden in dieser Zeit. Sie grübelte und sehnte sich, endlich wieder nach draußen gehen zu dürfen. Um zu Bloggen. Um mit Wizard zu schreiben. Falls dieser noch da war.

Als noch ein paar Wochen ins Land geflossen waren, wagte sie vorsichtig die Frage, ob sie nun wieder ans Tageslicht dürfe. Nach weiteren Tagen sturen Verneinens war es dann endlich soweit. Man brachte sie zu Aisha´s Wohnung und sagte ihr, dass sie dort nach zwei Stunden wieder abgeholt werden würde.

Aisha hatte Urlaub und so war sie ausnahmsweise zuhause, als man Miriam bei ihr abgab.

Sie erschrak, als sie ihre Freundin wiedersah.

"Geht es dir gut?", fragte sie besorgt.

"Ja!", antwortete Miriam kurz. "Weißt du, ich würde gern ins Netz. Wäre das möglich?"

Aisha verstand. "Ich komme in anderthalb Stunden wieder, in Ordnung?"

Miriam nickte und war erleichtert. Als sie den Rechner und das Programm hochfuhr, wusste sie, was sie Wizard antworten würde. Sie hatte viele Nachrichten von ihm erhalten. Er wartete auf Antworten, ob es ihr zugestoßen war und ähnliches.

"Hallo...", schrieb sie zögernd. Der Cursor blinkte auf einer Stelle und blieb eine lange Weile dort. Sie wusste nicht recht, wie sie beginnen sollte.

"Mir geht es gut, ich war nur krank", log sie etwas schief, um eine Erklärung für ihre lange Abwesenheit zu geben.

"Wizard, bist du da?", fragte sie schüchtern. Unruhig rutschte sie auf den Stuhl umher.

Er gab keine Antwort.

"Wizard, du hattest mich einmal gefragt, ob ich glücklich sei. Ich kann dir heute sagen, dass ich es bin. Ich bin glücklich, endlich wieder hier zu sitzen. Ich bin glücklich, weil ich die Sonne wieder am Himmel sehen durfte. Ich...", sie brach ab. Warum schreibe ich das hier eigentlich? Ist er überhaupt online?, fragte sie sich.

Sie durchsuchte seine an sie gerichteten Nachrichten die sie erst jetzt öffnete. Unzählige Male fragte er, wo sie war und ob sie ok war.

Sein letzter Blog enthielt folgendes:

"Hallo sheep, lange Zeit habe ich nichts mehr von dir gehört. Ich vermisse deine Blogs! Allerdings werde und kann ich dir demnächst nicht mehr bloggen, hab den "G-Virus" auf meinem PC. Er muss nun komplett platt gemacht werden. Sitze nun auf dem Trockenen. Sorry!"

Sie begriff. Sie hatte ihn zu lange warten lassen. Nun floh er von diesem Ort.

Sie starrte in den Bildschirm. Es kann doch nicht zuende sein!

Wortlos bloggte sie ihm hinterher.

Aber er würde nicht mehr antworten.

Und hier ist die Geschichte zu Ende.


Den nächsten Teil der Trilogie gibt es hier.


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Weitere bei dieser Schreibübung entstandene Texte gibt es hier


Genres:
* Prosa *


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