Die letzte Reise

Der Schrecken saß allen in den Knochen.

Nachdem sie aufgeflogen waren, mussten sie das Nötigste zusammenraffen und in der Straße Aufstellung beziehen. Es war nicht genug, dass man den Judenstern kenntlich tragen musste, man wurde jetzt öffentlich gedemütigt.

In einer Reihe aufgestellt, wurden sie dann in Lastwagen fortgeschafft. In den Häusern war es jetzt still, Wohnungen waren aufgebrochen, es klaffte eine Leere.

Am Bahnhof wurden sie nochmals geteilt, Frauen und Kinder von den Männern getrennt.

Gerda würde ihren Mann nie wiedersehen. Nur die Unwissenheit und Angst, was kommen würde, hielten die Massen zur Ruhe.

Nach qualvollen Stunden in der glühenden Hitze wurden sie in dann in die Züge gedrängt.


Eingequetscht in Holzwägen standen sie eng aneinander. Ein unbeschreiblicher Geruch aus

Schweiß, Fäkalien und Erbrochenem raubte allen den Atem.

Gerda zitterte. Was nun kommen würde? Ihre Angst musste sie verbergen, ihre Tochter Anne sollte nicht auch noch davon angesteckt werden. Sie presste Anne an sich und streichelte ihr goldbraunes Haar. Sie sah fahl aus in diesem dünnen Licht, das durch die Ritzen der Holzbretter sickerte.

Aus ihren großen dunklen Augen blickte ihre Tochter sie an und flüsterte:"Was geschieht jetzt? Ich will nach Hause!"

Im hinteren Teil des Wagens begann eine Unruhe. Ein kleiner Junge war zusammengebrochen und zuckte nervös mit seinen Gliedern.

"Kann jemand helfen?? Hilfe!" kreischte seine Mutter bestürzt. Epilepsie war nicht heilbar, man konnte ihn nur auskrampfen lassen. Da der Zug aber trostlos überfüllt war, gab es kaum Platz für den Kleinen. Andere Kinder fingen in der Panik an, zu weinen und zu schreien.

Die Frauen versuchten machtlos, die Kinder wieder zu beruhigen, obwohl sie selbst mit den Nerven am Ende waren und teilweise wimmerten. Gerda kämpfte ihre Tränen nieder, die aus Angst und Wut rollten. Es war eine Schande, wie sie hier alle wie Tiere zusammengepfercht und behandelt wurden. Menschen, die so etwas taten, konnten nur Monster sein.

Sie war schrecklich durstig und hoffte, dass die Fahrt bald ein Ende haben würde. Der kleine Junge beruhigte sich allmählich er war schweißnass und zu schwach, sich sitzend aufzurichten. Er brauchte dringend Wasser, aber das hatten sie nicht.

Endlose Minuten später gab es plötzlich einen Ruck und der Zug kam zum Stehen. Männerstimmen schrien sich knappe Befehle zu und nacheinander wurden die Türen schnarrend aufgerissen. Das Sonnenlicht drang in vollen Zügen in das Innere und blendete alle. Als sich die Augen an das grelle Licht gewöhnten, starrten sie nach draußen.

Was Gerda nicht wusste, war, dass es für sie und alle Insassen die letzte Reise war. Das eigentliche Grauen begann erst jetzt.

hoch

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Genres:
* Prosa * Historisches * Melancholisches *


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