Das Kaleidoskop des Wissens

Den vorherigen Teil dieser Trilogie gibt es hier.


Im Jahre 3050 nach Christi hatte sich die Menschheit von der Erde erhoben und lebte fortan in Raumplaneten im All. Diese riesigen, vielverzweigten Metallstädte fassten Unmengen von Menschen. Aber so eng sie sich auch dort drängten, sie waren sich selbst und den anderen fremder denn je. Seit den Fortschritten der Technik vergaßen sie, wie es war, zu fühlen. Alles musste logisch sein, logisch und innovativ.

Einer von ihnen war Marsian. Ein klarer Kopf und Emotionslosigkeit waren sein Profil. Er arbeitete in der wissenschaftlichen Abteilung für die Geschichte der Menschheit. Damals, nach einem Crash im Jahre 2012, verschwanden jegliche Daten und Sammlungen dieser Chronologie. Nach und nach erinnerten sich die Menschen nicht mehr an alte Geschichten, Gebräuche und Riten. Sie beschäftigten sich mehr mit dem Wissen der Zukunft, der Technik. Bis sie, nachdem sie die Natur vollends erdrückten, nach oben in ihre neue Heimat flogen.

Da waren sie nun entwurzelt und keiner menschlichen Regung mehr fähig. Die Roboter und Computer ergänzten sie und sie wiederum verhielten sich wie sie.

In der Kontrollzentrale der Plattform "Avalon" arbeitete unter vielen auch Mara. Sie bewies ihr Talent beim Überprüfen der Schutzschilde und Verteidigung gegenüber potenziellen Angreifern.

Zur Sonnenwende erschütterte die Station. Überall quietschte und rüttelte es. Raumwinde sollten die Ursache sein, doch ihre Schutzschilde waren angekratzt. Sie benötigte geraume Zeit, die Software wieder intakt zu bringen. Winde waren selten, aber sie kamen vor.

Eines Tages fand sie zum Arbeitsende eine Röhre unter ihrem Sitz. Sie drehte sie in den Händen und fragte sich, wie dieses Ding wohl dahin gekommen wäre. Mara´s Vorsicht gebot ihr, diese Röhre in Quarantäne zu schicken. Man wusste ja nie.

Nachdem eine Woche vergangen war, erkundigte sie sich in der Station nach diesem Gegenstand.

"Habt ihr was rausbekommen?", fragte sie.

"Nein, das Ding scheint keine Gefahr zu sein.", meinte ein Mitarbeiter. "Aber ich denke, dass es vielleicht im wissenschaftlichen Institut für Geschichte gut aufgehoben wäre. Sollen die doch nochmal diese Röhre prüfen!"

"Gut, dann senden sie es dorthin!", entschied Mara und machte auf dem Absatz kehrt.

Ihre Schuhe hallten auf dem kalten, stählernen Boden wider. Es war unlogisch, diese Röhre weiter zu inspizieren. Sie ist alt und wahrscheinlich keine Gefahr. Dachte sie. Hoffte sie.


Neugierig betrachtete Marsian dieses Ding. Gefährlich? Sicher nicht. Er blätterte in der digitalen Bibliothek, die sie Stück für Stück rekonstruierten. Vielleicht war ja was zu finden.

Er hackte das Wort "Röhre" ins Netz und eine Auswahl erschien. Allerdings war nichts brauchbares dabei. Schließlich nahm er sie wieder in seine Hand. Er drehte und untersuchte sie von oben bis unten. Nichts.

SEHEN, durchfuhr es ihn, eventuell HINDURCHSEHEN! Und er legte dieses Ding an sein Auge.

Es durchzuckte ihn wie ein Blitz. Was er da SAH! Sterne, Formen, Geschichten.

Klick, Klick, Klick, hörte er mit jeder Sekunde, in der er den Gegenstand drehte.

Merlin-Mary.

Er würgte. Seine trockene Kehle schmerzte. Er verstand und verstand auch wieder nicht. Das konnte nicht sein! Taumelnd setzte er das Glas ab. Glas! Teufelswerk! Er musste recherchieren. Marsian verbrachte die ganze Nacht damit.


Am übernächsten Tage erhielt sie Nachricht von der wissenschaftlichen Abteilung. Sie baten um ein persönliches Treffen. Also machte sich Mara auf, um die Neuigkeiten zu empfangen.

"Warum senden die keine Mail!?", brummte sie vor sich hin, "wäre jedenfalls schneller!"

Als sie dort eintraf, begrüßte sie kurz Marsian.

"Was gibt’ s denn so Wichtiges??, raunzte sie.

"Hallo!", antwortete Marsian zurück. "Vielen Dank für dieses Ding!", sprach er ungerührt weiter.

"Wissen Sie, was das eigentlich ist?"

Mara verneinte.

"Ein Kaleidoskop,----Mary!", sagte er bedächtig und beobachtete sie.

"Ich heiße MARA!", meinte diese kalt. "Seit wann duzen wir uns außerdem??"

Marsian behielt die Ruhe und wusste, dass es noch zu früh war. Er entschuldigte sich.

"Bitte, schauen sie doch durch diese Röhre!", spornte er sie an.

"Warum? Kaleidoskop! Was bedeutet das überhaupt?", blaffte sie.

"Kalos bedeutet schön, Eidos Form und Skopeo sehen. Es ist griechisch und heißt schöne Formen sehen. Jetzt sehen sie schon durch!", drängte er.

Innerlich bewundernd, dass diese Abteilung in ihren Forschungen schon so weit vorangeschritten war, folgte sie nun dem Aufruf.

Diesmal schüttelte es Mara, als sie hindurch sah. Sie spürte Wärme in ihrem Körper strahlen, hörte das unmerkliche Klicken, wenn sie das Kaleidoskop drehte. Bestaunte diese wunderschönen Farben, die sich formten. Sie war wie paralysiert. Sie machte eine halbe Drehung nach rechts, wollte Marsian etwas fragen und erstarrte. ER war in die Lichtquelle des Kaleidoskops getreten.

Sie sah ihn IN diesem Ding! Ihr Verstand drehte sich. Es dämmerte ihr und verursachte schreckliche Kopfschmerzen. Das kann doch nicht...oder doch?

Gomorrha - Schwarz – G-Virus – Crash – Dunkelheit. Vergessen!

Es flimmerte vor ihren Augen. Sie setzte gewaltsam das magische Glas ab und schwankte stark, sodass Marsian sie stützen musste.

"Mir ist schlecht!", stöhnte sie. Er gab ihr ein wenig kühles Wasser zu Trinken.

"Mary? Ich meine Mara, alles in Ordnung?", erkundigte sich der Wissenschaftler.

Sie blieb stumm und überlegte.

"Merlin??Bist du es? Aber wie kann das sein?", stammelte sie vor sich hin.

"Ich hätte dich nicht allein lassen sollen! Gomorrha ist wirklich zu mächtig!", seufzte er. "So weit hat sie es schon gebracht! Mit dem Wald hatte sie begonnen, dann zerstörte sie die ganze Welt und ließ uns alles vergessen. Selbst uns. Sie schaffte es zwar nicht, uns zu zerstören, aber sie setzte die Saat der Hartherzig - und Gleichgültigkeit in unsere Herzen. Wir sind uns fremd geworden.

"Können wir irgendwas tun?", flüsterte Mary entsetzt.

"Wir müssen! Aber ich muss mich vorbereiten. Alles recherchieren über Gomorrha! Deswegen wollte ich dich privat und persönlich sprechen! Sie hört sicherlich über die Technik mit. Alles ist vernetzt. Hier ist meine Karte, komm morgen Abend in mein Quartier. Dann besprechen wir mehr!", antwortete Merlin. Wärme lag in seinem Blick und in ihr kribbelte es. Tausende Schmetterlinge flirrten in ihr einen Tanz. Sie wusste, dass sie ihm vertrauen konnte. Sie liebte ihn und diesmal würden sie es schaffen. Gemeinsam.

Als sie das Institut verließ, wusste sie, dass sie eine Mission hatten. Und sie würde alles, aber auch alles, daran setzen, dass die Welt, so wie Merlin und Mary sie kannten, wieder erstehen würde. Ihre Schuhe klackten auch diesmal hart auf dem metallenen Boden, vorbei an fahlen, ausdruckslos starrenden Menschen. Aber diesmal waren ihre Schritte mutig und bestimmt.


Geheim und angespannt trafen sie sich am darauffolgenden Abend. Sie beide saßen in der engen Waschkabine und schmiedeten Pläne. Man konnte nicht die Gefahr eingehen, im Quartier abgehört zu werden. In dieser Kabine war Wasser, zuviel Wasser. Rauschen, das ablenken würde.

"Ich hab´s!", raunte Merlin. "Drehst du das Kaleidoskop zum Anfang zurück gehst du auch in der Zeit zurück! Wir müssen bis zum Anschlag. Dort beginnt die Macht Gomorrhas zu wachsen. Wir müssen die Wurzel kappen, verstehst du?"

"Sicher, aber wie wollen wir sie da besiegen?? Sie war stärker wie du!", bemerkte Mary leise.

"Damals war ich aus der Übung, jahrelang hatte ich meine Zauberkräfte nicht genutzt. Außerdem bringen wir ihr ein Souvenir mit, das sie zu dieser Zeit noch nicht kennen wird. Du wirst schon sehen!", griente Merlin und seine Augen leuchteten.

"Wann?", fragte sie.

"Morgen in der Pause! Wir treffen uns im Institut. Bis dann!", flüsterte er zurück. Sacht legte er seine Hand auf ihre und schaute sie geradezu ruhig und fest an. Auch er liebte sie. Mit wissendem

Herzen trennten sie sich schließlich spät in der Nacht.


Ich habe Angst, unglaubliche Angst! Durchfuhr es sie. Diese noch teils unbekannten Gefühle waren unbeschreiblich. Nun regierte nicht nur der Verstand, sondern auch das Herz.

Wenn wir es nicht schaffen, was dann? Sie wollte ihn nicht wieder verlieren! Sie hatten sich erst wiedergefunden. Was, wenn Gomorrha diesmal wieder siegen würde? Aufgewühlt von ihren Gedanken schlief Mary in dieser Nacht fast gar nicht.

Tagsüber verrichtete sie ihre Arbeit unkonzentriert, ihr Kopf war ständig woanders. Sie versuchte ihre Gefühle in den Griff zu bekommen und entschlossen schob sie sie schließlich beiseite.

Als die Zeit kam und sie im Institut eintrudelte, wartete Merlin schon auf sie.

"Alles klar?", musterte er sie.

"Logisch!", kommentierte sie.

"Ich habe ein wenig gebastelt, schau her." Er zeigte ihr ein Vergrößerungsglas, das Kaleidoskop war dahinter geklemmt.

"Wir können nun beide sehen, müssen aber auch beide drehen. Vereint!", erklärte er. Mit wenigen weiteren Absprachen erhielt sie schnell alle Informationen, die sie noch brauchte. Zum Ende hin hängte er Mary noch eine Tasche um die Schulter.

"Gut! Bereit?", fragte Mary aufgeregt und schielte zu dem Zauberer hinüber.

"Bereit!", bestätigte er.

Beide drehten nun diese Zauberröhre bis zum Anschlag zurück.

Klick, Klick, Klick, hörten sie aus der Ferne. Die Zeit raste rückwärts sie waren in einen Strudel geraten, der alles und jeden um sie herum auflöste.


Taumelnd und mit flauem Magen setzten sie sich auf. Der Sturz war ziemlich heftig und sie würden einige Blessuren davontragen. Aber sie waren im richtigen Moment angekommen. Der Himmel verdunkelte sich. Gomorrha war im Anflug.

"WO BIST DU! ZEIGE DICH! ICH WERDE DICH FINDEN!", schrie die Hexe.

Mit ihrem dritten Auge durchsuchte sie den Forst. Und fand sie fliehend und stolpernd auf eine Höhle zu rennen. Sie schickte Blitze und Vernichtung. Gomorrha bäumte sich vor ihnen auf.

Zu spät! Grinste sie und gluckste in sich hinein.

"MERLIN, MERLIN!", höhnte sie, "du kannst nicht verlieren, was?"

"Niemals! Höre auf mit deinen Machtspielchen oder es geht dir an den Kragen!", schrie er heiser zurück.

Die Alte lachte lange und hässlich.

"WIE willst du mich denn bezwingen, du Frosch!", amüsierte sie sich köstlich.

Du wirst schon sehen, jetzt bin ich schließlich vorbereitet! Merlin fasste Mary an der Hand und gab ihr ein Zeichen, es ihm nach zu tun.

"Im Dunkel kamst du, im Dunkel gehst du. Einsamkeit ist dein Begleiter, Unruhe dein Bruder, Kälte deine Schwester. Kein Herz, nur Stein. Um Dunkel kamst du, im Dunkel gehst du!", riefen die beiden im Chor. Durch Merlins Hände fuhren gesprenkelte Blitze, die er in Gomorrhas Richtung stieß.

Die Hexe wankte. Sie wollte ihren Triumph noch nicht verlieren. Sie kämpfte gegen diese fremde Macht an.

"Komm schon, ist das alles?", keifte sie verunsichert.

"Liebe ist unsere Macht, nichts kann uns entzweien. Freundschaft für die Ewigkeit! Liebe ist unsere Macht, nichts kann uns entzweien. Freundschaft für die Ewigkeit!", murmelten beide weiter.

Jetzt war der entscheidende Punkt gekommen! Schnell zog Mary ein umgebautes Joystick aus ihrer Tasche und hielt es einsatzbereit. Auf ein Zwinkern Merlins hin, drückte sie den roten Knopf.

Irritiert blickte sich nun Gomorrha um. Sie schrumpfte! Außerdem fing unter ihr der Boden an zu brodeln. Die Luft um sie herum flimmerte immer stärker, sie verlor an Kraft.

Von weitem hörte man eine Stimme: G-Virus was found! Clear Program! G-Virus, delete!

"Nein!", schrie sie nun. Nun war sie nur noch bruchstückhaft zu erkennen. Wie ein Mosaik zersprang sie in tausend Teile und verschwand. Zurück blieb heiße Luft.

Beide schauten sich erschöpft. an. Sie hatten es geschafft. Sie wusste, dass Merlin nun nie wieder von diesem Ort würde fliehen. Und Sie würde ihn auch nie hilf – oder wortlos hinterher blicken. Vereint für die Ewigkeit.


Und hier ist die Geschichte wirklich zu Ende.

hoch

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